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Schriftspracherwerb

Ganzwortmethode: Dem Lesenlernenden werden ausgewählte, geeignete ganze Wörter präsentiert (zum Beispiel OMA), so dass sich das Wort als Wortbild einprägen kann …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Entwicklungsmodell und Voraussetzungen
  3. 3. Historische Leselernmethoden
  4. 4. Klassische und kombinierte Methoden
  5. 5. Offene Lernangebote und Förderung
  6. 6. Organisationen

Begriff und Bedeutung

Schriftspracherwerb bezeichnet das Lesen- und Schreiben-Lernen. In Psychologie und Erziehungswissenschaften meint der Begriff den Entwicklungsprozess von Literalität und schriftsprachlicher Handlungskompetenz. Dabei geht es nicht nur um das Beherrschen der Kulturtechniken Lesen und Schreiben, sondern auch um Inhalte, Bedeutung und Funktion des Geschriebenen. Der Schriftspracherwerb verbindet ästhetische, soziale und technische Dimensionen und wird deshalb als „Schriftspracherwerb als Denkentwicklung“ verstanden.

Der Begriff wurde 1976 vom Psychologen Egon Weigl für die Verbindung der Lernaspekte von Lesen und Schreiben verwendet. Schriftspracherwerb findet meist inzidentell, also nebenbei, statt; in Lehr-Lernsituationen auch implizit. Er ist von Modellen zu unterscheiden, die Lesen und Schreiben als ausschließlich intentionalen, also ausdrücklich beabsichtigten Lernprozess auffassen. Die grundlegenden psychischen Prozesse hängen zugleich von den konkreten Methoden des frühen Schreib- und Leseunterrichts ab. Der Begriff ist in die Grundschul-Rahmenlehrpläne zahlreicher Bundesländer aufgenommen worden.

Entwicklungsmodell und Voraussetzungen

Die Entwicklungspsychologin Uta Frith schlug 1985 ein dreistufiges Modell vor, das in der Forschung breit rezipiert wurde:

  • In der logographemischen Stufe erkennen Lernende, dass Schrift symbolischen Charakter hat.
  • In der alphabetischen Stufe gewinnen sie Einsicht in die Bindung von Buchstaben an Laute.
  • In der orthographischen Stufe erkennen sie Regelhaftigkeiten der Rechtschreibung.

Friths Modell wurde unter anderem von Erika Brinkmann und Hans Brügelmann (1994), Klaus B. Günther (1995) und Renate Valtin (1997) zu differenzierteren Modellen weiterentwickelt.

Der Schriftspracherwerb gilt als ein dem primären Spracherwerb, also dem Sprechenlernen, analoger Entwicklungsprozess. Fehler und Übergeneralisierungen in Aussprache und Rechtschreibung gelten dabei als typisch. Die meisten Autoren betrachten solche Fehler als entwicklungspsychologisch notwendig und diagnostisch nützlich, weil sie Hinweise auf den Entwicklungsstand der Lernenden geben.

Als zentrale kognitive Voraussetzungen gelten eine entwickelte phonologische Bewusstheit, Gedächtnis und Aufmerksamkeit. Diese Voraussetzungen können beispielsweise durch auditive Wahrnehmungsübungen gefördert werden, die insbesondere auch für mehrsprachige Schülerinnen und Schüler hilfreich sein können.

Historische Leselernmethoden

Über die Vermittlung von Lese- und Schriftkompetenz im frühen Mittelalter liegen nur wenige Informationen vor. Im 10. Jahrhundert ist aus der Lebensbeschreibung der Einsiedlerin Wiborada aus dem Kloster St. Gallen überliefert, dass ihr Bruder Hitto, ein Priester in St. Gallen, ihr Psalmen diktierte. Psalmen dienten damals als erster Lesestoff; anschließend wurden Schreibübungen mit einem Griffel auf Wachstafeln durchgeführt.

Die spätestens seit der Erfindung des Buchdrucks verbreitete Buchstabier-Methode orientierte sich an beweglichen Lettern. Zuerst wurden die Buchstabennamen des Alphabets auswendig gelernt. Danach folgte ein Fibellehrgang zum Silbenlesen, schließlich die Verbindung von Buchstabieren, Silbenlesen und Ganzwortlesen. Das Wort „Vater“ konnte dabei etwa als „Fau-aa: Faa. Tee-ee-er: ter. Faater“ gesprochen werden. 1872 wurde die Buchstabiermethode in Preußen amtlich verboten.

Die Lautiermethode wurde bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts von Valentin Ickelsamer entwickelt. Sie orientiert sich nicht an Buchstabennamen, sondern an den Lauten des gesprochenen Wortes, wobei die Anzahl unterscheidbarer Laute mit der Anzahl der Buchstaben eines Wortes in Beziehung gesetzt wird. Größere Verbreitung fand sie nach 1802 durch den bayerischen Schulreformer Heinrich Stephani.

Der Mainzer Drucker Peter Jordan entwickelte Ickelsamers Ansatz 1533 in der Leyenschul zur Anlautmethode weiter. Eine Anlauttabelle verband den Buchstaben, ein lautgetreu anlautendes Wort und ein Bild, etwa „I – Igel“ mit einer Abbildung eines Igels. Moderne Varianten sind Computer-Anlaut-Tastaturen und die Buchstabenfiguren „Die Alphas“.

Das Naturlautverfahren nach Johann Amos Comenius ist mit dem Anlautverfahren verwandt. In Orbis sensualium pictus von 1658 schlug Comenius vor, Naturlaute wie Tierstimmen nachzuahmen und mit Lauten und Buchstaben zu verbinden. Als Beispiel wird eine Krähe mit „Cornix cornicatur. Die Krähe krechzet. á á | Aa“ dargestellt. Kritisiert wird, dass menschliche und tierische Laute nur bedingt miteinander vergleichbar sind; dennoch ist die Methode weiterhin in Fibeln vertreten.

Klassische und kombinierte Methoden

Im 20. Jahrhundert prägte der Methodenstreit zwischen synthetischen und analytischen Ansätzen die Didaktik des Lesen- und Schreibenlernens. Synthetische Methoden gehen von einzelnen Buchstaben oder Lauten aus und setzen diese zu größeren Einheiten zusammen. Analytische Methoden beginnen mit größeren Sinn-Einheiten wie Wörtern, Phrasen oder Sätzen und zerlegen diese anschließend in Grundelemente. Empirische Studien fanden kaum Leistungsunterschiede, aber qualitative Unterschiede bei der Häufung von Fehlern. Hans Brügelmann stellte 1997 fest, beide Methoden seien „nicht gleich gut, sondern gleich schlecht, um Kindern den Zugang zur Schrift zu eröffnen.“

Bei der synthetischen Methode werden Laute und Buchstaben zu Silben und Wörtern zusammengesetzt. Der Ablauf wird meist in drei Schritte gegliedert: Lautgewinnung, Lautverschmelzung und zusammenfassendes Lesen. Zur Lautgewinnung gehören unter anderem Anlaut- und Naturlautmethode. Auch die Empfindungslautmethode, etwa „m:“ für „lecker“, und die Naturlautmethode wurden als Sinnlautmethode bezeichnet, weil sie Lauten eine Bedeutung zuordnen. Die gewonnenen Laute werden schnell hintereinander gesprochen und zu einer Einheit verschmolzen, gegebenenfalls unterstützt durch phonomimische Gebärden. Danach sollen Lernende das ganze Wort und seine Bedeutung erfassen.

Zu den synthetischen Methoden zählen Verfahren, die mit Wortelementen, Buchstaben, Lauten oder Silben beginnen. Die Alphabetmethode lässt jedes Wort buchstabieren. Die Kenntnis von Buchstabennamen gilt als guter Indikator für den Erfolg beim Lesenlernen, weil Lernende dabei eine visuelle Form unterscheiden und mit einem Laut, Namen und einer Bedeutung verbinden. Die synthetische phonische Methode beginnt dagegen mit dem phonetischen Laut des Buchstabens und führt über Konsonant-Vokal- und Vokal-Konsonant-Verbindungen zu Wörtern. Als Problem werden im Artikel die fehlende Bedeutung einzelner Laute und Buchstaben sowie die Mehrdeutigkeit von Laut-Buchstaben-Zuordnungen genannt. Die dritte synthetische Methode ist die Silbenmethode.

Historisch werden drei analytische Methoden unterschieden: Wortmethode, Phrasenmethode und Satzmethode. Bei der Ganzwortmethode werden geeignete ganze Wörter, etwa „OMA“, als Wortbilder eingeprägt. Durch den Vergleich von Wörtern wie „oMa“ und „oPa“ werden anschließend Buchstaben als Teile der Wörter gelernt. Die Ganzsatz-Methode und die Normalsatz-Methode beginnen entsprechend mit Sätzen.

Analytisch-synthetische Methoden verbinden beide Grundrichtungen. Lernende erkennen zunächst die Folge der einzelnen Laute eines gesprochenen Wortes, ordnen diesen Lauten Buchstaben zu und setzen das Wort anschließend schriftlich aus den Buchstaben zusammen. Die Zuordnung von Lauten zu Buchstaben wird als Phonem-Graphem-Korrespondenz bezeichnet.

Offene Lernangebote und Förderung

Der Spracherfahrungsansatz nach Hans Brügelmann gehört zu den methodenintegrierenden Verfahren. Im Mittelpunkt stehen gemeinsames kommunikatives Handeln und Informieren. Schreibanlässe werden in sinnvolle Situationen eingebettet, sodass die Interessen und sprachlichen Erfahrungen der Kinder berücksichtigt werden. Dies unterscheidet den Ansatz vom traditionellen Fibellehrgang, bei dem alle Kinder zur gleichen Zeit dasselbe Lernmaterial bearbeiten, beispielsweise „Fu mag Uta“.

Kinder können eigene Texte wie eine Einladung verfassen, bereits beherrschte Wörter verwenden und neue Wörter mithilfe einer Buchstabentabelle aufschreiben. Sie können außerdem eigene, individuelle Fibeln gestalten.

Beim Lesen durch Schreiben nach Jürgen Reichen schreiben Anfänger Wörter mithilfe einer Anlauttabelle. Durch die wiederholte sinnvolle Verwendung soll die Graphem-Phonem-Korrespondenz, also die Zuordnung von Buchstaben zu Lauten und umgekehrt, inzidentell gelernt werden. Nach durchschnittlich einigen Wochen könne auf die Tabelle verzichtet werden. Obwohl Lesen nicht ausdrücklich Unterrichtsgegenstand war, sollen die Schülerinnen und Schüler nach einigen Monaten plötzlich lesen können.

Organisationen

Vereine und Initiativen fördern Schriftspracherwerb, Leseförderung und Alphabetisierung und wenden sich damit gegen Analphabetismus, Illiteralität und Legasthenie, also Lese- und Rechtschreibstörung. Im Artikel werden folgende Organisationen genannt:

  • Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung
  • Bundesverband Leseförderung
  • Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie
  • Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben
  • Akademie für Leseförderung
  • Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
  • Stiftung Lesen

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