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Ausgangsschrift
Eine Ausgangsschrift ist ein Schriftmuster, das der optischen Orientierung für das manuelle Schreibenlernen in der Schule dient. Im Sinne eines Leit- oder …
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Was ist eine Ausgangsschrift?
Eine Ausgangsschrift ist ein Schriftmuster, das als optische Orientierungshilfe beim manuellen Schreibenlernen in der Schule dient. Sie soll als Leit- oder Vorbild den Prozess des handschriftlichen Schreibens unterstützen, der Teil des Schriftspracherwerbs ist. Ausgangsschriften werden als Alphabete mit Groß- und Kleinbuchstaben dargestellt, meist ergänzt durch Ziffern und Satzzeichen. Für Bewegungsausführung und Buchstabengestaltung gibt es zusätzlich Lernmaterialien wie Übungsblätter und Hefte. Eine Ausgangsschrift ist keine Zielschrift: Sie muss nicht besonders schön oder effizient sein, sondern vor allem einfach und klar. Die Schüler sollen aus ihr eine eigene, individuelle Handschrift entwickeln. In einer Ausgangsschrift sind festgelegt: der Charakter der Linie (z. B. Schnurzug, Wechselzug, Schwellzug), das Verhältnis von Strichstärke zu Schriftgröße, die charakteristischen Merkmale der Schriftzeichen, die Größen- und Breitenproportionen der Buchstaben, die Stellung der Hauptachsen (Neigungswinkel), die Verbindungen und Ligaturen sowie die Bewegungsausführung (Duktus). Ausgangsschriften demonstrieren außerdem ein Stilprinzip, das eine visuelle Ordnung im Schriftbild herstellt – eine Voraussetzung für Lesbarkeit. Hilfsmittel dabei sind Lineaturen, zu deren Verwendung es unterschiedliche Auffassungen gibt. In Deutschland sind Ausgangsschriften im Lehrplan für den Deutschunterricht verankert, der auch ihre Verbindlichkeit regelt.
Historischer Kontext
Traditionell wurde früher eine schöne, lesbare und effizient zu schreibende Schreibschrift als Normschrift vorgegeben, der sich die Schüler annähern sollten. Schriftpädagogen wie Rudolf von Larisch und Ludwig Sütterlin änderten dies im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, indem sie anstelle einer Zielschrift eine Ausgangsschrift setzten. Fritz Kuhlmann ging 1916 noch weiter: Die Schüler sollten aus einer Druckschrift (nicht aus einer Ausgangsschreibschrift) eine individuelle Schreibschrift entwickeln; der Drang zur Schnelligkeit sollte sie selbst Verbindungen und flüssige Züge erfinden lassen. Dieser Ansatz bewährte sich damals nicht, wurde aber 2011 unter dem Namen Grundschrift wiederbelebt und seither erneut erprobt.
Entwicklung in Deutschland bis 1941
Nach der karolingischen Minuskel (9.–12. Jahrhundert) setzte sich eine Schreibschrift durch, an die die gotische Kursive (ab dem 14. Jahrhundert) anknüpfte. Der Nürnberger Schreibmeister Johann Neudörffer (1497–1563), an der Schöpfung der Fraktur beteiligt, schuf 1538 in seinem Schreibbuch eine Stileinheit der deutschen Kurrentschriften, die lange erhalten blieb. Neben der deutschen Kurrentschrift entwickelte sich die humanistische Kursive und daraus die lateinische Schreibschrift; Gebildete im deutschen Sprachraum lernten beide Schriften. 1714 wurde in Preußen erstmals eine Normschrift eingeführt, die auf den Berliner Lehrer Hilmar Curas zurückgehen soll; ihre spitzen, nach rechts geneigten Formen prägten die deutschen Kurrentschriften. Ludwig Sütterlin (1865–1917) setzte auf das Ausgangsschrift-Prinzip und die Gleichzugfeder: Seine senkrechte Schrift mit Längenverhältnis 1:1:1 und geometrischen Formen gab es in deutscher und lateinischer Variante und wurde 1924 in Preußen und ab 1930 in den meisten deutschen Ländern eingeführt. Rudolf Koch entwickelte in Hessen die Offenbacher Schrift (1927) mit Breitfeder, die sich aber nicht durchsetzte; ebenso wenig die Stäbchenschrift von Maximilian Schlegl. 1933 führte Hans Schemm in Bayern die Bayerische „Volksschrift“ ein. Mit Erlass vom 7. September 1934 (gültig ab Schuljahr 1935/36) wurde reichsweit die „Deutsche Schrift“ eingeführt: eine steile „Ausgangsschrift“ (Klassen 1–2) und eine leicht schräge „Verkehrsschrift“ (ab Klasse 3), eine Variante der Bayerischen Volksschrift.
Ausgangsschriften in Deutschland seit 1941
1941 wurden mit dem Normalschrifterlass alle gebrochenen und Kurrentschriften abgeschafft. Ab Schuljahr 1941/42 wurde ausschließlich die lateinische Schreibschrift gelehrt, mit der neuen „Deutschen Normalschrift“ auf Grundlage der lateinischen Sütterlinschrift (Rechtsneigung, Vereinfachungen wie Abschaffung der Schlaufen bei x, X, T und der Unterlänge bei z, Z, F, H; das lange s entfiel). Die Lateinische Ausgangsschrift (LA) wurde vom Iserlohner Schreibkreis aus der Deutschen Normalschrift entwickelt und durch KMK-Erlass vom 4. November 1953 von 1953 bis 1955 fast bundesweit eingeführt (Bremen 1960, Bayern 1966). In der DDR wurde 1968 die Schulausgangsschrift (SAS) eingeführt, mit vereinfachten Großbuchstaben, um gleichzeitig mit dem Lesenlernen beginnen zu können; 1991 wurde sie teilweise in den alten Bundesländern übernommen. In der Bundesrepublik wurde 1969 die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) entwickelt, um Schwierigkeiten mit der LA zu beheben: Die Formen wurden den Druckbuchstaben angenähert, Anfangs- und Endpunkte fast aller Kleinbuchstaben an das obere Mittelband gelegt, das z erhielt wieder seine Unterschlinge; erprobt seit 1972. Die optimierte Variante VA Plus (seit 2014 im bayerischen Lehrplan Plus) unterscheidet sich durch die Schreibweise von e, s, ß, t und z. Die Grundschrift (seit 2011 erprobt, entwickelt im Auftrag des Grundschulverbands) verzichtet ganz auf Schreibschriftunterricht; nur eine Druckschrift dient als Ausgangsschrift, aus der die Schüler selbstständig eine persönliche Handschrift entwickeln.
Ausgangsschriften in den Bundesländern und anderen Ländern
In Deutschland werden vier Ausgangsschriften verwendet: Lateinische Ausgangsschrift (LA), Vereinfachte Ausgangsschrift (VA), Schulausgangsschrift (SAS) und Grundschrift. Die Regelung liegt bei den Bundesländern: verbindlich vorgeschrieben ist die SAS z. B. in Berlin, Sachsen, Saarland und Sachsen-Anhalt sowie in Hamburg; in Bayern können Schulen seit Lehrplan Plus (2014/15) zwischen VA und SAS wählen, in Baden-Württemberg zwischen LA und VA (jede Schule verbindlich), in Schleswig-Holstein (seit 1994) und Brandenburg/Mecklenburg-Vorpommern gibt es mehrere Wahlmöglichkeiten. In Nordrhein-Westfalen ist die Druckschrift Ausgangsschrift, in Bremen gibt es keinerlei Vorgaben, in Thüringen (seit 2010) ist nur das Erlernen einer Druckschrift vorgeschrieben; Hessen regelte es 2011–2020 gleichartig und empfahl ab 2021/22 bzw. verpflichtete ab 2022/23 auf SAS oder VA bei der verbundenen Schreibschrift. Österreich: Nach älteren Regelungen (1775 unter Maria Theresia, 1832, „Richtformen 1924“ in Wien, bis 1938/39 Kurrentschrift als Erstschrift) galt ab 1941 die Deutsche Normalschrift. 1963 wurde die Lateinische Ausgangsschrift weitgehend identisch eingeführt. Die neue „Österreichische Schulschrift 1995“ entfernte viele Innenschleifen; seit Schuljahr 1995/96 haben Lehrer freie Wahl zwischen der Schulschrift 1995 und der älteren von 1969, die ab 2023/24 nicht mehr gelehrt werden soll. Schweiz: Die Schweizer Schulschrift (umgangssprachlich „Schnüerlischrift“) wurde 1947 eingeführt. 2006 entwickelte Hans Eduard Meier die schnörkellose Deutschschweizer Basisschrift; die Erziehungsdirektoren-Konferenz empfahl sie 2014, und bis zum Schuljahr 2021/22 führten alle Kantone die Basisschrift(-pflicht) ein, Bern kennt nur eine Empfehlung. Eine Studie von 2008 zeigte Vorteile der Basisschrift bei Schreibmenge, Lesbarkeit und Schreibfreude. Frankreich empfiehlt seit 2013 die modèles d'écriture scolaire A und B. Dänemark löste 1875 gebrochene Schriften durch die „løkkeskrift“ ab und führte 1952 die Formskrift ein. Schweden führte 1975 die SÖ-stilen ein, deren Verbindlichkeit nach Kritik zehn Jahre später aufgehoben wurde. In den USA lösten nacheinander Spencer-Methode (ab 1840er), Palmer-Methode (um 1888), Zaner-Bloser-Methode (1976) und D’Nealian-Methode (1978) einander ab; neuere Lehrschriften sind Handwriting Without Tears und die humanistische Kursivschrift von Getty-Dubay. In Hongkong lernen Grundschüler anhand der Regelschrift; die Zeichenformen sind in den Hong Kong Chinese Lexical Lists for Primary Learning von 2009 festgelegt.