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Religionssoziologie

Sie befasst sich mit den sozialen Voraussetzungen von Religion, mit den sozialen Formen, die Religion annimmt, und dem Einfluss von Religion auf Gesellschaften …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Religionsbegriff
  2. 2. Säkularisierung, Rituale und Organisationen
  3. 3. Klassische Deutungen von Religion
  4. 4. Neuere Theorieansätze
  5. 5. Marktmodell und Strukturmodell
  6. 6. Empirische Forschung

Gegenstand und Religionsbegriff

Religionssoziologie ist ein Spezialgebiet der Soziologie und zugleich der Religionswissenschaft. Sie untersucht die sozialen Voraussetzungen von Religion, ihre sozialen Formen sowie die wechselseitigen Einflüsse von Religion und Gesellschaft. Dazu gehören gesamtgesellschaftliche Fragen, etwa welche Funktion Religion für eine Gesellschaft hat, ebenso wie mikrosoziologische Untersuchungen einzelner religiöser Gruppen und Praktiken.

Einen einheitlichen Religionsbegriff gibt es in der Soziologie nicht. Substantiale Definitionen bestimmen Religion über wesentliche Inhalte, etwa die Erfahrung Gottes oder des Heiligen. Handlungen und Überzeugungen gelten dabei nur als religiös, wenn sie sich auf Transzendenz beziehen, zum Beispiel auf Gott, höhere Wesen oder Engel. Funktionale Definitionen bestimmen Religion dagegen über ihre Wirkung für Menschen oder Gesellschaften, etwa durch Erklärung sonst unerklärlicher Phänomene oder Legitimation von Herrschaft. Wichtige Funktionen sind bei Durkheim Integration, bei Marx Kompensation und allgemein Kontingenzbewältigung, also der Umgang mit Ungewissheit und Unverfügbarkeit. Mischdefinitionen verbinden beide Ansätze.

Funktionale Definitionen wurden durch die lange starke Stellung funktionalistischer Theorien verbreitet. Sie können Religion auch außerhalb der christlich-abendländischen Tradition erfassen. Kritisiert wird jedoch, dass sie Phänomene als religiös einordnen können, die viele Menschen nicht als Religion verstehen würden, oder dass sie auf eine einzelne Funktion wie Integration begrenzt bleiben.

Säkularisierung, Rituale und Organisationen

Säkularisierung bezeichnet die zunehmende Trennung von Religion und gesellschaftlichen Prozessen oder Einrichtungen, die früher religiös geprägt waren. Sie geht über die Säkularisation, also die Aufhebung geistlicher Herrschaften, hinaus. Religion wird dabei von einer alle Lebensbereiche prägenden Ordnung zu einem System neben anderen. Krankenhäuser werden beispielsweise nicht allein unter dem Gedanken christlicher Barmherzigkeit organisiert, sondern als weltliche Einrichtungen für das Allgemeinwohl staatlich finanziert und professionell betrieben.

Die Säkularisierungstheorie erforscht vor allem die abnehmende Bindekraft religiöser Normen und Veränderungen religiösen Verhaltens. Unstrittig ist ein Einflussverlust institutionalisierter, besonders kirchlicher Religiosität in vielen Lebensbereichen. Strittig bleibt, ob damit Religion und individuelle Religiosität insgesamt an Bedeutung verlieren oder ob sich ihre Formen nur verändern. Thomas Luckmann beschreibt dies als „Entkirchlichung“ oder „Privatisierung“ von Religiosität. Demgegenüber versuchen Detlef Pollack, Steve Bruce, Gert Pickel, David Voas und andere mit empirischen Studien zu zeigen, dass mit institutionalisierter auch individuelle Religiosität zurückgegangen ist. Die frühere Vorstellung eines Verschwindens der Religion, bis in die 1960er Jahre vorherrschend, wird allgemein nicht mehr vertreten. Neuere säkularisierungstheoretische Analysen betonen die Pfadabhängigkeit, also die Abhängigkeit von früheren Entwicklungswegen, halten aber mit international vergleichenden Umfragen an der Annahme eines sozialen Bedeutungsverlustes von Religion in modernen Gesellschaften fest.

Religionsausübung zeigt sich häufig in Ritualen und Zeremonien. Sie gestalten religiöse Lebensführung, drücken Weltanschauung aus und zeigen Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. In Kult und Gottesdienst können sie Transzendenz erfahrbar machen, Gemeinschaft herstellen und den Alltag durch Symbole und rituelle Vollzüge als sinnhaft deuten. Religion zeigt sich außerdem in Organisationen mit unterschiedlichem Aufbau, Hierarchie und Mitgliedschaft. Max Weber unterschied Kirchen und Sekten; der ursprünglich neutrale wissenschaftliche Begriff „Sekte“ ist außerhalb der Wissenschaft meist negativ besetzt. Mit Organisationen und Ritualen entstehen soziale Rollen wie Priester, Prophet oder Klerus. Diese können gesellschaftlichen Einfluss, Privilegien und auch tatsächliche oder beanspruchte politische Herrschaft besitzen; dies wird als Klerikalismus bezeichnet.

Klassische Deutungen von Religion

Wichtige Grundlagen der Religionssoziologie sind Max Webers Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus und Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen sowie Émile Durkheims Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Bereits Xenophanes († 470 v. Chr.) hinterließ religionssoziologische Fragmente. Johann David Michaelis untersuchte 1793 in Mosaisches Recht die soziale „Vernünftigkeit“ mosaischer Gesetze und ließ zur Überprüfung seiner Hypothesen auf einer arabischen Expedition einen empirischen Fragebogen einsetzen.

Religionskritik war ein wichtiges Vorfeld der Religionssoziologie. Auguste Comte verstand Soziologie als „soziale Physik“, die eine rationale Gesellschaft steuern sollte; dem theologischen Zeitalter solle ein wissenschaftliches folgen. Karl Marx erklärte Religion aus der kapitalistischen Gesellschaft: Weil Arbeiter durch den Zwangsverkauf ihrer Arbeitskraft entfremdet würden, überdecke Religion diese Entfremdung durch Trost und Jenseitsorientierung. Das ist ihre Kompensationsfunktion. Marx übernahm von Engels die Kennzeichnung als „Opium des [einfachen] Volkes“ und sah Religion als Überbau der sozioökonomischen Basis. Sie stabilisiere die bestehende Gesellschaftsform, verhindere damit sozialen Wandel und schreibe Abhängigkeitsverhältnisse fest.

Durkheim verstand Religion als Ausdruck des Sozialen. Er unterschied grundlegend zwischen „heilig“ und „profan“ und stellte die Integrationsleistung der Religion in den Mittelpunkt: Religion war in traditionellen Gesellschaften ein Bindeglied; in modernen Gesellschaften übernehmen soziale Zusammenhänge diese Aufgabe zu großen Teilen. Seine Theorie enthält daher substantiale und funktionale Elemente. Zentral ist die kollektive religiöse Erfahrung.

Weber entwickelte 1904 die Protestantismusthese. Sie soll erklären, weshalb der moderne, rationale Kapitalismus besonders im Abendland, genauer in den angelsächsischen Ländern, entstand. Weber führte dies auf den Protestantismus und insbesondere die Prädestinationslehre zurück. Sie begünstigte innerweltliche Askese und damit Kapitalakkumulation; zugleich wurde wirtschaftlicher Erfolg als Zeichen göttlicher Auserwähltheit erstrebenswert. Diese Lebenspraxis blieb nach Weber erhalten, auch als sich ihre religiöse Grundlage änderte. In Wirtschaft und Gesellschaft behandelte Weber außerdem Begriffe wie Sekte und Charisma. Charisma wird seit den 1990ern wieder verstärkt in der Religions- und Politischen Soziologie verwendet.

Neuere Theorieansätze

Georg Simmel beschrieb Geld und Kapitalismus als Kräfte, die eine frühere Stellung der Religion einnehmen können: „das Geld [ist] der Gott unserer Zeit“. Er verwies auf sprachliche Verwandtschaften wie Schuld und Schulden, Credo und Kredit oder Erlös und Erlösung. Wichtig ist seine Unterscheidung zwischen religiösen und religioiden Vorstellungen. Religioide Vorstellungen sind „religiöse Halbprodukte“: Sie ähneln Religion oder Religiosität, sind aber keine. Geld fördere nach Simmel kognitive Rationalisierung durch alltägliche mathematische Operationen, werde als Wertesystem zur Quasi-Religion und unterstütze Individualisierung als Schrittmacher individueller Freiheit.

Für Talcott Parsons ist Religion innerhalb der strukturfunktionalen Systemtheorie ein Subsystem, das Werte und Grundmuster sozialer Systeme begründet. Ideologien oder Zivilreligion können in modernen Gesellschaften funktionale Äquivalente sein, also dieselbe Funktion erfüllen. Robert N. Bellahs Modell der „Zivilreligion“ nimmt an, ein Staatenwesen brauche eine gemeinsame, aber keine spezifische Religion. Für die USA besteht sie bei Bellah aus dem Bezug auf Gott, der Vorstellung der auserwählten Nation Amerika und Demokratie.

Thomas Luckmann betont Religion als positive Kraft bei Krisenbewältigung und Stabilisierung von Gemeinschaften in sozialen Umbrüchen. Religiosität sei eine anthropologische Konstante, die in der Moderne neue Darstellungsformen suche. Durch funktionale Differenzierung werde Religion jedoch auf den privaten Bereich beschränkt. Dort unterliege sie nicht mehr der Kontrolle der Kirchen; daher entstünden neue Formen von Religion.

Niklas Luhmann bestimmt Religion als eigenes Teilsystem neben Wirtschaft, Politik und Kunst. Ihre Funktion sei, Unbestimmbares und Beunruhigendes, das in Sinnsystemen ausgeschlossen wird, in eine transzendente Umwelt zu verschieben. So können existenzielle Fragen mit Gottes Willen erklärt werden; nach Armin Nassehi ermöglicht Religion etwa Kommunikation über Sterbehilfe, ohne Unbestimmtheit aufzuheben. Strittig ist Luhmanns Annahme, der Code des Religionssystems sei die Unterscheidung von transzendent und immanent, weil sein Transzendenzbegriff christlich geprägt erscheine. Christoph Kleine versteht Transzendenz dagegen als unvermeidliche Begleiterscheinung jeder Systemoperation im Medium Sinn.

Marktmodell und Strukturmodell

Rodney Stark und William Sims Bainbridge führten mit A Theory of Religion die Theorie rationaler Entscheidung, auch ökonomische Handlungstheorie, in die Religionssoziologie ein. Sie widersprechen der Annahme, Modernisierung lasse religiöse Bedürfnisse verschwinden. Entscheidend sei vielmehr die Angebotsseite: Kirchen und Religionsgemeinschaften bilden einen „Markt der Religionen“. Viele konkurrierende Gemeinschaften zwängen Anbieter, ihr Angebot attraktiv zu gestalten, und förderten dadurch aktive Religiosität. Die Dominanz einer Staats- oder subventionierten Kirche schließe Konkurrenz eher aus und behindere solche Anreize. Dieses Modell trug zentral zur Entwicklung des Marktmodells des Religiösen bei; es galt seit den frühen 1990er Jahren zeitweise als „neues Paradigma“, setzte sich aber nicht durch.

Ulrich Oevermanns 1995 erstmals vorgelegtes „Strukturmodell von Religiosität“ zählt mit Luckmann und Luhmann zu den drei einflussreichen Paradigmen in Deutschland. Es unterscheidet eine universelle Struktur von Religiosität von ihren historisch veränderlichen Inhalten, etwa Herkunfts- und Bewährungsmythen. Säkularisierung bedeutet hier die Umwandlung religiöser in säkulare Inhalte bei Fortbestehen der Grundstruktur.

Diese Struktur beruht auf menschlicher Lebenspraxis: Die sprachliche Bedeutungs- und Prädikationsfunktion schafft einen Dualismus zwischen einer zeichenhaft repräsentierenden Welt möglicher Vergangenheit und Zukunft und der repräsentierten Wirklichkeit der Gegenwart. Daraus folgten das Bewusstsein der Endlichkeit des Lebens und eine nicht stillstellbare Bewährungsdynamik. Oevermann beschreibt drei aufeinanderfolgende Struktureigenschaften: erstens das Bewährungsproblem, zweitens den Bewährungsmythos als Hoffnung auf Bewährtheit und drittens die Evidenz des Mythos durch vergemeinschaftete Praxis. Das Bewährungsproblem ist kulturell universell; Mythen sind kulturspezifisch; Vergemeinschaftung ist als Struktur universell, ihre konkrete Form aber von Inhalten, Riten und Kultformen abhängig.

Empirische Forschung

Die empirische Religionssoziologie untersucht Religion auch mit großen Umfragen. Dazu zählen European Values Study, World Values Survey, ALLBUS und Shell-Jugendstudie. Der quantitative Ansatz betrachtet auf der Makroebene die Verteilung von Kirchlichkeit und Religiosität. Er steht oft Modernisierungs- und Säkularisierungstheorien nahe.

Besonders bedeutsam sind die weltumgreifenden Studien von Ronald Inglehart. Sie weisen auf einen engen Zusammenhang von Modernisierung, Säkularisierung und Demokratisierung hin. Weitere wichtige Erhebungen sind die Schwerpunkterhebungen des International Social Survey Programms von 1998 und 2008 sowie der Bertelsmann Religionsmonitor von 2008 und 2013.

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