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Schwarzbuch Kapitalismus
Das Schwarzbuch Kapitalismus (Untertitel: Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft) ist eine 1999 erschienene Monographie von Robert Kurz, die sich kritisch mit …
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Kernthese und Aufbau
Das Schwarzbuch Kapitalismus ist eine 1999 erschienene Monografie von Robert Kurz mit dem Untertitel „Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft“. Das Werk, das der Wertkritik zugerechnet wird, untersucht Geschichte und Zukunft des Kapitalismus und versteht sich als Kritik seiner sozialen, wirtschaftlichen und ideologischen Grundlagen.
Im Mittelpunkt steht die „Soziale Frage“ der Gegenwart. Nach Kurz gerät der Kapitalismus durch Automatisierung und Globalisierung in eine „ausweglose Situation“. Obwohl er die Produktivkräfte stark steigere, führe dies nur zeitweise, in bestimmten sozialen Schichten und Regionen, zu mehr Wohlstand. Arbeitslosigkeit und Armut nähmen zu; die Hoffnung auf eine allgemeine Dienstleistungsgesellschaft sei eine Illusion. Ohne einen grundlegenden „Bewusstseinssprung“ drohten die „Wegrationalisierung“ des Menschen und eine „Entzivilisierung der Welt“.
Kurz will den Kapitalismus historisieren, weil er als scheinbares Naturgesetz erscheine. Seine Analyse reicht von den Anfängen seit dem 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart und unterscheidet drei industrielle Revolutionen: In der ersten wurde menschliche Muskelkraft durch Maschinen ersetzt, in der zweiten die menschliche Arbeit rationalisiert und in der dritten durch Automatisierung zunehmend überflüssig gemacht.
Als zentralen Antrieb beschreibt Kurz die Selbstunterwerfung des Menschen unter die „schöne Maschine“ der Geldvermehrung. Ihr einziger Zweck sei die „Verwertung des Werts“, also die unaufhörliche Anhäufung von Geld und „abstrakter Arbeit“. Damit ist Arbeit gemeint, die nicht mehr nach ihrem konkreten Inhalt oder menschlichen Bedürfnissen bewertet wird, sondern nur als Verausgabung von Arbeitskraft zur Geldvermehrung. Dieses Prinzip hätten laut Kurz sowohl bürgerliche Revolutionen als auch die traditionelle Arbeiterbewegung übernommen. Das Buch steht im Zusammenhang mit der Krisis-Zeitschrift, dem „Manifest gegen die Arbeit“ und Kurz’ Zusammenbruchstheorie.
Ideologische und kulturgeschichtliche Grundlagen
Kurz setzt die ausführliche historische Analyse mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts an. In dieser Zeit habe sich eine Gesellschaft der „totalen Konkurrenz“ entwickelt. Ihr Menschenbild sei für das westliche Denken der Moderne bis heute prägend geworden.
Als wichtigen Vorläufer des Liberalismus behandelt Kurz Thomas Hobbes. Hobbes habe den Menschen als grundsätzlich egoistisch und als Teil eines „Kriegs aller gegen alle“ verstanden. Deshalb sei ein übergeordneter Staat notwendig, der die Menschen zähme. Freiheit bedeute in diesem Modell vor allem, kaufen, verkaufen und Handel treiben zu können, nicht aber, sich gemeinschaftlich nach eigenen Bedürfnissen zu organisieren.
Bernard Mandeville habe die Konkurrenz in eine gesellschaftlich positive Eigenschaft umgedeutet: Aus egoistischen und geldgierigen Einzelnen könne durch Konkurrenz eine blühende Gemeinschaft entstehen. Marquis de Sade habe dieses Prinzip im „Recht des Stärkeren“ radikalisiert. Bei Immanuel Kant erscheine die Konkurrenz als allgemeines Entwicklungsgesetz der Menschheit und als Teil einer höheren, fast naturgesetzlichen Ordnung. Adam Smith habe diese Vorstellung mit dem Bild der „unsichtbaren Hand“ verbunden. Die moderne Nationalökonomie stelle die kapitalistische Ordnung dabei als harmonische, naturwissenschaftlich erklärbare „Maschine“ dar. Jeremy Bentham habe das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl mit dem Recht jedes Einzelnen verbunden, sein Glück zu machen; als objektiver Maßstab gelte letztlich Geld, während das Eigentumsrecht unangetastet bleiben solle.
Für das 19. Jahrhundert hebt Kurz die Verbindung von Darwinismus und kapitalistischer Konkurrenz hervor. Die biologische Erklärung der Evolution durch den „Kampf ums Dasein“ sei gesellschaftlich als Rechtfertigung der Konkurrenz verwendet worden. Der Sozialdarwinismus, eugenische Vorstellungen und rassistische Theorien hätten daraus eine Rangordnung zwischen angeblich höher- und minderwertigen Menschen entwickelt. Kurz beschreibt außerdem, wie sich diese Ideologien mit Antisemitismus und der Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“ verbunden hätten. Auch in Teilen der sozialistischen Tradition, unter anderem bei Fourier, Proudhon und stellenweise Marx, erkennt er antisemitische Deutungsmuster. Diese Darstellung ist eine zentrale, zugleich besonders umstrittene Grundlage seiner Kapitalismuskritik.
Erste und zweite industrielle Revolution
In der ersten industriellen Revolution setzte sich nach Kurz der Liberalismus gegenüber dem Absolutismus durch. Unternehmen wurden durch Konkurrenz gezwungen, ihre Produktivität ständig zu steigern und Kosten, insbesondere Löhne, zu senken. Dadurch entstand ein dauernder internationaler Wettbewerb. Die Maschinen ermöglichten zwar eine bis dahin unbekannte Arbeitsersparnis, doch diese wurde nicht allgemein in höhere Wohlfahrt oder die Lösung sozialer Probleme umgewandelt. Kurz sieht darin einen logischen Selbstwiderspruch: Der Kapitalismus mache menschliche Arbeit zur Grundlage der Wertschöpfung und ersetze sie zugleich fortlaufend durch Technik.
Zu den sozialen Folgen gehörten Massenarbeitslosigkeit, die Verödung ganzer Regionen und die Entstehung eines Fabrikproletariats. Frauen und Kinder arbeiteten für niedrige Löhne. Ludditen, Brotunruhen und andere Sozialrevolten richteten sich gegen die Zerstörung menschlicher Lebensbedingungen. Malthus erklärte die Massenarmut mit einem angeblichen natürlichen Missverhältnis zwischen Bevölkerungswachstum und Nahrungsmitteln; Kurz sieht darin eine Biologisierung gesellschaftlich verursachter Krisen. Die Revolution von 1848 deutet er als Konflikt zwischen Liberalismus, Staat und Markt. Der moderne Sozialismus habe die kapitalistischen Vorstellungen von technischem Fortschritt und Arbeit weitgehend übernommen und sei dadurch in eine historische Sackgasse geraten.
Die zweite industrielle Revolution verbindet Kurz mit Massenproduktion, Rationalisierung und Fordismus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätten sich Fortschrittsglaube, technokratisches Denken, Nationalismus, Rassismus und Untergangsängste vermischt. Den Ersten Weltkrieg bezeichnet er, in Anlehnung an George F. Kennan, als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Danach seien sozialdemokratische Parteien in die staatlichen Machtzentren aufgenommen worden.
In den 1920er Jahren schien eine Epoche von Massenproduktion und Massenkonsum zu beginnen. Der Fordismus scheiterte zunächst jedoch an fehlender Infrastruktur, unzureichenden Investitionen und einem instabilen Weltmarkt. Inflation, Spekulation und die Verarmung großer Bevölkerungsteile prägten die Zeit. Nach dem Platzen der Spekulationsblase im New Yorker Börsenkrach von 1929 folgte die größte Depression der kapitalistischen Geschichte. Kurz beschreibt sie als globalen deflationären Schock, der soziale Standards auf das Niveau des 18. und frühen 19. Jahrhunderts zurückgeworfen habe. In Deutschland verstärkten Krisenangst und Spekulantenhatz den Antisemitismus und den Aufstieg der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei.
Diktaturen des 20. Jahrhunderts erscheinen bei Kurz nicht als völlig fremde Gegensätze zum Liberalismus, sondern als Erscheinungsformen der kapitalistischen Produktionsweise. Auch die Sowjetunion deutet er als staatskapitalistische „nachholende Modernisierung“, die unter dem Druck des kapitalistischen Westens stand. Ihre Verbrechen seien eine komprimierte Wiederholung frühkapitalistischer Schrecken gewesen, obwohl in der Idee des Sowjets kurzzeitig der Traum bewusster Selbstorganisation enthalten gewesen sei.
Nach der Weltwirtschaftskrise ersetzte staatliche Wirtschaftslenkung die Lehre von der „unsichtbaren Hand“. Der New Deal und die Kriegswirtschaft schufen nach Kurz die Voraussetzungen für den fordistischen Durchbruch. Keynes entwickelte dazu die Theorie des „Deficit spending“. Der Zweite Weltkrieg kostete laut dem Artikel insgesamt 55 Millionen Menschen das Leben. Nach 1945 wurden kriegswirtschaftliche Strukturen in zivile Wirtschaftsformen überführt. Der Nachkriegs-Fordismus dehnte die kapitalistische Warenproduktion auf nahezu alle Lebensbereiche aus und ließ traditionelle Subsistenz-, Familien- und Landwirtschaftsstrukturen weitgehend verschwinden.
Kurz kritisiert deshalb auch die Nachkriegsdemokratien als Formen „totaler Mobilmachung“: Konsum, Leistung, Konkurrenz, Auto- und Freizeitverkehr seien weiterhin durch die kapitalistische Logik geprägt. Anfang der 1970er Jahre seien zudem die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und die „Grenzen des Wachstums“ sichtbar geworden. Die Studie des Club of Rome von 1972 habe zwar das Verhältnis von Wachstum und Ressourcen thematisiert, nach Kurz aber die betriebswirtschaftliche Ursache der Zerstörung nicht ausreichend kritisiert. Die Studentenbewegung von 1968 habe eine radikale Kapitalismuskritik erneut versucht, sei jedoch im Sinne sozialer Emanzipation gescheitert.
Dritte industrielle Revolution und Systemkrise
Die dritte industrielle Revolution beruht nach Kurz auf Elektronik und Informationswissenschaften. Maßgeblich seien die Kybernetik und die elektronische Rechenmaschine. Die Automatisierung führe im Kapitalismus zu einer qualitativ neuen Form der Massenarbeitslosigkeit, weil menschliche Arbeitskraft in immer größerem Umfang überflüssig werde. Gleichzeitig bleibe Geldverdienen die notwendige Voraussetzung für die gesellschaftliche Existenz. Dadurch drohe das „Ende der Arbeitsgesellschaft“ und mit dem Verlust menschlicher Arbeit auch der Verlust der Substanz des Kapitals.
Besonders seit den 1980er Jahren habe sich die „strukturelle“ Massenarbeitslosigkeit entwickelt. Sie schwanke nicht mehr im normalen Konjunkturzyklus, sondern wachse unabhängig davon kontinuierlich. Kurz lehnt Vorschläge wie eine starke Absenkung von Reallöhnen und Sozialleistungen ab. Seine Gegenforderung lautet: mehr Muße für alle bei voller Beteiligung an den Früchten der stark gestiegenen Produktivität.
Die fortschreitende Dehumanisierung beschreibt Kurz mit dem Bild eines „demokratischen Gulag“ mit drei Bereichen:
- In der ersten Abteilung würden überflüssige, delinquente oder nicht verwertbare Menschen in Gefängnissen, Heimen, Armenkliniken und psychiatrischen Anstalten verwahrt.
- Die zweite und größte Abteilung bestehe aus Arbeitslosen und Ausgegrenzten, die durch Armutsverwaltung bürokratisch kontrolliert, gedemütigt und auf minimale Leistungen gesetzt würden.
- Die dritte Abteilung bilde der Rand der Gesellschaft: Obdachlose, Straßenkinder, Immigranten, Asylbewerber und andere Illegale, die nur noch sporadisch durch Polizei oder Militär kontrolliert würden.
Kurz sieht in der dritten industriellen Revolution innerhalb von knapp 20 Jahren die größte Krise seit 1929 entstehen. Sie habe die Massenarbeitslosigkeit zurückgebracht und in vielen Ländern die Geldwirtschaft erschüttert. Hier werde der immanente Selbstwiderspruch des Kapitalismus endgültig sichtbar.
Nationale und globale soziale Folgen
Für das Deutsche Reich nennt Kurz als Beispiel den Gründerkrach von 1873. Die Aktienspekulationen nach 1850 hätten eine nahezu zwei Jahrzehnte dauernde Stagnation bis Anfang der 1890er Jahre ausgelöst. Schutzzölle und wachsende staatliche Aufgaben seien eine Folge der industriellen Entwicklung gewesen, weil wichtige Infrastruktur nicht vollständig nach rein betriebswirtschaftlichen Gewinnregeln betrieben werden könne. Der Staat habe seine Aufgaben durch Steuern auf Markteinkommen und zunehmende Verschuldung finanziert.
Die Sozialgesetzgebung Bismarcks deutet Kurz als Verbindung von staatlicher Fürsorge und Repression. Sie habe soziale Revolten eindämmen und die Marktgesellschaft stabilisieren sollen. Nach seiner Einschätzung verbesserte sie die Lage der Arbeiter nicht grundsätzlich, sondern normalisierte die Massenarmut und erschwerte die Solidarität der Lohnarbeiter. In diesem Umfeld sei die Sozialdemokratie zu einer wichtigen gesellschaftlichen Kraft geworden.
Für die letzten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts beschreibt Kurz eine neue Welle globaler Massenverarmung, die mit neoliberaler Politik und dem Rückzug des Staates aus sozialer Verantwortung verbunden sei. Besonders stark betroffen seien die Dritte Welt, die ehemaligen Sowjetstaaten und Osteuropa; aber auch im Westen würden Regionen und Bevölkerungsgruppen verarmen. Als Beispiele nennt der Artikel zunehmende Kinderarbeit und Straßenkinder, auch in Deutschland und den USA, sowie ein seit den 1990er Jahren wachsendes weltweites Hungerproblem. In westlichen Industrieländern nähmen Unterernährung und Mangelkrankheiten zu.
Kurz kritisiert außerdem die medizinische Versorgung, die vielerorts zur Armenversorgung geworden sei. In armen Ländern gebe es medizinische Hilfe häufig nur gegen Barzahlung; extreme Geldarmut könne sogar zur Ausbeutung armer Menschen als Organlieferanten führen. Auch der Umgang mit pflegebedürftigen Alten werde durch Kostendruck entmenschlicht. Insgesamt wertet Kurz diese Entwicklungen als Beleg für das vollständige Versagen des globalen kapitalistischen Systems.
Lösungsvorschläge und Rezeption
Im Epilog kommt Kurz zu dem Schluss, dass der Kapitalismus auf Selbstvernichtung zulaufe und dabei die menschliche Gesellschaft zerstören könne. Er nennt zwei Wege zu seiner Überwindung: Erstens könnten Massenbewegungen Produktionsbetriebe, Verwaltungen und soziale Einrichtungen besetzen und die gesellschaftliche Reproduktion selbst organisieren. Zweitens könnte eine Gegengesellschaft entstehen, die soziale Räume gegen die kapitalistische Logik eröffnet und Markt sowie Staat zurückdrängt.
Als mögliche neue Institutionen schlägt Kurz „Räte“ vor, also beratende Versammlungen aller Gesellschaftsmitglieder auf allen Ebenen. Eine solche Gesellschaft brauche eine „Palaverkultur“, in der Angelegenheiten gemeinsam beraten und abgewogen werden. Ihre wichtigsten Aufgaben wären:
- Naturstoffe, Betriebsmittel und menschliche Fähigkeiten so einzusetzen, dass alle Menschen ohne Armut und Hunger gut leben können;
- Ressourcenverschwendung für sinnlose Großprojekte und Zerstörungsproduktionen zu beenden;
- den durch die Mikroelektronik vergrößerten gesellschaftlichen Zeitfonds in mehr Muße für alle umzuwandeln.
Kurz betrachtet dies vor allem als Bewusstseinsfrage. Er bezweifelt jedoch, dass der notwendige Bewusstseinssprung noch gelingt, und fordert als unmittelbare Alternative eine „Kultur der Verweigerung“, etwa durch die Verweigerung von Mitverantwortung für „Marktwirtschaft und Demokratie“, Dienst nach Vorschrift und Sabotage des kapitalistischen Betriebs, wo dies möglich sei.
Die Rezeption war kontrovers. Zustimmung gab es für die radikale Zeitkritik, den historischen Detailreichtum und den Materialreichtum. Einige Besprechungen bezeichneten das Buch als bedeutenden Protest und als wichtige Veröffentlichung der letzten zehn Jahre in Deutschland. Kritiker bemängelten dagegen, Kurz definiere „Kapitalismus“ nicht ausreichend und verwende den Begriff undifferenziert als Kampfbegriff. Seine historische Darstellung wurde als selektiv, verfälschend, anmaßend oder aus fragwürdigen Analogien zusammengesetzt zurückgewiesen. Außerdem blende er alternative Erklärungen für soziale Probleme aus und entwickle keine praktischen politischen Lösungen. Besonders das Rätesystem und der Aufruf zu Revolution oder Verweigerung galten als unrealistisch oder problematisch.