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Schöpfungsgeschichte (Priesterschrift)

Als Schöpfungsgeschichte der Priesterschrift wird die Erzählung bezeichnet, mit der die Bibel beginnt (Genesis 1,1–2,3(4a)).

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Aufbau
  2. 2. Auslegung und Textentstehung
  3. 3. Motive aus der Umwelt Israels
  4. 4. Die sechs Tage
  5. 5. Mensch und Herrschaft
  6. 6. Ernährung und siebter Tag

Kern und Aufbau

Die Schöpfungsgeschichte der Priesterschrift ist die Erzählung, mit der die Bibel beginnt: Genesis 1,1–2,3(4a). Sie wird auch Schöpfungsbericht genannt. Die Priesterschrift gilt in der Forschung als schriftliche Quelle, die später mit älteren Texten verbunden wurde. Zwar ist die Neuere Urkundenhypothese umstritten und verändert worden, doch die Mehrheit der Exegeten hält daran fest, dass hier eine priesterschriftliche Quelle vorliegt.

Der Text erzählt das Sechstagewerk: Gott, im Text Elohim genannt, trennt Licht und Finsternis, schafft das Himmelsgewölbe, trennt Festland und Meer, lässt Pflanzen wachsen, schafft Sonne, Mond und Sterne, dann Tiere des Wassers und der Luft, Landtiere und schließlich die Menschen. Ziel der Erzählung ist die Ruhe Gottes am siebten Tag in Gen 2,1–3. Daran schließen in der Priesterschrift der Stammbaum Noachs und die Sintfluterzählung an; Schöpfung und Sintflut gehören also konzeptionell zusammen.

Wichtig ist: Die Priesterschrift übernimmt nicht den altorientalischen Gedanken, dass Schöpfung durch den Sieg einer Gottheit über eine Chaosmacht entsteht. Gott trifft auf keinen Widerstand. Er gestaltet in sechs Tagen eine lebensfreundliche Erde aus einer Vorwelt, in der Leben unmöglich war. Er ordnet die Geschöpfe ihren Lebensräumen Himmel, Meer und Festland zu, segnet sie und beauftragt sie, ihren Lebensraum einzunehmen.

Auslegung und Textentstehung

Im Judentum gilt Gen 1,1–2,3 als erste Lesung im Wochenabschnitt Bereschit und wird seit jeher als Sinneinheit gelesen. Weil die Tora als heiliger Text verstanden wird, werden Wiederholungen, Auslassungen, Wortwurzeln und Besonderheiten genau beachtet. Diese Auslegungstradition prägte etwa die Übersetzung von Franz Rosenzweig und Martin Buber sowie den Genesis-Kommentar von Benno Jacob.

Im Christentum wurden traditionell die ersten drei Kapitel der Genesis als Einheit „Schöpfung und Fall“ verstanden: von der Weltschöpfung über das erste Menschenpaar bis zur Vertreibung aus dem Paradies. Dass die priesterschriftliche Schöpfungsgeschichte über die spätere Kapitelgrenze hinausreicht, zeigt, dass sie im christlichen Mittelalter nicht als eigene Sinneinheit erkannt wurde.

Die historisch-kritische Exegese fragt zuerst textkritisch nach dem bestmöglichen Text. Grundlage ist der masoretische Text von Gen 1,1–2,4a. Die griechische Septuaginta bietet an manchen Stellen einen erweiterten Text und folgt dem Schema der Schöpfungstage konsequenter. Da aber der samaritanische Pentateuch, Qumran-Fragmente, Targum Onkelos und die Peschitta hier meist mit dem masoretischen Text übereinstimmen, gilt dieser als vorzuziehen.

Literarkritisch fällt auf, dass acht Schöpfungswerke auf sechs Tage verteilt sind. Schon Ende des 18. Jahrhunderts wurde das als Spannung erkannt. Meist geht die Forschung heute aber davon aus, dass der Text literarisch weitgehend einheitlich ist. Christoph Levin vertritt eine Minderheitsmeinung: Er rekonstruiert eine ältere schriftliche Vorlage mit acht Schöpfungswerken. Jan Christian Gertz hält eine solche Vorlage für möglich, aber nicht mehr sicher abgrenzbar.

Die Redaktionskritik untersucht, wie Gen 1 mit der folgenden, sogenannten jahwistischen Schöpfungsgeschichte in Gen 2 verbunden wurde. Beide Texte beziehen sich ursprünglich nicht direkt aufeinander. Umstritten ist besonders Gen 2,4a, die Toledotformel: Sie ist sonst bei der Priesterschrift eine Überschrift, hier wirkt sie eher wie eine Unterschrift oder redaktionelle Brücke. Einiges spricht dafür, dass Gen 2,3 der eigentliche Schluss der priesterschriftlichen Schöpfungsgeschichte war.

Motive aus der Umwelt Israels

Die priesterschriftliche Schöpfungsgeschichte steht in einem ostmediterran-nahöstlichen Kultur- und Wissenschaftsraum, der besonders von Mesopotamien beeinflusst war. Hermann Gunkel vertrat 1894 die These, Genesis 1 habe babylonische Stoffe aufgenommen und zugleich umgeformt. Später wurde der Text besonders mit dem Enûma elîsch verglichen, dem babylonischen Schöpfungsmythos, der den Gott Marduk feiert.

Im Enûma elîsch entsteht die Welt aus einem längeren Prozess, in dem klare Strukturen erst allmählich hervortreten. Die Priesterschrift dagegen beschreibt die Schöpfung als Werk eines Gottes, der die Welt ordnet und jedem Geschöpf seinen Ort gibt. Berührungspunkte gibt es dennoch: Auch Marduk kann durch sein Wort schaffen und über Himmelskörper verfügen.

Das Atraḫasis-Epos ist besonders wegen seiner Gesamtkonzeption vergleichbar: Dort werden Menschen geschaffen, um den Göttern Arbeit abzunehmen; später beschließen die Götter, die Menschen durch eine Sintflut zu vernichten. Auch in der Priesterschrift sind Schöpfungserzählung und Fluterzählung eng verbunden, wenn auch anders begründet.

Aus der Levante ist der nordwestsemitische Chaoskampf-Mythos wichtig. In Mesopotamien, Ugarit und Israel war die Vorstellung verbreitet, ein Schöpfergott müsse Chaoswasser besiegen, damit die Welt bewohnbar wird. Frühere Forscher sahen darin enge Parallelen zu Gen 1,2. Heute wird das hebräische tehom, „Urmeer, Urflut“, eher aus einer gemeinsamen semitischen Wurzel für „Meer“ erklärt; das Wort erinnert also nicht automatisch an die Gottheit Tiamat.

Auch ägyptische Motive spielen eine Rolle. Die altägyptische Königsideologie verstand den Pharao seit der Zweiten Zwischenzeit als irdisches Abbild der Gottheit. Diese Vorstellung gilt als Hintergrund für die Rede vom Menschen als „Gottesstatue“ in Gen 1,26. Der Schabaka-Stein beschreibt außerdem Ptah als Schöpfergott, der Dinge im Herzen entstehen lässt und durch die Zunge befiehlt; nach dem Schöpfungswerk ruht Ptah. Zugleich unterscheidet sich dieser Text deutlich von Genesis 1.

Die sechs Tage

Der Anfang Gen 1,1 ist umstritten. Das erste Wort bereʾshit kann „am Anfang, von Anfang an, zuerst“ bedeuten. Viele Ausleger verstehen Gen 1,1 als Hauptsatz und Überschrift: „Himmel und Erde“ ist dabei ein Merismus, also eine Gesamtbezeichnung für den Kosmos. Das Verb baraʾ wird nur für Gottes Schöpferhandeln gebraucht und nie mit einer Materialangabe verbunden.

Gen 1,2 beschreibt die Vorwelt: Erde als tohu ṿavohu, „wüst und leer“, Finsternis und tehom, „Urmeer, Urflut“. Diese Größen werden nicht geschaffen, sondern vorausgesetzt. Die ruaḥ Gottes kann als Gottessturm, als Werkzeug Gottes oder als vorweltliche Existenzform Gottes verstanden werden; die Deutung als „Gottessturm“ gilt als Minderheitsmeinung.

Am ersten Tag trennt Gott das Licht vom Chaosdunkel und benennt Tag und Nacht. Am zweiten Tag schafft er das Firmament, hebräisch raḳiʿa, als Himmelsgewölbe, das die Wasser vertikal trennt und die Erde vor den oberen Wassern schützt. Am dritten Tag sammelt sich das untere Wasser im Meer, Festland erscheint, und die Erde bringt Pflanzen hervor. Pflanzen gelten hier nicht als Lebewesen, weil man an ihnen keinen Lebensatem beobachtete.

Am vierten Tag werden Sonne, Mond und Sterne geschaffen. Das wirkt modern betrachtet überraschend, weil das Licht schon am ersten Tag da ist. Die Himmelslichter sollen Tag und Nacht unterscheiden, die Orientierung im Jahreslauf ermöglichen und die Erde beleuchten. Ob der Text damit gegen Astralreligionen polemisiert, ist umstritten.

Am fünften Tag entstehen Tiere des Wassers und der Luft. Der Text beschreibt die Tierwelt nicht nach ihrem Nutzen für den Menschen, sondern auch gefährliche und unheimliche Lebensformen wie die tanninim, „Seeschlangen“. Neu ist der Segen: Die Geschöpfe sollen sich vermehren und ihr Habitat einnehmen.

Am sechsten Tag entstehen zuerst die Landtiere: Wild, Vieh und kriechendes Kleingetier. Dann erschafft Gott die Menschheit. Anders als in Gen 2 geht es nicht um ein einzelnes Urmenschenpaar, sondern um die Menschheit als Gattung.

Mensch und Herrschaft

Gen 1,26 enthält den ungewöhnlichen Plural „Lasst uns Menschen machen“. Er wurde verschieden erklärt: grammatisch als Hoheitsplural oder als Selbstberatung Gottes; inhaltlich in der christlichen Tradition als Rede Gottes zum Sohn, in jüdischer und vieler moderner Exegese als Rede im himmlischen Hofstaat. Auch mesopotamische Mythen, in denen mehrere Götter bei der Menschenschöpfung zusammenwirken, können im Hintergrund stehen.

Zentral ist die Aussage, dass Menschen als tselem Gottes geschaffen werden. Tselem wird traditionell mit „Ebenbild“ übersetzt, bezeichnet aber auch ein Kultbild, das eine Gottheit repräsentiert. Norbert Lohfink prägte dafür den Begriff „Gottesstatue“. Nach dieser Deutung geht es nicht zuerst um eine Eigenschaft im Menschen, etwa Sprache oder Verstand, sondern um seine Aufgabe gegenüber der Umwelt: Menschen vertreten Gott in der Welt. Eine Metapher der altägyptischen Königsideologie wird so auf jeden Mann und jede Frau angewendet.

Der Herrschaftsauftrag in Gen 1,28, das Dominium terrae, ist stark diskutiert. Das Verb kavash bedeutet „niedertreten“ und hat eine deutlich gewalttätige Konnotation. Bei radah ist umstritten, ob es vor allem gewaltsam als „zertreten“ oder eher im Sinn eines königlichen Hirten als „hüten“ verstanden werden soll. Moderne Übersetzungen entscheiden unterschiedlich: Die revidierte Einheitsübersetzung übersetzt radah mit „walten“, die Bibel in gerechter Sprache betont stärker den Gewaltton. Neuere Exegeten weisen darauf hin, dass das Mensch-Tier-Verhältnis im Text nicht einfach harmonisch ist; die Aufgabe des Menschen besteht in einer rohen Welt auch darin, Gewalt zu verhindern und niederzuhalten.

Ernährung und siebter Tag

Gen 1,29–31 enthält die ersten Speisegebote. In der Welt des Anfangs ist das Töten von Lebewesen nicht nötig, auch nicht zur Ernährung. Menschen und Tiere sind Vegetarier, allerdings mit getrenntem Speiseplan. Fische und Haustiere werden dabei nicht eigens erwähnt, weil sie nicht mit den Menschen um Nahrung konkurrieren. Diese Speiseordnung relativiert den Herrschaftsauftrag: Menschen müssen keine Lebewesen töten, um zu leben. Erst nach der Sintflut wird Fleisch als Nahrung toleriert (Gen 9,3).

Mit der Ruhe Gottes am siebten Tag ist das Ziel der Erzählung erreicht. Das Verb shavat bedeutet „aufhören“ und hat dieselbe Wurzel wie shabbat, „Sabbat“. Die Verse Gen 2,1–3 spiegeln damit die spätere Begründung des Sabbat. Der Text gibt aber noch keine direkte Handlungsanweisung für Menschen. Er beschreibt eine Ruhe, die unabhängig vom menschlichen Mitwirken besteht.

Obwohl der siebte Tag kein Lebewesen ist, wird er von Gott gesegnet und geheiligt. Er soll fortbestehen, und mit ihm die Wochenstruktur der Zeit. Die Bedeutung des siebten Tages wird in der Priesterschrift später weiter entfaltet, besonders in der Mannaerzählung Ex 16, wo Israel lernt, den Sabbat zu feiern. Auch Motive wie vollenden, segnen und heiligen kehren beim Zeltheiligtum in Ex 39–40 wieder; dadurch werden Schöpfung und Tempelgründung in Beziehung gesetzt.

Lernvideos zu Schöpfungsgeschichte (Priesterschrift)

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