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Schundliteratur
Schundliteratur ist ein Begriff, mit dem angeblich unmoralische oder verdorbene Literatur angeprangert wird. Bücherverbrennung von „Schmutz- und …
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Begriff und Bedeutung
Schundliteratur ist eine abwertende Bezeichnung für Literatur, die als unmoralisch, verdorben oder literarisch minderwertig gilt. Welche Texte so eingeordnet werden, hängt stark von den moralischen, politischen und kulturellen Maßstäben der jeweiligen Zeit ab. Die Debatte war seit dem späten 19. Jahrhundert besonders durch eine konservative Bewahrpädagogik geprägt, die vor allem Kinder und Jugendliche vor vermeintlich schädlicher Lektüre schützen wollte.
In der Weimarer Republik wurden insbesondere Heftromane und erotische Druckwerke ohne genaue Definition als „Schund- und Schmutzschriften“ indiziert, also in eine Liste jugendgefährdender Medien aufgenommen. Heute bezeichnet „Schund“ umgangssprachlich meist Bücher, die als literarisch minderwertig gelten, häufig Comics oder der Trivialliteratur zugerechnete Romane. Bei Filmen und Musik wird für vergleichbare Produkte eher der Ausdruck „Trash“ verwendet. Das englische „Pulp“ und besonders „Pulp Fiction“ können sich ebenfalls auf Schundliteratur beziehen.
Die Bewertung ist nicht dauerhaft: Früher als Schund verurteilte Werke können später literarisch anerkannt werden. Ein Beispiel sind die Werke des englischen Autors D. H. Lawrence, die wegen Obszönität indiziert worden waren und erst Jahrzehnte später rehabilitiert wurden.
Entstehung und frühe Bekämpfung
Vorbehalte gegen vermeintlich minderwertige Literatur gab es schon lange. Seit dem 18. Jahrhundert wurde die Lektüre jedoch verstärkt als gesellschaftliches Problem behandelt. Kritisiert wurde besonders die sogenannte Lesesucht von Bediensteten, Frauen und Arbeitern. Im deutschen Sprachraum galten triviale Ritter- und Räuberromane sowie erotische „Schmutzgeschichten“ nicht nur als anstößig. Wegen der zunehmenden Verbreitung durch den Kolportagebuchhandel, also den Verkauf preiswerter Literatur außerhalb des regulären Buchhandels, wurden sie teilweise als Gefahr für die gesamte Wertordnung betrachtet.
Während der Revolution von 1848/1849 richteten sich Bezeichnungen wie „Schmutz-“ oder „Schandliteratur“ in der konservativen Presse Österreichs und Bayerns vor allem gegen republikanische und demokratische Druckwerke. „Schundliteratur“ ist seit den 1850er-Jahren in Wortverbindungen und als eigenständiges Wort seit 1866 belegt. Hans Marbach erklärte 1883, der Ausdruck sei Mode geworden.
Nach 1900 verstärkten der gesellschaftliche Wandel und das Aufkommen der Lichtspielhäuser die Debatte. Mehrere Teilstaaten des Deutschen Reichs erließen Vorschriften gegen „Schmutz- und Schundliteratur“. Einflussreich waren Heinrich Wolgasts Das Elend unserer Jugendliteratur von 1896, Wilhelm Börners Die Schundliteratur und ihre Bekämpfung von 1908 und Ernst Schultzes Die Schundliteratur. Ihr Vordringen, ihre Folgen, ihre Bekämpfung von 1909.
Krieg, Weimarer Republik und Nationalsozialismus
Während des Ersten Weltkriegs schränkten ab 1916 einige Stellvertretende Generalkommandos der Armeekorps den Vertrieb von Schundliteratur stark ein. Als „Kriegsschundliteratur“ galten Abenteuer-, Liebes- und sogenannte Verbrecherromane, deren Titel den Eindruck patriotischer Literatur erwecken sollten. Der Dürerbund und Prüfungsstellen für Jugendliteratur bekämpften solche Veröffentlichungen. Ein Erlass des Oberkommandos in den Marken in Berlin vom 22. März 1916 führte 135 Heftromanserien namentlich auf, darunter Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff.
In der Weimarer Republik betrachteten manche den „Schund“ als Folge der Demokratisierung und nutzten ihn als Argument für eine stärkere staatliche Autorität. Artikel 118 Absatz 2 der Weimarer Reichsverfassung nannte die „Bekämpfung von Schund- und Schmutzliteratur“ als legitimen Zweck für Zensur. Am 18. Dezember 1926 wurde das Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften erlassen.
Im Nationalsozialismus trat an die Stelle dieses Schundkampfes die strenge Zensur der Reichsschrifttumskammer. Zugleich wurde „Schmutzliterat“ als antisemitischer Kampfbegriff gegen jüdische Schriftsteller eingesetzt. Der NS-Propagandafilm Der ewige Jude bezeichnete beispielsweise Kurt Tucholsky als einen der „übelsten Schmutzliteraten“.
Comics und staatliche Maßnahmen nach 1945
Seit den 1940er-Jahren rückten Comics in den Mittelpunkt der Kritik. In den USA leitete ein Artikel von Sterling North 1940 eine landesweite Kampagne gegen Comics ein. Der Psychiater Fredric Wertham veröffentlichte 1954 Seduction of the Innocent und versuchte darin, eine angeblich schädliche Wirkung von Crime- und Horrorcomics auf Kinder und Jugendliche nachzuweisen.
In der Bundesrepublik beantragte die CDU/CSU kurz nach dem Ende der alliierten Presselizenzierung ein Gesetz gegen Auswüchse des Zeitschriftenmarktes, die aus ihrer Sicht die Jugend und die öffentliche Sicherheit bedrohten. Am 9. Juni 1953 wurde das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften verabschiedet; am 19. Mai 1954 entstand die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften.
Ab 1955 fanden große Umtauschaktionen statt, bei denen Kinder und Jugendliche „Schmöker“ und Comics gegen als gut bewertete Bücher oder Hefte eintauschten. Die eingesammelten Veröffentlichungen wurden verbrannt oder vergraben. Comics galten nun besonders häufig als Schundliteratur. Grundlage war auch eine kulturpessimistische Haltung, die streng zwischen ernster Kultur und den leichten Angeboten der Massenmedien unterschied. Um 1960 warb der Jugendbuchverlag Ensslin & Laiblin unter dem Motto „Schund und Schmutz verderben Geist und Herz“ für einen vereinseigenen Bund zur Förderung des guten Jugendbuches und verband die Kampagne zugleich mit Marketing.
In der DDR wurde der Begriff in den Gegensatz zwischen sozialistischem und kapitalistischem Gesellschaftssystem eingeordnet. Das Lexikon A–Z von 1958 definierte Schundliteratur als nach Form und Inhalt wertlose und besonders für Jugendliche moralisch gefährliche Literatur. Nach dieser Darstellung werde sie in den Ländern des „Friedenslagers“ bekämpft und durch wertvolle Jugendliteratur verdrängt, während kapitalistische Länder sie teilweise für die Aufrüstung nutzten. Schulen belehrten die Klassen jährlich über das Verbot sogenannter „Schmutz- und Schundliteratur“ und führten gelegentlich Ranzenkontrollen durch.
Schwierigkeiten der Bewertung
Die Einordnung als Schund ist problematisch, weil sie von wechselnden Werturteilen abhängt. Als minderwertig bezeichnete Literatur kann Leserinnen und Lesern eine eskapistische Alternative bieten, also eine zeitweilige Flucht aus dem Alltag. Paul Hindemith würdigte das Genre während des Nationalsozialismus ungewöhnlich und provokant in seinem A-cappella-Chorwerk Schundromane lesen, das auf die Abenteuer der Figur Nat Pinkerton verweist.
Im Zuge des Cultural turn, einer kulturwissenschaftlichen Neuausrichtung, wurde die in Deutschland lange übliche strenge Trennung zwischen anspruchsvoller Literatur und Unterhaltungsliteratur schrittweise relativiert. Der Unterhaltungswert einer Geschichte erhielt unabhängig von ihrem künstlerischen Anspruch mehr Anerkennung. Trotzdem bleiben auch belletristische Werke Gegenstand literarischer Kritik, wie die heftigen Auseinandersetzungen um Paulo Coelho und Dan Brown zeigen.
Einige Schundromane wurden absichtlich schlecht geschrieben, um Mechanismen des Literaturbetriebs vorzuführen. Zwei Autorenkollektive verfassten Nackt kam die Fremde und Atlanta Nights bewusst ohne literarische Qualität, um zu zeigen, dass sich selbst solche Bücher verkaufen beziehungsweise verlegen lassen. I, Libertine sollte die Erstellung von Bestsellerlisten kritisieren. Bodo Kirchhoff veröffentlichte 2002 den Roman Schundroman, der die amerikanische Pulp Fiction der 1930er- und 1940er-Jahre in ironischer Form fortschreibt.