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Lesen
Lesen im engeren Sinn bedeutet, schriftlich niedergelegte, sprachlich formulierte Gedanken aufzunehmen. Das Lesen eines Textes ist ein durch Übung und …
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Grundidee und Bedeutung
Lesen bedeutet im engeren Sinn, schriftlich formulierte Gedanken aufzunehmen. Dabei werden Schriftzeichen visuell oder taktil erfasst und in Laute, Silben, Wörter, Sätze und Textabschnitte umgesetzt. Im weiteren Sinn rekonstruiert der Leser die im Text kodierten Bedeutungen und bildet daraus eine innere Vorstellung, ein sogenanntes Situations- oder mentales Modell. Lesen ist ein erlernter kognitiver Vorgang, dessen Erfolg von Übung, Wissen und Lesefertigkeit abhängt.
Gelesen werden nicht nur fortlaufende Texte, sondern auch Karten, Fahrpläne, technische Zeichnungen, Diagramme, Schaltpläne, Musiknoten und mathematische Formeln. Im übertragenen Sinn spricht man etwa vom Lesen von Fährten, Gesichtsausdrücken oder Bodenunebenheiten. Gemeinsam ist diesen Formen, dass aus vielen Einzelheiten diejenigen ausgewählt werden, die für die gesuchte Information wichtig sind.
Lesen gehört neben Schreiben und Rechnen zu den wichtigsten Kulturtechniken. Es ermöglicht Orientierung im Alltag, beispielsweise mithilfe von Wegweisern, Warnschildern, Medikamentenbeipackzetteln oder Bedienungsanleitungen. Gute Lesefertigkeit ist außerdem Voraussetzung für die Nutzung von Büchern und Internetangeboten. Wichtig ist dabei die Reflexion, also das Nachdenken über das Gelesene. Sachtexte vermitteln Wissen; erzählende Literatur kann dazu anregen, sich in andere Zeiten und Personen hineinzuversetzen und Erfahrungen aus zweiter Hand zu sammeln. Wer lesen kann, wird als Alphabet bezeichnet; ein Analphabet beherrscht diese Fähigkeit nicht. Fehlt die in einer Kultur verankerte Lese- und Schreibfähigkeit, spricht man von Illiteralität.
Wahrnehmung und Augenbewegungen
Beim Lesen bewegt sich der Blick nicht gleichmäßig über den Text. Er hält während sogenannter Fixationen jeweils etwa 0,3 Sekunden beziehungsweise durchschnittlich 250 bis 350 Millisekunden an. In dieser Zeit nimmt die Fovea, das Zentrum des schärfsten Sehens auf der Netzhaut, ein hochauflösendes Teilbild auf. Danach springt der Blick mit einer schnellen Lesesakkade zum nächsten Fixationspunkt. Während dieser ruckartigen Bewegung ist keine Wahrnehmung möglich; das periphere Gesichtsfeld und bereits gespeicherte Seheindrücke erhalten dennoch den Eindruck eines durchgehenden Sehens aufrecht.
Das foveale System umfasst bis etwa 2 Grad Sehwinkel und liefert drei bis vier hochauflösende Teilbilder pro Sekunde. Das periphere System reicht von ungefähr 2 Grad bis über 90 Grad und liefert bis zu 90 komprimierte Gesamtbilder pro Sekunde. Bei durchschnittlichen Lesern erfasst das Zentrum des schärfsten Sehens je nach Schriftgröße ungefähr ein bis drei Buchstaben vor und ein bis drei Buchstaben nach dem Fixationspunkt. Bekannte und häufige Wörter können zunehmend auch mithilfe der unschärferen peripheren Wahrnehmung erkannt werden.
Die Zahl der Fixationen lässt sich willentlich kaum verändern und liegt ungefähr bei drei bis vier pro Sekunde. Bei einer Fixation pro Wort ergeben sich 180 bis 240 Wörter pro Minute. Ein durchschnittlicher Drittklässler liest etwa 100 Wörter pro Minute; ungeübte Erwachsene, die Lesen beruflich nicht benötigen, erreichen teilweise ebenfalls nicht mehr. Die durchschnittliche Vorlesegeschwindigkeit beträgt rund 150 Wörter pro Minute. Nur etwa 50 Prozent der Schüler des sechsten Schuljahres überschreiten beim stillen Lesen diese Geschwindigkeit.
Schwierige, lange oder seltene Wörter führen zu kürzeren Blicksprüngen und manchmal zu mehreren Fixationen. Die Fixationsdauer kann sich auf etwa 250 bis 450 Millisekunden verlängern. Fehlt der Sinnzusammenhang, entstehen Regressionen, also Rücksprünge zu bereits gelesenen Stellen. Ihre Häufigkeit kann anzeigen, dass ein Text für den jeweiligen Leser zu schwierig oder umständlich ist. Auch Lesekompetenz, Interesse, Müdigkeit und Ablenkung beeinflussen die Augenbewegungen. Geübte Leser können über 250 Wörter pro Minute lesen, Schnellleser über 1000.
Vom Buchstaben zum Textverständnis
Voraussetzung für das Lesen eines sprachlichen Textes ist hörsprachliche Kompetenz, zu der ein zum Text passender Wortschatz und entsprechendes Allgemeinwissen gehören. Leseanfänger erkennen zunächst einzelne Buchstaben, ordnen ihnen Lautwerte zu und verbinden die Lautfolge mit einem bekannten gesprochenen Wort. Dieses Buchstabieren oder Lautieren bleibt auch für geübte Leser wichtig, etwa bei unbekannten fremdsprachlichen Wörtern, ungewohnten Schriftarten oder alten Handschriften. Es ist jedoch langsam: Für ein Wort mit sieben bis acht Buchstaben werden rund zwei Sekunden benötigt. Damit sind höchstens etwa 30 Wörter pro Minute möglich; Buchstabieren ist mindestens fünfmal langsamer als fließendes Vorlesen.
Mit zunehmender Übung werden Wörter erkannt, ohne jeden Buchstaben einzeln zu prüfen. Sehr häufige kurze Wörter wie „ist“, „oder“ und „und“ werden schließlich nicht mehr unmittelbar fixiert; bei längeren vertrauten Wörtern genügen häufig Anfang und Ende. So sind 120 bis 150 Wörter pro Minute möglich. Worterkennung und fehlerfreies Vorlesen allein gewährleisten allerdings noch kein Textverständnis.
Um einen einzelnen Satz vollständig zu erfassen, muss seine Verarbeitung innerhalb der ungefähr zwei Sekunden langen Speicherkapazität des Kurzzeitgedächtnisses bleiben. Bei Sätzen mit durchschnittlich acht Wörtern wären dafür vier Wörter pro Sekunde oder 240 Wörter pro Minute erforderlich. Liegt die Geschwindigkeit darunter, kann der Satzanfang bereits vergessen sein und muss teilweise erneut gelesen werden, wodurch sich das Lesen weiter verlangsamt.
Auf der thematischen Ebene werden Satzteile, eingeschobene Bemerkungen und übergreifende Zusammenhänge miteinander verbunden. Der Kontext hilft dabei, unbekannte Wortbedeutungen und komplizierte Sätze zu verstehen. Weil Inhalte dadurch gedanklich komprimiert werden, kann die Geschwindigkeit steigen; bei bereits bekannten Themen ist eine weitere Steigerung möglich. Beim Querlesen, diagonalen oder kursorischen Lesen werden Teile übersprungen, ohne den Gesamtzusammenhang zu verlieren. Zur gezielten Informationssuche in Fahrplänen, Lexika oder Tabellen dienen je nach Text unterschiedliche Suchstrategien. Fiktionale Texte werden zudem zur Unterhaltung gelesen und regen die Fantasie an.
Modelle der Worterkennung
Zwei Modelle erklären, wie geschriebene Wörter erkannt und ausgesprochen werden. Das Dual-Route-Cascaded-Modell, kurz DRC, nimmt zwei parallel arbeitende Wege an. Auf der zusammensetzenden Route werden Grapheme, also Schriftzeichen oder Buchstabeneinheiten, mithilfe von Graphem-Phonem-Korrespondenz-Regeln in Phoneme, die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Sprachlaute, übertragen. Aus diesen Lauten wird die Aussprache des ganzen Wortes gebildet. Auf der direkten Route wird ein bekanntes Wort als Ganzes aus dem Lexikon abgerufen. Dafür müssen seine orthografische und seine phonologische Form gespeichert sein. Weil beide Wege parallel arbeiten, beeinflussen ihre Ergebnisse gemeinsam die Aussprache; regelmäßig ausgesprochene Wörter werden schneller und genauer verarbeitet als unregelmäßige.
Ist die zusammensetzende Route beeinträchtigt, können neue Wörter und Nicht-Wörter nicht zuverlässig mithilfe der Graphem-Phonem-Regeln gelesen werden. Dies tritt beispielsweise bei phonologischer Legasthenie auf. Bei einer Störung der direkten Route bleibt nur die regelgeleitete Verarbeitung, sodass unregelmäßige Wörter Schwierigkeiten bereiten; dies findet sich bei der Oberflächenlegasthenie.
Das Triangel-Modell nimmt dagegen kein Lexikon aus getrennten Verarbeitungseinheiten an. Die Aussprache entsteht durch fortschreitende Aktivierung von Einheiten des orthografischen Inputs über Verbindungen zu Einheiten des phonologischen Outputs. Das Wissen zur Wortidentifikation ist in einem gemeinsamen Netz von Input-Output-Verbindungen gespeichert. Daher beeinflusst die Gesamtheit des vorhandenen Wissens jedes gelesene Wort. Häufige Wörter werden schneller und genauer ausgesprochen, weil die entsprechenden Verbindungen öfter und bei regelmäßigen Wörtern einheitlicher genutzt werden als bei seltenen.
Lesen auf Papier und Bildschirm
Leseverständnis und Erinnerungsleistung hängen auch vom Darstellungsmedium ab. Nach einer Metastudie mit mehr als 170.000 Teilnehmern werden digitale Bildschirmtexte oberflächlicher verarbeitet als gedruckte Texte. Der Vorteil des Papiers nahm unter Zeitdruck gegenüber dem Lesen im eigenen Tempo zu, selbst bei kurzen Texten ohne notwendiges Scrollen. Er zeigte sich konsistent bei Sachtexten und bei Mischungen aus Sach- und Erzähltexten, nicht aber bei ausschließlich erzählenden Texten. Außerdem wurde der Papier-Vorteil im Lauf der Jahre größer; die zunehmende Nutzung digitaler Geräte beseitigte die sogenannte „screen inferiority“ demnach nicht.
Die Stavanger-Erklärung der europäischen Forschungsinitiative Evolution of Reading in the Age of Digitisation bestätigte 2019, dass Menschen ihre Verständnisleistung beim Bildschirmlesen überschätzen können. Besonders unter Druck könne dies zu geringerer Konzentration und zum bloßen Überfliegen führen. Lange Informationstexte würden gedruckt besser verstanden als am Bildschirm, während dieser Unterschied bei narrativen Texten nicht festgestellt wurde.
Eine norwegische Studie von 2024 stützte die Annahme, dass Bildschirmlesen zu oberflächlicherer Verarbeitung führen und das Verständnis beeinträchtigen kann. Blickbewegungsanalysen zeigten, dass Bildschirminhalte häufiger erneut gelesen und überprüft wurden. Das haptische beziehungsweise kinästhetische Feedback des Papiers unterstützte dagegen Erinnerung und Verständnis. Als mögliche Hilfe gelten die räumliche Position einer Information im Buch und physische Anker wie Gewicht, Textumfang und Geruch. Auch beim Korrekturlesen kann ein Wechsel vom Bildschirm zum Papier eine zusätzliche Korrekturschleife schaffen, weil angespannte Augen Fehler in Rechtschreibung, Grammatik, Satzbau und Zeichensetzung übersehen können.
Motivation und Lesestörungen
Lesemotivation bezeichnet das Ausmaß des Wunsches zu lesen. Unterschieden werden intrinsische Motivation, bei der aus eigenem Interesse gelesen wird, und extrinsische Motivation, die von äußeren Gründen ausgeht. Lesemotivation gilt als notwendige Bedingung für den Aufbau von Lesekompetenz.
Beim Erwerb der Schriftsprache müssen elementare Sprachlaute, die Phoneme, mit ihren visuellen Repräsentationen, den Graphemen, verbunden werden. Der visuelle Wortformbereich des Gehirns, der Visual Word Form Area oder VWFA, entwickelt dabei die Fähigkeit, spiegelbildliche Buchstabenformen zu unterscheiden. Er kann während der Alphabetisierung Informationen aus phonologischen Bereichen, der Handschrift, der Sprachproduktion und niedrigeren visuellen Verarbeitungsstufen erhalten. Diese Verknüpfungen unterstützen die korrekte Buchstabenerkennung und damit flüssiges Lesen.
Dyslexie bezeichnet Probleme beim Lesen und Verstehen von Wörtern oder Texten, obwohl die betroffene Person normal sehen und hören kann. Legasthenie, auch Lese-Rechtschreib-Schwäche, ist eine massive und lang andauernde Störung des Erwerbs der Schriftsprache.
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