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Fürstabtei St. Gallen
Die Fürstabtei St. Gallen (gegründet 719, aufgehoben 1805) war eine Benediktinerabtei in der heutigen Ostschweiz und die Bezeichnung für ein Gebiet, …
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Bedeutung und Grundstruktur
Die Fürstabtei St. Gallen war eine Benediktinerabtei in der heutigen Ostschweiz und zugleich die Bezeichnung für das Gebiet, das der weltlichen Herrschaft des Abts unterstand. Sie wurde um 719 gegründet und am 8. Mai 1805 aufgehoben. Das Kloster St. Gallen war nach Säckingen das zweitälteste Kloster auf dem Gebiet der Alamannen.
Der Abt war bis 1798 Reichsfürst mit Sitz und Stimme im Reichstag des Heiligen Römischen Reiches. Gleichzeitig war St. Gallen seit 1451 erster zugewandter Ort der Schweizerischen Eidgenossenschaft, also rechtlich weiterhin mit dem Reich verbunden, politisch aber eng an die Eidgenossenschaft angelehnt. Bis 1805 diente die Stiftskirche als Klosterkirche.
Die Entwicklung der Abtei verlief von einer klösterlichen Grundherrschaft zu einem geistlichen Territorialstaat. Seine Herrschaft beruhte auf Grundbesitz, hoher und niederer Gerichtsbarkeit, Ämtern und einheitlichen Rechtsregeln. Im Kerngebiet, dem Fürstenland beziehungsweise der «Alten Landschaft», standen die sogenannten Gotteshausleute unter der Herrschaft des Klosters.
Gründung, Bildung und kulturelle Blüte
Der irische Mönch Gallus liess sich 612 als Gefährte Columbans an der Steinach nieder und gründete eine Einsiedlerzelle. Als eigentlicher Gründer des Klosters gilt jedoch Otmar. Er wurde um 719 Vorsteher der Gallus-Zelle und führte ein regelmäßiges Klosterleben ein. Die ersten Mönche waren zunächst Räter, später zunehmend Angehörige alemannischer Adelsfamilien.
Nach dem Blutgericht von Cannstatt 746 wurde dem Kloster 747 die Benediktinerregel aufgezwungen. Otmar wurde 759 verhaftet und auf eine Rheininsel bei Eschenz verbannt. Das Kloster unterstand zunächst dem Bistum Konstanz. Unter Abt Gozbert erlangte es 818 von Ludwig dem Frommen ein Immunitätsprivileg und wurde reichsunmittelbar. Dadurch wurde es zugleich zu einer Stütze der fränkischen Herrschaft in Alemannien.
Das «Goldene Zeitalter» dauerte von 816 bis zum Ungarneinfall 926. In dieser Zeit arbeitete das Kloster eng mit dem kaiserlichen beziehungsweise königlichen Hof zusammen. Das Skriptorium, also die klösterliche Schreibstube, fertigte bedeutende biblische und wissenschaftliche Texte an. Dazu gehören die 883 entstandenen Gesta Caroli Magni des Notker von St. Gallen und das Stundengebetsantiphonar Hartkers, das als Meisterwerk der Kalligraphie gilt.
St. Gallen besaß eine bedeutende Klosterschule, Klosterärzte und eine große krankenhausähnliche Abteilung, die infirmeria oder «Siechenhaus». Außerdem ließ Otmar zwischen 720 und 759 außerhalb des Klosters ein Hospitiolum für Aussätzige errichten. Die Stiftsbibliothek ist seit 820 indirekt durch den St. Galler Klosterplan belegt. Bedeutende Werke der Buchmalerei sind unter anderem der Folchart-Psalter, der St. Galler Psalter, das Psalterium Aureum und das Evangelium Longum. Der karolingische Klosterplan gilt als älteste überlieferte Architekturzeichnung des Abendlandes.
Ungarneinfall und Aufbau des Klosterstaats
Das «Goldene Zeitalter» endete am 1. Mai 926 mit dem Einfall der Ungarn. Abt Engilbert brachte Schüler, Alte und Kranke in die Wasserburg bei Lindau. Viele Schriften wurden im Kloster Reichenau verborgen; die Mönche und wertvolle Kultgegenstände zogen sich in eine Fluchtburg im Sitterwald zurück. Die Einsiedlerin Wiborada blieb auf eigenen Wunsch in der zugemauerten Kirche St. Mangen. Die Ungarn töteten sie, nachdem sie das Dach abgedeckt hatten, wagten aber keinen Angriff auf die schwer zugängliche Fluchtburg. Nach ihrem Abzug kehrten Mönche und Einwohner zurück und bauten die beschädigten Gebäude wieder auf.
Durch zahlreiche Schenkungen gewann das Kloster umfangreiche Besitzungen im süddeutschen Raum. 1180 fiel die Klostervogtei einschließlich der daraus abgeleiteten hohen Gerichtsbarkeit an Kaiser Friedrich I. Barbarossa und wurde zur Reichsvogtei. Später kaufte das Kloster verpfändete Teile dieser Vogtei zurück und schuf damit die Grundlage für einen geschlossenen geistlichen Lehnsstaat. Die Bezeichnung «Reichsabt» ist für 1207 erstmals belegt.
Der Herrschaftsbereich umfasste verstreute Besitzungen und Rechte im süddeutschen Raum sowie ein relativ geschlossenes Gebiet im heutigen Fürstenland, Appenzellerland und Rheintal. 947 hatte Otto I. der Abtei das Münzrecht verliehen; ab dem 12. Jahrhundert wurde es zunehmend genutzt. Auf den Münzen erschienen häufig der heilige Gallus oder das Lamm Gottes mit Kreuzfahne.
Konflikte, Reformation und Territorialstaat
Im 13. und 14. Jahrhundert geriet die Abtei durch habsburgische Expansion und Hausmachtpolitik mehrfach in Gefahr. Besonders schwer war der Konflikt zwischen Abt Wilhelm I. von Montfort und Rudolf von Habsburg, dem Klostervogt und späteren römisch-deutschen König. Rudolf gründete bei Wil die Gegenstadt Schwarzenbach und setzte einen Gegenabt ein. Der Konflikt wurde unter Albrecht fortgeführt und erst 1301 beigelegt. 1349 gab die Fürstabtei ihre direkte Herrschaft im Breisgau auf und vergab sie als Lehen.
Die Stadt St. Gallen löste sich von der Hoheit der Abtei und unterstützte die aufständischen Appenzeller. 1401 wurde sie Reichsstadt. Die Appenzellerkriege von 1400 bis 1429 endeten für das Kloster mit dem Verlust des größten Teils seiner geschlossenen Grundherrschaft; Appenzell wurde unabhängig. Nach dem Alten Zürichkrieg wurden Kloster und Stadt 1451 beziehungsweise 1454 als zugewandte Orte in die Eidgenossenschaft aufgenommen. 1455 scheiterte der Versuch der Stadt, die verbliebene weltliche Herrschaft des Klosters zu übernehmen.
Abt Ulrich Rösch festigte die Herrschaft mit Unterstützung der eidgenössischen Schirmorte Zürich, Luzern, Glarus und Schwyz. 1468 erwarb die Abtei die Grafschaft Toggenburg. Neue Gerichte und Ämter sowie die schriftliche Vereinheitlichung des Rechts stärkten den Territorialstaat. Die Landsatzung von 1468 war eine allgemeine Ordnung für alle Untertanen. 1486 musste die Abtei die Vogtei über das St. Galler Rheintal an Appenzell abtreten. Der Versuch, das Kloster nach Rorschach in das neue Kloster Mariaberg zu verlegen, führte 1489 zum Rorschacher Klosterbruch: Stadt St. Gallen, Appenzell und Gotteshausleute zerstörten die Baustelle.
1525 führte Joachim von Watt, genannt Vadian, die Reformation in der Stadt St. Gallen ein. 1527 wurde das Kloster aufgehoben, der Abt vertrieben und Zürich übernahm die Schirmhoheit über die Alte Landschaft. Nach der Niederlage der reformierten Orte im Zweiten Kappelerkrieg wurde die Fürstabtei 1532 wiederhergestellt. Bis 1572 zwang sie in der Alten Landschaft alle Untertanen zur Rückkehr zum katholischen Glauben. Am Ende des 16. Jahrhunderts war sie ein stark zentralisierter Territorialstaat.
Im 17. Jahrhundert gewann die Abtei im Breisgau wieder Besitzungen und 1621 die direkte Herrschaft über Ebringen und Norsingen zurück. Konflikte mit den reformierten Einwohnern des Toggenburgs führten zum Kreuzkrieg und zum Toggenburgerkrieg von 1712 bis 1718. Zugleich erlebte die Abtei im 18. Jahrhundert eine neue Blüte. Die Klosteranlage wurde zwischen 1755 und 1767 im Barock neu gebaut; beteiligt waren Peter Thumb sowie Johann Michael Beer und Johann Ferdinand Beer. Der Bibliothekssaal gilt als herausragender spätbarocker Bibliotheksbau. Die Anlage gehört seit 1983 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Untergang, Wappen und Nachwirkungen
Nach der Französischen Revolution von 1789 verlangten die Untertanen mehr Rechte und Freiheiten. Abt Beda Angehrn versuchte mit dem «Gütlichen Vertrag» von Gossau von 1795, die Fürstabtei zu retten. 1798 gründeten die Untertanen im Fürstenland die Republik der Alten Landschaft St. Gallen; auch die Toggenburger lösten sich von der Abtei. Damit endete ihre politische Herrschaft. Abt Pankraz Vorster blieben nur Neuravensburg sowie Ebringen und Norsingen als exterritoriale Herrschaftsgebiete.
Die Helvetische Republik übernahm 1798 die ehemaligen Gebiete; das Fürstenland wurde Teil des Kantons Säntis. Im Mai 1799 kehrte Vorster mit österreichischer Unterstützung kurz zurück, musste nach dem französischen Sieg aber wieder weichen. 1803 übernahm der neu geschaffene Kanton St. Gallen die Landeshoheit. Neuravensburg ging im Reichsdeputationshauptschluss verloren. Vorster lebte ab 1801 im Exil in Ebringen. Am 8. Mai 1805 hob der Große Rat des Kantons St. Gallen das Kloster auf. Die Gründung des Doppelbistums Chur-St. Gallen durch die päpstliche Bulle Ecclesias quae antiquitate von 1823 beendete auch die Wiederherstellungsbemühungen; streng kirchenrechtlich wurde das Kloster durch diese Bulle jedoch nicht aufgehoben.
Das Wappen zeigte in Gold einen aufrechten schwarzen Bären. Die Figur erinnert an den heiligen Gallus, der der Überlieferung zufolge mit Gottes Hilfe einem Bären befehlen konnte. Nach dem Erwerb Toggenburgs wurde außerdem dessen Wappen, eine schwarze Dogge mit rotem Halsband auf goldenem Grund, mit dem Abteiwappen verbunden.
1801 entstand im Kloster St. Gallen die erste mechanische Baumwollspinnerei. Sie gilt damit im modernen Wortsinn als erste Fabrik der Schweiz; zugleich etablierte sich in der Ostschweiz das Stickereihandwerk. Die Geschichte von Kloster und Stadt wurde bereits in der frühen Neuzeit von Chronisten wie Joachim Vadian, Jodocus Metzler und Heinrich Murer dargestellt.