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Kabbala
Diese Texte beschreiben komplexe Himmelsreisen, Rituale, Engelshierarchien und die Verwendung heiliger Namen. Die Mystik dieser Zeit war geprägt von einer …
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Grundverständnis und Ziele
Die Kabbala (hebräisch קַבָּלָה Qabbaláh, „das Überlieferte“) ist im klassischen Verständnis eine Ausdrucksform der mystischen Tradition des Judentums. Sie bezeichnet überlieferte Lehren und Schriften und steht in einer jahrhundertelangen mündlichen Überlieferung mit Wurzeln in Tora, Tanach und früher rabbinischer Literatur. Die klassische Kabbala entstand Anfang des 13. Jahrhunderts in Provence, Okzitanien, Languedoc und Katalonien. Sie ist eine Ausprägung jüdischer Mystik, aber nicht mit ihr gleichzusetzen.
Jüdische Mystik sucht die unmittelbare Nähe Gottes, etwa durch Visionen, Himmelsreisen, Thronschau (Merkaba) oder Begegnungen mit Engeln. Kabbalistische Traditionen zielen besonders auf die Erfahrung einer unmittelbaren Beziehung zu JHWH. Neben der äußeren Dimension des rabbinischen Judentums – Tora, Halacha, rituelle Vorschriften und Gebete – betont die Kabbala eine innere Dimension: Läuterung des Herzens und geistige Vereinigung mit JHWH.
Wichtig sind Kawwana, die bewusste Ausrichtung von Herz und Verstand beim Gebet und bei der Erfüllung der Mitzwot, sowie Devekut, die Nähe oder „Anhaftung“ an Gott. Meditation, Gebet, Textstudium und Vervollkommnung der Seele sollen dazu führen, das göttliche Licht in Mensch und Welt zu erkennen. Dieses Erkennen ist nicht nur rational, sondern betrifft Verstand, Herz, Seele und Körper und soll den Menschen verwandeln.
Texttechniken des Sod, des „inneren“ oder geheimen Sinns, sind Gematria (Zahlenwerte von Buchstaben), Notarikon (Akronyme), Temurah (Buchstabenumstellungen) und Zeruph (Buchstabenkombinationen). Sie sollen tiefere Bedeutungsschichten der Tora erschließen, sind aber nur ein begrenzter Teil der Kabbala. Diese umfasst auch metaphysische, spirituelle und ethische Fragen.
Gott, Emanationen und Lebensbaum
Die Kabbala kennt keine einheitliche Dogmatik oder allgemeingültige Lehre; historisch bestehen unterschiedliche, teils gegensätzliche Strömungen, etwa ekstatische und theosophische Kabbala. Zentral ist jedoch der nicht anthropomorphe Gottesbegriff Ein Sof („ohne Ende“): Gott ist unendlich, ewig sowie jenseits von Raum, Zeit und menschlichen Kategorien.
Die Kabbala erklärt die Beziehung zwischen dem transzendenten Gott und der Welt durch Emanationen. Die Welt geht aus Gott hervor, ohne dass Gott selbst Teil der Welt wird. Aus dem Ein Sof strömen die Sephiroth hervor: zehn göttliche Kräfte oder Wirkungsebenen, die Gottes Wirkungsaspekte darstellen. Sie bilden den Lebensbaum (Ez Chaim). Durch sie ist Gott zugleich transzendent und in der Welt wirksam, ohne bildlich oder menschlich vorgestellt zu werden.
Die vier Welten (olamot) beschreiben Stufen der Selbstoffenbarung und des göttlichen Lichts: Olam Atzilut, Welt der Erhabenheit beziehungsweise Ausstrahlung; Olam Briyah, Welt der Schöpfung; Olam Jetzirah, Welt der Formgebung; und Olam Asiyah, Welt der Tat. Das Licht breitet sich vom Or Ein Sof, dem unendlichen göttlichen Licht, bis zur materiellen Welt aus. Die Schechina ist dabei die göttliche Präsenz oder Einwohnung in der Welt. Gilui ha-Schechina bezeichnet ihre erfahrbare Offenbarung, Hastarat ha-Schechina ihre Verborgenheit.
Die zehn Sephiroth gelten als göttliche Urpotenzen und Attribute. In Darstellungen verbindet sie der Lebensbaum durch 22 Zinnoroth, „Kanäle“ oder Pfadlinien. Diese stehen für Beziehungen und den Fluss göttlichen Lichts zwischen den Sephiroth. Das Sefer Jetzira verbindet die 32 Pfade der Weisheit mit zehn Sephiroth und 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Die praktische Kabbala wird teilweise mit Magie verbunden; die theoretische Kabbala behandelt dagegen vor allem die göttlichen Emanationen und spirituellen Bereiche.
Schriften, Auslegung und frühe Entwicklung
Vorkabbalistische Formen jüdischer Esoterik zeigen sich in der Merkaba- und Hekhalot-Literatur. Ausgangspunkt ist besonders die Thronwagenvision Ezechiels. Hekhalot-Texte schildern himmlische Paläste, Himmelsreisen, Engel, Rituale und heilige Namen; sie entstanden zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Ob sie eine einheitliche mystische Bewegung bildeten, bleibt nach Peter Schäfer hypothetisch. Ihre Motive beeinflussten spätere Kabbalisten.
Das Sefer Jetzira ist ein kosmologisches und kosmogonisches Werk, das Schöpfung mit den hebräischen Buchstaben verbindet. Seine Entstehungszeit ist strittig und wird hypothetisch zwischen dem 4. und 8. Jahrhundert n. Chr. angesetzt; Kommentare sind ab dem 10. Jahrhundert belegt. Als erstes wichtiges kabbalistisches Werk gilt das pseudepigraphische Sefer ha-Bahir, das im 12. Jahrhundert in Südfrankreich erschien und gegen 1180 fertig redigiert war.
Isaak der Blinde (1159–1235) aus Narbonne gilt als entscheidender Autor der frühen Kabbala und wurde „Vater der Kabbala“ genannt. Seine Schüler brachten Lehren nach Girona. Die eigentlichen Anfänge lagen in Südfrankreich und Nordwestspanien, wo sich kabbalistische Geheimlehren mit einer meist neuplatonisch geprägten Weltsicht verbanden. Neuplatonische Vorstellungen lieferten insbesondere das Modell einer abgestuften Emanation aus dem Einen, einer hierarchischen Wirklichkeit und eines Aufstiegs der Seele zur Quelle. Direkte Abhängigkeiten von Plotin werden nicht behauptet; die Begriffe gelten eher als funktional analog.
Kabbala und Midrasch legen beide die Tora aus. Midrasch kommentiert den Bibeltext versweise und vermittelt erzählerische, moralische oder halachische Einsichten. Seine Auslegungsweisen heißen Peschat (wörtlicher Sinn), Drusch (allegorischer Sinn), Remes (hinweisender Sinn) und Sod (geheimer Sinn), zusammen PaRDeS. Die Kabbala greift solche Quellen auf, richtet sich aber stärker auf metaphysische Zusammenhänge und die mystische Transformation des Lesers. Anders als gnostisches Denken, das die materielle Welt als unvollkommen oder böse auffasst, sucht die Kabbala die Heiligung und Transformation der Welt.
Der Sohar und die lurianische Kabbala
Der Sefer ha-Sohar ist das Hauptwerk der Kabbala. Er entstand im 13. Jahrhundert in Spanien und ist eine meist in fünf Bänden überlieferte Sammlung pseudepigraphischer Texte. Traditionell wird Schimon ben Jochai als Autor genannt; wissenschaftlich gilt für den Hauptteil Mosche de León († 1305) als Autor. Er verbreitete ihn ab etwa 1275 in künstlich altertümlichem Aramäisch als angeblich altes Werk aus dem frühen 2. Jahrhundert.
Der Sohar deutet die Tora mystisch und symbolisch. Er behandelt JHWH, Schöpfung, Seele, Universum, Zahlen und Buchstaben und ist als Dialog verschiedener fiktiver Personen gestaltet. Seine Lehre beschreibt Entsprechungen von „Oben und Unten“: Der Mensch ist Mikrokosmos, die Welt ist nach dem Vorbild einer oberen Welt gestaltet. Die Sephiroth erscheinen im Sohar oft indirekt und metaphorisch als Kräfte, Lichter, Bereiche oder Namen Gottes. Der Sohar gewann rasch hohes Ansehen und wurde teils wie ein heiliges Buch behandelt.
Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 wurde Safed in Galiläa ein Zentrum der Kabbala. Isaak Luria (1534–1572) prägte dort die lurianische Kabbala; sein Schüler Chajim ben Joseph Vital (1543–1620) machte seine Lehren gegen Ende des 16. Jahrhunderts schriftlich zugänglich. Wesentlich sind Tzimtzum, das Sich-Zurückziehen Gottes, damit Raum für die Welt entsteht, und Schvirat ha-Kelim, das „Zerbrechen der Gefäße“, bei dem göttliche Lichtfunken frei werden. Der Mensch soll durch Tiqqun Olam, die Reparatur der Welt, den ursprünglichen heilen Zustand wiederherstellen.
Lurianische Darstellungen unterscheiden Igulim, konzentrische Kreise der Ausstrahlung, und Joscher, den geradlinigen Fluss des göttlichen Lichts. Meditationspraktiken wie Jichudim arbeiten mit Namen Gottes; Hitbodedut bezeichnet den Rückzug in Einsamkeit zur Kontemplation.
Spätere Entwicklungen und Abgrenzung
Im 15. Jahrhundert entstand die christliche Kabbala, deren Vertreter kabbalistische Lehren mit griechischer Philosophie und christlicher Theologie verbanden. Daraus entwickelte sich im 18. und 19. Jahrhundert die hermetische Kabbala. Sie hat Wurzeln in Gnosis, Neuplatonismus, Hermetik und christlicher Kabbala, verfolgt aber einen universelleren Ansatz als die jüdische Kabbala. In ihr wurde Kabbala oft mit Okkultismus und Magie verbunden.
Die jüdische Kabbala des Isaak Luria beeinflusste den osteuropäischen Chassidismus des 17. und 18. Jahrhunderts und erhielt dort große populäre Bedeutung. Bis zum 19. Jahrhundert verlor sie bei vielen jüdischen Gelehrten an Einfluss; Gegner hielten sie für synkretistisch und christlich beeinflusst.
Im 20. Jahrhundert entwickelte Yehuda Ashlag eine systematische Lehre, die Kabbala als Erkenntniswissenschaft auffasste. Ziel ist Dwekut durch die Überwindung egoistischer Absichten und die Entwicklung von Nächstenliebe. Philip Berg gründete in den 1970er Jahren das Kabbalah Centre und öffnete seine New-Age-Version auch für Frauen und Nichtjuden. Diese unter Prominenten verbreitete Richtung wird „Hollywood-Kabbala“ genannt und von Kritikern als Gegensatz zur echten Kabbala bewertet. Die originäre jüdische Tradition wird besonders in chassidischen Gemeinden in den USA und Israel weiterhin gepflegt.
Im jüdischen Selbstverständnis ist Kabbala nicht Okkultismus oder Magie. Tora und Tanach weisen Zauberei, Mantik und Hexerei zurück. Im Mittelpunkt der Kabbala im engeren Sinn stehen der Glaube an den einen Gott und die Befolgung seiner Gebote.