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Aleviten
Die Religion an sich wird als Alevitentum oder seltener Alevismus bezeichnet und stellt die zweitgrößte Religionsgruppe der Türkei (mit schätzungsweise 15 % …
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Einordnung und Verbreitung
Aleviten sind Mitglieder einer vorwiegend in der Türkei beheimateten Glaubensrichtung. Sie verbreitete sich im 13./14. Jahrhundert unter zugewanderten oghusisch-turkmenischen Stämmen in Anatolien und Aserbaidschan. Alevitentum ist mit dem schiitischen Islam, besonders über die Verehrung Alis und der zwölf Imame, verbunden und steht dem sufischen Bektaschi-Orden nahe. Ob es Teil des schiitischen Islams, eine eigene islamische Konfession oder eine eigenständige Religion ist, wird in der Forschung und unter Aleviten unterschiedlich beurteilt. Türkische Aleviten sind nicht mit den Alawiten Westsyriens und der Provinz Hatay gleichzusetzen.
Das Alevitentum gilt mit schätzungsweise 15 % der Bevölkerung als zweitgrößte Religionsgruppe der Türkei. Verlässliche Zahlen fehlen, weil sich viele Menschen nicht öffentlich zu ihrem Glauben bekennen und Assimilation stattfand. Weltweit reichen Schätzungen von 10 bis 12 Millionen bis über 20 Millionen Aleviten. Zum Alevitentum kann man nach dem dargestellten traditionellen Verständnis nicht konvertieren: Als Alevit gilt, wer als Kind einer alevitischen Mutter oder eines alevitischen Vaters geboren ist.
Schwerpunkte liegen in Zentralanatolien und Thrakien, besonders in einem Gürtel von Çorum bis Muş; Tunceli ist die einzige türkische Provinz mit alevitischer Mehrheit. Seit den 1960er Jahren wanderten viele ländliche Aleviten in west- und südtürkische Großstädte sowie nach Westeuropa aus. Die meisten sind Türken und Turkmenen, Minderheiten Kurden oder Zaza; außerdem gibt es Aserbaidschaner sowie Gemeinschaften unter Turkmenen und Kurden in Syrien und im Irak. In Griechenland leben etwa 3.000 Aleviten in Westthrakien, in Bulgarien mehrere Zehntausend Bektaschi-Aleviten.
Historische Entwicklung und Verfolgung
Die Bezeichnung „Aleviten“ entstand erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Sie sollte unterschiedliche Gruppen unter einem Namen verbinden und den als abwertend empfundenen älteren Namen Kızılbaş („Rotköpfe“) ersetzen. Eine verbreitete Auffassung ordnet Aleviten als schiitische Denomination ein, weil sie zentrale Inhalte der Zwölferschia zu Ali und den Vierzehn Unfehlbaren akzeptieren; orthodoxe Sunniten ordnen sie meist den Ghulāt („Übertreiber“) zu.
Der Tod Mohammeds gilt als Ausgangspunkt der Schia: Anhänger Alis, des Cousins und Schwiegersohns des Propheten, betrachteten ihn als rechtmäßigen Nachfolger. Im Iran verbreitete sich ab dem 9. Jahrhundert der Sufismus. Nach der mongolischen Eroberung im 13. Jahrhundert gewannen die Scheichs der Safawiyya aus Ardabil bei Turkmenenstämmen an Einfluss. Unter Scheich Dschunaid wechselte diese ursprünglich eher sunnitische Sufi-Tarīqa zu schiitischen Auffassungen und strebte politische Macht an. Schah Ismail I. machte die Safawiden zu Herrschern Irans und prägte das Land schiitisch.
Safawiden fanden auch unter anatolischen Turkmenen Anhänger, besonders bei Gegnern der Osmanen. Nach der Niederschlagung von Aufständen im 16. Jahrhundert zogen sich diese Gruppen in abgelegene Gebiete zurück. Die Verbindung zu den Safawiden brach ab; in dieser Isolation entwickelten sich die heutige Glaubens- und Sozialstruktur sowie eine Verbindung zur Bektaşi-Tarīqa. Beziehungen zum Zoroastrismus werden zwar behauptet, sind historisch aber kaum belegbar.
Unter den Osmanen wurden Aleviten als Häretiker verfolgt, besonders wegen ihrer Verbindung zu den safawidischen Schahs im Jahr 1514. Der Dichter Pir Sultan Abdal führte im 16. Jahrhundert alevitische Aufstände an, wurde nach deren Niederschlagung gehängt und wird bis heute hoch verehrt. Seit Gründung der modernen Türkei bestand in Teilen Glaubensfreiheit. Viele Aleviten unterstützten Atatürks Laizismus, weltlichen Rechtsstaat und Demokratie, weil sie sich Gleichberechtigung gegenüber der sunnitischen Mehrheit erhofften. Dennoch nennt der Artikel Pogrome in Çorum und Kahramanmaraş sowie den Brandanschlag von Sivas als Beispiele fortdauernder Gewalt und Diskriminierung.
Glaubensverständnis und ethische Leitlinien
Ziel des alevitischen Lebens ist Erleuchtung oder Vollkommenheit, arabisch al-Insān al-Kāmil („der vollkommene Mensch“). Diese soll durch Nächstenliebe, Geduld, Bescheidenheit und verantwortliches Handeln erreicht werden. Humanismus und Universalismus prägen den Glauben. Die alevitische Formel lautet „Ya Allah, Ya Mohammed, Ya Ali“. Im Glaubensbekenntnis wird zur Schahāda „Ali ist der Freund Gottes“ hinzugefügt. Die Beziehung Allah–Mohammed–Ali ist nach dem Artikel keine christliche Trinität, sondern Ausdruck einer mystischen Lehre.
Aleviten verehren Ali ibn Abi Talib und die zwölf Imame. Bis auf den zwölften seien diese ermordet worden; der zwölfte lebe verborgen bis zu seiner Wiederkehr. Besonders wichtig ist das Martyrium des dritten Imams al-Husain ibn Ali: Es verbindet Aleviten mit Schiiten und prägt ein gemeinsames Trauerbewusstsein. Zugleich unterscheiden sich Aleviten in Gottesvorstellung, Glaubensausübung und theologischer Auslegung deutlich von der imamitischen Schia, etwa im Iran.
Der Mensch steht als eigenverantwortliches Wesen im Mittelpunkt. Alle Lebewesen gelten als Gottesgeschöpfe mit unsterblicher göttlicher Seele; jedem Menschen wohnt die „heilige Kraft Gottes“ (Nur-i Kadim/Zat-ı Mutlak) inne. Der Mensch könne aufgrund seiner Vernunft Gott in dessen Geschöpfen erkennen und müsse deshalb für sein Handeln selbst einstehen. Leid wird auf menschliches oder kollektives Fehlverhalten zurückgeführt, nicht auf Gottes Willen. Die Seele strebt nach Einheit mit Gott, die als Einwohnung (ḥulūl beziehungsweise hulûl) vorgestellt wird. Die Tradition kennt auch Vorstellungen von Seelenwanderung (tenâsüh, rûh göçü, devriye); laut Hıdır Temel ist diese Vorstellung vielen heutigen Aleviten jedoch fern oder unbekannt.
Die Scharia, das religiöse Gesetz, hat geringere Bedeutung als im orthodoxen Islam und gilt als äußere, erste Stufe der Religion. Der Koran wird nicht wörtlich als Gesetzbuch verstanden, sondern als Glaubensbuch mit äußerer und innerer, verborgener Bedeutung. Die alevitische Lehre wurde wegen Verfolgung besonders durch Gedichte und Lieder überliefert; wichtige Quellen sind der „Große Buyruk“, der Dschaʿfar as-Sādiq zugeschrieben wird, sowie Deyiş, Beyt und Duaz-i Imam.
Gottesdienst, Feste und vier Tore
Aleviten beten meist nicht in Moscheen und folgen nicht den „Fünf Säulen des Islam“. Der nicht verpflichtende Gottesdienst heißt Cem und findet im Cemevi, einem Versammlungshaus, statt. Frauen und Männer nehmen gleichberechtigt teil. Gedichte werden rezitiert, und der Semah wird getanzt. Geleitet wird der Cem gewöhnlich von einem Dede („Großvater“) oder einer Ana („Mutter“), die als besonders kundig in Ritualen und Traditionen gelten; fehlt ein Dede, kann ein anderer sachkundiger Alevit leiten. Durch Urbanisierung wird der Cem heute oft wöchentlich und mit vereinheitlichten Ritualelementen gefeiert.
Der Semah gehört zu den zwölf Pflichten des Cem. Frauen und Männer ab vierzehn Jahren bewegen sich ohne körperlichen Kontakt kreisförmig und drehen sich zugleich um die eigene Achse. Die rechte Handfläche weist nach oben, die linke zum Boden. Der Tanz symbolisiert Universum, Planeten sowie Kreisläufe von Leben und Natur und soll der geistigen Annäherung an Allah dienen. Nach alevitischer Auffassung soll er nicht öffentlich vorgeführt werden. Musik, besonders die Bağlama, ist für den Cem unverzichtbar. Aşık beziehungsweise Zâkir oder Ozan tragen Lieder vor und vermitteln Glauben, Erinnerung an Leid und Gemeinschaft weiter.
Die Grundformel der Vorschriften ist „eline beline diline sahip ol“: Beherrsche Hände, Lende und Zunge. Sie verlangt, nicht zu stehlen, zu zerstören oder zu töten, Sexualität nicht zum Leid anderer einzusetzen sowie weder zu lügen noch zu verleumden oder zu verletzen. Verbote von Töten, Diebstahl, Verleumdung und Ehebruch gelten gegenüber allen Menschen. Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit ergänzen diese Regeln.
Die „vier Türen, vierzig Stufen“ beschreiben den Weg zur Vollkommenheit. Seriat-Kapi verlangt unter anderem Glauben, Wissen, Reinheit und das Meiden von Verbotenem. Tarikat-Kapi bezieht sich auf eigene Rechte und Ansprüche, Reue, Dienst am Umfeld und Lernen. Marifat-Kapi betrifft die Rechte und Bedürfnisse der Mitmenschen, Toleranz, Geduld, Freigebigkeit und Selbsterkenntnis. Hakikat-Kapi richtet sich auf Rechte und Pflichten der Gemeinschaft und die Einheit mit Hak (Gott). Einer Legende zufolge erreichen nur sehr wenige Menschen die letzte Tür; ein Fehler könne zur ersten Tür zurückführen.
Hızır und İlyas gelten als Brüder und Propheten, die das „Wasser der Unsterblichkeit“ getrunken hätten. Hızır helfe Menschen zu Lande, İlyas zur See. In der zweiten Februarwoche wird das dreitägige Hızır-Fasten gehalten. Weitere wichtige Tage sind der Geburtstag Alis am 21. März, Hıdırellez in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai, das Gedenkfest für Hacı Bektaş Veli vom 16. bis 18. August, Muharrem als zwölf Tage dauernde Trauer- und Fastenzeit für Kerbela sowie Aşure als deren Abschluss.
Aleviten in der Türkei
In der Türkei leben nach der genannten Schätzung etwa 12,5 Millionen Aleviten, also über 15 % der Bevölkerung; in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien es noch 30 % gewesen. Die staatliche Statistik weist dagegen 99,8 % Muslime aus. Traditionelle Schwerpunktprovinzen sind Çorum, Adana, Amasya, Tokat, Hatay, Sivas, Erzincan, Erzurum, Tunceli, Malatya und Kahramanmaraş; durch Binnenmigration leben viele heute in Istanbul, Gaziantep, Ankara, Izmir und Bursa. Atatürk gilt vielen türkischen Aleviten als Heldenfigur.
Die türkische Verfassung unterscheidet seit 1924 grundsätzlich nicht nach religiösem Bekenntnis. Der Staat ordnet Aleviten jedoch islamischen Glaubensrichtungen zu. Die staatliche Religionsbehörde Diyanet ist auf sunnitischen Islam ausgerichtet; seit den 1970er Jahren und besonders nach dem Militärputsch 1980 förderte der Staat unter der „Türkisch-Islamischen Synthese“ den sunnitischen Islam. Verbindlicher islamischer Religionsunterricht wurde eingeführt. Aleviten sehen eine laizistische Staatsform weiterhin als Grundlage ihrer Existenz.
Als wichtige Forderung nennt der Artikel die Anerkennung von Cem-Stätten als gleichberechtigte Kultstätten. Moscheen erhalten unter anderem öffentliche Zahlungen für Strom und Wasser, und Vorbeter erhalten Beamtenlohn; Cem-Stätten werden privat betrieben, alevitische Vorbeter erhalten diesen Lohn nicht. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellte Diskriminierung durch den türkischen Staat fest. Im September beziehungsweise Oktober 2008 erkannten Kuşadası und Tunceli Cem-Stätten als gleichberechtigte Kultstätten an. Im April 2023 bekannte sich CHP-Vorsitzender Kemal Kılıçdaroğlu öffentlich zu seinem Alevitentum, was als Tabubruch wahrgenommen wurde.
Deutschland und Österreich
In Deutschland leben rund 500.000 Aleviten, zu 95 % aus der Türkei. Mit 13 % sind sie nach Sunniten die zweitgrößte Gruppe der in Deutschland lebenden Muslime. Der Anteil unter türkischstämmigen Einwanderern ist höher als in der Türkei, weil viele aus alevitisch geprägten Regionen kamen und in den 1980er Jahren nach dem Militärputsch Asyl suchten. Die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit wird als wichtig beschrieben. Die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF) mit Sitz in Köln ist die größte Dachorganisation und vereint bundesweit 125 Vereine. Nordrhein-Westfalen verlieh ihr im Dezember 2020 die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts; Berlin gewährte den Aleviten diesen Status im Dezember 2022.
Alevitischer Religionsunterricht wurde in Baden-Württemberg 2006/2007, in Nordrhein-Westfalen 2008/09 und in Niedersachsen 2011/2012 eingeführt. Im April 2013 boten 33 Schulen in Baden-Württemberg das Fach an. Seit Sommersemester 2014 bildet die Pädagogische Hochschule Weingarten Lehrkräfte aus; an der Universität Hamburg wird Alevitische Religion in Bachelor- und Master-Teilstudiengängen gelehrt.
In Österreich gibt es etwa 60.000 Aleviten, von denen etwa 12.000 in zwei Organisationen vertreten sind. Die Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich (ALEVI) wurde am 16. Dezember 2010 als religiöse Bekenntnisgemeinschaft eingetragen und mit Verordnung vom 22. Mai 2013 als Religionsgesellschaft gesetzlich anerkannt. Diese Anerkennung wird als weltweit einzigartig bezeichnet. Daneben bestehen die Alt-Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich (AAGÖ), seit August 2013 Bekenntnisgemeinschaft, sowie seit 2022 die Frei-Aleviten Österreich. Die unterschiedlichen Organisationen spiegeln den Streit darüber, ob Alevitentum zum Islam gehört oder eine eigenständige Religion ist. Am 21. Juni 2017 wurde in Vorarlberg die erste Maturaprüfung im Fach „Alevitische Religionslehre“ abgelegt.