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Schriftkultur
Schriftkultur (zu lateinisch cultura ‚Pflege, Bearbeitung') bezeichnet die Tradierung und Übermittlung kultureller Zeugnisse, Normen, Werte und Leistungen …
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Bedeutung und Kennzeichen
Schriftkultur bezeichnet die Tradierung und Übermittlung kultureller Zeugnisse, Normen, Werte und Leistungen durch Schrift. Ihre Existenz gilt als Merkmal einer Hochkultur. Sie beruht auf der Pflege und Normierung eines oder mehrerer Schriftsysteme, die in einer Sprachgemeinschaft oder einem Kulturraum etwa für Handel, Güterherstellung, Sozialorganisation, Kunst, Literatur, Wissenschaft, Religion und Geschichtsschreibung verwendet werden.
Wie Schrift verwendet und aufgenommen wird, hängt sowohl vom Schriftsystem als auch von gesellschaftlichen Bedingungen ab. In vielen höherentwickelten Kulturen prägen Schrift und schriftliche Dokumente fast alle Bereiche des Kulturschaffens. Dabei können eigene Formen, Regeln und ästhetische Maßstäbe entstehen, beispielsweise Literatur- und Dichtersprache, liturgische Texte, Typographie und Kalligraphie, formalisierte Kanzlei- oder Verwaltungssprache sowie Grab- und Denkmalinschriften.
Wesentlich sind auch Schriftsammlungen und zentrale Aufbewahrungsorte wie Bibliotheken und Archive. Schriftkultur bedeutet jedoch nicht, dass alle Mitglieder einer Sprachgemeinschaft lesen oder schreiben können: Diese Fähigkeiten waren oft bestimmten Schichten vorbehalten. Bevorzugte Schreibmedien und Werkzeuge können eine Schriftkultur prägen; ihre Bereitstellung setzt bereits Arbeitsteilung und Handel voraus.
Schreibmedien, Werkzeuge und Inschriften
Aus mediengenealogischer Sicht werden mehrere Entwicklungsepochen unterschieden: Oralität (gesprochene Sprache), Literalität (geschriebene Sprache), das Typographeum beziehungsweise die Gutenberg-Galaxis (gedruckte Sprache) und das Informationszeitalter mit digitaler oder elektronischer Sprache. Letzteres wird je nach Ansatz auch Marconi-, McLuhan- oder Turing-Galaxis genannt.
Die ältesten Hochkulturen Mesopotamiens schrieben mit Griffeln auf Tontafeln und -zylindern; im antiken Rom und Griechenland dienten Wachstafeln ähnlichen Zwecken. In Ägypten kam im 3. Jahrtausend v. Chr. Papyrus auf, ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. zudem das teurere Pergament. In China verwendete man Filzstoffe und Bambusplatten für gewöhnliche Schriften, Seide für Kunstwerke und ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. Papier. In Süd- und Südostasien wurden, ausgehend von Südindien, Palmblätter genutzt. Papier gelangte ungefähr im 8. Jahrhundert n. Chr. über Mittelasien nach Europa und war dort ab dem 12. Jahrhundert gebräuchlich.
Passend zum Material nutzte man unterschiedliche Werkzeuge: Ägypter und Griechen dünne Binsenstifte als Rohrfedern, Inder und Araber stärkere Rohre aus Zucker- oder Schilfrohr. Diese verbreiteten sich im europäischen Mittelalter. Vogelfedern wurden im 18. Jahrhundert durch Stahlfedern ersetzt; ebenfalls damals verbreiteten sich Bleistifte. In China und Japan wird traditionell mit dem Schreibpinsel geschrieben.
Monumente aus Stein dienten schon den ersten Hochkulturen dazu, Errungenschaften dauerhaft zu zeigen. Eingemeißelte oder in Metall gegossene Texte an Denkmälern sollen Erklärungen und Deutungen vor Verfälschung durch Unkenntnis schützen. Solche Inschriften sind oft die wichtigsten Zeugnisse untergegangener Schriftkulturen, besonders wenn vergängliche Schriftzeugnisse nicht kopiert oder konserviert wurden; genannt werden Maya-Schrift und ägyptische Hieroglyphen.
Vom Druck zur digitalen Schrift
Zur Schreibkultur gehört neben dem händischen Schreiben auch der Druck. Stempel und Siegel waren schon lange gebräuchlich, doch vollständige Schriftstücke wurden erst im Mittelalter gedruckt: zunächst in China und Korea, in Europa im 15. Jahrhundert durch Gutenbergs Buchdruck mit beweglichen Lettern.
Im 19. Jahrhundert entstand die Schreibmaschine. Sie wurde im 20. Jahrhundert zum wichtigsten Schreibutensil in Verwaltung und Literatur und später durch PCs mit Druckern abgelöst. Im Informationszeitalter muss Schrift nicht mehr auf einem körperlichen Medium festgehalten werden, sondern kann digital ausgetauscht werden.
Schriftkenntnisse und regionale Schriftkulturen
Lesen und Schreiben waren in verschiedenen Zeiten unterschiedlich verbreitet und fielen nicht immer zusammen: Es gab stets Menschen, die lesen, aber nicht schreiben konnten. Der englische Begriff literacy bezeichnet Lesen und Schreiben; illiteracy wird außerdem mit Ungebildetheit übersetzt.
In antiken Kulturen ohne allgemeine Schreibkenntnisse gab es den Beruf des Schreibers, besonders als Hofbeamter oder Buchhalter. Im Vorderen Asien waren Lese- und Schreibfähigkeit nicht weit verbreitet. Buchreligionen betonten zusätzlich zur höfischen und wirtschaftlichen die religiöse Bedeutung der Schrift. In der römischen und griechischen Zeit waren Kenntnisse dagegen in der städtischen Ober- und sogar Mittelschicht üblich; auch die künstlerische Schreibkultur blühte. Im christlichen Mittelalter ging dieses Bildungsniveau stark zurück, und selbst die Mehrheit der Fürsten konnte nicht lesen. Mönche und Schriftgelehrte galten als hoch gebildet. Latein sicherte eine einheitliche europäische Schriftsprache, war aber für ungebildete Schichten eine zusätzliche Hürde. Mönche bewahrten Schrift und fertigten prächtige Bibelhandschriften an, die die europäische Kunst prägten.
In China und Japan blühte die Schriftkultur früh. Nach der Reichseinigung im 2. Jahrhundert v. Chr. vereinheitlichte die Qin-Dynastie das Schriftsystem zur Han-Schrift. Obwohl sich Zeichenformen änderten, ermöglichte ihre nahezu gleichbleibende Bedeutung Informationsaustausch über Jahrtausende. Die Kunst des Schreibens ist zentral für Bildung; chinesische Kalligrafie gilt als der Malerei gleichrangige Kunstrichtung. In Indien gingen handschriftliche Überlieferungen wegen des feuchtwarmen Klimas häufiger verloren als im ariden Vorderen Orient; daher ist die orale Überlieferung stärker, obwohl sich viele Schriftsysteme und Alphabete entwickelten.
Die arabische Schriftkultur wird wesentlich durch den Koran geprägt. Madrasa und Moschee sowie eine einheitliche Sprache förderten ihren Aufstieg und die hohe Alphabetisierungsrate der islamischen Welt bereits im Mittelalter. Wegen des Bilderverbots wurde arabische Kalligrafie zur bildenden Kunst; auch die arabischen Zeichen entwickelten sich stark weiter. Die hebräische Schriftkultur ist durch Tanach, Talmud und ein Bilderverbot geprägt. Für traditionell lebende Juden ist die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift wichtig; im mittelalterlichen West- und Mitteleuropa waren Juden trotz häufiger Diskriminierung Bildungs- und Kulturträger.
Neuzeit und Informationszeitalter
Seit der Renaissance blühten im christlichen Europa, begünstigt durch Humanismus, Reformation, Aufklärung und Buchdruck, künstlerische Schriftkultur und Literatur. Für Adel und gehobene Schichten wurde Schrift wieder selbstverständlich. Gedruckte Bücher, Zeitungen, Karten, Flugblätter, Werbung und Banknoten konnten zunehmend billiger vervielfältigt werden. Bis ins 19. Jahrhundert führten Europa und Nordamerika schrittweise Gesetze zur Schulpflicht ein, um Lese- und Schreibkenntnisse zu verbreiten. Im Kolonialismus wurde zugleich versucht, europäische Schriftkultur weltweit zu verbreiten; zahlreiche weniger hoch entwickelte Schriftkulturen gingen dadurch unter, etwa Maya-Schrift, Azteken-Schrift und Inka-Knotenschrift.
Im 20. und 21. Jahrhundert prägen lokale Traditionen und Englisch als Weltverkehrssprache die Schriftkultur weltweit. Menschen ohne Lese- und Schreibfähigkeit sind in einer schriftorientierten Welt stark benachteiligt; Alphabetisierungskampagnen sollen Illiteralität senken. Tonträger, Film und digitale Speichermedien ergänzen oder verdrängen die textfixierte Schriftkultur durch eine Medienkultur. Mihai Nadin erklärte 1999 in Jenseits der Schriftkultur den Höhepunkt der Schriftkultur für überschritten und erwartete multimediale Mischformen statt schriftlichen Austauschs. Auch Vilém Flusser erwartete, dass die Schriftkultur des 20. Jahrhunderts durch ein neues Paradigma ersetzt werde.