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Scheinanglizismus
Als Scheinanglizismus (auch Pseudoanglizismus) werden in der Linguistik Wörter in der deutschen oder einer anderen Sprache bezeichnet, die lexikalische …
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Definition und Merkmale
Ein Scheinanglizismus, auch Pseudoanglizismus, ist ein Wort im Deutschen oder in einer anderen Sprache, das englische Wortbestandteile verwendet, aber in dieser Form im Englischen unbekannt ist oder dort eine andere Bedeutung hat. Es handelt sich um einen Neologismus, also eine sprachliche Neubildung, und zugleich um eine Scheinentlehnung: Anders als ein echter Anglizismus wurde das Wort nicht unverändert mit seiner Bedeutung aus dem Englischen übernommen.
Existiert der Ausdruck im Englischen, hat dort aber eine andere Bedeutung, kann er als „falscher Freund“ gelten. Dadurch drohen Missverständnisse bei der Verständigung mit englischen Muttersprachlern. Solche Bildungen entstehen möglicherweise, wenn Sprecher einen englisch wirkenden Ausdruck für etwas prägen, ohne den tatsächlich gebräuchlichen englischen Begriff zu kennen, oder wenn ihnen ihre eigene Neubildung geeigneter erscheint.
Scheinanglizismen gibt es in vielen Sprachen, unter anderem im Deutschen, Niederländischen, mexikanischen Spanisch, Französischen und Japanischen. Im Japanischen werden solche Bildungen als Wasei Eigo bezeichnet.
Typische deutsche Beispiele
Zu den bekanntesten deutschen Scheinanglizismen gehören:
• Handy bezeichnet im Deutschen ein Mobiltelefon. Im britischen Englisch heißt dieses mobile phone oder kurz mobile, im amerikanischen Englisch cellular phone, cell phone oder cell. Das englische Adjektiv handy bedeutet unter anderem „handlich“, „nützlich“ oder „praktisch“. Die deutsche Bezeichnung geht offenbar auf eine Kurzform einer Produktbezeichnung zurück, die zwar aus dem englischsprachigen Raum stammt, dort aber nicht mehr gebräuchlich ist. Bereits 1990 erschien „Handy“ in einem Mobilfunklexikon; Bosch und Hagenuk vermarkteten 1993 Mobiltelefone unter dieser Bezeichnung.
• Beamer bedeutet im Deutschen Video-Projektor. Im Englischen heißt das Gerät video projector, digital projector oder projector. Beamer kann dort unter anderem eine bestimmte Wurfart beim Cricket oder einen Kettenanschärer in der Weberei bezeichnen; umgangssprachlich werden ähnlich ausgesprochene Wörter auch für BMW-Fahrzeuge verwendet.
• Oldtimer bezeichnet im Deutschen ein historisches Fahrzeug, etwa ein Kraftfahrzeug, Schiff oder Flugzeug. Im Englischen bedeutet old-timer dagegen „älterer Mensch“; für historische Autos verwendet man antique, classic oder vintage car.
• Homeoffice kann wie im Englischen ein kleines Heimbüro bezeichnen. Bedeutet es jedoch, zu Hause statt beim Arbeitgeber zu arbeiten, ist es ein Scheinanglizismus. Dafür verwendet das Englische remote work, work from home oder work at home. Home Office ist außerdem der Name des britischen Innenministeriums.
• Box ist im Deutschen eine übliche Kurzbezeichnung für Lautsprecherbox, wird im Englischen aber nicht in dieser Bedeutung verwendet.
Weitere Bedeutungsunterschiede
Viele deutsche Scheinanglizismen bestehen aus englischen Wörtern oder Wortteilen, deren Kombination oder Bedeutung im Englischen nicht üblich ist:
• Barkeeper bezeichnet im Deutschen die Bedienung hinter einer Bar; im Englischen bedeutet es eher Betreiber oder Inhaber, während die Bedienung bartender heißt.
• Bodybag ist im Deutschen eine am Körper getragene Tasche, im Englischen jedoch ein Leichensack. Passende englische Bezeichnungen sind bag oder messenger bag.
• Mobbing bedeutet wiederholte körperliche oder psychische Schikanen. Englische Bezeichnungen dafür sind bullying oder harassment. To mob beziehungsweise mobbing beschreibt dagegen das Umringen durch eine Menschenmenge oder das Vordringen zu einem Ort.
• Public Viewing bezeichnet im Deutschen die öffentliche Liveübertragung eines Ereignisses auf Videowänden. Im amerikanischen Englisch meint public viewing meist die öffentliche Aufbahrung eines Leichnams; für die deutsche Bedeutung werden fan zone, big screen oder public screening verwendet.
• Shooting steht im Deutschen für Fotoaufnahmen von Models, im Englischen aber für eine Schießerei. Eine Fotositzung heißt photo shoot.
• Smoking bezeichnet im Deutschen einen meist schwarzen Abendanzug für Männer. Im Englischen bedeutet smoking „Rauchen“; der Anzug heißt black tie, dinner jacket oder tuxedo.
Weitere Beispiele sind Basecap statt baseball cap, Cutter statt film editor, Dressman statt male model, Flipper statt pinball machine, Hometrainer statt exercise bicycle oder stationary bicycle, Partnerlook statt matching dress und Trampen statt hitchhiking. Mail wird im Deutschen als Kurzform von E-Mail gebraucht, während mail im Englischen die klassische Post bezeichnet. Mailbox bedeutet im Deutschen häufig ein telefonisches Sprachpostfach, im Englischen dagegen Hausbriefkasten; passend wären answering machine oder voice mail.
Auch Verben können betroffen sein: checken bedeutet umgangssprachlich „verstehen“, wofür im Englischen understand, get oder figure out verwendet wird. Flashen kann im Deutschen „begeistern“ bedeuten; to flash somebody bezeichnet dagegen das unerwünschte Zeigen der Geschlechtsteile. Walking meint im Deutschen schnelles Gehen als Sportart oder Nordic Walking, während walking im Englischen jede Form des Gehens bezeichnet; dort heißen die Sportarten power walking beziehungsweise nordic walking.
Vorkommen in anderen Sprachen
Einige Scheinanglizismen sind in mehreren Sprachen verbreitet. Happy End bezeichnet in vielen Sprachen einen unerwartet glücklichen Ausgang eines Konflikts oder einer Liebesgeschichte. Der englische Ausdruck lautet jedoch happy ending.
Smoking wird in den meisten europäischen Sprachen für einen meist schwarzen Abendanzug mit seidenem Revers verwendet. Diese Bedeutung existiert im Englischen nicht: Dort bedeutet smoking „Rauchen“. Der Anzug heißt im amerikanischen Englisch tuxedo, im britischen Englisch dinner suit oder dinner jacket. Eine smoking jacket ist eine ältere informelle Männerjacke, die beim Rauchen getragen wurde und sich zum heutigen Smoking entwickelte.
Im Französischen steht footing für das Laufen in mäßigem Tempo als Fitnesstraining, obwohl diese Bildung im Englischen nicht verwendet wird; dort heißt die Tätigkeit jogging. Weitere französische Beispiele sind pressing für „Bügeln“, englisch ironing, und training für einen Sportanzug, englisch tracksuit. Im Japanischen existieren die im Englischen unbekannten Bezeichnungen Salaryman und Office Lady.
Sprachliche Bewertung
Die Bewertung von Scheinanglizismen ist umstritten. In sprachpolitischen und sprachkritischen Diskussionen gelten sie häufig als Zeichen einer Bedrohung des Deutschen durch angloamerikanischen Einfluss. Kritiker meinen, Anglizismen und Scheinanglizismen beeinträchtigten die Ästhetik der Ausdrucksweise und die kulturelle Eigenständigkeit der deutschen Sprache.
Andere betrachten ihre Entstehung als Zeichen einer lebendigen Sprache. Die kreative Nutzung fremder Einflüsse könne die Ausdrucksmöglichkeiten erweitern. Außerdem seien viele Anglizismen und Scheinanglizismen lediglich Modewörter, die wieder aus dem Sprachgebrauch verschwänden, sobald die entsprechende Mode nachlasse.