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Orbis sensualium pictus

Der Orbis sensualium pictus (Die sichtbare Welt), oft auch als Orbis pictus bezeichnet, war ein in Europa vom 17. bis zum 19. Jahrhundert weit verbreitetes …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Aufbau der ersten Ausgabe
  3. 3. Verbreitung und Schulgebrauch
  4. 4. Moderne Einordnung
  5. 5. Digitalisierte Ausgaben

Grundidee und Bedeutung

Der Orbis sensualium pictus, auf Deutsch Die sichtbare Welt und oft kurz Orbis pictus genannt, war ein Jugend- und Schulbuch, das in Europa vom 17. bis zum 19. Jahrhundert weit verbreitet war. Verfasst wurde es von Johann Amos Comenius, einem Theologen aus Mähren, das damals zur Böhmischen Krone gehörte. Er schrieb das Werk während seiner Zeit in Patak am Bodrog, dem heutigen Sárospatak in Ungarn, wo er als Lehrer tätig war.

Das Buch ist wichtig, weil es Wissen über die Welt mit Sprachunterricht verband. Es erklärte Gegenstände, Lebewesen, Tätigkeiten und gesellschaftliche Bereiche mithilfe von Bildern und zweisprachigen Texten. Dadurch konnten Schülerinnen und Schüler Inhalte aus der Weltkunde kennenlernen und zugleich Latein lernen. Eine frühe Spur des Werkes ist ein Probeabdruck von 1653 mit lateinischen Texten unter dem Titel Lucidarium. Die erste zweisprachige Ausgabe erschien 1658 in Nürnberg.

Aufbau der ersten Ausgabe

Die erste zweisprachige Ausgabe erschien 1658 im Verlagshaus von Michael Endter in Nürnberg. Sie war lateinisch-deutsch, mit Holzschnitten illustriert und umfasste 309 Seiten im Format 10 × 16,5 cm, zusätzlich mit Vortrag, also Vorwort, und Titel-Register, also Stichwortverzeichnis.

Comenius beschreibt darin die Welt „von Gott bis zu den Insekten“. Die meist doppelseitigen Artikel sind links mit einer nummerierten Abbildung versehen. Rechts stehen die Erklärungen in zwei Spalten: der lateinische Text und daneben die Übersetzung in die Sprache des Erscheinungslandes. So verband das Buch Bild, Sachinformation und Sprachvergleich.

Die Artikel bilden einen Zyklus über den gesamten Kosmos. Behandelt werden Gott und die Welt, Himmel und Erde, die Elemente, Pflanzen, Tiere und Menschen. Dazu kommen Handwerke und Berufe, Künste und Wissenschaften, Tugenden und Laster, Spiele, Politik, Kriege, Religionen, Strafen und das Jüngste Gericht. Am Ende des Werkes steht im Beschluss wieder dieselbe Illustration wie in der Einleitung.

Die deutsche Bearbeitung wird Sigmund von Birken zugeschrieben, einem Nürnberger Dichter und Schriftsteller aus dem Umfeld des Pegnesischen Blumenordens. In diesem Zusammenhang werden auch Georg Philipp Harsdörffer, der Begründer des Blumenordens, und Samuel Hartlib genannt. Der genaue Anteil von Comenius an den Illustrationen gilt heute als unsicher. Der Holzschneider wird als Paul Kreutzberger identifiziert; er soll die Holzschnitte angefertigt haben, während Comenius sich in Lissa, heute Leszno, beziehungsweise in Amsterdam aufgehalten haben soll.

Verbreitung und Schulgebrauch

Durch die Zweisprachigkeit war es möglich, „bei etwas Aufmerksamkeit“ auf angenehme Weise auch Latein zu lernen. Der Orbis pictus war deshalb zugleich Bilderbuch, Lateinfibel und Lehrbuch für die deutsche Sprache. Eine Fibel ist ein erstes Lehrbuch zum Lesen- oder Sprachenlernen.

Das Werk verbreitete sich sehr schnell in Europa. Gründe waren der Mangel an gleichwertigen Alternativen im 17. und 18. Jahrhundert und seine einfache, aber wirkungsvolle Grundidee. Über mehr als 200 Jahre wurde der Orbis pictus in beinahe 20 Sprachen übersetzt und bearbeitet. Insgesamt erschienen an die 200 Auflagen.

Es gab nicht nur zweisprachige Ausgaben mit der jeweiligen Landessprache, sondern auch mehrsprachige, sogenannte polyglotte Ausgaben. Bereits 1666 erschien eine Ausgabe in Latein, Deutsch, Italienisch und Französisch. 1685 erschien erstmals eine Ausgabe mit Comenius’ Muttersprache: Latein, Deutsch, Tschechisch und Ungarisch. Spätere Ausgaben verzichteten teilweise auf größere Überarbeitungen, weil Inhalt und Gestaltung als zeitlos im Sinne einer von Gott gewollten Ordnung der Welt verstanden wurden.

Im 18. Jahrhundert wurde der Orbis pictus mangels gleichwertiger Alternativen zum Inbegriff des Schulbuchs. Zeitgenössische Stimmen betonten, dass es zwar nicht unbedingt das beste denkbare Buch sei, aber kein besseres vorhanden sei. Johann Wolfgang von Goethe bezeichnete den Orbis pictus in Dichtung und Wahrheit als das beste Kinderbuch, das bis dahin erschienen sei. Das Werk wurde von Lehrern und Schülern geschätzt und mindestens bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in Schulen verwendet.

Moderne Einordnung

Aus heutiger Sicht kann der Orbis pictus als eines der ersten multimedialen Unterrichtsmaterialien verstanden werden. Multimedial bedeutet hier, dass mehrere Darstellungsformen zusammenwirken: Bilder, nummerierte Bildelemente, Sachtexte und Übersetzungen. Außerdem gilt das Werk als Vorläufer des modernen Bildlexikons und des Comics, weil es Wissen systematisch mit Bildern verbindet.

Die Grundidee von Comenius wurde 1995 in der interaktiven Installation Orbis Pictus Revised wieder aufgegriffen. Damit zeigt die spätere Rezeption, dass das Werk nicht nur historisch als Schulbuch bedeutsam war, sondern auch als frühes Modell anschaulichen Lernens betrachtet wird.

Digitalisierte Ausgaben

Von verschiedenen Ausgaben des Orbis pictus existieren digitalisierte Faksimiles. Faksimile bedeutet eine möglichst originalgetreue Wiedergabe einer alten Ausgabe. Diese digitalen Ausgaben zeigen, wie das Werk in unterschiedlichen Zeiten, Sprachen und Ländern erschien.

Genannt werden lateinisch-deutsche Ausgaben aus Nürnberg, darunter die Ausgabe von 1658 mit den ersten 25 Kapiteln, kolorierten Bildern und neu gesetzten Texten, eine Ausgabe von 1664 mit 150 Tafeln und 315 Seiten sowie Vorwort und Register, eine dreispaltige Ausgabe von 1668 mit Latein, Deutsch und Vokabeln, eine Ausgabe von 1698 mit 150 Kapiteln, Nachwort und Index sowie eine Wiener Ausgabe von 1781 mit 82 Kapiteln, 166 Seiten und einer dritten Spalte für Vokabeln.

Außerdem sind mehrsprachige Ausgaben überliefert und digital zugänglich, zum Beispiel eine Ausgabe von 1833 in Latein, Deutsch, Tschechisch, Polnisch und Französisch mit 478 Seiten, englisch-lateinische Ausgaben aus London von 1659 mit 151 Kapiteln und 309 Seiten sowie von 1777 mit 153 Kapiteln und 197 Seiten, eine lateinisch-schwedisch-französische Ausgabe aus Stockholm von 1775, eine Ausgabe aus Prag von 1845 in Latein, Tschechisch, Deutsch und Französisch mit 146 Seiten sowie ungarisch-deutsch-tschechisch-lateinische Ausgaben, darunter Die sichtbare Welt in Vier Sprachen von 1685 und eine Ausgabe aus Preßburg, heute Pozsony, von 1798.

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