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Schreibschrift
Reformen und Abschaffung der deutschen Kurrentschrift · Sütterlin-Ausgangsschrift (deutsches Alphabet) · Sütterlin-Ausgangsschrift (lateinisches Alphabet).
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Begriff und Abgrenzung
Schreibschrift, auch Kursive, Kurrentschrift oder Laufschrift, ist eine Gebrauchsschrift für flüssiges Schreiben mit der Hand. Sie ist durch eine fortlaufende oder nur wenig unterbrochene Linienführung auf einem Schriftträger, meist Papier, gekennzeichnet. Als Schreibgeräte dienen beispielsweise Bleistift, Füllfederhalter, Kugelschreiber, Fineliner, Kreide oder – vor allem in Ostasien – Pinsel.
Schreibschrift ist auf eine schnelle, flüssige Bewegung ausgelegt; Leseschrift dagegen auf möglichst gute Leserlichkeit. Stark verbundene Linien können die Lesbarkeit verringern, weshalb leserliche Schreibschrift Übung und Geschick verlangt. Schreibschrift bedeutet nicht einfach „von Hand geschrieben“: Unziale, gotische Minuskel, Textura, Rotunda und humanistische Minuskel wurden zwar vorwiegend handschriftlich geschrieben, sind aber keine Schreibschriften. Auch Druckschrift kann von Hand geschrieben werden. Umgekehrt können gedruckte Satzschriften Schreibschrift nachahmen; DIN 16518 ordnet solche Schriften der Gruppe VIII „Schreibschriften“ zu.
Typografische Kursivschrift darf nicht mit Schreibschrift gleichgesetzt werden. In der Typografie sind damit Satzschriften gemeint, deren Zeichen in Schreibrichtung schräg geneigt sind. Die Bezeichnung geht historisch auf die humanistische Kursive zurück, doch typografische Kursivschrift hat ansonsten wenig mit dem allgemeinen Begriff Kursive als Schreibschrift gemeinsam.
Kennzeichen und Schriftarten
Die Form der Schreibschrift wird besonders durch rasche und flüssige Bewegung bestimmt. Statisch aufgebaute Schriften, etwa Buch- oder repräsentative Inschriften, setzen einzelne Striche und Formteile zusammen. Schreibschrift entsteht dagegen überwiegend aus ununterbrochenen Linien. Ihr Zweck ist die Ökonomisierung des Schreibens: Das Schreibgerät soll möglichst selten neu angesetzt werden. Dies hängt auch mit der Schreibfeder zusammen, weil viele Federn Rückwärtsbewegungen nicht oder nur kurz ohne Druck zulassen und dabei zumindest keine Tinte nachfließt.
Typische Merkmale sind:
- überwiegend einzügige Buchstabenformen mit Innenligaturen, also Verbindungen innerhalb eines Zeichens;
- das Weglassen von Serifen, Quadrangeln und anderen Zierabschlüssen;
- Außenligaturen, also Verbindungen zwischen Buchstaben eines Wortes;
- die Überführung des Richtungskontrasts waagerecht/senkrecht in die Diagonale, unter anderem durch abgeschliffene Formen;
- eine mehr oder weniger deutliche Schräglage der Hauptachse der Zeichen.
Handschrift ohne diese Merkmale wird Druckschrift genannt, in der Schweiz auch Steinschrift. Schreibschriften können von links nach rechts oder von rechts nach links verlaufen. Die arabische Schrift mit ihren Variationen ist der weltweit wichtigste Vertreter der zweiten Richtung. Frühe Beispiele sind die hieratische Schrift als kursive Variante ägyptischer Hieroglyphen und die daraus entstandene demotische Schrift. Manche Schriften gibt es nur als Schreibschriften, etwa die demotische und die arabische Schrift. Andere sind handschriftliche Alternativen zu Druckschriften derselben Schriftkultur und verwenden dasselbe Alphabet, zum Beispiel lateinische Schreibschrift und deutsche Kurrentschrift für das lateinische Alphabet, kyrillische Schreibschrift für das kyrillische Alphabet sowie die weitgehend unverbundene hebräische Schreibschrift für das hebräische Alphabet.
Entwicklung in Europa und deutsche Kurrent
Kursiven waren in der Schriftgeschichte nicht durchgehend üblich. In der römischen Antike führte der umfangreiche Alltagsgebrauch von Schrift von der älteren zur flüssigen, verbundenen jüngeren römischen Kursive. Das hohe Mittelalter kannte dagegen keine Schrift, die auf Buchstabenverbindungen beruhte. Erst als sich Schriftlichkeit seit dem 13. Jahrhundert durch Universitäten, Kaufleute und zentralistische Verwaltung ausbreitete, entstand die gotische Kursive.
Der Buchdruck brachte im 15. Jahrhundert eine starke Konkurrenz für das Handschreiben, weil Bücher gleicher Art und Güte schnell, billig und in großer Zahl hergestellt werden konnten. Dennoch blieben Schreiber etwa für Akten und Briefe wichtig. Sie gründeten Schreibschulen und entwickelten Schriften weiter; als Lehrer hießen sie Schreibmeister. Zwischen 1500 und 1800 entstanden allein in Deutschland etwa 800 gedruckte Schreibvorlagen.
In Deutschland entwickelte sich aus Formen der gotischen Kursive in Kanzleien und im Wirtschaftsalltag die deutsche Kurrentschrift. Johann Neudörffer, ein Nürnberger Schreibmeister und Zeitgenosse Albrecht Dürers, schuf mit Hieronymus Andreä die Neudörffer-Andreä-Fraktur. Sie bildete eine Grundlage weiterer Frakturschriften und beeinflusste auch Kanzleikurrent und deutsche Kurrentschrift. Für lateinische und nichtdeutsche Texte setzte sich im 16. Jahrhundert die von Niccolò Niccoli entwickelte humanistische Kursive durch. Daraus entwickelte sich die bis heute verwendete lateinische Schreibschrift. Bis ins 20. Jahrhundert lernte ein gebildeter Mensch in Deutschland mindestens zwei Schriftarten flüssig zu lesen und zu schreiben: Normaler Brieftext konnte in deutscher Kurrent, Eigennamen oder hervorgehobene Wörter in humanistischer beziehungsweise lateinischer Schreibschrift stehen.
1941 verbot der Normalschrifterlass nach einer Entscheidung Adolf Hitlers die deutsche Kurrentschrift und erklärte die lateinische Schreibschrift zur alleinigen „deutschen Normalschrift“. Danach blieb die deutsche Kurrentschrift auch nach dem Ende des NS-Staates wenig gebräuchlich.
Reformen und besondere Schreibweisen
In der Kurrentschrift entstanden Hilfszeichen, um ähnlich aussehende Zeichen unterscheiden zu können. Über dem kleinen u wurde im deutschen Sprachraum ein Bogen oder Strich gesetzt (ŭ/ū), damit es nicht mit n verwechselt wurde. Die Doppelbuchstaben „mm“ und „nn“ konnten mit einem Reduplikationsstrich als m̅ und n̅ geschrieben werden. Dieser Strich geriet im 20. Jahrhundert außer Gebrauch; ŭ-Bögen sind heute ebenfalls selten. Ein Schwänzchen oder Kringel am O konnte es von der Ziffer 0 unterscheiden, ein Querstrich an der 7 von der 1 und ein Querstrich am Z (Ƶ) von der 2. Im angelsächsischen Sprachraum bestehen andere Konventionen, etwa das Weglassen des Aufstrichs bei der Ziffer 1 zur besseren Unterscheidung von 7.
Ab 1830 verbreitete sich die spitze Stahlfeder von England aus. Sie war schwieriger zu handhaben als die Kielfeder, setzte sich aber bis Ende des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland durch. Mit Schulpflicht und Schreiben als Grundlehrfach verloren die Meisterschulen an Bedeutung; neue Gebrauchsschriften verbreiteten sich.
Ludwig Sütterlin entwickelte 1911 die Sütterlinschrift als reformierte Ausgangsschrift in deutschem und lateinischem Alphabet. Sie verwendete Steilschriftformen und das Verhältnis 1:1:1 für die Lineaturräume. Die Gleichzugfeder mit Kugelspitze erlaubte Rundzüge mit gleichbleibender Strichstärke und stellte geringe Anforderungen an Haltung und Führung, weshalb Sütterlin sie für Kinder geeignet fand. Die Schnurzugfeder besitzt statt der Kugel ein rundes Scheibchen und wird wegen ihrer gleichförmigen Strichbreite auch für groteske oder technische Schriften eingesetzt. Sütterlin befürwortete für spätere Schuljahre außerdem die rechtsschäge Breitfeder. Seine Schrift wurde 1915 in Preußen und nach dem Leitfaden von 1917 auch in anderen deutschen Ländern eingeführt. 1935 wurde sie abgewandelt als Deutsche Volksschrift Teil des Lehrplans; 1941 endete dies mit dem Normalschrifterlass.
Die Offenbacher Schrift von Rudolf Koch wurde 1927 vorgestellt, blieb nach Einführung der Sütterlinschrift in Hessen 1930 jedoch unbenutzt.
Lateinische Ausgangsschriften und Gegenwart
Seit den 1960er Jahren werden in deutschen Lehrplänen Schnörkel, besonders bei Großbuchstaben, zurückgenommen. Die Schulausgangsschrift von 1968 orientierte sich vor allem an der humanistischen Kursive. Die Vereinfachte Ausgangsschrift von 1972 sollte dagegen Schreibschrift insgesamt aus der geradstehenden Antiqua-Druckschrift entwickeln. In Österreich wurde von 1963 bis 1995 die an die Lateinische Ausgangsschrift der BRD von 1953 angelehnte Österreichische Schulschrift gelehrt; nach kleineren Änderungen 1967 und 1970 verzichtete die Neugestaltung von 1995 auf viele Schleifen und Schnörkel.
Seit 2011 versucht die Grundschrift, Ideen von Fritz Kuhlmann aus dem Jahr 1916 wiederzubeleben. Kinder sollen Schreibformen aus gedruckten Buchstabenformen der Leseschrift entwickeln und eigene Buchstabenverbindungen finden. Kuhlmanns ursprüngliches Konzept bewährte sich nicht und wurde aufgegeben. Die heutige Grundschrift verlangt keine persönliche verbundene Schreibschrift: Buchstaben eines Wortes dürfen einzeln wie Druckschrift stehen; Schleifen in Ober- und Unterlängen entfallen üblicherweise. Der Grundschulverband setzt sich für ihren Ersatz der bisherigen Schreibschriften ein. In einigen Bundesländern wird sie erprobt; Hamburger Grundschulen können seit Herbst 2012 Grundschrift oder Schulausgangsschrift wählen. Hans Eduard Meier entwickelte 2006 die schnörkellose Deutschschweizer Basisschrift als ähnliche zeitgemäße Alternative.
PCs, Tablets und Smartphones drängen Schreibschrift im beruflichen und privaten Leben zurück. Finnland wollte ab Herbst 2016 in Grundschulen Tastaturschreiben neben einer Grundschrift vermitteln; eine gebundene Schreibschrift musste dort nicht mehr gelehrt werden. In Frankreich und Spanien wird keine lateinische Ausgangsschrift unterrichtet. In Schweden und England wählen Schulen ihr Schriftmodell selbst, in Neuseeland schreiben Kinder bis zur vierten Klasse Druckschrift.
In Deutschland bestimmen die Bundesländer die Lehrpläne; Entscheidungen liegen letztlich im Schulcurriculum, teils bei Lehrkräften. Umfragen von 2015 berichteten zunehmende Probleme beim Gebrauch der Schreibschrift, während das Erlernen mehrheitlich als wichtig galt. Eine nicht repräsentative Online-Umfrage lehnte ihre Abschaffung deutlich überwiegend ab. Heinz-Peter Meidinger betrachtet Schreibschrift als Kulturtechnik. Renate Valtin hält Handschrift für unverzichtbar, gebundene Schreibschrift aber nicht für nötig und fordert Tastaturschreiben mit dem Zehn-Finger-System bereits in der Grundschule.