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Kapitalismuskritik
... Kapitalismus selbst reicht die Geschichte der Kapitalismuskritik zurück bis ins 19. Jahrhundert. Die Kritik äußert sich an einzelnen Elementen des Kapitalismus …
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Begriff und Formen der Kritik
Kapitalismuskritik bezeichnet Ansichten und Theorien, die die mit der Industrialisierung verbreitete Wirtschaftsordnung kritisieren. Diese beruht auf Privateigentum, Marktwirtschaft, Kapitalakkumulation, abhängiger Lohnarbeit und individuellem Gewinnstreben. Kritisiert werden grundsätzlich das ganze System oder einzelne Bestandteile wie Geld- und Zinswirtschaft, Privateigentum an Produktionsmitteln und Profitmaximierung sowie zugeschriebene Folgen wie Ausbeutung und Verelendung der arbeitenden Klasse.
Kritik kann Reformen innerhalb des Kapitalismus verlangen oder als Antikapitalismus dessen Aufhebung beziehungsweise Zerschlagung fordern. Praktisch zeigt sie sich etwa in Genossenschaften, genossenschaftlichen Banken, alternativen Wirtschaftsbereichen oder der Übernahme von Wirtschaftssegmenten durch Akteure, die sich am Gemeinwohl statt am individuellen Gewinn orientieren. Kapitalismuskritik findet sich besonders links, aber auch im rechtspopulistischen und rechtsradikalen Spektrum.
Frühe Arbeiter- und Sozialismuskritik
Die „Maschinenstürmer“ reagierten auf die durch die Industrialisierung veränderte Arbeitswelt. In England wird diese Bewegung Luddismus genannt. Ihr Ziel war vor allem, die Lebensgrundlagen der Arbeitenden zu erhalten; dazu gehörten Maschinenzerstörung und organisierte Interessenvertretungen wie die „Guilds“, Vorläufer moderner Gewerkschaften. Nach Eric Hobsbawm richtete sich der Maschinensturm nicht gegen Maschinen an sich, sondern gegen Fabrikanten, die sie zur intensiveren Ausbeutung und Disziplinierung nutzten.
Der Frühsozialismus verstand die industrielle Revolution als Ursache von Entfremdung. Utopische Sozialisten wie Charles Fourier kritisierten den Kapitalismus und entwarfen Gegenmodelle. Robert Owen gilt als Begründer des Genossenschaftswesens und suchte praktische Wege zu menschenwürdigeren Arbeitsbedingungen und zum Zusammenleben, etwa in der Kommune (New) Harmony.
Gewerkschaftliche Kritik stützt sich meist auf sozialistische Analysen, verfolgt aber häufig reformistische Ziele. Im Sozialstaatsmodell sollen Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften durch Tarifverträge und Sozialpartnerschaft Konflikte friedlich ausgleichen. Syndikalistische Gewerkschafter lehnen dies ab: Der Syndikalismus fordert, dass Gewerkschaften Produktionsmittel aneignen und die Verwaltung selbst organisieren. Im Spanischen Bürgerkrieg waren solche Strömungen zeitweise stark genug für revolutionäre Veränderungen.
Marxistische Kritik und Wertkritik
Karl Marx und Friedrich Engels beschrieben die kapitalistische Gesellschaft als Gesellschaft von Elend, Ausbeutung und Entfremdung. Das Manifest der Kommunistischen Partei von 1848 bewertete Globalisierung, Internationalisierung und Verstädterung positiv, forderte aber, die kapitalistische Produktionsweise durch Sozialismus beziehungsweise Kommunismus abzulösen.
Marx betonte zunächst die Entfremdung: Ein Lohnarbeiter ohne Produktionsmittel könne seine Arbeitskraft nicht frei einsetzen, sondern müsse sie nach den Vorgaben des Kapitalisten verkaufen. Die produzierten Güter erschienen ihm als fremd. Obwohl Menschen formal frei und rechtsgleich seien, könnten Lohnarbeiter praktisch nur wählen, wem sie ihre Arbeitskraft verkaufen. Arbeit sei dadurch nicht Selbstverwirklichung, sondern Zwangsarbeit.
In Das Kapital hebt Marx den Mehrwert hervor: Der Kapitalist vergüte dem Arbeiter nur einen Teil des geschaffenen Werts und eigne sich den übrigen Mehrwert als Profit an. Die marxistische Krisentheorie nimmt an, dass kapitalistische Wirtschaften periodisch Krisen erleben.
Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule mit Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse prägte den Neomarxismus und beeinflusste die Studentenbewegung von 1968, die Kapitalismus und Realsozialismus kritisierte. Die Neue Linke entstand in den 1970er-Jahren in der Bundesrepublik Deutschland; K-Gruppen orientierten sich unter anderem an Stalinismus, Trotzkismus oder Maoismus.
Die Wertkritik kritisiert nicht nur die Verteilung des Mehrwerts, sondern den „Wert“ selbst: Konkreter Nutzen werde zu einem abstrakten Medium, das als Kapital Produktion, Konsum und weitere Lebensbereiche bestimme. Viele Wertkritiker vertreten eine Zusammenbruchstheorie. Weil nur Arbeitskraft Wert und Mehrwert schaffe, während Produktivitätssteigerungen Arbeit ersetzten, untergrabe der Kapitalismus seine eigenen Bedingungen. Kredite als „virtuelles Kapital“ könnten dies zeitweise verdecken; Finanzblasen müssten dann platzen. Die Finanzkrise 2008/2009 wird so gedeutet.
Ökologische, religiöse und postmoderne Ansätze
Ökologische Kapitalismuskritik sieht in Gewinnmaximierung und Wachstumszwang einen Konflikt zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und ökologischer Stabilität. Die Generationenbilanz des Berlin-Institutes von 2006 betont, der Kapitalismus funktioniere nicht ohne Wachstum und kenne „kein Zurück durch Schrumpfen“. Jutta Ditfurth betrachtet Profitlogik und Verwertungszwang als Wurzel der Ausbeutung der Natur; soziale und ökologische Fragen seien daher verbunden. Ernst Ulrich von Weizsäcker kritisiert besonders die Kurzfristigkeit der Renditerechnung: Das Abholzen eines unwiederbringlichen Waldes erscheine wirtschaftlich als Gewinn, in der Natur aber als Verlust. Maria Mies beschreibt Kapitalismus als patriarchales Konstrukt; Camille Paglia weist diese Sicht zurück.
Die christliche, besonders katholische Soziallehre begrenzt den Kapitalismus durch Sozialethik. Wichtige Prinzipien sind Personalität, Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität; Sozialenzykliken behandeln soziale Fragen. Sichtbar wird dies etwa in Caritas, Misereor, christlichen Gewerkschaften, KAB und Kolpingwerk. Die Theologie der Befreiung setzte sich innerkirchlich nicht als radikal antikapitalistische Position durch, beeinflusste aber die Option für die Armen. Auch evangelische Sozialethik und Organisationen wie Diakonie und Brot für die Welt enthalten kapitalismuskritische Aspekte. Der Kibbuz sollte als genossenschaftliche Siedlung gleichberechtigter Mitglieder das tägliche Leben kollektiv organisieren.
Postmoderne Ansätze kritisieren nicht nur ein Wirtschaftssystem, sondern allgemeine Herrschaftsverhältnisse. Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Jean Baudrillard und Michel Foucault setzten sich sowohl mit Kapitalismus als auch mit klassischen sozialistischen und kommunistischen Ansätzen auseinander. Foucault beschrieb den Kapitalismus unter anderem als Disziplinargesellschaft und mit dem Begriff Bio-Politik. Baudrillard kritisierte den globalen Kapitalismus als „ungeheure Gewalt“ und beschrieb eine „permanente Simulation von Realität“, die in Hyperrealität münde.
Anarchistische und alternative Wirtschaftsmodelle
Anarchistische Kritik lehnt Kapitalismus ab, weil sie in ihm Herrschaft von Menschen über Menschen sowie ein Wohlstands- und Machtgefälle sieht. Kommunistische Anarchisten fordern die Abschaffung von Kapitalismus und Geld; an die Stelle direkter Entlohnung soll freier Zugang zum gemeinsamen Arbeitsprodukt treten. Peter Kropotkin wandte sich gegen Geld, Arbeit und Ware als ökonomische Werte, sah Privateigentum als Grundlage von Unterdrückung und Ausbeutung und forderte Kollektivierung.
Individualistische Anarchisten verstehen Kapitalismus als Marktwirtschaft, in der privilegierte Gruppen staatliche Eingriffe zu ihrem Vorteil nutzen. Kritisiert werden die Partnerschaft von Staat und Großunternehmen sowie Geld-, Boden-, Zoll- und Patentmonopole.
Die Freiwirtschaft Silvio Gesells definiert Kapitalismus als die Möglichkeit, allein durch Geld- oder Bodenbesitz ein arbeitsfreies Einkommen auf Kosten der Mehrarbeit anderer zu erzielen. Nicht benötigtes Geld könne zurückgehalten werden. Liegt die Rendite einer Investition unter der Liquiditätsprämie des Geldes, unterbleiben nach dieser Theorie langfristige Investitionen; dies heißt Liquiditätsfalle. Praktische Ansätze gab es in Freigeldwirtschaften, Tauschringen und teilweise Wohnungsbaugenossenschaften. Mit der Weltwirtschaftskrise ab 2007 wurde umlaufgesichertes Geld erneut diskutiert.
Die Anthroposophie Rudolf Steiners beeinflusste alternative Wirtschafts- und Lebensweisen. Steiners Soziale Dreigliederung forderte mehr kollektive Selbstverwaltung von Betrieben und eine stärker künstlerisch-ästhetische Ausrichtung. Beispiele sind Waldorfschulen, biologisch-dynamische Landwirtschaft und die GLS Gemeinschaftsbank.
Globalisierung, rechte Kritik und Zukunftsfragen
Globalisierungskritische Bewegungen und Netzwerke entstanden verstärkt mit den globalen Waren- und Finanzströmen nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Sie kritisieren etwa den verschärften Wettbewerb zwischen Staaten als „Beggar-thy-Neighbor-Politik“.
Nationalsozialistische Kapitalismuskritik verband wirtschaftliche Forderungen mit Antisemitismus. Gottfried Feder verlangte 1919 unter der Parole „Brechung der Zinsknechtschaft“ die Verstaatlichung der Banken und die Abschaffung des Zinses. Er unterschied ein angeblich „schaffendes“ von einem angeblich „raffenden“ Kapital und verband Letzteres vor allem mit dem Judentum. Die antikapitalistische Strömung um Otto Strasser wurde beim Röhm-Putsch ausgeschaltet. Im „Dritten Reich“ bestanden zugleich enge Verbindungen zwischen politischen Machthabern und Großindustrie, etwa IG Farben. Spätere rechtsextreme Ansätze verwendeten nationalistische und verschwörungstheoretische Elemente weiter.
Für Wege aus dem Kapitalismus gibt es keine einheitliche Antwort. Colin Crouch, Joseph Vogl und Claus Offe sehen keine Anzeichen für sein Ende; Nancy Fraser erwartet vorsichtig eine mögliche Transformation durch Krisen und emanzipatorische Gegenbewegungen, während Wolfgang Streeck das Ende nachdrücklich vertritt. Erik Olin Wright betont: Kapitalismus werde überleben, solange keine gangbare Alternative breite Unterstützung finde und eine politische Bewegung diese Unterstützung in politische Macht übertrage.