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Ismailiten
Für die heute existierenden Ismailiten gilt diese Bezeichnung allerdings als irreführend, da deren Imamlinie letztlich doch nicht mit dem siebten Imam endete.
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Überblick und Verbreitung
Die Ismailiten sind eine im 8. Jahrhundert aus der Imamiten-Schia hervorgegangene Religionsgemeinschaft des schiitischen Islam. Mit etwas mehr als 20 Millionen Anhängern sind sie nach der Zwölfer-Schia die zweitgrößte schiitische Konfession. Historisch besonders bedeutsam war das von ihnen gegründete Fatimiden-Kalifat in Nordafrika und Ägypten: Es wurde 910 proklamiert, beanspruchte die Führung der gesamten islamischen Gemeinschaft (umma) und war das einzige Kalifat der islamischen Geschichte, das aus dem Schiitentum hervorging. Saladin beendete es 1171.
Seit dem Ende des 11. Jahrhunderts gibt es verschiedene ismailitische Gemeinschaften. Sie unterscheiden sich vor allem darin, welche Linie von Imamen sie als rechtmäßige Führung anerkennen. Die zahlenmäßig größte Gruppe sind die Nizariten; der Sammelbegriff „Ismailiten“ wird heute häufig als Synonym für sie benutzt. Daneben bestehen die deutlich kleineren Tayyibiten und Mu’miniten. Die Drusen entstanden ebenfalls aus dem Ismailitentum, ihre Glaubenslehre hat sich jedoch davon entfernt.
Ismailiten leben vor allem in Indien, besonders in Gujarat und Maharashtra, sowie in Pakistan, unter anderem in Hunza. Weitere Gemeinden gibt es in Afghanistan, Tadschikistan, Syrien, Jemen, Iran, Oman, Bahrain, der Osttürkei, Ostafrika und der westlichen Welt, insgesamt in mehr als 25 Staaten. In Deutschland leben ungefähr 1.900 Ismailiten; 2008 bestanden Gebetsstätten, Jama'at Khana genannt, in Berlin, Bösel, Essen und Frankfurt.
Glaube, Offenbarung und Imamat
Die Ismailiten nennen ihren Glauben „die wahre Religion“ (dīn al-ḥaqq) oder „die Wahrheit“ (al-ḥaqq). Sie verstehen die materielle Schöpfung als Folge einer Gottesferne: Menschliche Seelen seien in der Materie gefangen und könnten nur durch Erkenntnis, arabisch ʿilm, zu ihrem Ursprung zurückkehren.
Gott offenbarte den Menschen diese Erkenntnis nach ismailitischer Lehre durch sechs aufeinanderfolgende „Sprecher“ (nāṭiq): Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus und Mohammed. Die von ihnen vermittelten Gesetzesreligionen mit ihren Riten, Geboten und Verboten bilden jedoch nur die äußere Seite (ẓāhir) der Offenbarung. Die eigentliche, wahre Bedeutung liegt im verborgenen Inneren (bāṭin). Der Koran soll deshalb allegorisch gelesen werden: Seine verschlüsselte innere Botschaft wird durch methodische Deutung, taʾwīl, erschlossen. Außenstehende bezeichneten Ismailiten daher auch als „Leute des Inneren/Geheimen“ (ahl al-bāṭin) oder Batiniten.
Jeder Sprecher-Prophet hatte einen Bevollmächtigten (waṣī), der allein den inneren Sinn bewahren und erklären konnte. Als solche gelten Seth oder Abel für Adam, Sem für Noah, Ismael für Abraham, Aaron für Moses, Simon Petrus für Jesus und Ali für Mohammed. Ali ist das „Fundament“ (asās) aller ismailitischen Imamlinien. Der Imam besitzt Charisma (baraka), Wissen (ʿilm) und Weisheit (ḥikma); nur durch ihn können Gläubige an der inneren Botschaft teilhaben.
Dieses Charisma wird durch Designation (naṣṣ) weitergegeben. Die Nachfolge erfolgt grundsätzlich linear vom Vater auf den Sohn, nicht vom Bruder auf den Bruder. Ein Erstgeburtsrecht gibt es nicht: Der Imam bestimmt den aus seiner Sicht würdigsten Sohn. Als Präzedenzfall gilt die Übergabe des Schwertes Ḏū l-faqār durch Mohammed an Ali vor der Schlacht von Uhud 625. Auch der Ausspruch Mohammeds am Teich von Chumm kurz vor seinem Tod 632 wird als Bestätigung von Alis künftiger Führung verstanden: „Allen, denen ich gebiete, soll auch Ali gebieten!“
Das ismailitische Rechtskompendium maḏhab ahl al-bait kennt sieben „Säulen des Islam“ (daʿāʾim al-islām): den Glauben an den wahren Imam, kultische Reinheit (ṭahāra), Ritualgebet (ṣalāt), Almosensteuer (zakāh), Fasten (ṣaum), Pilgerfahrt nach Mekka (ḥaǧǧ) und Einsatz im Heiligen Kampf (ǧihād). Wer den Imam nicht erkennt, gilt zwar als muslim, aber nicht als tatsächlich Gläubiger, muʾmin. Diese Rechtsschule zählt neben vier sunnitischen und der zwölferschiitischen Schule zu den sechs großen Rechtsschulen des Islam.
Entstehung und geheime Mission
Die ursprüngliche Spaltung entstand nach dem Tod des Imams Dschaʿfar as-Sādiq im Jahr 765. Die Mehrheit erkannte dessen überlebenden Sohn Musa al-Kāzim als Imam an; aus dieser Linie entwickelte sich die Zwölfer-Schia. Eine kleine Minderheit hielt dagegen an Ismāʿīl ibn Dschaʿfar und dessen Nachkommenschaft fest. Für sie war entscheidend, dass Ismail von seinem Vater designiert worden sei. Sein Sohn Muhammad ibn Ismail galt als siebter Imam und als erwarteter Mahdi, also als „Rechtgeleiteter“, der als letzter Prophet die Endzeit, die Auferstehung (qiyāma), die Aufhebung des Gesetzes und die Wiederherstellung des paradiesischen Glaubenszustands bringen sollte. Daher wurden diese frühen Ismailiten auch „Siebener“ genannt; für heutige Ismailiten ist diese Bezeichnung irreführend, weil ihre Imamlinie nicht beim siebten Imam endete.
Um die Mitte des 9. Jahrhunderts begann Abdallah al-Akbar in Askar Mukram, später in Basra und schließlich im syrischen Salamiyya, die geheime ismailitische Mission (daʿwa). Missionare hießen „Rufer“ (duʿāt, Singular dāʿī). Sie organisierten Gemeinden in Irak, Persien, Jemen, Bahrain, Ägypten und Maghreb. Diese Gemeinden wurden in befestigten, möglichst selbstständigen „Stätten der Auswanderung“ (dār al-hiǧra) angesiedelt und regionalen „Inseln“ (ǧazīra) zugeordnet. Jeder Insel stand ein Da’i vor; die Leitung in Salamiyya erteilte Anweisungen. Gläubige mussten Verschwiegenheit und unbedingte Loyalität gegenüber dem verborgenen Imam wahren sowie den „Fünften“ (hūms), eine Abgabe an den Imam gemäß Sure 8:41, entrichten.
899 erklärte Said ibn Hussein, auch Abdallah der Jüngere genannt, er selbst sei der erwartete Mahdi. Hamdān Qarmat und die Gemeinden im Irak und Bahrain lehnten dies ab, weil sie weiterhin die leibhaftige Wiederkehr Muhammad ibn Ismails erwarteten. Sie trennten sich als Qarmaten von der Missionsleitung. Die übrigen wichtigen Gemeinden blieben Said treu und deuteten die Verborgenheit künftig als Rückzug aus der Öffentlichkeit statt als körperliche Entrückung. Die ismailitische Lehre ging nun von einer fortgesetzten, durch Designation weitergegebenen Imamlinie aus.
Fatimiden-Kalifat und Machtentfaltung
Im Maghreb eroberten die von dem Da’i Abu Abdallah Hussein asch-Schiʿi geführten Kutāma-Berber im März 909 die Residenz Raqqada und vertrieben die Aghlabiden. Said offenbarte sich am 26. August 909 seinen Anhängern. Am 5. Januar 910 wurde er in Raqqada als „Befehlshaber aller Gläubigen“ (amīr al-muʾminīn) und Kalif mit dem Herrschernamen al-Mahdī billāh proklamiert. Die Dynastie wurde nach ihrer beanspruchten Abstammung von Fatima als Fatimiden bezeichnet, nannte sich selbst aber „Dynastie der Wahrheit“ (daulat al-ḥaqq).
Weil mit dem Auftreten al-Mahdis die erwartete Aufhebung der Scharia nicht eintrat, kam es früh zu Zweifeln und Aufständen. Die fatimidische Lehre erklärte schließlich, dass ein zukünftiger Imam die Aufhebung des Gesetzes verkünden werde; bis dahin müssten auch ismailitische Gläubige die Scharia befolgen. Das Fatimidenreich blieb somit ein islamischer Staat.
Am 6. Juli 969 nahm der Feldherr Dschauhar as-Siqillī Ägypten ein. In der Freitagspredigt vom 9. Juli wurde der Name des Fatimiden al-Muʿizz statt des Abbasiden al-Mutīʿ genannt. Al-Muʿizz zog am 10. Juni 973 in die neu gegründete Palaststadt al-Qāhira al-Muʿīzzya ein, das heutige Kairo. Die al-Azhar-Moschee wurde dort 972 eingeweiht. Kairo wuchs im 11. Jahrhundert mit al-Fusṭāṭ zusammen und blieb auch nach 1171 Hauptstadt Ägyptens.
Bis zum frühen 11. Jahrhundert erstreckte sich fatimidischer Einfluss über Palästina, Syrien, Jemen und zeitweise den Hedschas mit Mekka und Medina; von 969 bis 1071 wurde in Mekka der Name des fatimidischen Kalifen in der Freitagspredigt verlesen. Zugleich blieb das Ismailitentum auch in den Kernländern eine Minderheit; die sunnitische Bevölkerungsmehrheit folgte weiterhin ihren eigenen Rechtsschulen. Unter Kalif al-Hakim wurden Christen und Juden diskriminiert; 1009 wurde die Grabeskirche in Jerusalem zerstört. Nach seinem Tod normalisierten sich die Verhältnisse wieder.
Eine von Hamza al-Labbād und Anuschtekin ad-Darzī vertretene Lehre erklärte al-Hakim zu einer Inkarnation Gottes und hielt kultische Handlungen für überflüssig. Daraus gingen die Drusen hervor. Nach al-Hakims Verschwinden in der Nacht des 13. Februar 1021 wurde ihre Mission im Fatimidenreich verfolgt, 1034 offiziell eingestellt; ihre Anhänger zogen sich in die Berge des Libanon zurück.
Niedergang und dauerhafte Spaltung
Nach 1036 setzte unter Imam-Kalif al-Mustansir der Zerfall des Fatimidenreichs ein. Gebiete gingen verloren, die Seldschuken drangen in Syrien vor, und Ägypten wurde durch Machtkämpfe türkischer und sudanesischer Truppen geschwächt. Badr al-Dschamali stellte ab 1074 die Ordnung wieder her, vereinte aber als Wesir, militärischer Oberbefehlshaber, oberster Richter und ab 1078 „Rufer der Rufer“ außerordentliche Macht in seiner Person. Der Imam-Kalif verlor dadurch faktisch politische Macht.
Der entscheidende Nachfolgestreit folgte 1094 nach al-Mustansirs Tod. Wesir al-Afdal Schahanschah ließ den jüngeren Sohn al-Mustaʿli zum Imam-Kalifen einsetzen. Der ältere Prinz Nizar beanspruchte dagegen, vom Vater designiert worden zu sein, wurde 1095 besiegt und getötet. Die Gemeinden im fatimidischen Machtbereich erkannten meist al-Mustaʿli an; die Ismailiten in Persien und Teilen Syriens folgten Nizar. So entstanden Mustali- und Nizari-Ismailiten. Beide bewahrten weitgehend dieselbe Glaubenslehre, führten aber unterschiedliche Imamlinien fort.
Der Mustali-Zweig spaltete sich erneut nach der Ermordung al-Amirs 1130. Die Tayyibiten erkannten dessen verschwundenen Säuglingssohn at-Tayyib als verborgenen rechtmäßigen Imam an. Sie bestehen bis heute vor allem im Jemen und Indien; ihre Gemeinden werden durch Missionarsfamilien, die Dawudi Bohras, spirituell geleitet. Die Hafiziten folgten dagegen al-Hafiz und stellten die letzten Fatimidenkalifen. Ihre Linie endete: Der letzte Kalif al-Adid starb am 13. September 1171, nachdem Saladin am 10. September den Namen des Abbasidenkalifen wieder in der Freitagspredigt hatte verlesen lassen. Die Hafiziten gelten heute als nicht mehr existent.
Nizariten und heutige Imamlinien
Die Nizariten entwickelten sich zur größten ismailitischen Gruppe. Hassan-i Sabah führte die persische Mission von der Bergfestung Alamut aus; Alamut blieb bis zur mongolischen Eroberung 1256 ihr Hauptsitz. Bei den Nizariten verkündete Imam Hassan II. am 8. August 1164 in Alamut die „Auferstehung“ (qijāmah) und die Aufhebung des Gesetzes (rafʿ aš-šarīʿa). Sie entwickelten dafür die Vorstellung eines Wechsels zwischen „Verhüllung“ (satr) und „Enthüllung“ (kašf): In Zeiten der Verhüllung gelten die Vorschriften der Scharia als äußerer Sinn der Offenbarung; in Zeiten der Enthüllung gelten sie als aufgehoben, weil die innere „wahre Religion“ hervortritt.
Im mittelalterlichen christlichen Schrifttum wurden Nizariten wegen ihrer Messerattentate gegen Glaubensfeinde als „Assassinen“ bekannt. Die Bezeichnung ist eine Korruption des arabischen Schimpfwortes al-Ḥašīšiyyūn, „Haschischleute“, und gehört zu einer bis ins 21. Jahrhundert fortwirkenden „schwarzen Legende“.
1310 trennten sich die Nizariten in zwei Imamlinien. Die Muhammad-Schahi-Nizariten, heute meist Mu’miniten genannt, verloren 1796 den Kontakt zu ihrem letzten Imam und betrachteten ihn als verborgen. Im 19. Jahrhundert wechselte die Mehrheit ihrer Anhänger zu den Qasim-Schahi-Nizariten. Mu’miniten bestehen heute nur noch in kleinen Gemeinden in Syrien um Masyaf und Qadmus.
Die Qasim-Schahi-Nizariten, die Aga Khane, bilden mit geschätzt 20 Millionen Anhängern die große Mehrheit aller Nizariten und Ismailiten. Ihre Imame lebten bis ins 19. Jahrhundert in Persien und erhielten dort den erblichen Adelstitel Aga Khan. Aga Khan I. floh 1841 nach Indien. Die Imamlinie besteht fort; seit 2025 ist Aga Khan V. ihr Oberhaupt.