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Ägyptische Hieroglyphen

Die ägyptischen Hieroglyphen hatten ursprünglich den Charakter einer reinen Bilderschrift. Im weiteren Verlauf kamen Konsonanten- und Sinnzeichen hinzu, so dass …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Entwicklung
  2. 2. Entzifferung und verwandte Schriften
  3. 3. Zeichenfunktionen und Lesung
  4. 4. Schreibrichtung und Gestaltung
  5. 5. Schreibpraxis und Aussprache
  6. 6. Digitale Darstellung und Umschrift

Überblick und Entwicklung

Ägyptische Hieroglyphen sind die Zeichen des ältesten bekannten ägyptischen Schriftsystems. Sie wurden etwa von 3200 v. Chr. bis 394 n. Chr. im Alten Ägypten und in Nubien verwendet: für Früh-, Alt-, Mittel- und Neuägyptisch sowie Traditionsägyptisch einschließlich „ptolemäischem“ Ägyptisch. Als vollwertige Schrift reichen ihre Verwendungszeitangaben ungefähr vom 27. Jahrhundert v. Chr. bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. Sie sind wichtig, weil sie Sprache, Verwaltung, Religion und Kultur des Alten Ägypten überliefern.

Die Schrift begann offenbar als System für Abrechnungen und wichtige Ereignisse. Funde kleiner, vermutlich Gefäßherkunft bezeichnender Täfelchen aus dem Fürstengrab U-j in Abydos werden auf etwa 3200 v. Chr. (Naqada III) datiert. Ob die ägyptische Schrift oder die sumerische Keilschrift früher entstand und ob zwischen beiden Abhängigkeiten bestanden, ist umstritten; einzelne frühe Zeichen ähneln sumerischen Zeichen.

Ursprünglich waren die Zeichen stark bildhaft. Die Hieroglyphenschrift wurde jedoch keine bloße Bilderschrift, sondern verband Lautzeichen, Wort- beziehungsweise Bildzeichen und Deutzeichen. Es gab anfangs etwa 700, in griechisch-römischer Zeit etwa 7000 Zeichen. Ein Schreiber der Ramessidenzeit verwendete aber höchstens ungefähr 700. Eine alphabetähnliche Reihenfolge entstand erst vermutlich in der Spätzeit für die Einkonsonantenzeichen.

In Ägypten diente die Schrift zunächst vor allem der Verwaltung, später allen Bereichen. Regelmäßig außerhalb Ägyptens wurde sie nur in Nubien benutzt; dort löste um 300 v. Chr. die meroitische Schrift sie ab. Unter den Ptolemäern von 323 bis 30 v. Chr. und anschließend unter römisch-byzantinischer Herrschaft war Altgriechisch Verwaltungssprache. Hieroglyphen blieben für sakrale Texte in Gebrauch, während Demotisch im Alltag verwendet wurde. Mit dem Christentum geriet die Kenntnis der Schrift in Vergessenheit. Die letzte datierte Inschrift, das Graffito des Esmet-Achom, stammt von 394 n. Chr.

Entzifferung und verwandte Schriften

Die Entzifferung gelang vor allem durch den Stein von Rosetta. Er enthält ein ptolemäisches Dekret auf Griechisch, in hieroglyphischem Ägyptisch und auf Demotisch. Johan David Åkerblad entzifferte 1802 einzelne demotische Wörter; Thomas Young erzielte 1814 weitere Fortschritte, erkannte die Verwandtschaft von Demotisch und Hieroglyphen und fand später hieroglyphische Gegenstücke vieler hieratischer Zeichen. Jean-François Champollion wies anhand der Kartuschen von Ptolemaios VIII., Kleopatra II. und Kleopatra III. nach, dass Hieroglyphen auch phonetische Zeichen besitzen. Bis 1822 waren die Hieroglyphen im Wesentlichen entziffert. Richard Lepsius' Entdeckung von Mehrkonsonantenzeichen und phonetischen Komplementen vervollständigte das Verständnis des Systems.

Neben der Monumentalschrift Hieroglyphen gab es mehrere Schriftformen. Hieroglyphen waren besonders für Tempel- und Grabwände bestimmt und häufig farbig; Farbe konnte teils naturgetreu, teils konventionell sein und ausnahmsweise formgleiche Zeichen unterscheiden. Ihre Gestaltung folgte auch ornamentalen, räumlichen und magischen Gesichtspunkten.

Das Hieratische ist ebenso alt wie die Hieroglyphen und deren kursive, also schnell geschriebene Variante für Binse auf Papyrus, Ostraka aus Kalkstein oder Ton und ähnliche Materialien. Die Zeichen wurden mit der Zeit weniger bildhaft, beruhten aber auf denselben Schriftprinzipien. Es diente zunächst allgemeinen Texten und später vor allem religiösen Texten. Kursivhieroglyphen entstanden am Ende des Alten Reiches aus frühem Hieratisch; sie blieben der hieroglyphischen Form näher und wurden bis zur 20. Dynastie für religiöse Texte auf Särgen und Papyri genutzt.

Die demotische Schrift entstand um 650 v. Chr. als noch flüssigere, stärker abstrahierte Kanzlei- und Gebrauchsschrift. Sie wurde im 4./5. Jahrhundert n. Chr. von der koptischen Schrift abgelöst, einer um einige demotische Zeichen ergänzten Form der griechischen Schrift. Obwohl Demotisch Grundprinzipien mit Hieroglyphen teilt, ist der Unterschied so groß, dass es kaum noch als deren Subsystem gilt.

Zeichenfunktionen und Lesung

Eine Hieroglyphe kann als Phonogramm, Ideogramm oder Determinativ wirken; der Kontext entscheidet über die Funktion. Phonogramme geben Lautwerte wieder, Ideogramme oder Logogramme stehen für ein Wort oder einen Wortstamm, und Determinative werden nicht gesprochen, sondern erläutern die Bedeutung. Manche Zeichen können eine, zwei oder alle drei Funktionen haben.

Phonogramme notieren grundsätzlich Konsonanten, keine Vokale. Es gibt Einkonsonantenzeichen für einen Konsonanten sowie Mehrkonsonantenzeichen für Folgen von Konsonanten. Beispielsweise steht wn für /w/+/n/ und ḥtp für /ḥ/+/t/+/p/. Ob zwischen den Konsonanten ein Vokal gesprochen wurde, spielt für die Schreibung eines Mehrkonsonantenzeichens keine Rolle. Das moderne „konsonantische Alphabet“ umfasst gut zwei Dutzend Einkonsonantenzeichen. Obwohl diese allein zur Wiedergabe des Ägyptischen ausreichen könnten, war die Schrift nie eine reine Alphabetschrift.

Mehrkonsonantenzeichen können mehrdeutig sein. Das Zeichen Ab kann je nach Wort ꜣb oder mr darstellen. Phonetische Komplemente, meist ergänzende Einkonsonantenzeichen, verdeutlichen den Lautbestand: ꜣb wird gewöhnlich ꜣb-b geschrieben, aber nur ꜣb transkribiert; mr kann als m-mr-r oder mr-m-r erscheinen, wird jedoch nur mr transkribiert. Auch eindeutige Zeichen wie mn werden oft durch ein Komplement ergänzt. Fehlt die Ergänzung, entscheidet meist der Kontext.

Logogramme werden häufig durch einen Ideogrammstrich kenntlich gemacht. Das Zeichen pr, ein Hausgrundriss, steht mit diesem Strich für „Haus“, ägyptisch prw; das Sonnenzeichen N5 steht so für Re, rꜥw. Die meisten Wörter wurden jedoch mit Phonogrammen geschrieben. Logographische Schreibungen nahmen seit dem Alten Reich ab und wurden oft durch phonetische Schreibungen mit Determinativ ersetzt.

Determinative unterscheiden besonders Wörter mit demselben Konsonantenbestand. pr ohne Determinativ bedeutet „Haus“, pr mit zwei laufenden Beinen bedeutet „herausgehen“, pr(j). Beim Konsonantenbestand wn kann ein Türflügel „öffnen“, ein Beinpaar „eilen“, ein Sperling „Fehler; Schuld; Tadel“ und ein Haarbüschel „kahl werden“ kennzeichnen. Das System stabilisierte sich erst im Mittleren Reich; im Neuen Reich wurden weniger, allgemeinere Determinative verwendet, teils mehrere zugleich. Königs- und Götternamen konnten durch eine Kartusche hervorgehoben werden.

Schreibrichtung und Gestaltung

Hieroglyphen wurden ursprünglich meist in Spalten von oben nach unten und von rechts nach links geschrieben. Die Richtung konnte aus gestalterischen Gründen wechseln; selten kommt Bustrophedon vor, also wechselnde Zeilenrichtung. Normalerweise blicken Menschen- und Tierzeichen zum Textanfang und damit dem Lesenden entgegen. Bei retrograder Schrift, etwa in vielen Totenbuchmanuskripten, weisen sie dagegen zum Textende. Wortzwischenräume wurden meist nicht gesetzt, doch kennzeichnet häufig ein abschließendes Determinativ das Wortende.

Zeichen wurden nicht einfach hintereinander gesetzt, sondern zu rechteckigen Gruppen angeordnet. Für eine lückenlose, ausgewogene Gestaltung konnten Zeichen ihre Reihenfolge oder ihren Platz innerhalb einer Gruppe verändern. Zeichen mit freiem Raum hinter sich ließen ein folgendes Zeichen oft davor treten. Aus Ehrfurcht stellte man bestimmte Zeichen voran: Im Namen Ḫꜥj=f-Rꜥ steht das Zeichen für den Sonnengott Re schriftlich vorn, obwohl es gesprochen am Ende steht.

In religiösen Texten wurden Zeichen für Lebewesen häufig weggelassen oder verstümmelt. Menschen erschienen zum Beispiel nur als Oberkörper mit Kopf, Tiere wurden durchgestrichen. Als Ersatz für ein Lebewesen darstellendes Determinativ diente oft Z5. Die Gruppenschrift ist eine besondere Schreibweise, die im Neuen Reich vor allem für Fremdwörter verwendet wurde. Nach einer wissenschaftlichen Interpretation können Gruppen aus ein bis drei Hieroglyphen ganze Silben und teilweise Vokale andeuten. Wie eindeutig Vokale wiedergegeben werden, ist nicht geklärt. Für den Namen der kretischen Stadt Amnissos wird die Konsonantenfolge ˀ-m-n-š allgemein anerkannt; W. Schenkel und W. Helck präzisieren sie zu ˀ(a)-m(a)-ni-š(a), nehmen aber an, dass nur i und u, nicht a, eindeutig notiert werden konnten.

Schreibpraxis und Aussprache

Als Schriftmedien verwendeten die Ägypter Stein, Ton, Papyrusrollen, Leder und Leinen; Papyri und andere Träger konnten kolorierte Bilder tragen. Der längste erhaltene Papyrus misst 40 Meter. Leder war vor allem Texten großer Bedeutung vorbehalten. Zum Schreibzeug gehörten ein hölzernes Etui mit Schreibröhren, eine Platte als Papyrusunterlage, schwarze Rußtinte mit Gummi arabicum als Bindemittel, rote Tinte für Titel, Überschriften und Kapitelanfänge, Wassergefäß und Messer zum Schneiden von Papyrus.

Schreibkenntnis war eine Grundvoraussetzung für staatliche Laufbahnen. sesch bedeutete sowohl „Schreiber“ als auch „Beamter“. Im Alten Reich lernten Schüler vermutlich bei Eltern oder anderen Schreibkundigen; ab dem Mittleren Reich sind Schulen vereinzelt, im Neuen Reich gut belegt. Die Ausbildung begann mit Hieratisch, später Demotisch. Hieroglyphen lernte man später, und nicht jeder Schreiber beherrschte sie. Diktate und Abschreibübungen waren zentrale Methoden. Überliefert sind auch Züchtigungen und Gefängnisstrafen zur Disziplinierung. Das Buch Kemit aus dem Mittleren Reich scheint für Unterricht geschrieben worden zu sein.

Die ursprüngliche Aussprache ist nicht eindeutig rekonstruierbar, weil Hieroglyphen keine Vokale notieren. Koptisch, hieroglyphische Schreibungen, umstrittene afroasiatische Lautentsprechungen sowie griechische und keilschriftliche Umschreibungen liefern Hinweise. Daher unterscheiden sich Namensformen wie deutsches „Nofretete“ und englisches „Nefertiti“ für Nfr.t-jy.tj.

Ägyptologen nutzen eine Behelfsaussprache: Sie fügen zwischen vielen Konsonanten e ein und sprechen ꜣ und ꜥ als a, w als w oder u sowie j und y als i. Das entspricht nicht zwingend der historischen Lautung. Überlieferte griechische oder koptische Namensformen können bevorzugt werden, etwa „Amun“ statt „Imenu“ für Jmn.w. Selbst nfrt, das Femininum von nfr „schön“, wird je nach Konvention neferet, nefret oder nefert gesprochen.

Digitale Darstellung und Umschrift

Der Unicodeblock Ägyptische Hieroglyphen umfasst U+13000–U+1342F; etwa Segoe UI Historic, das ab Windows 10 mitgeliefert wird, deckt ihn ab. Programme für Hieroglyphensatz verwenden häufig das Manuel-de-Codage-Format (MdC). Es kodiert Zeichen mit ASCII-Zeichen, meist über Nummern der Gardiner-Liste oder Lautwerte, und kann auch deren komplexe Anordnung beschreiben. Für ein originalgetreues Bild müssen Programme Zeichen spiegeln, stufenlos skalieren und teilweise oder vollständig überlagern können.

Die ägyptologische Transkription setzt hieroglyphische Schreibungen in Lautwerte und Wortstrukturmerkmale um, damit Forschende darüber leichter kommunizieren können. Sie gibt insbesondere keine Determinative wieder. Deshalb lässt sich aus einer Transkription die genaue hieroglyphische Schreibung nicht eindeutig zurückgewinnen. Die verwendeten Transkriptionssysteme unterscheiden sich vor allem im Aussehen der Zeichen: Der Laut der Hieroglyphe T, meist als IPA /tš/ gedeutet, wird beispielsweise als ṯ oder in einem Teil der Forschung als č geschrieben.

Strukturzeichen trennen Morpheme, also bedeutungstragende Wortteile. jnsbtnsn kann etwa als j.nsb.t.n=sn transkribiert werden, um Präfixe und Suffixe sichtbar zu machen. Ihre Verwendung ist nicht einheitlich. Bei hieratischen Texten werden Zeichen vor der Umschrift oft zunächst in Hieroglyphen überführt; dieser Schritt heißt Transliteration. Demotische Texte werden wegen ihres großen Abstands zu Hieroglyphen gewöhnlich direkt transkribiert. Die Begriffe „Transkription“ und „Transliteration“ werden international, besonders im Englischen, nicht überall gleich verwendet.

Alle benötigten Transkriptionszeichen sind in Unicode enthalten. Das ägyptologische Jod wurde erst im März 2019 aufgenommen, weshalb ältere Ersatzdarstellungen und Nicht-Unicode-Fonts weiterhin vorkommen. Nicht jeder Font enthält alle Zeichen; als spezieller Font wird New Athena Unicode genannt.

Lernvideos zu Ägyptische Hieroglyphen

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