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Russischer Adel
Der russische Adel (russisch дворянство/dworjanstwo) war diversen Ursprungs: Neben dynastischen Geschlechtern, Nachkommen des Begründers der Kiewer Rus, …
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Grundlagen und Herkunft
Der russische Adel, russisch дворянство/dworjanstwo, war keine einheitliche Gruppe mit nur einer Herkunft. Er setzte sich aus dynastischen Geschlechtern, Nachkommen alter Herrscherfamilien und aus später aufgestiegenen Familien zusammen. Dazu gehörten Nachkommen Ruriks, des angeblichen Begründers der Kiewer Rus, Nachkommen des litauischen Fürsten Gediminas, tatarische Geschlechter aus der Zeit der Goldenen Horde, alte kaukasische Fürstengeschlechter sowie russische und ausländische Aufsteiger aus dem Volk. Der Adel war dadurch eine internationale Gesellschaft aus Angehörigen eingegliederter Völker und Einwanderern verschiedener Nationalitäten.
Die älteste Bezugsperson des russischen Adels war Rjurik oder Rurik. Spätere Chroniken beschreiben ihn als skandinavisch-warägischen Fürsten der Rus, den slawische und finno-ugrische Stämme um Nowgorod im Jahr 862 zum Herrscher berufen haben sollen. Ob diese Darstellung historisch sicher oder teilweise legendär ist, bleibt offen. Ab 882 entstand daraus das Reich der Kiewer Rus. Die ältesten Adelsfamilien, die sogenannten Rurikiden, führten ihren Ursprung auf Rjurik zurück. Sie waren ursprünglich lokal herrschende Kleinfürsten und bildeten über Jahrhunderte die oberste Schicht des russischen Adels.
Bojaren und Dienstadel
Im russischen Spätmittelalter galten auch die Bojaren als Adel, allerdings eher als niederer Adel. Ihr Titel war nicht erblich, und sie hatten zunächst keinen festen Grundbesitz. Sie durften einen Beirat des Fürsten wählen, die Bojarenduma, und stellten eine stehende Leibwache des Großfürsten.
Schon im 14. Jahrhundert wurden dem Adel Güter zur Nutzung überlassen. Diese Güter gehörten aber nicht dem Adel selbst, sondern blieben Eigentum des Großfürsten. Das ähnelte dem westeuropäischen Lehnswesen. Im 15. Jahrhundert nahm der Großfürst von Moskau den Titel „Selbstherrscher aller Reußen“ an. Danach wurden die Bojaren und die entthronten Nachkommen Ruriks aus kleineren Fürstentümern zu einem Dienstadel. Dienstadel bedeutet hier: Adlige mussten dem Zaren als Beamte oder Offiziere dienen.
1649 wurde die Stellung des Adels durch die gesetzliche Verankerung der Leibeigenschaft der Bauern gestärkt. Leibeigene Bauern waren persönlich abhängig und an Herren beziehungsweise Güter gebunden. Nach der Volkszählung von 1678 lagen 507.000 Bauernhöfe, also 85 % der Gesamtzahl, in den Händen des Adels. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts entstanden auch die ersten Adelsmatrikeln, also Verzeichnisse adliger Familien, darunter die Barchatnaja kniga. Der Adel wurde in Kategorien eingeteilt: Die höchste war der Moskauer Adel, die niedrigste der Stadtadel.
Rangtafel, Dienst und Privilegien
Die Stellung des Adels wurde unter Zar Peter I. durch den Ukas vom 24. Januar 1722 neu geregelt. Ein Ukas ist ein Erlass des Zaren. Dieser Erlass schuf eine Rangtabelle, die sogenannte Rangtafel, für Staatsdienerklassen. Peter I. führte außerdem die zuvor in Russland unbekannten Grafen- und Baronswürden ein; vorher gab es nur den Fürstenrang, russisch Knjas.
Seitdem unterschied man persönlichen Adel und erblichen Adel, russisch Litschnoje Dworjanstwo und Potomstwennoje Dworjanstwo. Schon der erste Offiziersrang im Heer oder in der Marine verlieh den persönlichen Adel. Der Rang eines Obersten oder Kapitäns verlieh den erblichen Adel. Auch bestimmte Orden konnten erblichen Adel mit sich bringen: das Großkreuz aller Orden, der Orden des Heiligen Wladimir und der Sankt-Georg-Orden aller Klassen. Beamte erhielten nach 25 Jahren unbescholtenen Dienstes den Wladimirorden 4. Klasse mit der Inschrift „25 let“ und damit ebenfalls erblichen Adel. Diese regelmäßigen Nobilitierungen waren aber nicht automatisch mit Adelstiteln verbunden. Die unterste Stufe des russischen Adels führte keine Titel, sondern nur Wappen.
Im 18. Jahrhundert wurden die Rechte und Privilegien des Adels stark erweitert. 1726 wurde die obligatorische Dienstpflicht im Beamtentum oder in der Armee auf 25 Jahre begrenzt. 1762 wurde der Adel vollständig von dieser Dienstpflicht befreit und von bloßen Nutznießern zu Eigentümern der Güter erklärt. 1785 erhielt der Adel unter Katharina II. weitreichende Verfügungsrechte über leibeigene Bauern. Die Arbeitskraft der Leibeigenen durfte verliehen oder verkauft werden, sodass sie zum Arbeiten in andere Gebiete geschickt oder zu Soldaten gemacht werden konnten. Erst Zar Alexander II. änderte dies durch das Gesetz vom 19. Februar/3. März 1861 über die Abschaffung der Leibeigenschaft.
In der russischen Armee gehörten etwa 50 % der Offiziere zum erblichen Adel. Die übrigen hatten meist persönlichen Adel, der bereits durch das Offizierspatent erworben wurde. In den drei elitären Leibgarde-Regimentern Preobraschenski, Semjonowski und Ismailowski dienten nur Nachkommen des alten betitelten Adels.
Titel und Adelsgruppen
Der ursprünglich einzige russische Adelstitel war „Knjas“ oder „Knes“. Auf Deutsch wird er mit Fürst übersetzt, auf Englisch oder Französisch mit Prince. Dieser Titel wurde von allen Mitgliedern der Fürstengeschlechter geführt; es gab also keine Erstgeburtstitel, die nur an den ältesten Sohn gingen. Der Titel „weliki knjas“, also Großfürst, war den nicht regierenden Mitgliedern der kaiserlichen Familie vorbehalten, den Romanow und ab 1762 Romanow-Holstein-Gottorp. Erst Peter der Große schuf im Zuge seiner „Europäisierung“ des russischen Kaiserreichs weitere Adelsränge nach europäischem Vorbild: Graf, Baron und unbetitelter Adel.
Die fürstlichen Familien hatten unterschiedliche Herkunft. Viele stammten aus dynastischen Linien, besonders aus Zweigen der Rurikiden, aus den Gediminiden oder aus alten Fürstengeschlechtern der Randgebiete des Reiches. Andere stammten von hohen Staatsmännern oder Heerführern ab, denen der Fürstentitel verliehen wurde. Zuletzt erhielt sogar eine aufgestiegene Großindustriellenfamilie, die Demidow oder Demidoff, diesen Rang. Viele Fürstenhäuser verfügten über großen Grundbesitz, verzweigten sich aber stark. Deshalb mussten weniger begüterte Nachkommen oft im Beamten- oder Offiziersdienst ihr Auskommen suchen.
Gräfliche Häuser gab es in Russland erst seit Peter dem Großen. Sie stammten entweder von Bojaren ab oder gehörten zum deutschen Adel aus dem Baltikum, etwa den Deutschbalten und den Baltischen Ritterschaften. Der Barontitel war beim älteren Adel, mit Ausnahme des baltischen Adels, nicht besonders angesehen, weil er häufig Bankiers und Kaufleuten als Belohnung für finanzielle Hilfe verliehen wurde. Der erste Baron der russischen Geschichte war der Diplomat Schafirow, den Peter I. erhob; er stammte aus einer jüdischen Familie. Der unbetitelte Adel hatte außer seinen Wappen keine deutlichen äußeren Kennzeichen wie etwa das Adelsprädikat „von“ im deutschsprachigen Raum.
Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlor der Adel zunehmend Landgüter. Das hing mit der Aufhebung der Leibeigenschaft und mit Schwierigkeiten zusammen, die Güter unter neuen Bedingungen zu bewirtschaften. 1877 besaß der Adel noch 80 % der Landgüter, 1905 nur noch 62 %.
Abschaffung und Emigration
In der Februarrevolution spielte der Adel noch eine aktive Rolle und besetzte viele Positionen in Politik und Staatsverwaltung, zum Beispiel Fürst Lwow und Kerenski. Nach der Oktoberrevolution der Bolschewiki wurde der Adelsstand jedoch durch Dekret vom 10. November julianisch beziehungsweise 23. November 1917 gregorianisch abgeschafft.
Viele begüterte und hohe Adlige verließen Russland als Emigranten oder wurden Opfer des Russischen Bürgerkriegs und des Terrors der Bolschewiki. In den Verbänden der „Weißen“ gab es ganze Regimenter, die ausschließlich aus adligen Offizieren bestanden. Viele Adlige emigrierten in die Schweiz, besonders nach Genf, nach Polen, Deutschland und Frankreich. Paris wurde zu einem Zentrum der russischen Emigration; das Bild der „fürstlichen Taxifahrer“ wurde dort in den 1920er Jahren zum Stereotyp. Viele wanderten später weiter in die USA aus, wo auch ein großer Teil der letzten Zarendynastie lebt.
Unter bolschewistischer Herrschaft wurden zahlreiche Adlige verfolgt, inhaftiert und erschossen. Die Zarenfamilie wurde nach Jekaterinburg verbannt und dort ermordet. Später fielen den „Säuberungen“ unter Stalin Tausende Menschen zum Opfer, darunter Dissidenten, gläubige Christen, Angehörige nichtrussischer Völker, kommunistische Funktionäre und auch einige in der Sowjetunion gebliebene Adlige.
Ein erheblicher Teil der meist nicht titulierten Kleinadligen arrangierte sich jedoch mit den neuen Umständen. Viele hatten unauffällige Namen, zuvor als Beamte gedient und kaum Landbesitz gehabt. Einige wirkten sogar am Aufbau des neuen Staates mit, darunter Lenin selbst, Außenminister Georgi Tschitscherin sowie Geheimdienstchefs und Militärs aus adligen Familien. Vereinzelt passten sich auch Angehörige bekannter Adelshäuser an, wurden Bolschewiki oder unterstützten das neue System. Manche heirateten ins Proletariat ein, und die nächste Generation gelangte in die sowjetische akademische Elite.
Adelstradition nach 1991
Nach mehr als 70 Jahren Kommunismus ist die Zahl der heute in Russland lebenden Nachfahren adliger Familien schwer einzuschätzen. Bei etwa 100 Millionen Einwohnern im Jahr 1917 müsste sie laut Artikel mindestens 50.000 bis 60.000 umfassen. Die meisten Nachfahren der Fürstenhäuser leben seit der Revolution im westlichen Ausland, während viele Angehörige niedrigerer Adelsfamilien in Russland blieben.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden ab 1991 Adelsverbände und Organisationen zur Pflege adliger Traditionen in Russland wieder erlaubt. Als soziale Schicht existiert der russische Adel aber nicht mehr. Die historischen Adelsfamilien sind aus den Quellen bekannt. Nach historischem Adelsrecht wurde Adel in Russland, wie sonst in Europa, nur im Mannesstamm weitervererbt. Daher ist die Aufnahme von Nachfahren in weiblicher Linie, die manche Verbände heute praktizieren, umstritten.
Auch bei der Frage nach der Erbfolge für die russische Zarenkrone vertreten Adelsverbände unterschiedliche Auffassungen. Einige sehen Maria Wladimirowna Romanowa als legitime Thronerbin an. Andere Zweige der Familie Romanow erkennen sie jedoch nicht an. Sie hat sich mit Teilen der neuen russischen Elite um Präsident Wladimir Putin arrangiert, verleiht historische Hausorden und neu geschaffene Orden, etwa den Orden des Erzengels Michael von 1988 und den Damenorden der Heiligen Anastasia von 2010. Teilweise erhebt sie Personen sogar „in den Adelsstand“; 2007 soll sie den früheren FSB-Chef Nikolai Patruschew geadelt haben.
Viele Adelsverbände lehnen solche neuen Adelswürden ab. Begründet wird dies damit, dass Maria Wladimirowna Romanowa keine unbestrittene Thronprätendentin und keine regierende Monarchin ist und deshalb keine staatsrechtliche Befugnis zur Nobilitierung besitzt. Weder die Union de la Noblesse Russe in Paris noch der Verband der Baltischen Ritterschaften erkennen sie oder eine andere Person als Throninhaber mit Nobilitierungsbefugnis an. Weil die Zugehörigkeit zum Adel rechtlich weder anerkannt noch geschützt ist, entstanden seit 1991 Konflikte zwischen Verbänden und ein Markt für gefälschte Titel, Wappen und angeblich originale Adelsbriefe.