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Schia

Die Schia (arabisch الشيعة asch-schīʿa, DMG aš-šīʿa ‚Anhängerschaft, Partei, Gruppe von Gefolgsleuten') ist nach dem Sunnitentum die zweitgrößte religiöse …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundverständnis und Verbreitung
  2. 2. Heutige Richtungen
  3. 3. Gemeinsame Lehren und Unterschiede
  4. 4. Entstehung und frühe Entwicklung
  5. 5. Zwölfer-Schia und Ismailiten in der Geschichte
  6. 6. Iran, Osmanisches Reich und Deutschland

Grundverständnis und Verbreitung

Die Schia ist nach dem Sunnitentum die zweitgrößte religiöse Strömung im Islam. Ihre Angehörigen heißen Schiiten, die religiöse Haltung Schiismus. „Schia“ steht verkürzt für Schīʿat ʿAlī, die „Partei ʿAlīs“: die Anhängerschaft des vierten Kalifen ʿAlī ibn Abī Tālib (regierte 656–661) und seiner Nachkommen. ʿAlī war Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Schiiten betrachten ihn als rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds und als ersten Imam.

Eine zentrale Grundlage ist die Überlieferung von Ghadīr Chumm: Mohammed soll ʿAlī dort kurz vor seinem Tod zu seinem Nachfolger bestimmt haben. Viele Schiiten feiern dies am 18. Dhū l-Hiddscha als Ghadīr-Fest. Nach schiitischem Glauben kann das Imamat, also die religiös legitimierte Führung, nur ein Alide übernehmen, ein Nachkomme ʿAlīs. Die verschiedenen schiitischen Richtungen unterscheiden sich vor allem darin, welche Imame sie anerkennen und wie sie das Imamat verstehen.

Nach einer neueren Schätzung sind rund 13,8 % der Muslime weltweit Schiiten. Davon sind 80 % Zwölfer-Schiiten; 20 % gehören anderen schiitischen Denominationen an. Gebiete mit schiitischer Mehrheit oder einflussreicher Minderheit werden manchmal als „schiitischer Halbmond“ zusammengefasst.

Heutige Richtungen

Die größte Gruppe sind die Zwölfer-Schiiten. Sie folgen einer Reihe von zwölf Imamen und leben besonders in Iran, Aserbaidschan, Irak, Bahrain, Libanon, Kuwait, Pakistan, Afghanistan, Syrien, Indien und der östlichen Provinz Saudi-Arabiens. Die meisten leben in Iran und Irak. Im Libanon machen sie etwa 30 % der Bevölkerung aus. Die Bezeichnung Imamiten wird oft für sie verwendet, ist aber ungenau, weil sie klassisch auch andere historische Gruppen einschließt.

Ismailiten folgen einer Imamreihe über Ismāʿīl ibn Dschaʿfar. Ihre wichtigsten heutigen Gruppen sind Nizariten, die den Agha Chan als Imam betrachten, und Mustaʿlī-Taiyibiten, die von einem Ober-Dāʿī geführt werden. Ihre Lehre ist stark von gnostischem und neuplatonischem Denken beeinflusst. Die Drusen gingen aus der ismailitischen Schia hervor.

Zaiditen leben überwiegend im nördlichen Jemen. Ihre Zahl von Imamen ist nicht begrenzt. Sie anerkennen die Kalifate Abū Bakrs, ʿUmars und ʿUthmāns und stehen den Sunniten deshalb näher als andere schiitische Gruppen.

Aleviten werden wegen der Verehrung ʿAlīs und der zwölf Imame ihrem Ursprung nach der Schia zugeordnet. Ihre Kerngebiete liegen in der Türkei und ehemaligen osmanischen Balkangebieten; in der Türkei beträgt ihr Anteil nach unsicheren Schätzungen etwa 15 bis 20 % der Muslime. Alawiten oder Nusairier sind von Aleviten zu unterscheiden. Sie entstanden im späten 9. Jahrhundert im Irak um Muhammad ibn Nusair, der die Göttlichkeit der Imame ʿAlī al-Hādī und Hasan al-ʿAskarī verkündete. Ihre Hauptgebiete liegen in Syrien und der Türkei.

Gemeinsame Lehren und Unterschiede

Allen Schiiten ist der Glaube an das Imamat gemeinsam. Imame vermitteln nach imamitischer Lehre göttliches Licht; ohne einen solchen, von Gott durch prophetisches Wort oder durch seinen Vorgänger bestimmten Vermittler könne die Schöpfung nicht bestehen. Imamiten halten Imame für unfehlbar. Ghulāt und Alawiten verstehen Imame als göttliche Inkarnationen, während andere Schiiten sie als Menschen ansehen. Zwölfer-Schiiten lehren, dass der zwölfte Imam verborgen ist; nizaritische Ismailiten verehren dagegen einen „anwesenden Imam“ (imām ḥāḍir). Zaiditen verlangen, dass ein Nachkomme ʿAlīs und Fātimas seinen Anspruch auf das Imamat kämpfend durchsetzt; Imame sind für sie nicht unfehlbar und nicht immer erforderlich.

Schiiten verehren Fātima, ʿAlī sowie ihre Söhne al-Hasan und al-Husain als eigentliche Familie des Propheten, die Ahl al-bait. Dabei berufen sie sich auf den „Hadith von den beiden Gewichten“: Mohammed habe „das Buch Gottes und meine nächsten Nachkommen, die Angehörigen meines Hauses“ hinterlassen. Schiitische Gelehrte vertreten eine exklusive Definition dieser Prophetenfamilie. Fātima gilt als Mutter der Imame und zentrale Fürsprecherin auf dem Weg zum Heil.

Gemeinsam ist außerdem der Zusatz im Gebetsruf: „Auf zum besten Tun!“ (ḥaiya ʿalā ḫair al-ʿamal). Die Mutʿa-Ehe, eine zeitlich begrenzte Ehe, und Taqīya, das Verheimlichen des Glaubens bei Gefahr, sind auf die Imamiten beschränkt; Zaiditen lehnen Taqīya ab. Schiitische Koranexegese deutet die Israeliten und ihre zwölf Stämme vielfach als Vorausbild der Schia und ihrer zwölf Imame.

Entstehung und frühe Entwicklung

Nach schiitischen Doxographen bestand schon zu Mohammeds Lebzeiten eine Partei ʿAlīs. Belege für politische Forderungen dieser Gruppe nach Mohammeds Tod am 8. Juni 632 gibt es jedoch nicht. In der Nachfolgekrise setzte sich Abū Bakr durch; die Banū Hāschim, der Clan des Propheten, protestierten gegen ihre Übergehung. Der Streit um das Landgut Fadak verschärfte den Konflikt zwischen Fātima und Abū Bakr. ʿAlī leistete Abū Bakr erst nach Fātimas Tod sechs Monate später den Treueid.

Während des Kalifats ʿUthmāns (644–656) wuchsen Sympathien für ʿAlī in der Opposition gegen Nepotismus und Selbstbereicherung der Umaiyaden. Nach ʿUthmāns Ermordung wurde ʿAlī 656 Kalif. Gegen Gegner gewann er die Kamelschlacht, konnte Muʿāwiya in der Schlacht von Siffin aber nicht besiegen. In diesen Konflikten wurde die Bezeichnung Schia wahrscheinlich erstmals für seine politischen Anhänger verwendet. ʿAlī berief sich gegenüber den Charidschiten auf Ghadīr Chumm und den Ausspruch: „Jeder, dessen Herr ich bin, der hat auch ʿAlī zum Herrn“ (man kuntu maulā-hu fa-ʿAlī maulā-hu).

Nach ʿAlīs Ermordung 661 endete seine Partei allmählich als politische Bewegung und wurde stärker religiös geprägt. Der Märtyrertod des Anhängers Hudschr ibn ʿAdī, der sich weigerte, ʿAlī zu verfluchen, markiert diesen Übergang. Entscheidend für das schiitische Gedächtnis wurde Kerbela: Am 10. Muharram 61 (= 10. Oktober 680) wurden al-Husain, ein Sohn ʿAlīs, und über zwanzig Familienangehörige von Truppen Yazīds massakriert. Zwölfer-Schiiten gedenken daran am Aschura-Tag; der Verrat der Kufier an al-Husain gilt als kollektive historische Schuld.

Nach 680 entstanden unterschiedliche Bewegungen. Al-Muchtār erhob 685 Muhammad ibn al-Hanafīya zum Imam und Mahdi; daraus ging die Kaisānīya hervor. Muhammad al-Bāqir entwickelte später schiitische Ritual- und Rechtslehren sowie den Imam als Muhaddath, einen Menschen, dem Engel göttliches Wissen übermitteln. Nach dem erfolglosen Aufstand Zaids ibn ʿAlī 740 spaltete sich die Schia in Zaiditen und Imamiten. Dschaʿfar as-Sādiq lehrte für die Imamiten die göttliche Designation (naṣṣ), die Immunität der Imame gegen Irrtum und Sünde (ʿiṣma) und politischen Quietismus.

Zwölfer-Schia und Ismailiten in der Geschichte

Nach dem Tod des elften Imams Hasan al-ʿAskarī 874 entstand die Zwölfer-Schia. Sie lehrt, dass er einen verborgen gehaltenen Sohn Muhammad hinterlassen habe. Dieser zwölfte Imam sei abwesend; nach der „großen Verborgenheit“ (al-ġaiba al-kubrā) von 941 werde er erst am Ende der Zeiten zurückkehren. Im Laufe des 10. Jahrhunderts verdrängte die Zwölfer-Schia andere imamitische Gruppen. Die zwölf Imame beginnen mit ʿAlī ibn Abī Tālib und enden mit Muhammad al-Mahdī, dem entrückten zwölften Imam.

Die Ismāʿīlīya erkannte Ismāʿīl ibn Dschaʿfar und danach dessen Sohn Muhammad ibn Ismāʿīl als rechtmäßige Imame an. Frühe Ismailiten erwarteten dessen Rückkehr als Mahdi. Ihre Daʿwa, die organisierte Mission, breitete sich von 875 bis 900 von Nordafrika bis Südasien aus. 909 begründete al-Mahdī bi-Llāh das fatimidische Kalifat; 910 nahm er in Kairouan den Kalifentitel an. Die Fatimiden herrschten 909–1171 und gründeten Kairo mit der al-Azhar-Moschee als Zentrum ihrer Daʿwa. Daneben bestanden die Qarmaten, die an der Erwartung des verborgenen Mahdi festhielten und in Bahrain ein Fürstentum aufbauten.

Von 950 bis 1050 spricht der Artikel vom „schiitischen Jahrhundert“, weil große Teile der islamischen Welt unter schiitisch ausgerichteten Dynastien standen, darunter Buyiden, Hamdaniden, Fatimiden und Bahrain-Qarmaten. Die Ismāʿīlīya spaltete sich später weiter: Drusen entstanden Anfang des 11. Jahrhunderts; 1094 trennten sich Nizariten und Mustaʿliten. Nach 1130 bildeten sich die Taiyibiten, deren Gemeinde ein absoluter Dāʿī während der Verborgenheit des Imams leiten soll. Nizariten und Taiyibiten bestehen bis heute; die nizāritischen Imame tragen seit Mitte des 19. Jahrhunderts den Titel Aga Khan.

Iran, Osmanisches Reich und Deutschland

Iran war bis zum frühen 14. Jahrhundert überwiegend sunnitisch. Die Schiitisierung begann im 14. Jahrhundert und dauerte mehrere Jahrhunderte. Schah Ismāʿīl erklärte 1501 die Zwölfer-Schia zur offiziellen Lehre und ließ die Freitagspredigt auf die zwölf Imame lesen. Er ergänzte den Gebetsruf um „Ich bezeuge, dass ʿAlī der Freund Gottes ist“ und „Auf zum besten Tun“. Die Safawiden holten schiitische Gelehrte, besonders von der arabischen Golfküste und aus dem Dschabal ʿĀmil, nach Iran. Dadurch entwickelte sich ein Stand zwölfer-schiitischer ʿUlamāʾ; extrem-schiitische Vorstellungen der Kizilbasch wurden zurückgedrängt.

Im Osmanischen Reich waren Kizilbasch im 16. Jahrhundert wichtige oppositionelle Gruppen und wurden teilweise verfolgt. Über den Bektaschi-Orden wurden sie jedoch in die Gesellschaft integriert. Dabei gewann die Cem-Zeremonie mit zwölf Ämtern, Musik und Semah an Bedeutung. Die Bezeichnung Aleviten verdrängte im Laufe der Zeit die Bezeichnung Kizilbasch. Im Irak führten wahhabitische Angriffe auf Nadschaf und Kerbela im frühen 19. Jahrhundert zu einer stärkeren schiitischen Abgrenzung und zu Bekehrungen neu angesiedelter arabischer Stämme; dadurch wurden Schiiten im Irak zur Bevölkerungsmehrheit.

In Deutschland gehören von rund vier Millionen Muslimen etwa 7 bis 9 % der Schia an. Viele stammen aus Iran, Libanon und Irak. Als offizieller Dachverband versteht sich die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS), die rund 150 Moscheen, Gemeinden und Gruppen vertritt. Ihr bekanntestes Mitglied war das im Juli 2024 verbotene Islamische Zentrum Hamburg.

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