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Sühnopfertheologie
Die Sühnopfer- oder Sühnetheologie ist eine in der christlichen Theologie grundlegende Sinndeutung des Todes von unschuldigem Leben. Sie spielt auch eine …
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Grundidee und Bedeutung
Die Sühnopfer- oder Sühnetheologie ist eine grundlegende christlich-theologische Deutung des Todes unschuldigen Lebens und gehört zur Lehre von der Erlösung des Menschen (Soteriologie). Der Kreuzestod Jesu Christi kann dabei als Menschenopfertod verstanden werden, der die Versöhnung Gottes mit den Menschen und die Vergebung der Erbsünde bewirkt. Die Deutung steht im Zusammenhang mit christlichen Auslegungen alttestamentlicher Texte über Sünde, Reue und Umkehr.
Das Wort „Sühnopfer“ kommt jedoch nicht in der jüdischen Bibel vor. Auch „Sühne“ stammt aus dem germanischen Sprachraum und wurde ursprünglich juristisch, nicht kultisch verwendet. Deshalb ist zu unterscheiden zwischen modernen deutschen Begriffen und den Bedeutungen der biblischen Texte.
Sühne und Opfer im Alten Testament
Deutsche Bibelübersetzungen geben das hebräische Wort kippär oft mit „sühnen“ oder „Sühne schaffen“ wieder. Der Wortstamm bedeutet aber grundlegend „bedecken“. In der hebräischen Bibel steht kippär vor allem im kultischen, niemals im juridischen Zusammenhang. Es bezeichnet nicht einen einzelnen Ritualablauf, sondern das Ziel verschiedener Rituale: Eine durch Verfehlung gestörte Beziehung zu Gott soll wieder möglich werden. Lev 4,20 formuliert: „Es bedecke über ihm der Priester vor seiner Versündigung, ihm wird verziehen“.
Zu den kippär-Ritualen gehören Tieropfer (3 Mos 4,22–26 EU), vegetabile Opfer, also pflanzliche Gaben (3 Mos 5,11–13 EU), die Weihe des Altars (3 Mos 8,15 EU) und die Reinigung eines „aussätzigen“ Hauses (3 Mos 14,48–53 EU). Weil auch pflanzliche Opfer Sühne bewirken können, sind weder der stellvertretende Tod eines Tieres noch Blut notwendige Voraussetzungen für die Wiederherstellung der Gottesbeziehung.
Blut hat dennoch eine wichtige kultische Funktion. Lev 17,11 EU erklärt: „Denn das Leben des Fleisches ist im Blut … und ich habe es euch für den Altar gegeben, um für euer Leben zu sühnen.“ Blutriten können daher als Weihegeschehen verstanden werden, das durch das im Blut enthaltene Leben ermöglicht wird; Thomas Pola hat diese Position kritisch kommentiert. Leben bedeutet im Alten Testament nicht bloß individuelles biologisches Leben (griechisch biós), sondern Anteil an Gottes schöpferischer Lebenskraft (griechisch zoé): „Siehe, alles Leben ist mein“ (Ez 18,4 EU). Nach dieser Deutung erneuert das im Blut enthaltene Leben die durch Sünde geschwächte Lebenskraft.
Der Begriff „Sühne“ bleibt deshalb problematisch: Im Deutschen klingt Wiedergutmachung durch die schuldige Person mit. Im alttestamentlichen Kult geschieht Vergebung dagegen eher durch Kontakt mit Gottes Heiligkeit, vermittelt durch das göttliche Leben im Blut.
Deutung des Todes Jesu
Die Schriften des Neuen Testaments deuten Jesu Tod übereinstimmend als heilswirksames Handeln Gottes. Eine von mehreren Deutungsweisen versteht ihn als sühnendes Opfer: Wie bei Opfern des Alten Testaments sollen Sünde oder ihre Folgen aufgehoben werden.
Besonders deutlich ist dies in Röm 3,24 f. EU: Die Erlösung geschieht durch Jesus Christus, den Gott „als einen Sühneort durch den Glauben an sein Blut“ hingestellt hat. Das griechische Wort hilasterion (ἱλαστήριον) bezeichnet in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel, die kaporä (כַּפֹּרֶח), den Deckel der Bundeslade. Dieser wurde am großen Versöhnungstag nach Lev 16,14 mit Opferblut besprengt.
Hebr 9,12.26 EU beschreibt, dass Christus nicht mit Blut von Böcken oder Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut „ein für alle Mal“ in das Heiligtum eingegangen sei und durch sein Opfer die Sünde aufgehoben habe. Weitere Belege sind 1 Kor 15,3b EU („Christus ist für unsere Sünden gestorben nach den Schriften“), 2 Kor 5,19 EU und 1 Joh 2,2 EU.
Theologische Kontroverse
In der theologischen Diskussion geht es vor allem darum, wie der gewaltsame Tod Jesu Sünden und ihre Folgen aufheben könne. Einflussreich wurde die Satisfaktionslehre Anselms von Canterbury: Satisfaktion bedeutet hier Wiedergutmachung. Anselm erklärte Jesu Tod mit der Wiederherstellung der verletzten Herrscher-Ehre eines Fürsten. Diese Vorstellung hing mit dem mittelalterlichen Ehrbegriff zusammen.
Satisfaktionslehre und Sühnopfervorstellung werden aber teilweise fälschlich gleichgesetzt. Anselm gilt deshalb zu Unrecht als Erfinder der Sühnopfervorstellung. Weil sein Ehrbegriff heutigen Welt- und Menschenbildern fremd ist, wird die Satisfaktionslehre in populärtheologischen Diskussionen bisweilen als Beispiel einer Fehlentwicklung genannt.
Neuere Debatten fragen außerdem, ob die Sühnopfervorstellung überhaupt eine angemessene Deutung des Todes Jesu ist oder anderen Deutungen weichen sollte. Kritiker wenden ein, Gott könne in seiner Freiheit Sünden auch ohne die Tötung eines Menschen vergeben. Sie halten die biblische Grundlage für unzureichend und sehen die Theorie wesentlich durch Anselm geprägt. Zu diesen Kritikern zählen Wolfgang Huber, Nikolaus Schneider, Eugen Biser, Klaus-Peter Jörns und Burkhard Müller.
Reinigungsopfer und Gebet im Judentum
In den ursprünglichen Sprachen der jüdischen Bibel gibt es keine Entsprechung zum Wort „Sühnopfer“. Die jüdische Bibel kennt jedoch das Reinigungsopfer, hebräisch Chatat, in 3. Mose 4. Es galt für unbeabsichtigt begangene Sünden. Ohne echte Umkehr und Reue war ein solches Opfer ungültig; genannt werden Jona 3,5–10 EU, Dan 4,27 EU und Prov 18,8: „Das Opfer der Frevler ist Gott ein Greuel“.
Formal unterschied sich das Chatat von anderen Opferarten durch den Umgang mit dem Blut. Bei einem gesalbten Priester wurde Blut in das Heilige gebracht, gegen das Allerheiligste gesprengt und an die Hörner des goldenen Räuchertisches gestrichen; der Kadaver wurde außerhalb des Lagers verbrannt. Bei einem weltlichen Fürsten, König oder Angehörigen des Volkes wurde Blut an die Hörner des Hauptaltars gestrichen, während Priester das Fleisch aßen. Die Fettbestandteile wurden in beiden Fällen im Tempel verbrannt. Im Tempel Ezechiels, dem noch kommenden dritten Jerusalemer Tempel, soll der jüdische Mashiach das Chatat darbringen.
Die jüdische Bibel betont, dass Gott keine blutigen Opfer benötigt (Ps 50,12–13; 40,7; 51,19). Wichtiger sind Gebet und Umkehr, das „Opfer des Herzens“. Das Opfer konnte auch als gemeinschaftliches Festmahl stattfinden, etwa beim Freudenopfer Sewach Schlamim (3 Mos 3); für ärmere Menschen waren günstigere Gaben wie Weizenmehl möglich.
Nach der Zerstörung des Tempels und Jerusalems durch die römische Besatzungsmacht im Jahr 70 n. Chr. endete der Tempelkult. Das Gebet, Zedaka und die Umkehr zu Gott (Tschuwa) erhielten besondere Bedeutung. Der Siddur, die Gebetsordnung, enthält symbolisch Gebete, Lobpreisungen sowie Freuden- und Dankeslieder entsprechend den früheren täglichen Opfern. Synagogen enthalten keinen Altar und kennen keine Eucharistie. Rabbiner und Vorbeter stehen spirituell auf einer Ebene mit den Betenden; Kohen und Leviten haben im synagogalen Gottesdienst keine besonderen Aufgaben. Das Judentum weist die christliche Sühnopfertheologie zurück und damit auch die Vorstellung eines Mensch gewordenen Gottessohnes, der sich als Menschenopfer darbringt. Als Gegenbeleg wird Num 23,19 angeführt: „Gott ist kein Mensch … kein Sohn Adams“.