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Reliquie

Die Verehrung von Reliquien in der katholischen und den orthodoxen Kirchen gilt als Ausdruck der Heiligenverehrung, die die Bildnisse der Heiligen und deren …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und religiöse Funktion
  2. 2. Reliquien im Christentum
  3. 3. Arten, Wunder und Aufbewahrung
  4. 4. Wallfahrten, Sammlungen und Handel
  5. 5. Reliquien im Islam
  6. 6. Reliquien in weiteren Religionen

Begriff und religiöse Funktion

Eine Reliquie ist ein Gegenstand, der religiös verehrt wird. Gemeint sind vor allem irdische Überreste des Körpers oder von Körperteilen eines Heiligen, aber auch Gegenstände aus seinem persönlichen Besitz. Berührungsreliquien sind Gegenstände, die ein Heiliger zu Lebzeiten berührt haben soll. Sekundärreliquien werden dadurch zu Reliquien, dass sie etwa mehrere Tage am Grab eines Heiligen lagen.

In katholischen und orthodoxen Kirchen ist die Reliquienverehrung eine Form der Heiligenverehrung. Sie soll denjenigen Ehrfurcht erweisen, die nach christlichem Verständnis nun im Himmel leben, auf der Erde aber durch die Heiligkeit ihres Lebens hervorragende Glieder des mystischen Leibes Christi und lebendige Tempel des Heiligen Geistes waren. Zur Verehrung gehören neben Körpern und Körperteilen auch Geräte, Kleidung, Handschriften sowie Gegenstände, die mit dem Körper, Grab oder verehrten Bild eines Heiligen in Berührung kamen. Grundlage ist auch die christliche Pietät, also die Achtung vor dem Leib Verstorbener.

Reliquien im Christentum

Die Reliquienverehrung ist die älteste Form der Heiligenverehrung und seit dem 2. Jahrhundert nachweisbar. Schon in Apg 19,12 EU wird berichtet, dass Tücher von Paulus von Tarsus auf Kranke gelegt wurden und diese dadurch geheilt wurden. Aus dem Glauben an die Unvergänglichkeit des heiligen Leibes Christi entstand die Vorstellung, auch die Überreste heiliger Märtyrer besäßen besondere Kraft. Martýrion bezeichnet in den Schriften der Kirchenväter auch den Aufbewahrungsort für Märtyrerreliquien.

Frühe Kirchen wurden häufig über Märtyrergräbern errichtet, etwa die Peterskirche in Rom. Im Mittelalter bettete die lateinische Kirche Reliquien unter oder in den Altar ein; Ostkirchen setzen sie traditionell in die Kirchenmauern. Dies soll die Verbindung zwischen der Gemeinschaft der Heiligen und der irdischen Kirche ausdrücken. Seit dem 8. Jahrhundert bemühte sich die Kirche, jeden Altar mit einer Reliquie auszustatten.

Im Frühmittelalter und besonders im Mittelalter stieg die Verehrung stark an. Den Reliquien wurden aufgrund von Wunderberichten heilsame Wirkungen zugeschrieben. Bedeutende Kathedralen verdankten Ansehen und Entstehung hochverehrten Reliquien, etwa den Heiligen Drei Königen im Kölner Dom oder den Reliquien der heiligen Ursula von Köln und ihrer Gefährtinnen in St. Ursula in Köln. Zur Zeit der Reformation kritisierten Reformatoren zunächst Auswüchse und später die Verehrung grundsätzlich. Martin Luther predigte am 26. Januar 1546 in Halle gegen den „Reliquienkram“ des Erzbischofs Albrecht. In vielen Kirchen wurden Reliquien entfernt, von Reformierten wie Johannes Calvin und Huldrych Zwingli teils verbrannt. Evangelische Christen betrachten Heiligenreliquien als „unbiblisch“; Siebenten-Tags-Adventisten, Zeugen Jehovas, die Neuapostolische Kirche und Christadelphians lehnen ihre Verehrung ab.

Das Konzil von Trient empfahl 1563 in seiner 25. Sitzungsperiode die Reliquienverehrung und wies reformatorische Kritik zurück. In katholischen Gebieten gewann sie in der Gegenreformation wieder an Bedeutung, besonders durch Wallfahrten. 1844 kamen zur Trierer Wallfahrt zum Heiligen Rock innerhalb von sieben Wochen eine Million Pilger. Im deutschen Sprachgebiet nahm die Bedeutung im 20. Jahrhundert unter dem Einfluss liturgischer Bewegung und Liturgiereform stetig ab.

Arten, Wunder und Aufbewahrung

Reliquien erster Klasse sind Körperteile von Heiligen, besonders Knochen (ex ossibus), seltener Blut. Bei verbrannten Heiligen zählt die Asche dazu. Reliquien zweiter Klasse, auch echte Berührungs- oder Kontaktreliquien, sind Gegenstände, die ein Heiliger berührt haben soll. Dazu gehören etwa Gewänder heiliggesprochener Priester und Ordensleute sowie bei Märtyrern Foltergeräte oder Waffen.

Außerhalb dieses Schemas stehen biblische Reliquien: Gegenstände, die direkt mit Jesus Christus, Maria oder Johannes dem Täufer verbunden werden. Beispiele sind Kreuzreliquien, die Lanze der Kreuzigung, Partikel von Kreuznägeln und Dornenkrone, das Turiner Grabtuch, das Schweißtuch der Veronika sowie Gewänder wie der Heilige Rock in Trier und die Sandalen Jesu in Prüm. Viele wichtige biblische Reliquien gelangten nach der Eroberung Konstantinopels im Vierten Kreuzzug von 1204 in den Westen. Da Jesus und nach römisch-katholischer Lehre auch Maria leiblich in den Himmel aufgenommen wurden, gibt es von ihnen folgerichtig keine Reliquien ex ossibus und nur wenige erster Klasse. Im Mittelalter auftauchende Christusreliquien werden heute überwiegend als Fälschungen angesehen, lokal aber weiterhin verehrt.

Wunder (miracula) wurden vor allem im Mittelalter Reliquien zugeschrieben. Als wichtige Anlässe galten die Inventio, die Auffindung, und die Translatio, die Überführung heiliger Gebeine. Hagiographien, also Heiligenlebensbeschreibungen, verbreiteten solche Wundererzählungen und förderten die Suche nach Reliquien; dabei wurden sogar Leichname Heiliger entwendet. Nach 1204 wurden zahlreiche Kreuzpartikel in Europa verteilt. Charles Rohault de Fleury schätzte ihre Gesamtmenge auf etwa ein Drittel eines Kreuzes. Die Behauptung, Erasmus von Rotterdam habe daraus ein ganzes Schiff bauen wollen, ist falsch: Er stellte nur heraus, dass der Besitz von Kreuzreliquien gegenüber der Kreuzesnachfolge nichts sei. Das Turiner Grabtuch ist kirchlich weiterhin nicht als Reliquie anerkannt. Als besonders bemerkenswert gelten Berichte über Unverweslichkeit, also das Ausbleiben der Verwesung, etwa bei Herz und Zunge Hildegards von Bingen in Eibingen.

Reliquien werden in Reliquiaren aufbewahrt, oft kostbaren Behältern. Formen sind Reliquienschrein, Staurothek für große Kreuzreliquien, Reliquienkreuz, sprechendes Reliquiar in Gestalt etwa eines Arms oder Fußes, Ostensorium, Osculatorium, Bursa, Bursenreliquiar, Reliquienpyramide und Phylakterion. Bei der Weihe einer katholischen Kirche wird traditionell eine Reliquie des Namenspatrons in die Mensa des Hauptaltars eingemauert. An Gedenktagen oder beim Patrozinium können Reliquiare gezeigt und zur Segnung verwendet werden. Reliquienprozessionen tragen sie auf festgelegten Wegen; in Eibingen findet die Prozession der heiligen Hildegard von Bingen jährlich am 17. September statt.

Wallfahrten, Sammlungen und Handel

Wallfahrten machen sonst nicht sichtbare oder zugängliche Reliquien öffentlich zugänglich. Beispiele sind die alle sieben Jahre stattfindende Aachener Heiligtumsfahrt, Wallfahrten zum Heiligen Rock in Trier und zu den „heiligen drei Hostien“ nach Andechs. Im Mittelalter erhielten bedeutende Personen oft Reliquien als Geschenk und bauten Sammlungen auf, etwa Karl der Große in Aachen, Karl IV. in Prag und Friedrich der Weise in Wittenberg. Solche Bestände wurden in Schatz- oder Heiltumskammern aufbewahrt und bei Heiltumsweisungen präsentiert. Gold- und Silbergefäße verliehen den Überbleibseln auratischen Glanz.

Obwohl der Codex Theodosianus bereits am 26. Februar 386 den Verkauf von Märtyrergebeinen untersagte und das vierte Laterankonzil 1215 das Herausnehmen und Verkaufen altehrwürdiger Stücke verbot, blieb Reliquienhandel verbreitet. Das kanonische Recht untersagt Katholiken heute den Handel: Sie dürfen Reliquien erwerben, besitzen und verehren, aber nicht weiterverkaufen. Erlaubt sind Schenkung an Gläubige und Übergabe an die Kirche. Die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse veröffentlichte am 8. Dezember 2017 die Instruktion „Die Reliquien in der Kirche: Echtheit und Aufbewahrung“.

Reliquien im Islam

Im Islam ist Reliquienverehrung kein Bestandteil des doctrinären Islam, tritt aber im Volksglauben in verschiedenen Formen auf. Die wichtigste Gruppe sind prophetische Reliquien (al-āṯār an-nabawīya), also Gegenstände, die Mohammed gehört haben sollen. Die Abbasiden nutzten den Mantel (burda), Stab (qaḍīb) und Siegelring (ḫātim) des Propheten in Inthronisationszeremonien, um ihre Macht und Legitimität als Erben des Propheten zu betonen. Schon im 13. Jahrhundert war Reliquienschwindel verbreitet: Banū-Sāsān-Gaukler zeigten angebliche Reliquien gegen Geld.

Besondere Bedeutung hatten Haare und Nägel Mohammeds. Sie wurden als Amulette getragen und mit Baraka, einer Segenskraft, verbunden. Für die Frühe Neuzeit berichtet der Artikel von einem Kult um Prophetenhaare in Indien: Besitzende bewahrten sie teilweise in kostbaren Dosen auf und stellten sie jährlich aus; manche behaupteten, die Haare wüchsen und vermehrten sich. Auch angebliche Sandalen und Fußabdrücke des Propheten wurden verehrt. In Mardin befindet sich ein Stein mit angeblich prophetischem Fußabdruck in der Hatuniye Medrese; nach lokaler Tradition erhielt die Madrasa ihn im 16. oder 17. Jahrhundert von einem osmanischen Sultan. Die älteste und bedeutendste islamische Fußabdruckreliquie ist dagegen der Maqām Ibrāhīm in der Heiligen Moschee in Mekka, der Abraham zugeordnet wird.

Im schiitischen Islam werden auch Reliquien von Imamen verehrt. Das angebliche Haupt von al-Husain ibn ʿAlī soll 1091 in Askalon entdeckt und 1153 nach Kairo überführt worden sein; es wird heute in der Imam-Husain-Moschee aufbewahrt. Im Qadamgāh-Heiligtum bei Nischapur werden Fußabdrücke des achten schiitischen Imams ʿAlī ar-Ridā gezeigt. Auch Sufis bewahrten beispielsweise Chirqa, Gebetsteppich und andere Gegenstände ihres Ordensgründers als Zeichen der Verbindung mit ihm.

Große Sammlungen prophetischer Reliquien entstanden in Kairo und Istanbul. Die größte gilt als Emanat-ı mukaddese („Heilige Deposita“) im Topkapı-Palast in Istanbul. Sie umfasst unter anderem den Mantel Hırka-i Şerif, Barthaare, Standarte, Schwerter, einen angeblichen Brief Mohammeds und eine Armreliquie Johannes des Täufers. Eine Sammlung aus 28 Einzelstücken befindet sich in der Badshahi-Moschee von Lahore; ihre überlieferte Herkunft und Echtheit werden im Artikel mit Volksglauben verbunden.

Reliquien in weiteren Religionen

Reliquien gibt es auch im Shintō, dort im Zusammenhang mit shintai, und im Buddhismus, dort mit Sarira. Nach buddhistischer Überlieferung wurde der hochbetagt verstorbene Buddha eingeäschert. Mehrere Kleinkönige Nordindiens teilten seine Asche, Knochen und Zähne unter sich auf. Über diesen Überresten errichtete man Hügelgräber, Stupas, die im Lauf der Zeit immer aufwendiger kultisch gestaltet wurden.

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