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Partikularismus

Als weniger klar fixierter Begriff bezeichnet Partikularinteresse Ziele und Wahrnehmungen von sozialen Gruppen innerhalb eines größeren Ganzen, die nur bzw.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Bedeutung
  2. 2. Innerstaatliche und internationale Formen
  3. 3. Partikularismus in der Geschichte
  4. 4. Soziales Phänomen und politische Philosophie
  5. 5. Partikularisierung der deutschen Gesellschaft im 21. Jahrhundert

Grundbegriff und Bedeutung

Partikularismus bezeichnet in der Politikwissenschaft, besonders in der Politischen Philosophie, und in der Geschichtswissenschaft einen Zustand oder ein Konzept politischer Systeme, Gesellschaften, Staatensysteme oder Gruppen. Kleinere Einheiten setzen dabei ihre Interessen und Rechte gegenüber dem Ganzen vorrangig durch oder beanspruchen dies zumindest. Im Föderalismus kann Partikularismus außerdem bedeuten, dass die peripheren Elemente eines Systems gegenüber dem Zentrum oder gemeinsamen Institutionen an Gewicht gewinnen.

Dem Partikularismus steht der Universalismus gegenüber; dem Föderalismus steht der Zentralismus gegenüber. Partikularinteressen sind Ziele und Wahrnehmungen sozialer Gruppen innerhalb eines größeren Ganzen, die vor allem die eigene Sichtweise politisch vertreten und gruppenübergreifende Gesichtspunkte, etwa die Volonté générale, nicht berücksichtigen. Der Begriff ist häufig negativ gemeint und wird dem Gemeinwohl gegenübergestellt. Einzelinteressen sind jedoch nicht grundsätzlich mit dem Gemeinwohl unvereinbar. In der repräsentativen Demokratie gehört gerade der Ausgleich widersprüchlicher Partikularinteressen zu verantwortlichem politischen Handeln.

Innerstaatliche und internationale Formen

Beim innerstaatlichen Partikularismus werden drei Größen innerhalb eines Staates unterschieden:

  • das Gemeinwesen als Ganzes beziehungsweise der Staat;
  • Partikularinteressen bestimmter Interessengruppen oder staatlicher Subsysteme, zum Beispiel Länder und Kommunen;
  • individuelle Interessen.

Politischer Partikularismus liegt vor, wenn die Interessen von Interessengruppen, auch pressure groups genannt, und untergeordneten staatlichen Einheiten gegenüber dem Gesamtstaat so stark werden, dass die Steuerung und Kontrolle des Ganzen nachhaltig erschwert wird. Eine vollständige Desintegration, also die Auflösung des Gesamtgebildes oder Staates, wird als radikaler Individualismus bezeichnet. Der Föderalismus der BRD gilt in der Politikwissenschaft noch nicht als Partikularismus, allerdings wird vor entsprechenden Tendenzen gewarnt. Der Gegenbegriff ist der Zentralismus.

International wird als bekannteste partikularistische Theorie auf Samuel P. Huntingtons Clash of Civilizations, deutsch Kampf der Kulturen, verwiesen. Die Welt wird darin in Zivilisationen beziehungsweise religiös-ethnisch bestimmte Kulturkreise eingeteilt. Jeder dieser Kulturkreise vertritt eigene, meist gegensätzliche Interessen.

Partikularismus in der Geschichte

In der Geschichtswissenschaft ist Partikularismus eng mit dem politikwissenschaftlichen Begriff verbunden. Er bezeichnet die Zersplitterung oder Auflösung einer Zentralmacht durch die Stärkung lokaler oder regionaler Mächte. Dadurch entstehen viele kleine Einzelmächte und Einzelmeinungen, die Unabhängigkeit von einer Zentralgewalt anstreben.

Das bekannteste historische Beispiel ist Deutschland im 19. Jahrhundert. Während in Europa Nationalstaaten entstanden, blieb das deutsche Territorium lange in viele kleine Fürstentümer und Königreiche geteilt. Als möglicher Beginn des Partikularismus wird das Jahr 1122 genannt, in dem das Wormser Konkordat abgeschlossen wurde. Nach dem Fürstengesetz von 1231, das Friedrich II. verabschiedete und durch das die deutschen Fürsten mehr Rechte erhielten, spricht man vom vollständigen Partikularismus beziehungsweise von einer Unterteilung Deutschlands in kleine Herrschaftsgebiete. Diese Entwicklung bildete den Ursprung des Föderalismus in Deutschland.

Die Einzelinteressen der Herrscher, die ihre Macht nicht verlieren wollten, verhinderten lange eine Reichseinigung. Partikularismus kann deshalb auch das Streben einzelner Landesteile bedeuten, ihre Interessen auf Kosten einer größeren politischen Einheit durchzusetzen. Als Beispiel wird Preußen im 18. und 19. Jahrhundert genannt.

Als feudaler Partikularismus in Europa werden folgende Zeiträume aufgeführt:

  • Deutschland: 1231–1919
  • Frankreich: 987–1302
  • Russland: 1054–1480
  • Polen: 1138–1295

Soziales Phänomen und politische Philosophie

Als soziales Phänomen wird Partikularismus vor allem zusammen mit Pluralismus und Universalismus behandelt, unter anderem bei Max Weber und Talcott Parsons.

In der Politischen Philosophie ist Partikularismus meist ein abwertend verwendeter Gegenbegriff zum Universalismus. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob es Werte gibt, die für alle Menschen gelten und allgemein begründbar sind, oder ob Werte von der kulturellen, ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit abhängen. Besonders deutlich wird dieser Gegensatz bei der Gerechtigkeit.

Die Auseinandersetzung kann mit zwei Aristotelischen Auffassungen von Gerechtigkeit verglichen werden. Kommunitaristen vertreten eine proportionale Gerechtigkeit: Was gerecht ist, soll danach beurteilt werden, was Personen als gut ansehen. Universalisten verstehen Gerechtigkeit dagegen als etwas Abstraktes, das unabhängig von solchen Vorstellungen des Guten existiert. Menschenrechte gelten beispielsweise universalistisch ohne Ansehung der Person, also unabhängig von Herkunft, Religion und kultureller Zugehörigkeit. Partikularisten wenden ein, Menschenrechte seien ein zu abstraktes Konstrukt und müssten erst auf die jeweilige kulturelle Welt angewendet werden.

Partikularistische Positionen werden vor allem dem Kommunitarismus zugerechnet, etwa Michael Walzer, Alasdair MacIntyre und Amitai Etzioni. Universalistische Positionen werden liberalen, sozialistischen und sogenannten wert-konservativen Philosophen zugeschrieben.

Partikularisierung der deutschen Gesellschaft im 21. Jahrhundert

Die Pluralisierung von Interessen kann ein Zeichen demokratischer Vielfalt sein. Ein zunehmend beobachteter Partikularismus bedroht jedoch die Fähigkeit zur kollektiven Problemlösung. Eine übertriebene Verteidigung der eigenen Einzigartigkeit oder Gruppenzugehörigkeit kann in einer stärker polarisierten Öffentlichkeit langfristige Strukturen des Gemeinwohls gefährden.

Klaus-Peter Hufer beschreibt eine vielfältigere Gesellschaft mit differenzierteren Milieus, die unter anderem durch Wohngegend, Bildung und kulturelle Neigungen geprägt sind. Die fortschreitende Erosion traditioneller Parteiensysteme gefährdet nach seiner Einschätzung die demokratische Konsensfindung.

Till Henniges verweist auf die Neue Rechte, die über soziale Medien die Fragmentierung der Öffentlichkeit nutzt, um Anhänger durch Emotionen und Identitätsbedürfnisse zu gewinnen. Silke van Dyk sieht auch in der zunehmenden Identitätspolitik einen Ausdruck von Partikularitätsbestrebungen auf der politischen Linken. Claus Leggewie und Daniel Cohn-Bendit kritisieren an neuen sozialen Bewegungen in Frankreich, dass sie zu wenig humanistische und libertäre Utopien verfolgten.

Kurt Kister erwartet eine grundlegende Veränderung des Parteiensystems hin zu mehreren mittelgroßen Parteien. Er führt dies auf die zunehmende Partikularisierung und eine wachsende Institutionenferne zurück. Diese betreffe auch Organisationen, an die sich Menschen früher häufig aus familiären, regionalen oder milieuspezifischen Gründen banden, etwa Kirchen oder Sportvereine.

Andreas Reckwitz beschreibt in Die Gesellschaft der Singularitäten einen Wandel von den 70er Jahren bis heute hin zur Singularisierung. Durch Vereinzelung, das Auseinanderfallen traditioneller Milieus und den Verlust gesellschaftlichen Konsenses sei der Zusammenhalt geschwächt worden. Reckwitz fordert deshalb eine Wiederentdeckung des Allgemeinen durch gemeinsame Strukturen, verlässliche Institutionen und kollektive Infrastrukturen. Marc Saxer warnt, dass bei einem Verzicht auf universelle Werte „endlose Stammeskriege identitärer Gruppen“ drohen könnten.

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