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Deutsche Kurrentschrift
Die deutsche Kurrentschrift (lateinisch currere „laufen“), auch und insbesondere im Ausland nur als Kurrent bezeichnet, ist eine Schreibschrift.
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Einordnung und Bedeutung
Die deutsche Kurrentschrift, kurz Kurrent, ist eine Schreibschrift, die vom Beginn der Neuzeit bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts im gesamten deutschen Sprachraum als allgemeine Verkehrsschrift diente. In der Schweiz blieb sie bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts gebräuchlich. Sie wird auch deutsche Schreibschrift oder deutsche Schrift genannt; „deutsche Schrift“ kann allerdings ebenfalls bestimmte gebrochene Druckschriften bezeichnen.
In der Paläografie, der Wissenschaft von alten Schriften, gehört Kurrent zu den gebrochenen Schriften und geht auf die Kanzleibastarda zurück. Wegen ihrer spitzen Winkel wird sie als „Spitzschrift“ bezeichnet, obwohl sie auch zahlreiche Rundungen enthält. Typischerweise schrieb man sie zunächst mit einem Federkiel, später mit einer Bandzugfeder. Dadurch änderte sich die Strichstärke je nach Schreibrichtung. Seit dem 19. Jahrhundert verwendete man außerdem die metallene Spitzfeder, bei der der Schreibdruck an- und abschwellende Linien erzeugt.
Heute ist die Schrift vor allem für die Arbeit mit historischen Quellen wichtig. Historiker, Forschende anderer Fachrichtungen und genealogisch Interessierte müssen sie lesen können, um ältere handschriftliche Dokumente zu erschließen.
Entwicklung bis zum 19. Jahrhundert
Die deutsche Kurrentschrift entwickelte sich im frühen 16. Jahrhundert aus der Kanzleibastarda. Im 17. und 18. Jahrhundert beeinflussten besonders die Nürnberger und die sächsische Schreibschule ihre Form.
1714 führte Preußen durch einen Erlass erstmals eine Normschrift an den Schulen ein. Sie soll auf Hilmar Curas, einen Berliner Lehrer am Joachimsthalschen Gymnasium, zurückgehen. Kennzeichnend waren spitze, nach rechts geneigte Buchstaben, bei denen Rundungen weitgehend vermieden wurden. Diese schulische Ausgangsschrift verbreitete sich auch außerhalb Preußens und prägte die weitere Entwicklung der Kurrent.
Im 19. Jahrhundert veränderte die Einführung der metallenen Spitzfeder das Schriftbild. Sie erforderte eine bestimmte Haltung der Hand und führte zu einer stärkeren Schrägstellung der Schrift. Der Neigungswinkel konnte bis zu 45 Grad betragen; eine solche Schräglage hatte es in den vorherigen Jahrhunderten nicht gegeben.
Verbreitung und parallele Schriftverwendung
Seit dem 16. Jahrhundert war Kurrent die übliche Verkehrsschrift im gesamten deutschen Sprachraum. In Österreich wurde sie zudem als Amts- und Protokollschrift verwendet. In der Schweiz diente sie bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts als Verkehrs-, Amts- und Protokollschrift. Auch außerhalb des deutschen Sprachraums verbreitete sie sich in nichtromanischen Sprachen, darunter Dänisch, Norwegisch und Tschechisch. In Dänemark und Norwegen hieß sie „Gotisk skrift“ und wurde mit geringfügigen Veränderungen bis 1875 benutzt.
Kurrent schrieb man hauptsächlich für Texte in der jeweiligen eigenen Sprache, im deutschen Sprachraum also vor allem für deutsche Texte. Daneben verwendete man die lateinische Schreibschrift etwa für Überschriften, Eigennamen, Fremdsprachen und Briefe an Personen im Ausland. Diese Zweiteilung entsprach dem Nebeneinander von Fraktur und Antiqua im Druck. Gebildete Schreiber beherrschten daher gewöhnlich zwei unterschiedliche Schreibschriften.
Sütterlin, Abschaffung und spätere Nutzung
1911 begann der Grafiker Ludwig Sütterlin in Preußen mit einer Veränderung und Normierung der deutschen Kurrentschrift. Er entwickelte für den Schulunterricht eine deutsche und eine lateinische Ausgangsschrift. Seine deutsche Schrift war grafisch einfacher zu formen als die zuvor übliche Kurrent. Sie war für die Gleichzugfeder ausgelegt und besitzt deshalb eine gleichmäßige Strichstärke. Auch ihre aufrechten Buchstaben sowie ihre Breiten- und Höhenverhältnisse machen sie leicht von anderen Kurrentschriften unterscheidbar.
Die Sütterlinschrift wurde in Deutschland verstärkt eingeführt, sodass dort die Bezeichnung Kurrent außer Gebrauch kam. Zwischen 1915 und der Zeit des Nationalsozialismus setzte sie sich schrittweise an deutschen Schulen durch. In Österreich geschah dies nicht; dort blieb die traditionelle Kurrentschrift im Schulgebrauch.
1941 schaffte das Deutsche Reich die gebrochenen und deutschen Schriften zugunsten der lateinischen Schrift ab. Martin Bormanns Erlass vom 3. Januar 1941 ordnete zunächst an, Bücher und Zeitschriften künftig in Antiqua statt in Fraktur zu drucken. Am 1. September 1941 regelte das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung den Schreibunterricht durch den Normalschrifterlass neu. Die dabei eingeführte „deutsche Normalschrift“ war eine lateinische Schreibschrift, die auf Sütterlins lateinischem Alphabet beruhte. Von 1942 bis 1945 durfte an deutschen Schulen ausschließlich sie gelehrt und verwendet werden.
Nach 1945 lehrten west- und ostdeutsche Schulen die deutsche Schrift teilweise noch bis in die 1970er und 1980er Jahre zusätzlich zur lateinischen Ausgangsschrift. Häufig, aber nicht immer, handelte es sich dabei um Sütterlin. Im Alltag wurde sie jedoch kaum noch benutzt. Bis ins späte 20. Jahrhundert verwendete man in Mathematik und Physik teilweise Kurrentbuchstaben: Klein- oder Großbuchstaben bezeichneten Vektoren und komplexe Zahlen, Großbuchstaben auch Matrizen oder Tensoren zweiter Stufe. Der 1918 gegründete Bund für deutsche Schrift und Sprache setzt sich bis in die Gegenwart (2026) für die Erhaltung und Pflege deutscher Schriften ein.
Kennzeichen und Leseregeln
Die deutsche Kurrentschrift ist nach rechts geneigt und besitzt Schleifen an den Oberlängen, also an den Teilen von Buchstaben, die über die normale Zeilenhöhe hinausragen. Die Schäfte von f und langem s (ſ) reichen wie bei älteren Kanzleibastarden nach unten. Viele Buchstaben werden in einem einzigen Federzug geschrieben. Bei h und z befinden sich durchgezogene Schleifen an den Unterbögen.
Besonders auffällig ist das e, dessen charakteristische Form einem n ähnelt. Aus dieser Form entstanden historisch die Umlautpunkte des deutschen Alphabets. Auch n und u sehen ohne Zusatzzeichen gleich aus. Deshalb erhält das u zur Unterscheidung einen Bogen. Ein gerader Strich über n oder m ist dagegen ein Reduplikationsstrich: Er zeigt an, dass der betreffende Konsonant verdoppelt wird.
Zum Alphabet gehörten außerdem typische Ligaturen, also fest verbundene Buchstabenkombinationen. Genannt werden ch, ck, th, sch beziehungsweise ſch, ß beziehungsweise ſz sowie st beziehungsweise ſt.
Typische Schriftzeugnisse
Die erhaltenen Beispiele zeigen Kurrent in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen: in privaten Briefen wie einem Brief Goethes von 1802, in Schulheften, Urkunden, Grenzprotokollen, Postkarten, Buchtiteln und amtlichen oder geschäftlichen Schriftstücken.
Ein Kostenvoranschlag des Orgelbauers Johann Christoph Egedacher für Maria Kirchental von 1716 zeigt die parallele Nutzung zweier Schriften: Der deutsche Text steht in Kurrent, Fremdwörter erscheinen in lateinischer Schrift. Auch der Schlusssatz eines Vergleichs von 1750 enthält Kurrent und Lateinschrift nebeneinander; zudem besitzt er eine doppelte Datumsangabe nach dem julianischen und dem gregorianischen Kalender. Auf einer Postkarte aus Bielitz um 1905 wurde im Namen des Berges Klimczok die Buchstabengruppe „cz“ in lateinischer Schrift wiedergegeben. Diese Beispiele verdeutlichen, dass ein einzelner handgeschriebener Text je nach Wortart und Zweck zwischen Kurrent und lateinischer Schreibschrift wechseln konnte.