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Aserbaidschan

BIP in Mrd. USD (Kaufkraftparität), 115,8, 141,4 ; BIP pro Kopf in USD (Kaufkraftparität), 12.869, 14.740 ; BIP-Wachstum (real), 5,0 %, 1,1 % ; Inflation (in …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Geographie
  2. 2. Bevölkerung, Sprachen und Religionen
  3. 3. Geschichte
  4. 4. Politik, Menschenrechte und Außenpolitik
  5. 5. Wirtschaft
  6. 6. Kultur und Sport

Überblick und Geographie

Aserbaidschan (amtlich Republik Aserbaidschan) ist ein Staat in Vorderasien mit über 10 Millionen Einwohnern; je nach Definition liegt ein kleiner Teil des Gebiets in Europa. Die Fläche beträgt 86.600 km². Das Land liegt zwischen Kaspischem Meer und Kaukasus und grenzt im Norden an Russland, im Nordwesten an Georgien, im Westen an Armenien, im Südwesten über die Exklave Nachitschewan (5.500 km², durch armenisches Gebiet vom Kernland getrennt) an die Türkei und im Süden an Iran; über dem Kaspischen Meer verlaufen Grenzen zu Turkmenistan und Kasachstan. Hauptstadt und größte Stadt ist Baku mit rund 2,2 Millionen Einwohnern, eine wichtige Hafenstadt am Kaspischen Meer. Weitere große Städte sind Sumqayıt (346.800), Gəncə (335.800), Mingəçevir, Xırdalan, Naxçıvan und Şirvan; 2023 lebten 58 % der Einwohner in Städten. Höchster Berg ist der Bazardüzü mit 4.466 Metern an der russischen Grenze, größter See der Sarısu mit 67 km². Die Kura (Kür) wird im Mingəçevir-Stausee aufgestaut und mündet nach 1.364 km ins Kaspische Meer; der Aras bildet die Grenze zu Iran. Das Land ist zu 50 % Ackerland, 12 % Wald und 2 % Wasser. Die Tierwelt umfasst etwa 18.000 Arten, darunter 102 Säugetierarten wie Braunbären, Wölfe, Gazellen, Leoparden und Streifenhyänen. Das Klima ist reliefbedingt sehr unterschiedlich: Halbwüsten- und Steppenklima in der Kura-Aras-Niederung (200–300 mm Niederschlag), feucht-subtropisches Klima im Süden (bis 1.800 mm) und Gebirgsklima mit etwa 1.500 mm; die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt 13,1 °C.

Bevölkerung, Sprachen und Religionen

Aserbaidschan hatte 2025 etwa 10,56 Millionen Einwohner; trotz Geburtenüberschusses (12,1 Geburten gegenüber 6,0 Sterbefällen pro 1.000 Einwohner, 2022) blieb die Zahl durch Auswanderung nahezu konstant. Die Kinderzahl pro Frau lag 2022 bei 1,7. Die Lebenserwartung betrug 2025 bei Frauen 79 und bei Männern 74 Jahre, das Durchschnittsalter (Median) 34,3 Jahre. Bei der Volkszählung 2009 bezeichneten sich 91,6 % als Aserbaidschaner; größte Minderheiten waren Lesgier (2,02 %), Armenier (1,35 %), Russen (1,34 %) und Talyschen (1,26 %). Zwischen 12 und 15 Millionen Aserbaidschaner leben in Iran – mehr als im Staat Aserbaidschan selbst. Wegen des Bergkarabachkonflikts lebten 2003 600.000 bis 700.000 Aserbaidschaner als Binnenvertriebene; deren Versorgung kostet laut Regierung jährlich 3 % des Staatsbudgets. Amtssprache ist ausschließlich Aserbaidschanisch, eine Turksprache mit großer Ähnlichkeit zum Türkischen; seit Dezember 1992 wird es in lateinischer Schrift geschrieben. Russisch ist weiterhin wichtig, viele lernen auch Englisch; es werden 14 Minderheitensprachen aus vier Sprachfamilien gesprochen. Etwa 85–89 % der Bevölkerung sind Muslime (mehrheitlich Schiiten, je nach Schätzung 65–85 %), doch nur etwa 10 % bezeichnen sich als regelmäßig praktizierende Muslime, da viele während der Sowjetzeit säkularisiert wurden. Daneben leben 25.000 bis 30.000 Juden (rund 75 % in Baku), christliche Minderheiten (1998: 3,8 % russisch-orthodox) sowie seit 1993 eine evangelisch-lutherische Gemeinde mit vielen Nachfahren der einst bis zu 20.000 deutschstämmigen Bewohner, die im Zweiten Weltkrieg meist deportiert wurden.

Geschichte

Aserbaidschan gehört zu den ältesten industriellen Produktionsstätten von Öl und Gas; schon im frühen Mittelalter war Erdöl von der Halbinsel Abşeron Exportprodukt („Griechisches Feuer“). Ab dem 11. Jahrhundert prägten Oghuz-Türken (Seldschuken) das Land, später bestanden türkische Staaten wie Qara Qoyunlu und Aq Qoyunlu, und unter den Safawiden waren aserbaidschanischsprachige Stämme in Staat und Armee führend. Nach 1747 entstanden Khanate (Fürstentümer). Durch die russisch-persischen Kriege (1804–1813, 1826–1828) und die Verträge von Gulistan (1813) und Turkmenchay (1828) kamen die kaukasischen Gebiete an das Russische Reich. Ab den 1870er Jahren begann der großindustrielle Ölabbau; 1898 überholte das Bakuer Revier die USA und wurde zum weltgrößten Erdölfördergebiet. Am 28. Mai 1918 wurde die Demokratische Republik Aserbaidschan ausgerufen – das erste islamische Land mit Frauenwahlrecht, weltlich und westlich orientiert. Am 27. April 1920 eroberten die Bolschewiki das Land; 1922 wurde die Aserbaidschanische SSR Teil der Sowjetunion. 1941 lieferte Aserbaidschan 75 % der sowjetischen Erdölproduktion (175 Millionen Barrel), weshalb die Ölfelder Bakus ein strategisches Ziel der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg waren; über 270.000 Aserbaidschaner kämpften in der Roten Armee. Am 18. Oktober 1991 wurde das Land erneut unabhängig. Es folgte der Krieg um die mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region Bergkarabach, die sich als „Republik Arzach“ für unabhängig erklärte (international nicht anerkannt) und bis 1994 weite Gebiete besetzte. 2020 eroberte Aserbaidschan große Teile zurück, am 19. September 2023 zwang ein Überraschungsangriff die Republik Arzach binnen eines Tages zur Kapitulation; die meisten Armenier flohen. Mitte November 2024 war Baku Gastgeber der UN-Klimakonferenz COP 29. Nach der Eroberung werden armenische Spuren getilgt: Kirchen abgerissen (etwa die Grüne Kirche in Şuşa), das Dorf Daşaltı und ein Viertel in Xankəndi dem Erdboden gleichgemacht, das Parlamentsgebäude von Arzach abgebrochen. Dies wird von Menschenrechtsorganisationen als Verstoß gegen die Haager Konvention von 1954 und gegen die ICJ-Entscheidung von November 2023 kritisiert, die Baku zum Schutz armenischen Kulturerbes verpflichtete.

Politik, Menschenrechte und Außenpolitik

Aserbaidschan ist laut Verfassung (12. November 1995) eine demokratische, rechtsstaatliche, weltliche und unitarische Republik, de facto herrscht jedoch seit 1992 ein autoritärer Führungsstil mit Korruption; der Demokratieindex 2024 stuft das Land mit 2,8 von 10 Punkten als autoritäres Regime ein. Das Parlament (Milli Məclis) hat 125 Sitze für fünf Jahre, ein Sitz bleibt für Bergkarabach freigehalten. Staatspräsident ist İlham Əliyev (Sohn des 2003 verstorbenen Heydər Əliyev), seit Verfassungsreferenden ohne Amtszeitenbegrenzung und bei siebenjähriger Amtszeit; seine Frau Mehriban Əliyeva ist Vizepräsidentin. Ministerpräsident ist seit 2019 Əli Əsədov (Partei Neues Aserbaidschan). Oppositionsparteien sind unter anderem die Hoffnungspartei und die Gleichheitspartei (Müsawat); Wahlbeobachter (OSZE) berichten von Wahlfälschung und Einschüchterung. Die Pressefreiheit gilt als „sehr ernst“ bedroht (Ranglistenplatz 171 von 180 im Jahr 2026), Sender wie BBC und Radio Free Europe sind seit 2009 gesperrt. Die Todesstrafe ist seit 1998 abgeschafft, dennoch kommt es regelmäßig zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen; Frauen und Minderheiten werden unterdrückt, Kritiker inhaftiert. Homosexualität ist seit 2000 legal, doch LGBT-Personen erfahren Diskriminierung. Das Militär umfasst etwa 150.000 aktive Soldaten mit 12- bis 18-monatiger Wehrpflicht und ohne Kriegsdienstverweigerungsrecht; 2017 wurden 3,9 % der Wirtschaftsleistung dafür ausgegeben. In der Außenpolitik arbeitet Aserbaidschan eng mit der Türkei und Israel zusammen, die Beziehungen zu Iran und Russland sind angespannt; das Land gehört zur „West-Ost-Achse“ (USA, Türkei, Israel, Georgien, Aserbaidschan). Es ist seit 1992 UN-Mitglied sowie Mitglied von Europarat, OSZE, GUS, GUAM, Organisation der Turkstaaten und anderen. Mit Armenien bestehen keine diplomatischen Beziehungen. Mit der EU bestehen seit 1999 ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen und seit 2009 die Mitgliedschaft in der Östlichen Partnerschaft. Unter dem Stichwort „Kaviar-Diplomatie“ wurde aufgedeckt, dass Aserbaidschan europäische Abgeordnete mit Geschenken und Geld für Lobbyarbeit entlohnte – mehrfach gab es Korruptionsvorwürfe auch gegen deutsche Politiker. Deutschland ist ein wichtiger Handelspartner: 2020 gehörte Aserbaidschan zu den zehn wichtigsten Rohöllieferanten Deutschlands. Das Verhältnis zu Deutschland wird durch parlamentarische Arbeitsgruppen gepflegt.

Wirtschaft

Die Wirtschaft Aserbaidschans beruht auf Erdöl und Erdgas. Nach dem Oil and Gas Journal (2012) besitzt das Land 7 Milliarden Barrel Erdölreserven; es ist nach Russland und Kasachstan der drittwichtigste Erdölexporteur des postsowjetischen Raums. Die Förderung stieg von 173.000 Barrel täglich (1997) auf über 1 Million Barrel (2009) und betrug 2015 noch 800.000 Barrel; 2005 erwirtschaftete die Ölindustrie 67 % des BIP. Für den Export dient die seit 2005 betriebene Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (eine Million Barrel täglich bis in die Türkei); für Gas dienen Südkaukasus-, Transanatolische (TANAP) und Transadriatische Pipeline (TAP) zur Lieferung nach Italien. Der Staat legte einen Ölfonds an, um nach dem Ölzeitalter vorzusorgen. Aserbaidschan ist ein Beispielfall der „Holländischen Krankheit“: Der Ölboom vernachlässigte andere Industrien; der Ölpreisverfall 2014/15 führte zur Abwertung des Manat um fast 50 %. 2017 betrug das Außenhandelsvolumen 17,7 Milliarden Euro; die EU nahm 48,2 % der Exporte ab (davon 98,1 % Öl und Gas), die EU lieferte vor allem Maschinen, Fahrzeuge und Chemikalien. 2017 gab es einen Handelsbilanzüberschuss von 2,1 Milliarden Euro. Wichtigste Probleme sind hohe Korruption und Ölpreisabhängigkeit; 5,3 % der Bevölkerung leben laut Weltbank unter der Armutsgrenze. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 6 % (mit häufiger Unterbeschäftigung); 48,8 % der Arbeitskräfte sind Frauen. Der Staatshaushalt wies 2016 einen Überschuss von 3,0 % des BIP auf; die Staatsverschuldung betrug 2021 26,4 % des BIP. Das BIP pro Kopf (KKP) stieg von 12.869 USD (2010) auf 25.013 USD (2024). Das Land führt die Börse Baku.

Kultur und Sport

Die aserbaidschanische Küche ähnelt der iranischen und türkischen. Typische Gerichte sind die Hammelfleischsuppe Piti mit Kichererbsen, die Joghurtsuppe Dovğa und Dolma (gefüllte Wein- oder Kohlblätter bzw. Gemüse) sowie Pilaw in vielen Varianten mit Hammel-, Hühnerfleisch, Fisch oder Kastanien. Beliebt ist das Erfrischungsgetränk Şərbət. Der 28. Mai ist der Tag der Republik (Unabhängigkeitstag der Demokratischen Republik von 1918), gefeiert werden auch Ramadan, das Opferfest und der 9. Mai (Tag des Sieges über den Faschismus). 2021 nutzten 86 % der Einwohner das Internet. Im Sport war Baku 2015 Austragungsort der ersten Europaspiele mit etwa 6.000 Athleten; Aserbaidschan belegte im Medaillenspiegel Platz 2. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio gewann das Land 18 Medaillen (1 Gold, 7 Silber, 10 Bronze). 2016 fand erstmals ein Formel-1-Rennen (Großer Preis von Europa) in Baku statt. Schach ist sehr beliebt und staatlich gefördert; Erfolge waren die Siege bei der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft 2009, 2013 und 2017. Bekannte Spieler sind Garri Kasparow, der in Baku aufwuchs, sowie Teymur Rəcəbov und Şəhriyar Məmmədyarov. Der Karateka Rəfael Ağayev gewann fünf Welt- und zehn Europameistertitel.

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