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Saubere Wehrmacht
Die These von der „sauberen Wehrmacht“, obwohl wissenschaftlich unhaltbar, bot und bietet zum Teil noch heute Millionen Kriegsteilnehmern und deren Angehörigen …
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Kern des Mythos
Als „saubere Wehrmacht“ bezeichnet die jüngere historische Forschung ein Narrativ, also eine prägende Deutung, nach der die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ehrenhaft, unpolitisch und vom Nationalsozialismus getrennt gekämpft habe. Es entstand in den ersten Jahren der Bundesrepublik vor allem durch ehemalige Wehrmachtsangehörige. Die These ist wissenschaftlich unhaltbar, bot aber Millionen Kriegsteilnehmern und Angehörigen eine Möglichkeit, dem opferreichen Einsatz Sinn zu geben und Wehrmachtsverbrechen zu verdrängen oder zu relativieren.
Die Erzählung knüpfte an den letzten Wehrmachtbericht vom 9. Mai 1945 an. Karl Dönitz und seine Berater deuteten die Kapitulation als ehrenvolle Niederlage gegen eine „gewaltige Übermacht“. Soldaten seien heldenhaft, pflichtbewusst, gehorsam und diszipliniert für Vaterland und Heimat eingetreten. Nach dem Krieg wurde daraus die Behauptung entwickelt, die Wehrmacht habe im Gegensatz zu SS und Polizei nach dem Kriegsvölkerrecht gekämpft. Verbrechen seien höchstens Taten einzelner gewesen; einfache Soldaten hätten nicht für Hitler, sondern gegen Kommunismus und für die Verteidigung ihrer Kultur gekämpft oder unter Befehlsnotstand gehandelt.
Die anfängliche Leugnung war teilweise Selbstschutz vor alliierter Strafverfolgung. Später wirkten Selbsttäuschung, Familienerzählungen und die allgemeine Zurückweisung von Kollektivschuld mit. Amnestiegesetze und Kritik an einer angeblichen „Siegerjustiz“ unterstützten das Bild. Technik-, Ereignis- und Personenmythen, etwa um Stalingrad oder erfolgreiche Militärführer, stellten die Wehrmacht zusätzlich als professionell und ehrenhaft dar.
Wehrmacht im Vernichtungskrieg
Die Kriegsführung der Wehrmacht war laut Artikel unlösbar mit den verbrecherischen Zielen des Nationalsozialismus verbunden. Wehrmachtseinheiten kooperierten mit SS-Einsatzgruppen beim Holocaust, beteiligten sich an brutaler Partisanenbekämpfung und kämpften gegen die Zivilbevölkerung.
Das nationalsozialistische Soldatenideal war von Antikommunismus sowie vielfach Antisemitismus und Antislawismus geprägt. Es orientierte sich nicht am Kriegsvölkerrecht, sondern an mitleidloser Härte im „Vernichtungskrieg“. Völkerrechtswidrige Befehle wie der Kommissarbefehl und der Sühnebefehl verlangten, ohne Mitleid und mit gnadenloser Härte vorzugehen. Besonders die Ostfront wurde zu einem Raum moralisch entgrenzter Gewalt. Mit dem Kriegsverlauf forderte die Propaganda „fanatischen Widerstand“ und „heldenhafte Aufopferung“ gegen Kommunismus und „jüdischen Bolschewismus“.
Gegen Kriegsende verlor der Personenkult um Adolf Hitler an Kraft. Endphaseverbrechen an Häftlingen, Zwangsarbeitern und eigenen Landsleuten erschütterten den Glauben an Moral und kollektives Heldentum. Der spätere Mythos blendete diese Verstrickungen aus.
Verbreitung in Politik und Geschichtsbildern
Wichtige Grundlage war die 1945 für den Nürnberger Prozess verfasste Denkschrift Das Deutsche Heer von 1920–1945 von Walther von Brauchitsch, Erich von Manstein, Franz Halder, Walter Warlimont und Siegfried Westphal. Sie verharmloste die Rolle von Oberkommando der Wehrmacht und Oberkommando des Heeres. Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess wurden Generalstab und OKW zwar aus formalen Gründen nicht als verbrecherische Organisation verurteilt; das Gericht betonte jedoch die individuelle Schuld führender Offiziere, die an Verbrechen teilgenommen oder schweigend zugestimmt hätten. In der Nachkriegsöffentlichkeit wurde dies dennoch als „Freispruch“ der Wehrmachtführung ausgelegt.
Mit der Himmeroder Denkschrift von 1950 forderten Militärs die Freilassung verurteilter Kameraden als Gegenleistung für einen Wehrbeitrag. Dwight D. Eisenhower erklärte 1951 die Mehrheit deutscher Soldaten und Offiziere für von Hitler und dessen krimineller Gruppe unterscheidbar. Konrad Adenauer gab im selben Jahr eine eingeschränkte Ehrenerklärung für Soldaten ab, die sich nichts hätten zuschulden kommen lassen.
Franz Halder und weitere frühere Offiziere beeinflussten Studien der Operational History (German) Section der United States Army, Memoiren und ab 1954 Veröffentlichungen des Arbeitskreises für Wehrforschung. Sie zeichneten Hitler als militärischen Dilettanten und die Generäle als missbrauchte Fachleute. Antikommunistische Russlandbilder machten diese Deutung im Kalten Krieg anschlussfähig. Paul Carell, das Pseudonym des ehemaligen NS-Propagandisten Paul Karl Schmidt, prägte mit Unternehmen Barbarossa (1963) und Verbrannte Erde über Jahrzehnte das Bild eines bewunderungswürdigen deutschen Ostheeres; Verbrechen und Ziele des Feldzuges wurden ausgeblendet.
Öffentliche Erinnerung und Unterhaltung
Veteranenverbände entstanden nach Aufhebung des Verbots Ende 1949 zunächst als „Notgemeinschaften“ und schlossen sich später unter anderem im Verband deutscher Soldaten zusammen. Zu ihren Mitgliedsverbänden gehörten etwa Stahlhelm, Traditionsgemeinschaft Großdeutschland, Verband deutsches Afrikakorps und HIAG. Sie verstanden ehemalige Soldaten als unpolitische Kriegsopfer und vertraten zugleich ihre Versorgungs- und Ehreninteressen.
Kampagnen für „Kriegsverurteilte“ und Heimkehrer förderten eine Selbstviktimisierung: Stacheldraht wurde in den 1950er Jahren zum Symbol eines angeblichen Unrechts der Sieger. Beim „Schwur von Friedland“ erklärten am 13. Dezember 1955 Ernst Günther Schenck und weitere 596 Wehrmachts- und Waffen-SS-Angehörige, sie hätten weder geplündert, gemordet noch geschändet; laut Artikel war dies ein Meineid.
Auch Gedenken und Bundeswehrtradition konnten das Bild stützen. Der Volkstrauertag vermied lange die Frage, wofür deutsche Soldaten kämpften, und Wehrmachtgeneräle wurden Namenspatrone von Kasernen. Der Traditionserlass von 1982 stellte dagegen fest, die Streitkräfte seien teils schuldhaft verstrickt, teils schuldlos missbraucht worden, und ein Unrechtsregime könne keine Tradition begründen.
Romane, Filme und Heftreihen verbreiteten oft die Gegenüberstellung einer unpolitischen Wehrmacht mit verbrecherischen Nationalsozialisten. Beispiele sind die 08/15-Trilogie (1954–55), Der Arzt von Stalingrad (1956), Der Stern von Afrika (1957), Hunde, wollt ihr ewig leben? (1959) und die Reihe Der Landser (1957–2013). Auch spätere Filme wie Das Boot (1981) und Stalingrad (1993) lösten sich laut Artikel nicht vollständig von diesem relativierenden Muster.
Justiz und gesellschaftliche Aufklärung
Die Alliierten schufen mit Kontrollratsgesetz Nr. 10 einen Rechtsrahmen für Kriegsverbrecherverfahren. Die USA führten unter anderem den Milch-Prozess, den Prozess Generäle in Südosteuropa und den Prozess Oberkommando der Wehrmacht durch. Geplante deutschsprachige Prozessdokumentationen wurden jedoch nicht umgesetzt; eine breite öffentliche Debatte über Wehrmachtsverbrechen unterblieb auch mit Rücksicht auf Westbindung und Wiederbewaffnung im Kalten Krieg. Erich von Manstein wurde 1949 zu 18 Jahren Haft verurteilt, aber bereits 1952 entlassen.
In der Bundesrepublik fand keine politisch gewollte systematische Strafverfolgung von Wehrmachtsangehörigen statt. Nach 1956 kam es überwiegend nur noch zu zufälligen Ermittlungen. Die 1958 eingerichtete Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen sollte vor allem NS-Verbrechen verfolgen, nicht Kriegsverbrechen als solche. Alfred Streim bewertete die unterbliebene strafrechtliche Aufklärung insbesondere als politisch bedingt.
Der militärische Widerstand vom 20. Juli 1944 wurde zunächst ambivalent bewertet: Nach außen sollte er ein „anderes Deutschland“ zeigen, nach innen sollten Millionen treu gebliebener Soldaten nicht abgewertet werden. Der Remer-Prozess führte 1952 zur gerichtlichen Feststellung, dass die Verschwörer nahezu geschlossen keine Landesverräter gewesen seien. Später konnte die Würdigung des Widerstands selbst wieder zur entlastenden Vorstellung beitragen, es habe insgesamt eine saubere Wehrmacht gegeben.
Forschung und Ausstellungen
Seit den 1960er Jahren stellten jüngere Historiker die von ehemaligen Generälen geprägte Deutung mit Quellenkritik infrage. Studien von Martin Broszat, Helmut Krausnick, Andreas Hillgruber, Manfred Messerschmidt, Hans-Adolf Jacobsen und Christian Streit benannten die Mitverantwortung der Wehrmacht. Forschungen der 1980er und 1990er Jahre belegten anhand von Zeugenaussagen, Prozessunterlagen, Feldpostbriefen, Tagebüchern und weiteren Dokumenten ihre unmittelbare und systematische Beteiligung an Massakern, Kriegsverbrechen in Ost- und Südosteuropa sowie am Holocaust. Christian Hartmann erklärte 2009, die Schuld der Wehrmacht sei „so erdrückend“, dass sich jede Diskussion über den Mythos erübrige.
Die Ausstellung Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941 bis 1945 von 1991 behandelte vor allem Institutionen und Führungsebenen; die Beteiligung am Judenmord blieb fast ausgeblendet. Die Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944 des Hamburger Instituts für Sozialforschung von 1995 löste dagegen eine breite, teils gewaltsam begleitete Debatte aus. Sie stellte den verbrecherischen Charakter des deutschen Raub-, Eroberungs- und Vernichtungsfeldzuges und die Wehrmacht als dessen wichtigen Bestandteil dar. Ihre Kernthesen wurden von der Forschung bestätigt. Die überarbeitete Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1945 folgte 2001.
In Österreich dominierte bis in die 1990er Jahre vielfach das Bild missbrauchter Soldaten und einer auf Hitler konzentrierten Schuld; die Wehrmachtsausstellung von 1995 veränderte die öffentliche Wahrnehmung. Im Internet können entpolitisierte Darstellungen in Kriegsspielen, Militariahandel und Foren Wehrmachtsapologie, Holocaustleugnung, NS-Rehabilitierung und rechtsextreme Propaganda miteinander verbinden.