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Menschenopfer
Als Menschenopfer bezeichnet die Religionswissenschaft die rituelle Tötung von Menschen als Gabe für eine Gottheit im Rahmen von Kulten und Religionen.
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Begriff und Grundzüge
Ein Menschenopfer ist in der Religionswissenschaft die rituelle Tötung eines Menschen als Gabe für eine Gottheit innerhalb eines Kultes oder einer Religion. Auch ein Selbstopfer kann dazugehören. Nicht nur das Töten, sondern auch der Umgang mit dem Leichnam ist Teil der Kulthandlung. In den jeweiligen Gesellschaften konnten solche Rituale als religiös erlaubt und allgemein akzeptiert gelten; heute werden sie in keinem Land offiziell geduldet, sondern als Ritualmorde strafrechtlich verfolgt.
Menschenopfer kamen empirisch viel seltener vor als Sach- und Tieropfer. Als mögliche Zwecke nennt der Artikel Bittopfer in Notlagen, die Beeinflussung oder Erkundung des göttlichen Willens, Bauopfer, Dankopfer nach Siegen, Totenfolge, also das Töten von Begleitpersonen für einen Verstorbenen, und Sühne für schwere religiöse Vergehen. Manche Menschenopfer waren mit Kannibalismus verbunden. Umgangssprachlich werden auch rituelle Hinrichtungen von Normbrechern oder sogenannten Hexen manchmal als Menschenopfer bezeichnet, obwohl das nicht immer ein kultisches Opfer im engeren Sinn war.
Frühe Hinweise reichen eventuell bis ins Mittelpaläolithikum ab 300.000 bis 45.000 v. Chr. zurück: einzelne menschliche Schädel mit Verletzungen und erweiterten Hinterhauptlöchern könnten rituelle Tötungen anzeigen. Für diese Frühzeit ist aber kaum nachweisbar, ob getötete Menschen tatsächlich verzehrt wurden und ob dies Teil eines Opferkults war. Häufiger erscheinen Menschenopfer erst in frühen Hochkulturen, besonders als Totenfolge bei Herrschern oder Oberpriestern. Schriftliche Berichte sind vorsichtig zu bewerten, weil Eroberer, Kolonialherrscher und Missionare solche Vorwürfe oft nutzten, um fremde Religionen abzuwerten oder Gewalt gegen besiegte Völker zu rechtfertigen.
Afrika, Amerika und Ozeanien
Im Alten Ägypten waren Menschenopfer als Totenfolge beim Begräbnis der Herrscher in der 1. und 2. Dynastie, etwa 3032–2707 v. Chr., wahrscheinlich üblich. Darauf deuten Nebenbestattungen in Abydos und Sakkara hin, meist mit Skeletten junger Männer, die als Diener des toten Herrschers gedeutet werden. Diese Praxis endete wohl um 2760 v. Chr. In Nubien sind Totenfolgeopfer in der Kerma-Kultur bis etwa 1550 v. Chr. und wieder etwa 300 bis 600 n. Chr. in Ballana und Qustul belegt. In Subsahara-Afrika unterscheidet der Artikel Menschenopfer an Gottheiten von sogenannten Medizinmorden, bei denen Körperteilen heilende Kraft zugeschrieben wurde. Beispiele reichen von Fruchtbarkeits- und Regenritualen bis zu Totenfolgeopfern im Aschantireich und in Buganda.
In Nordamerika enthält der Grabhügel von Cahokia mehr als 250 Leichen um einen reich bestatteten „Vogelmann“. Viele Opfer waren junge Frauen, andere vermutlich Sklaven oder Kriegsgefangene. Bei den Natchez wurden Angehörige und Hofstaat eines verstorbenen Herrschers geopfert. Die Pawnee opferten gelegentlich ein Mädchen aus einem anderen Stamm, um die Fruchtbarkeit der Felder zu sichern; ein Ritual von April 1838 ist besonders ausführlich beschrieben.
In Mittelamerika sind Menschenopfer besonders vielfältig belegt. Bei den Maya waren sie fester Teil des Kultes, aber relativ selten und an besondere Anlässe gebunden, etwa Tempeleinweihungen, Orakel, Dürren, Hungersnöte oder militärische Erfolge. In Chichén Itzá zeigen Reliefs herausgeschnittene Herzen, Schädel und Opferbezüge zum Ballspiel. DNA-Analysen von 64 Skelettresten aus dem Opferbrunnen deuten darauf, dass vor allem Jungen und junge Männer geopfert wurden, oft Brüder und eineiige Zwillinge.
Bei den Azteken wurde der Opferkult bis zur Ankunft der Conquistadores 1519 stark ausgebaut. Nach ihrem Glauben mussten dem Hauptgott Huitzilopochtli Menschenherzen dargebracht werden, um Kosmos und täglichen Sonnenaufgang zu erhalten. Spanische Berichte schildern, dass Priestern einem lebenden Opfer auf der Tempelpyramide von Tenochtitlan das Herz mit einem Obsidianmesser herausgeschnitten hätten. Die Zahl der Opfer ist umstritten: Für die Einweihung des Templo Mayor 1487 nennt der Kodex Telleriano-Remensis 20.000 Menschen in vier Tagen und Nächten; heutige Einschätzungen halten 4.000 bis 20.000 für möglich. Archäologische Funde seit 2000 bestätigten viele Details spanischer Erstberichte, während tendenziöse koloniale Darstellungen weiterhin kritisch bewertet werden müssen. Seit der Ausgrabung des Tzompantli 2018 wird für die Blütezeit eher von einigen Tausend Opfern pro Jahr ausgegangen.
In Südamerika sind Menschenopfer in der Andenregion seit der Moche-Kultur nachgewiesen. Die Inka vollzogen sie meist nicht regelmäßig, sondern vor allem als Totenfolge oder in besonderen religiösen Zusammenhängen. Bekannte Funde sind Kinder- und Jugendmumien, darunter die um 1500 geopferte 14-jährige „Juanita“ am Ampato-Vulkan und drei Mumien vom Llullaillaco. 2017 wurden bei Trujillo 140 Skelette von fünf- bis 14-jährigen Kindern und 200 Lamaskelette gefunden; vermutlich wurde ihnen um 1470 bei Chan Chan das Herz herausgeschnitten, vielleicht um eine Überschwemmung aufzuhalten. In Ozeanien ergab eine Studie, dass Menschenopfer in mindestens 40 von 93 historischen Kulturen des pazifisch-austronesischen Raums üblich waren. Sie dienten oft sozialer Kontrolle, weil Priester und Häuptlinge ihre Macht über Leben und Tod demonstrierten.
Asien und Alter Orient
Im chinesischen Altertum ab etwa 3000 v. Chr. wurden jungen Männer und Frauen nach festgelegten Ritualen Flussgottheiten des Huang-He geopfert, um Überschwemmungen abzuwenden. In der Shang-Dynastie, 1766–1080 v. Chr., mussten Diener und Konkubinen Königen ins Grab folgen. In Yinxu fand man geschätzt mehr als 13.000 geköpfte und verstümmelte junge männliche Tote aus den letzten 200 Jahren der Shang-Dynastie, wahrscheinlich Kriegsgefangene aus entfernten Regionen. Die Opfer stärkten die Macht der Oberschicht und die hierarchische Ordnung.
In Indien fordern Texte der Veda, besonders Vajasaneyi-Samhita und Shatapatha-Brahmana, im Kontext von Ritualregeln auch Menschenopfer, auf Sanskrit purushamedha. Ob sie reale Opfer oder symbolische Zeremonien beschreiben, ist in der Indologie umstritten. Wichtig wurde das Prinzip Ahimsa, also Nichttöten und Nichtverletzen, das ab etwa 900 v. Chr. im Hinduismus auftauchte und im Jainismus und Buddhismus zur Grundforderung wurde. Spätere Berichte nennen unter anderem Kali-Opfer im Kalighat-Tempel bis etwa 1830, Kinderopfer bei den Kondh in Odisha, Ritualmorde bis in die Gegenwart sowie Witwenverbrennungen, die 1830 in Britisch-Indien verboten wurden, aber noch 1987 und 2008 registriert wurden.
In Japan sind Menschenopfer vor allem durch Legenden und einzelne Funde umstritten. 1925 wurden am Fuß von Stützpfeilern der Burg Edo 21 Skelette in aufrechter Sitzhaltung gefunden, möglicherweise Bauopfer. Schriftquellen berichten Totenfolgeopfer bei der Priesterkönigin Himiko und in der Frühzeit japanischer Herrscher, doch regelmäßige rituelle Totenfolgeopfer wurden nicht gefunden. Seppuku war dagegen kein religiöses Opfer, sondern bezog sich auf Kriegerehre oder Treue.
In Tibet opferten Adelige der früheren Bön-Religion bei Königsbestattungen massenhaft Sklaven, Untertanen, Frauen und Tiere als Totenfolge. Der Buddhismus wandelte diese Praxis ab etwa 700 n. Chr. in symbolische, unblutige Opfer um. In Mesopotamien enthielten die Königsgräber von Ur um 2700 v. Chr. eine Grabkammer mit rund 80 Gefolgsleuten. Trinkbecher deuten auf Gift, Schlagspuren auf Schädeln aber auf gewaltsame rituelle Tötung.
Für die Levante und Palästina sind Menschenopfer im Altertum und in der Antike nur literarisch, nicht archäologisch belegt. Die hebräische Bibel nennt Bau-, Not-, Gelübde- und Kinderopfer, verbietet Menschenopfer aber früh, streng und wiederholt, auch für Fremde in Israel, und bedroht sie mit der Todesstrafe. Viele ältere Deutungen, die dem Judentum eine Neigung zu Ritualmorden oder eine „Moloch-Religion“ unterstellten, gelten als überholt und waren Teil von Antijudaismus und Antisemitismus. Ob es reale Kinderopfer in der Region gab, wem sie galten und bis wann sie bestanden, bleibt fraglich. Bei Phöniziern und Puniern berichteten griechische und römische Autoren von Kinderopfern; archäologische Untersuchungen des karthagischen Kinderfriedhofs widerlegten 2010 jedoch zumindest für Karthago die These einer verbreiteten regulären Menschenopferpraxis.
Europa und Christentum
Für Europas Frühgeschichte deuten Skelettfunde in Anlagen wie Goseck, Pömmelte, der Jungfernhöhle und anderen Orten auf mögliche Menschenopfer, Kannibalismus oder besondere Bestattungsriten hin. Sicher belegt sind Menschenopfer im Raum Eurasiens jedoch erst im Übergang zur Bronzezeit. Im antiken Griechenland sind Menschenopfer in Mythen, Dramen und Geschichtsschreibung stark präsent, etwa bei Iphigenie, Polyxena oder Opfern für Zeus, Dionysos und Kronos. Nach heutigem Forschungsstand gelten viele antike Berichte als fiktiv oder als spätere Deutung von Hinrichtungen und Tieropfern. Archäologische Hinweise sind selten; ein Skelett im Tempel Anemospilia auf Kreta um 1700 v. Chr. wird als Menschenopfer gedeutet.
Bei den Etruskern bezeugen römische Autoren Opfer für Totengeister hochstehender Verstorbener. Laut Titus Livius sollen sie 358 v. Chr. 307 gefangene römische Soldaten in Tarquinia geopfert haben. Funde in Tarquinia und Kainua deuten auf einzelne rituelle Tötungen und ein mögliches Fundamentopfer hin. Bei den Römern konnten Hinrichtungen religiöse Züge haben, etwa wenn Verbrecher den Göttern „übergeben“ wurden. Menschenopfer wurden in Rom laut Plinius dem Älteren 97 v. Chr. vom Senat verboten, sollen aber vereinzelt fortbestanden haben. Viele Vorwürfe in der späten Republik und Kaiserzeit waren politisch gefärbt.
Über Kelten und Gallier berichten römische Autoren von Menschenopfern unter Aufsicht der Druiden, etwa durch Verbrennen in Weidenfiguren, Pfählen, Kreuzigen oder Weissagung aus Körperteilen. Weil diese Berichte auch Propaganda gegen „Barbaren“ waren, sind sie kritisch zu lesen. Archäologische Funde wie der Opferplatz von Ribemont-sur-Ancre mit Knochen von rund 1000 geopferten Jugendlichen zeigen aber, dass Menschenopfer nicht reine Erfindung waren. Moorleichen wie der Lindow-Mann könnten kultische Tötungen belegen.
Bei Germanen sind Menschenopfer literarisch und ikonografisch vielfach bezeugt, archäologisch aber nur bis etwa 500 n. Chr. sicherer fassbar. Tacitus berichtet von Opfern im Semnonenhain und nach der Varusschlacht. Bildquellen aus der Wikingerzeit und Adam von Bremen berichten von Opfern für Odin bzw. Wodan und vom Tempel in Uppsala; Opferzahlen können übertrieben sein. Insgesamt waren Menschenopfer in germanischen Kulten seltene Ausnahmen. Bei den Slawen, besonders den Ranen auf Rügen, gab es noch bis 1150 Menschenopfer, jedoch waren Tieropfer meist häufiger.
Die Kreuzigung Jesu von Nazaret um das Jahr 30 war nach dem Artikel kein Menschenopfer, sondern eine politisch motivierte Hinrichtung durch den römischen Präfekten Pontius Pilatus. Das Urchristentum deutete Jesu Tod jedoch mit biblischer Opfersprache als Selbsthingabe und Erlösung. Christen glauben, dass dieses Selbstopfer alle Menschen- und Tieropfer überbot, aufgehoben und Opferkulte überflüssig gemacht habe. Die Christianisierung Europas beendete vorchristliche Opferkulte, war aber oft mit Eroberung, Religionskriegen und Massenhinrichtungen verbunden. Moderne christliche Theologie lehnt meist die Satisfaktionslehre ab, nach der Gott zur Befriedigung seines Zorns ein Opfer brauche.
Ersatzhandlungen und Deutungen
Ein allgemeiner religionsgeschichtlicher Fortschritt von Menschenopfern zu Tieropfern und dann zu unblutigen Ersatzopfern ist laut Artikel nicht belegt. Antike Kulturen kannten aber Ersatzhandlungen. Dazu zählen rituelle Geißelungen, Blutrituale, Selbstverstümmelungen von Priestern, Weihe von Blut oder Haar, Wachs- oder Tonfiguren, Strohpuppen und menschenähnliche Holzfiguren. Die Römer warfen statt Menschen eine Puppe aus Binsen in den Tiber und formulierten den Grundsatz: „In sacris simulata pro vero accipiuntur“, also bei den Opfern gilt das Vorgetäuschte als wahr. Bauopfer konnten in Europa seit der frühen Neuzeit durch Münzen, Orden, Dokumente, Büsten oder Wein ersetzt werden.
Wegen der kulturellen Vielfalt gibt es verschiedene Opfertheorien. Wichtige Deutungsmuster sind ritueller Kannibalismus, Kommunikation mit Göttern, Nahrungsgaben an Götter und die symbolische Vergegenwärtigung einer mythischen Kosmogonie, also einer Weltentstehung. James George Frazer erklärte Menschenopfer in The Golden Bough (1890) aus einer magisch gedachten Frühphase, in der Gesellschaften durch Opfer kosmische Ordnung, Reinigung und Erneuerung erreichen wollten. Sein Entwicklungsschema von Magie zu Religion zu Wissenschaft und von Menschen- zu Tier- zu Ersatzopfern wird heute abgelehnt.
Andere Theorien betonten das freiwillige Geben des Wertvollsten, wie Sigmund Mowinckel, oder versuchten die aztekischen Opfer utilitaristisch mit Eiweißmangel zu erklären, wie Michael Harner 1977; beide Ansätze werden kritisiert, weil sie rituellen Aufwand, soziale Opferauswahl und religiöse Gewalt zu wenig beachten. Sigmund Freud deutete Menschenopfer spekulativ als Variante des Vatermords. René Girard, Walter Burkert, Burkhard Gladigow, Hyam Maccoby, Gunnar Heinsohn und Christoph Türcke entwickelten weitere Modelle zu Gewalt, Opfer, Kulturentstehung, Antisemitismus oder Trauma. Die Forschung hat psychoanalytische Erklärungen aber kaum übernommen, weil sie individualpsychologische Begriffe nur schwer auf historische Prozesse übertragen kann.
Bis Ende der 1990er Jahre behandelte die empirisch-historische Forschung Menschenopfer oft als Randthema oder Fantasieprodukt. Der Artikel betont zwei gegensätzliche Fehlhaltungen: Einerseits wurden unterworfenen Völkern Menschenopfer vorgeworfen, um ihre Kulturen abzuwerten; andererseits wurden Belege für Menschenopfer manchmal aus Abscheu oder aus Angst vor Diffamierung ignoriert. Eine sachliche Betrachtung muss deshalb archäologische Funde, schriftliche Quellen und deren politische oder religiöse Interessen jeweils kritisch prüfen.