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Sitz im Leben
Sitz im Leben ist ein Fachterminus der Formgeschichte und bezeichnet die mutmaßliche ursprüngliche Entstehungssituation bzw. Funktion eines Textes.
Begriff und Bedeutung
„Sitz im Leben“ ist ein Fachterminus der Formgeschichte. Er bezeichnet die mutmaßliche ursprüngliche Entstehungssituation oder Funktion eines Textes. Für das Verständnis und die Interpretation eines Textes muss diese Situation mitberücksichtigt werden. Entscheidend ist also, in welchem sozialen Zusammenhang ein Text entstanden ist und wozu er ursprünglich verwendet wurde.
Herkunft und heutige Verwendung
Der Terminus geht auf den deutschen protestantischen Theologen Hermann Gunkel zurück, den Begründer der religionsgeschichtlichen Schule. Heute wird der Ausdruck auch außerhalb der theologischen Forschung verwendet, wenn ein Text auf seine soziologisch relevanten Aspekte untersucht wird. In der Linguistik wird der „Sitz im Leben“ durch die Textpragmatik untersucht und bestimmt. In der Prophetenforschung wird daneben für Texte auch ein „Sitz im Buch“ angesetzt.
Typische Beispiele
Bei neutestamentlichen Texten können Missionsreden, das Vorlesen von Briefen und Evangelien im Gottesdienst sowie das Sprechen von Einsetzungsworten und Taufformeln beim Abendmahl und bei der Taufe als typische ursprüngliche Situationen oder Funktionen gelten.
Der „Sitz im Leben“ eines Abzählreims wie „Ene mene Miste, es rappelt in der Kiste …“ ist eine Gruppe von Kindern, die damit bestimmt, welches Kind bei einem Spiel den Anfang macht. Beim „Ave verum corpus“ („Sei gegrüßt, wahrer Leib“) liegt der „Sitz im Leben“ in der Elevation der Hostie bei der Messe beziehungsweise ihrer Aussetzung in der Monstranz.