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Mischkan

Im Buch Exodus (hebräisch שְׁמוֹת Schemot, deutsch ‚Namen'), wird die Anfertigung des Mischkan in Kapitel 25–31 erklärt. Als Gottesreden an Mose haben …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Anweisungen und Herstellung
  3. 3. Aufbau und Kultgeräte
  4. 4. Transport, Überlieferung und Textgeschichte
  5. 5. Jüdische und samaritanische Deutungen
  6. 6. Christliche Rezeption und heutige Darstellung

Grundidee und Bedeutung

Der Mischkan ist das in der Bibel beschriebene transportable Heiligtum der Israeliten. Er wird auch Stiftshütte, Offenbarungszelt oder Zelt der Begegnung genannt. Im Buch Exodus enthalten die Kapitel 25–31 die göttlichen Bauanweisungen; nach der Episode vom Goldenen Kalb und der Versöhnung werden das Heiligtum und seine Geräte in Kapitel 35–40 angefertigt. Freiwillige Gaben sowie handwerkliche und künstlerische Arbeit beteiligen die Israeliten am Bau. Am Ende richtet Mose das Heiligtum ein, worauf JHWH davon Besitz nimmt.

Der zentrale Satz lautet: „Sie sollen mir ein Heiligtum machen! Dann werde ich in ihrer Mitte wohnen.“ Nach jüdischer Tradition bedeutet dies nicht, dass das Zelt ein gewöhnlicher Wohnsitz Gottes wäre. Es steht vielmehr für Gottes Heiligkeit und seine Gegenwart in der Gemeinschaft. Wo der Mischkan aufgebaut wird, entsteht heiliger Raum; während der Wüstenwanderung bleibt dieser Raum jedoch beweglich und ist nicht dauerhaft an einen heiligen Ort gebunden.

„Mischkan“ bedeutet „Wohnung“ oder „Wohnstatt“ und beschreibt vor allem die Funktion des Heiligtums. Im engeren Sinn bezeichnet das Wort außerdem die kostbare, mit Keruben bestickte innere Zeltdecke. Der häufigere Name Ohel Moed bedeutet „Zelt der Begegnung“ und verweist sowohl auf die transportable Zeltform als auch auf die Begegnung JHWHs mit Mose beziehungsweise den Israeliten. Einfaches „Zelt“ kann auch die darüberliegende Decke aus Ziegenhaar oder Ziegenfellen meinen. „Heiligtum“ ist dagegen ein Oberbegriff, der im Tanach auch für den Jerusalemer Tempel und andere Kultstätten verwendet wird.

Ex 33,7–8 berichtet allerdings von einem bereits zuvor außerhalb des Lagers errichteten „Zelt der Begegnung“, in dem JHWH zu Mose sprach und zu dem auch Josua Zutritt hatte. Diese Spannung zur späteren Bauerzählung wird gewöhnlich mit unterschiedlichen Überlieferungsquellen erklärt.

Anweisungen und Herstellung

Nach einer Gotteserscheinung auf dem Sinai bleibt Mose 40 Tage und Nächte in der Wolke. Ab Ex 25,1 folgen sieben Gottesreden. Die erste und umfangreichste behandelt Gaben, Bundeslade, Schaubrottisch, Menora, Zeltdecken, Holzwände, Brandopferaltar, Hof, Leuchteröl, Priestergewänder, Priesterweihe, das tägliche Tamidopfer am Morgen und Abend sowie den Räucheraltar. Weitere Reden regeln die Abgabe für das Heiligtum, das kupferne Becken, Salböl und Räucherwerk, die Beauftragung der Kunsthandwerker Bezalel und Oholiab sowie den Schabbat als dauerhaftes Zeichen des Bundes.

Benötigt werden Gold, Silber und Kupfer, gefärbte und aufwendig gewebte Stoffe, rot gefärbte Widderfelle, Tachasch-Leder, festes Akazienholz, Olivenöl und Edelsteine für die Brusttasche des Hohepriesters. Durch ihre freiwilligen Gaben übernehmen die Israeliten eine Rolle, die im Alten Orient sonst meist dem König als Stifter und Bauherrn zukam. Der Text erklärt nicht, woher sie am Sinai all diese Kostbarkeiten hatten.

Die Erzählung vom Goldenen Kalb in Ex 32 unterbricht die Bauanweisungen und schildert einen Bruch der Gottesbeziehung. Mose vermittelt anschließend die Versöhnung. Danach erscheint die genaue Ausführung des rechtmäßigen Heiligtums als Ausdruck erneuerter Gesetzestreue: Freiwillige und kunstfertige Menschen setzen die Anweisungen um. Die Einrichtung des Mischkan in Ex 40 ist sprachlich parallel zur Schöpfungsgeschichte gestaltet; beide Darstellungen zielen auf den Schabbat.

Aufbau und Kultgeräte

Der Mischkan besteht aus übereinandergelegten Zeltdecken, vergoldeten Holzwänden und metallenen Verbindungselementen. Vier Decken bilden das Dach; die zum Innenraum gerichtete unterste Decke ist als farbige „Kunstweberarbeit“ mit Keruben besonders kostbar. Die Nord- und Südwand bestehen jeweils aus 20 Balken. Die Wände sind 10 Ellen, etwa 4,5 m, hoch und 1 Elle, etwa 45 cm, dick; die Längsseiten messen 30 Ellen. Die Rekonstruktion der westlichen Rückwand ist umstritten. Häufig werden für den Innenraum Maße von 30 × 10 Ellen angenommen.

Ein kostbarer Vorhang, die Parochet, trennt das Heilige vom Allerheiligsten im Westen. Dort steht die Bundeslade. Auf ihr liegt die Kapporet, eine goldene Platte mit zwei Keruben, über der JHWH gegenwärtig gedacht wird. Sie misst wie die Lade 2½ Ellen in der Länge und 1½ Ellen in der Breite. Die Lade dient damit als transportabler Untersatz der unberührbaren Kapporet. Lade und andere Geräte werden mithilfe von Tragstangen bewegt.

Vor dem inneren Vorhang stehen die übrigen goldenen Kultgeräte: der Räucheraltar sowie einander gegenüber Schaubrottisch und siebenarmiger Leuchter, die Menora. Der Text schreibt jedoch keine vollständig symmetrische Aufstellung und keine genauen Abstände vor. An der östlichen Schmalseite bildet ein schlichterer Vorhang den Eingang.

Die Materialien zeigen abgestufte Heiligkeit: Im Inneren stehen goldene oder vergoldete Geräte zwischen violetten, purpurfarbenen und karmesinroten Textilien; außerhalb des Zelts wird Kupfer verwendet. Gold kennzeichnet größere, Kupfer geringere Heiligkeit. Diese Abstufung erscheint auch in der Priesterkleidung. Der Hohepriester darf einmal jährlich an Jom Kippur hinter den Vorhang treten, wobei Weihrauchwolken den Blick auf die Kapporet verhindern. Aaron soll das Allerheiligste dabei allerdings in schlichten Leinengewändern ohne Goldschmuck betreten.

Textile Behänge grenzen den Hof vom Lager ab. Dort stehen ein kupfernes Becken und der Brandopferaltar. Dieser misst 5 × 5 Ellen, etwa 2,5 × 2,5 m, und ist 3 Ellen, etwa 1,5 m, hoch. Er wird als offener Kasten aus Akazienholz mit Kupferverkleidung vorgestellt. Da eine solche Konstruktion der Hitze realer Opferfeuer kaum standhalten würde, gilt sie als theologisches Konzept eines transportabel gedachten Tempelaltars.

Transport, Überlieferung und Textgeschichte

Nach Numeri 4 wird der Mischkan beim Aufbruch zerlegt und durch die Wüste mitgeführt. Decken verbergen die heiligen Geräte vor unbefugten Blicken; Tragstangen sichern das Berührungstabu. Ein Farbcode hebt die Bundeslade hervor: Ihre äußere Hülle ist blauviolett. Im aufgebauten Heiligtum ist sie am stärksten verborgen, beim Transport wird ihre besondere Bedeutung dagegen durch die auffällige Umhüllung sichtbar.

Nach dem Buch Josua wurde das Zelt in Schilo aufgestellt. Später soll David es nach Gibeon gebracht haben, während die Bundeslade in einem Zelt in Jerusalem stand. Salomo brachte Lade, Geräte und Zelt schließlich in den Salomonischen Tempel.

Die Heiligtumstexte verbinden nach einer Forschungsdeutung den Ersten und den Zweiten Tempel. Die Bundeslade gehörte zum Ersten Tempel und ging bei dessen Zerstörung 587/586 v. Chr. verloren; die Menora war dagegen besonders für den Kult des Zweiten Tempels wichtig. Der literarische Mischkan überbrückt diese Unterschiede und stellt JHWH als Gott dar, der inmitten seines Volkes mitwandert. Nach Franziska Bark entsteht so beim Lesen ein transportabler heiliger Raum, der unabhängig vom Verlust Jerusalems, des Tempels und des Landes vorstellbar bleibt.

Eine einzige ursprüngliche hebräische Textfassung lässt sich kaum rekonstruieren. Die Qumranhandschrift 4Q17 folgt bei den Herstellungsschritten der Reihenfolge des masoretischen Textes, steht sprachlich aber teilweise der Vorlage der Septuaginta näher. 4Q22 ordnet den Weihrauchaltar wie der Samaritanische Pentateuch früher ein. Besonders stark weicht die Septuaginta in Ex 35–40 ab: Sie ist erheblich kürzer und ordnet große Textblöcke anders an. Möglicherweise übersetzte diesen Abschnitt ein anderer Übersetzer, dessen hebräische Vorlage bereits vom masoretischen Text abwich.

Jüdische und samaritanische Deutungen

Antike jüdische Autoren deuteten den Mischkan symbolisch. Flavius Josephus verstand das ganze Heiligtum als Darstellung des Universums: Seine Bereiche entsprächen Meer, Land und Himmel; die zwölf Schaubrote den Monaten und die sieben Lichter der Menora Sonne, Mond und fünf Planeten. Philon von Alexandria deutete den Mischkan sowohl als Abbild des Menschen als auch des Kosmos. Mose habe die himmlischen Urbilder der Geräte gesehen, Bezalel dann deren irdische Abbilder hergestellt.

In der rabbinischen Tradition werden die 39 am Sabbat verbotenen Arbeiten von den Tätigkeiten abgeleitet, die zum Bau des Mischkan nötig waren. Grundlage ist die enge Verbindung von Heiligtumsbau und Sabbatgebot im Exodusbuch. Der Sabbat kann deshalb als „Heiligtum der Zeit“ verstanden werden.

Nach samaritanischer Überlieferung wurde der Mischkan nach der Eroberung Kanaans auf dem Berg Garizim errichtet. Als Eli in Schilo ein aus samaritanischer Sicht unrechtmäßiges Heiligtum gründete, sei der wahre Mischkan verborgen worden und werde in der Endzeit wieder erscheinen. Für heutige Samaritaner gilt er als einzig rechtmäßiges JHWH-Heiligtum.

Im mittelalterlichen Spanien erhielten hebräische Bibelcodices des Typs Mikdasch-Jah, „Heiligtum Gottes“, doppelseitige Bilder der Geräte. Die Darstellungen sollten sowohl Exodus als auch der rabbinischen Auslegung entsprechen. In moderner jüdischer Architektur dient der Mischkan häufig als Vorbild für einen beweglich oder zeltartig wirkenden Gebetsraum innerhalb einer festen Außenhülle. „Mischkan“ wird außerdem als Synagogenname verwendet.

Christliche Rezeption und heutige Darstellung

Der Hebräerbrief deutet Jesus Christus als himmlischen Hohepriester, der in ein himmlisches Heiligtum eintritt. Seine Bildsprache folgt dem Mischkan, besonders dem verschlossenen Allerheiligsten und dem einmaligen Eintritt des Hohepriesters. Das irdische Zelt gilt als „Schatten“ des himmlischen Heiligtums. Zugleich verwendet der Brief die Bilder frei und metaphorisch: Das himmlische Heiligtum müsse gereinigt werden, und der Leib Christi entspreche dem Vorhang, durch den Christen Zugang erhalten.

Ungewöhnlich ist die Ausstattung der Bundeslade im Hebräerbrief. Neben den Gesetzestafeln befinden sich darin ein goldener Krug mit Manna und Aarons blühender Stab, obwohl die jüdische Tradition beide Gegenstände vor der Lade verortet. Auch der sonst vor dem Vorhang stehende Räucheraltar wird dem Allerheiligsten zugeordnet.

Christliche Ausleger der Antike und des Mittelalters verstanden den Mischkan allegorisch. Gregor von Nyssa deutete ihn auf die Menschwerdung Christi und die Kirche. Beda Venerabilis sah in der Stiftshütte die gegenwärtige Kirche in Mühsal und Exil, im Tempel dagegen die zukünftige Kirche in Ruhe und Glückseligkeit. In marianischer Auslegung wurde das Offenbarungszelt wegen sprachlicher Bezüge zwischen Lk 1,35 und Ex 40,34–35 zu einem Vorausbild und Titel Marias.

Martin Luther ordnete Hof, Heiliges und Allerheiligstes Kirchhof, Langhaus und Chorraum zu. In der modernen Kirchenarchitektur verbreiteten sich besonders in den 1950er und 1960er Jahren zeltförmige Kirchen als Ausdruck der Kirche als „Volk Gottes auf dem Weg“.

Eine Rekonstruktion in Originalgröße wurde vom Bibel-Center Breckerfeld geschaffen, von 1986 bis 1995 als „Expo Exodus“ an verschiedenen europäischen Orten gezeigt und steht seit 1995 im Timna Park in Israel.

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