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Ritter
Ab dem Spätmittelalter bezog sich der Begriff als Titel vornehmlich auf eine besondere Würde, die einzelne Adelige, aber auch Nichtadelige erwerben konnten.
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Begriff und gesellschaftliche Stellung
Ritter waren ursprünglich schwer gerüstete, berittene Krieger des europäischen Mittelalters. Der Begriff bezeichnet jedoch je nach Epoche Unterschiedliches: im Hochmittelalter vor allem einen militärischen Berufsstand, außerdem einen sozialen Habitus und seit dem Spätmittelalter einen anerkannten Adelsrang beziehungsweise eine besondere Würde. Rittertum und Feudalismus waren eng miteinander verbunden, weil die kostspielige Lebens- und Kampfweise meist durch Grundbesitz, Einkünfte aus Lehen und Dienste für einen Herrn finanziert wurde.
Seit dem 11. Jahrhundert dienten neben edelfreien Grundherren besonders Ministeriale als Ritter. Ministeriale waren rechtlich unfreie Hof- und Dienstleute, die von ihren Herren mit ausreichenden Lehen ausgestattet wurden. Viele ihrer Familien stiegen vor allem im 14. Jahrhundert in den entstehenden niederen Adel auf. Die Verhältnisse unterschieden sich regional; die meisten Reiterkrieger des Hochmittelalters waren ursprünglich keine Adeligen im späteren rechtlichen Sinn.
Ritterbürtigkeit bedeutete die Abstammung von niederadligen Vorfahren und war meist Voraussetzung für die Ritterwürde. Diese wurde zunächst durch die Schwertleite, später durch den Ritterschlag verliehen. Nur etwa ein Zehntel der ritterbürtigen Männer erlangte sie tatsächlich. Die übrigen hießen unter anderem Edelknechte, Knechte, Knappen oder Armige, also Schildträger. Im englischsprachigen Raum werden Knights und Esquires beziehungsweise Squires gemeinsam als „men-at-arms“ bezeichnet. Edelknechte bildeten in spätmittelalterlichen Heeren bis zu neunzig Prozent der Reiterkrieger und unterschieden sich in Ausrüstung und Taktik kaum von Rittern. Viele verzichteten aus finanziellen oder familiären Gründen auf den teuren Ritterrang.
Auch Hochadlige waren nicht automatisch Ritter. Die Würde konnte teilweise gekauft und in seltenen Fällen bewährten Nichtadeligen verliehen werden. Für diese blieb die Auszeichnung oft symbolisch, weil ihnen die Mittel für eine dauerhaft standesgemäße Lebensführung fehlten. Bei Turnieren wurde streng unterschieden: Ritter durften beispielsweise mit drei Pferden erscheinen, Knechte nur mit zwei. Vor oder nach Schlachten konnten größere Gruppen erhoben werden; Władysław II. Jagiełło soll vor der Schlacht bei Grunwald/Tannenberg tausend Angehörigen der Szlachta die Ritterwürde verliehen haben.
In der frühen Neuzeit konnte die Anerkennung als Ritter durch Ahnenprobe, Aufschwörung und Eintrag in Adelsregister zusammen mit einem landtagsfähigen Rittergut Rechte wie Sitz und Stimme im Landtag oder in einem Domkapitel eröffnen. Souveräne Monarchen konnten außerdem nobilitieren. In Österreich wurde der mögliche Adelstitel „Ritter“ 1919 abgeschafft.
Entstehung und historische Entwicklung
Vorläufer der mittelalterlichen Ritter waren die gepanzerten Reiter der Spätantike und des Frühmittelalters. Parther, Sarmaten, Römer, Ostgoten und Alanen setzten solche Kämpfer ein. In merowingischen Heeren gehörten Reitereinheiten ebenfalls dazu, unterstützten aber meist die Fußtruppen und stiegen zum Kampf teilweise ab. Nur eine kleine adelige Schicht konnte sich Helm, Panzerung und Pferd leisten.
Die Entwicklung des mittelalterlichen Panzerreiters reicht bis ins 8. Jahrhundert zurück. Häufig wird sie mit Karl Martell und dem Vordringen der Mauren verbunden: Nach der fränkischen Abwehr bei Tours und Poitiers 732 soll er eine neue Truppengattung aufgebaut haben. Dieser Zusammenhang ist umstritten, weil arabische Heere erst ab der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts in größerem Umfang Reiter einsetzten. Als weiterer entscheidender Faktor gilt die Ausbreitung des Steigbügels vom 6. bis 7. Jahrhundert. Er gab Halt im Sattel und erleichterte die Übertragung der Kraft von Pferd und Reiter auf die Lanze.
Unter den Karolingern wurden Panzerreiter zur wichtigsten Stoßkraft, obwohl Fußtruppen und leichte Reiterei weiterhin den Großteil der Heere ausmachten. Im 9. Jahrhundert bekämpften sie die schnellen Überfälle der Wikinger. Gegen die ungarischen Reiterkrieger beschloss das Ostfränkische Reich unter Heinrich I. auf dem Reichstag in Worms 927 den Bau von Landesburgen und die Aufstellung einer Panzerreitertruppe. Nach dem Ende der Tributzahlungen 933 wurden die Magyaren an Werra und Unstrut sowie 955 auf dem Lechfeld geschlagen. Bei der Reconquista spielte daneben die leichtere iberische Form des Panzerreiters, der Jinete, eine bedeutende Rolle.
Die hohen Kosten prägten den Stand. Schon in karolingischer Zeit war ein Freier erst mit mehr als neun Hofstellen voll wehrpflichtig; ärmere Freie mussten gemeinsam einen Kämpfer ausrüsten und versorgen. Ein Panzerreiter benötigte zusätzlich ein ausgebildetes Kriegspferd, den dextrier, einen teuren Panzer und oft begleitende Knechte. Daher kamen zunächst vor allem reiche Grundbesitzer oder Inhaber königlicher und hochadliger Lehen infrage. Im Hochmittelalter wurden zunehmend Ministeriale eingesetzt. So entstand eine herausgehobene Kriegergruppe, aus der sich ein Teil des mittelalterlichen Adels entwickelte. Kaiser Barbarossa verbot Ende des 12. Jahrhunderts allerdings, Söhne von Priestern und Bauern in den Ritterstand zu erheben.
Ausbildung, Waffen und Rüstung
Die Vorbereitung auf das Ritterleben begann gewöhnlich im Kindesalter. Bis zum siebten Lebensjahr blieb ein Junge meist bei seiner Mutter und erhielt eine christliche Erziehung. Danach diente er am Hof als Edelknabe, Page oder Kammerbube und lernte höfische Umgangsformen. Unterricht und Übungen umfassten unter anderem Reiten, Jagen, Sprachen, Diplomatie, Handel, Religion, Kriegsführung und verschiedene Kampfkünste. Körperlich trainiert wurden etwa Laufen, Springen, Schwimmen, Klettern, Armbrustschießen sowie der Umgang mit Schild, Schwert und Lanze. Mit etwa vierzehn oder fünfzehn Jahren begann die Zeit als Knappe; nach erfolgreicher Knappschaft erfolgte gewöhnlich mit einundzwanzig Jahren die Schwertleite oder der Ritterschlag.
Ausrüstung und Bewaffnung wandelten sich stark. Die eingelegte Lanze, die beim Angriff die Bewegungsenergie von Pferd und Reiter übertrug, verbreitete sich wahrscheinlich um 1100; der genaue Zeitpunkt ist nicht geklärt. Auf dem Teppich von Bayeux aus der Zeit kurz nach 1066 erscheint noch überwiegend der als Speer geführte Schaft. Neben der Lanze war das Schwert die wichtigste Waffe. Das hochmittelalterliche Ritterschwert entwickelte sich aus der Spatha der Völkerwanderungszeit und karolingischen Schwertern. Hinzu kamen unter anderem Streitaxt, Kriegshammer, Streitkolben und Morgenstern.
Aus karolingischen Rundschilden entstanden zunächst tropfenförmige Normannenschilde, die besonders die Beine schützten. Mit Topfhelm und Beinschienen wurden die Schilde kleiner und entwickelten sich zum Dreiecks- oder Wappenschild. Wappen halfen dabei, den Träger trotz des völlig geschlossenen Topfhelms zu erkennen. Im Spätmittelalter kamen Tartsche und Buckler, ein Faustschild, hinzu.
Bei den Helmen folgten auf Spangen-, Kamm-, Band- und Nasalhelme der Topfhelm und später Helme mit beweglichem Visier wie die Hundsgugel. Die Körperrüstung entwickelte sich vom Schuppenpanzer zum Kettenhemd. Wegen wirksamer Fernwaffen wie Armbrust und Langbogen kamen seit dem 13. und 14. Jahrhundert Brustpanzer sowie Arm- und Beinschienen hinzu. Schließlich entstand der beinahe vollständig geschlossene Plattenpanzer. Der über der Rüstung getragene Waffenrock verbreitete sich offenbar im 12. Jahrhundert während der Kreuzzüge, vermutlich auch als Schutz vor der heißen Sonne.
Ritterideal und höfische Kultur
Fehden und Übergriffe bewaffneter Ritter belasteten häufig die Bevölkerung. Seit dem 10. Jahrhundert entwickelte sich deshalb von Cluny aus die Gottesfriedensbewegung. Kirche und hoher Adel formulierten Schutzregeln, deren Bruch das Seelenheil gefährden sollte. Diese Bewegung wurde zu einer Grundlage des ritterlichen Ehrenkodex.
In der höfischen Literatur des Hochmittelalters war der Ritter eine zentrale Idealfigur. Das seit dem 11. Jahrhundert belegte deutsche Wort bezeichnete nun nicht mehr nur einen berittenen Soldaten, sondern auch ein gesellschaftliches Vorbild. Erwartet wurden Bildung, höfisches Benehmen, Tapferkeit, christliche Tugend und Dienstbereitschaft. Dazu gehörte der Minnedienst: Ein Ritter warb um die Gunst einer Dame, wobei das meist unerfüllte Werben als mühsamer Dienst verstanden wurde. Die intensive Beschäftigung mit vorgelesener, erzählter und gesungener Literatur galt ebenfalls als Bestandteil ritterlicher Lebensführung.
Das Adjektiv „ritterlich“ konnte auch Frauen und ihre Kleidung als stattlich, schön oder prächtig kennzeichnen. Die höfische Dichtung entwickelte außerdem das Konzept des Tugendadels: Wahrer Adel sollte nicht allein auf Geburt und gesellschaftlicher Stellung, sondern auf vornehmer und sittlich richtiger Gesinnung beruhen. Diese Vorstellung diente auch zur Kritik am bestehenden Ritterstand. In den meisten Werken vereinte der ideale Ritter dennoch Geburtsadel und Adel des Charakters.
Frauen wurden wegen des mittelalterlichen Rollenbildes normalerweise nicht zu Ritterinnen ausgebildet. Es gab jedoch Ausnahmen und besondere Ordensmitgliedschaften. Raimund von Barcelona stiftete 1149/1150 den Orden del Hacha für Frauen, die Tortosa gegen die Mauren verteidigt hatten. 1488 gehörten 64 Frauen dem englischen Hosenbandorden an. Quellen erwähnen auch bewaffnete Frauen während der Kreuzzüge. Die bekannteste militärisch aktive Frau ist Jeanne d’Arc, die im Hundertjährigen Krieg französische Truppen bei Orléans siegreich gegen Engländer und Burgunder führte. Insgesamt blieben solche Fälle selten; das Ritterideal verpflichtete Männer eher zum Schutz und zur Verehrung von Frauen.
Militärischer und wirtschaftlicher Wandel
Nicht die Erfindung des Schießpulvers allein beendete die militärische Bedeutung der Ritter, sondern vor allem die Entwicklung gut organisierter Infanterie. 1302 vernichteten flämische Fußsoldaten bei Kortrijk/Courtrai ein französisches Ritterheer und erbeuteten dessen goldene Sporen; Landschaft und Wetter begünstigten allerdings die Fußtruppen. Die Schlacht bei Mühldorf/Ampfing 1322 gilt als eine der letzten nach den alten Regeln geführten Ritterschlachten. 1386 besiegten Schweizer Bauern bei Sempach die abgesessene österreichische Ritterelite. Mit verlängerten Piken, dem Schweizer Langspieß, und verbesserter Taktik konnten die Eidgenossen später auch Reiter auf freiem Feld bekämpfen. Ihre Siege über Burgund bei Grandson, Murten und Nancy 1476/77 sowie die Erfolge von Bogenschützen bei Crécy und Azincourt bestätigten die wachsende Überlegenheit von Infanterie und leichter Reiterei.
Die schwere Reiterei reagierte mit stärkeren Rüstungen für Reiter und Pferd. Als bezahlte Lanzenreiter behielten solche Kämpfer im 16. Jahrhundert taktische Bedeutung, wurden aber zunehmend unbeweglich. Maßgefertigte Harnische boten guten Schutz und überraschende Beweglichkeit; ärmere Ritter trugen dagegen häufig schlecht sitzende Kompositharnische aus unterschiedlich alten Teilen. Die neuzeitliche Kavallerie wechselte deshalb auch aus Kostengründen zum Halbharnisch und schließlich zum Kürass.
Gleichzeitig ersetzte die Geldwirtschaft zunehmend die Naturalwirtschaft. Fürsten und Könige setzten Söldnerheere ein, um weniger von Untervasallen abhängig zu sein. Ein Teil der Ritterschaft verarmte; manche führten unter Berufung auf das Fehderecht gewaltsame Überfälle aus. Der Ausdruck „Raubritter“ wird von vielen Historikern wegen seiner ideologischen Belastung vermieden, obwohl zeitgenössische Bezeichnungen wie „Räuber“ und „Raptores“ belegt sind. Andere Ritter fanden Beschäftigung als gut bezahlte Lanzierer oder Kürassiere.
Viele ehemalige Dienstmannenfamilien lösten sich dagegen aus älteren Abhängigkeiten und bildeten die Reichsritterschaft. Sie organisierten sich im 16. Jahrhundert in Ritterorten und Ritterkantonen und erkannten nur den Kaiser als Oberherrn an, blieben praktisch aber häufig als Hofräte oder Minister mit früheren Herren verbunden. Ehemalige Lehen waren oft zu Eigentum geworden; Grundbesitz schuf neuen Wohlstand, und an die Stelle alter Burgen traten Renaissanceschlösser. Deshalb kann nicht von einem allgemeinen Niedergang gesprochen werden. Kaiser Maximilian I. galt zugleich als „der letzte Ritter“ und wegen seiner militärischen Reformen als „der letzte Ritter und der erste Kanonier“. Mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches zwischen 1803 und 1806 verlor die Reichsritterschaft ihre Herrschaftsrechte und Privilegien.
Nachwirkung und heutiges Ritterbild
Ritterlichkeit blieb als Ideal von Fairness, Ehrenhaftigkeit, Treue und Schutzpflicht wirksam. In geistlichen Ritterorden verband sie sich mit christlicher Nächstenliebe. Orden wie Malteser- und Johanniterorden betrieben Hospitäler und entwickelten moderne Hilfsorganisationen für Menschen in Kriegen, Katastrophen, Armut und Krankheit. Der Malteserorden nimmt heute auch Frauen als Ordensdamen auf. In Großbritannien werden weiterhin Mitglieder in den Order of the British Empire aufgenommen; Frankreich verleiht den Rang Chevalier de la Légion d’Honneur.
Die Romantik belebte das mittelalterliche Ideal erneut. Seit dem 19. Jahrhundert entstanden Ritterbünde; die 1859 in Prag gegründete Schlaraffia besteht als internationaler Verband fort. Nach 1945 bildeten sich unter anderem der Deutsche Ritterbund und 1952 der Österreichische Ritterbund. Gegenwärtig zeigen Mittelaltermärkte, Festspiele, Museen und Reenactment-Gruppen rekonstruierte Lebensweisen und Kampfformen. Einige Gruppen beschäftigen sich mit historischen Fechttechniken wie der Deutschen Fechtschule.
Romane, Filme, Fantasy und Dokumentationen verbreiten zugleich zahlreiche Missverständnisse. Ritter waren nicht bloß ungebildete Kraftkämpfer. Angehörige des Adels sollten idealerweise in den sieben freien Künsten gebildet sein, und überlieferte Fechtbücher belegen eine systematische Kampfkunst. Das Manuskript I.33 zeigt bereits um 1300 ein ausgereiftes System für Schwert und Faustschild. Der bekannte choreografierte Schaukampf aus Film, LARP und Reenactment ist dagegen ein moderner Sport des 20. Jahrhunderts und keine überlieferte mittelalterliche Kampfform.
Häufig werden außerdem Rüstungen verschiedener Zeiten vermischt. Die Blüte des Rittertums lag im 12. bis 14. Jahrhundert; typisch war daher eher ein beweglicher Ringpanzer von ungefähr 12 bis 15 Kilogramm. Gotische Plattenpanzer verbreiteten sich erst im 15. Jahrhundert, am Übergang von Spätmittelalter und Renaissance. Darstellungen von hochmittelalterlichen Rittern mit gotischem Plattenharnisch sind anachronistisch.
Auch das Bild eines durchgehend finsteren, barbarischen Mittelalters ist eine spätere Projektion. Besonders die Krisen des 14. Jahrhunderts mit Klimaveränderung, Missernten, Hungersnöten, überfüllten Städten und Epidemien wurden auf das gesamte Mittelalter übertragen. Für die Zeit zwischen 1000 und 1300 ist dagegen eine längere Warmperiode nachweisbar, in der Epidemien und Missernten seltener waren als früher angenommen. Moderne Darstellungen spiegeln deshalb oft stärker die Vorstellungen ihrer Entstehungszeit als die historisch belegte Lebensweise der Ritter.
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