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Alawiten
Jahrhundert im Irak entstanden ist und zum schiitischen Spektrum des Islams gehört. Sie sind nicht zu verwechseln mit den türkischen und kurdischen Aleviten, …
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Einordnung und Bezeichnungen
Die Alawiten, auch Nusairier genannt, sind eine religiöse Sondergemeinschaft Vorderasiens. Sie entstand im späten 9. Jahrhundert im Irak und gehört zum schiitischen Spektrum des Islams. Ihr wichtigstes Identifikationssymbol ist das Zülfikar, das Schwert Alis. Alawiten dürfen nicht mit den türkischen und kurdischen Aleviten verwechselt werden.
„Nusairier“ war bis zum späten 19. Jahrhundert die übliche Bezeichnung. Sie leitet sich von Muhammad ibn Nusair an-Numairi ab, der um 860 im Umfeld des zehnten schiitischen Imams ʿAlī al-Hādī an-Naqī auftrat und als Gründer gilt. Viele Alawiten lehnen die Bezeichnung wegen ihres als diskriminierend empfundenen Klangs ab. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wählte die Gemeinschaft zunehmend die Selbstbezeichnung „Alawiten“, also „Ali-Anhänger“, um ihre Zugehörigkeit zur schiitischen Gemeinde zu betonen. In der Türkei heißen sie auch Arap Alevileri („arabische Aleviten“) oder Güney Alevileri („südliche Aleviten“). Weitere Selbstbezeichnungen sind muwahhidūn und ahl al-tauhīd, beide etwa „Einheitsbekenner“ und Ausdruck ihres Monotheismus.
Entstehung und historische Entwicklung
Die Nusairīya entstand im Umfeld irakischer Ghulat-Sekten, also extrem-schiitischer Gruppen. Muhammad ibn Nuṣayr beanspruchte, der bāb („das Tor“) des elften schiitischen Imams Hasan al-ʿAskarī, der 873 starb, zu sein. Nach einer Zeit mit schwacher Führung verbreitete al-Husain ibn Hamdān al-Chasībī die Lehre ab 926 von Bagdad aus. Nach Haft und Flucht wirkte er in Syrien und Harran; dort entstand eine erste Gemeinde mit 51 Anhängern. Mit ihm verlagerte sich das Zentrum der Gemeinschaft nach Nordsyrien.
Von Aleppo aus entstand ein Netz von Gemeinden, unter anderem in Harran, Beirut, Tiberias und Tripolis. Im 11. Jahrhundert wurde das syrische Küstengebirge zum wichtigsten Siedlungsgebiet, während Gemeinden im Irak, in Harran, Aleppo und Tiberias zurückgingen. Im frühen 13. Jahrhundert konkurrierten die Nusairier dort mit nizāritischen Ismāʿīliten und eingewanderten Kurden. 1222 rückte der schiitische Emir al-Hasan al-Makzūn as-Sindschārī mit 50.000 Kämpfern in das Gebiet vor, vertrieb Nizāriten und Kurden und vernichtete die rivalisierende Isḥāqīya. Das Küstengebirge erhielt dadurch einen deutlich nusairischen Charakter.
Unter den Mamluken gab es nach 1260 staatliche Versuche zur Bekehrung zum Sunnitentum. 1317 kam es zu einem Aufstand. Ibn Taimiyya forderte in einer Fatwa später die Tötung der Nusairier, setzte sich damit aber nicht durch; im mamlukischen Staat wurden sie schließlich anderen nichtmuslimischen Minderheiten gleichgestellt und mussten die Dschizya, eine Kopfsteuer, zahlen. Auch unter den Osmanen gab es Annäherungsversuche an den sunnitisch-hanafitischen Islam; Schulen und Moscheen wurden im Küstengebirge errichtet.
Die französische Mandatsmacht gründete am 31. August 1920 das „Autonome Territorium der Alawiten“ und erhob es am 12. Juli 1922 zum Alawitenstaat. Dieser wurde ab 1937 wieder mit Syrien vereinigt. Nach Syriens Unabhängigkeit 1946 waren Alawiten zunächst gesellschaftlich marginalisiert, in der Armee jedoch stark vertreten. Mit der Machtübernahme der Baath-Partei 1963 gewannen sie politisches Gewicht. Der Alawit Hafiz al-Assad übernahm 1970 die Macht und wurde am 12. März 1971 Staatspräsident. Seit dem Bürgerkrieg ab 2011 traten religiöse Gegensätze offener hervor. Laut Human Rights Watch wurden beim Angriff islamistisch-salafistischer Gruppen auf zehn alawitische Dörfer nahe Latakia am 4. August 2013 mindestens 190 Zivilisten getötet; über 200 Menschen wurden als Geiseln genommen.
Zentrale Glaubenslehren und religiöse Praxis
Die alawitische Religion ist eine Geheimreligion; deshalb waren Informationen lange knapp und oft von Gerüchten begleitet. Seit 2006 werden im Libanon zahlreiche zuvor unzugängliche nusairische Schriften veröffentlicht, wodurch die Forschung mehr Quellen besitzt.
Im Zentrum steht Ali ibn Abi Talib. Er gilt als Manifestation des höchsten namenlosen Gottes, des Urewigen (al-Qadim al-Azal). Ali erscheint siebenmal, in jedem Himmel einmal, bleibt aber stets der eigentliche Sinn (al-Maʿna). Jede Erscheinung wird von einem Himmelsvorhang beziehungsweise „Namen“ (ism) und einer Pforte (bāb) begleitet. Diese drei Elemente bilden eine Art Dreieinigkeit: Maʿna – Ism – Bāb. Der letzte der sieben irdischen Zyklen besteht aus Ali, Muhammad und Salmān al-Fārisī. Die Lehre beschreibt Ali außerdem doketisch: Er soll nur einen Scheinleib gehabt haben.
Ein weiterer wichtiger Gedanke ist die Seelenwanderung. Die masūchīya bezeichnet die Wanderung ungläubiger Seelen in Tierkörper. Nasūchīya meint die Höherentwicklung gläubiger Seelen durch verschiedene Gestalten bis zu Lichtwesen. Die fünf Säulen des Islam werden allegorisch, also als Sinnbilder, ausgelegt: Die Schahāda verweist mit ihren zwölf Buchstaben im ersten Teil auf die zwölf Imame; die fünf täglichen Gebete stehen für Muhammad, Fatima, Hasan, Hussein und Muhsin. Das Ramadanfasten ist mit einer Schweigepflicht verbunden und bedeutet auch Geheimhaltung. Zakat ist die spirituelle Weitergabe esoterischen Wissens, und Haddsch eine mystische Erkenntnisreise. Ob diese Deutung die äußeren Pflichten allgemein aufhebt, bleibt laut Artikel unklar; moderne alawitische Autoren bestreiten dies.
Die Gemeinschaft unterscheidet zwischen Uneingeweihten (ʿāmma) und einer kleinen Elite Eingeweihter (chāssa). Eine Konversion ist nicht möglich; Voraussetzung der Initiation junger Männer ist alawitische Abstammung. Das Ritual hat zwei Teile im Abstand von sieben oder neun Monaten und soll spirituell eine neue Seele erzeugen. Frauen werden traditionell nicht initiiert. Das zentrale Ritualbuch ist das in 16 Suren gegliederte „Buch der Sammlungen“ (Kitab al-Madschmuʿ). Zu den Festen gehören islamische, schiitische, christliche und persische Feste sowie der 17. März als spezifisch nusairischer Gedenktag. Lokale Heiligtümer heißen Mazār oder Ziyāra und sind Propheten oder lokalen Heiligen, häufig Chidr, gewidmet.
Untergruppen, Reformen und Verhältnis zu anderen Schiiten
Bei den Alawiten gibt es Untergruppen, über deren Zahl und Namen widersprüchliche Angaben bestehen. Die bekanntesten sind Ḥaidarīya und Kalāzīya: Die Ḥaidarīya ist vor allem im Norden des Siedlungsraums verbreitet, die Kalāzīya eher im Süden. Unterschiede betreffen hauptsächlich Rituale und Barttracht der Scheiche. Die frühere Ghaibīya scheint weitgehend in der Murschidīya aufgegangen zu sein. Diese entwickelte sich ab 1964 zu einer eigenen Gemeinschaft; bei ihr können Frauen am religiösen Bereich teilnehmen, und das geheime Wissen der traditionellen alawitischen Religion spielt keine Rolle.
Seit den 1930er Jahren deuteten einzelne alawitische Gelehrte den Glauben teilweise neu und lehnten nichtislamische Elemente als spätere äußere Einflüsse ab. 1973 erklärten 80 geistliche Führer gemeinsam, der Koran sei ihr Buch, sie seien Muslime und Anhänger der Ahl al-Bait, der Familie des Propheten Muhammad. In alawitischen Gerichtshöfen des Alawitenstaates wurde nach der schiitischen Rechtsschule Dschaʿfariyya Recht gesprochen.
Aleviten unterscheiden sich klar von Alawiten: Alawiten praktizieren kein Cem und erkennen Hacı Bektaş, Yunus Emre und Pir Sultan Abdal nicht als Autoritäten an. Anders als bei Aleviten nehmen alawitische Frauen traditionell nicht an Ritualen teil. Zwölferschiiten bezeichnen Alawiten teils als ghulat, weil sie ihnen eine die Grenzen überschreitende Vergöttlichung Alis vorwerfen. Im Juli 1973 erkannte der libanesische schiitische Führer Musa as-Sadr die Alawiten offiziell als Muslime an. Nach Beginn des Syrienkriegs erklärten alawitische Clans und Familien dagegen, der Alawismus sei eine eigene esoterische Strömung im Islam und nicht Teil der Zwölfer-Schia.
Verbreitung und Bevölkerungszahlen
Alawiten sind überwiegend ethnische Araber und sprechen hauptsächlich einen nördlichen levantinisch-arabischen Dialekt. Ihr Hauptsiedlungsraum reicht von der türkischen Provinz Hatay über das syrische Küstengebirge, den Dschebel Ansariye, bis zur Ebene von Akkar im Nordlibanon; nach Osten bildet der Orontes die Grenze. Die genaue Gesamtzahl ist unbekannt, Schätzungen nennen rund 3 Millionen Alawiten weltweit.
In Syrien wurden 2016 etwa zwei Millionen Alawiten geschätzt. Es gibt geschlossene Siedlungsgebiete an der Küste und Siedlungsinseln um Hama und Homs; durch Arbeitsmigration entstanden im 20. Jahrhundert auch größere Gemeinden in Damaskus. In Ghadschar auf den von Israel besetzten Golanhöhen leben etwa 2.000 bis 3.000 israelisch-staatsbürgerliche Alawiten. Im Libanon beträgt ihr Anteil 2013 etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung; 50.000 leben in Tripolis. Dort sind ihnen nach dem Abkommen von Taif zwei Parlamentssitze vorbehalten.
In der Türkei leben sie vor allem in Hatay und in Çukurova, besonders um Mersin, Tarsus und Adana; im Süden Hatays bilden sie eine Mehrheit. Für 2011 wurde ihre Zahl dort auf fast eine halbe Million geschätzt, während die Polizeidirektion Antakya 2012 allein für Hatay 700.000 Alawiten angab. In Deutschland wurden 2010 rund 70.000 Alawiten geschätzt, überwiegend mit Herkunft aus Hatay und Çukurova. Für Österreich nennt der Artikel für die frühen bis mittleren 2000er Jahre etwa 3.000, vor allem aus Antakya und İskenderun; frühe Einwanderer aus İskenderun arbeiteten in der Textilindustrie und ließen sich daher in Wiener Neustadt nieder.