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Februarrevolution 1917

Ökonomische Krise sowie Wandel der bäuerlichen Lebenswelt · Der russische Staat machte während des Ersten Weltkrieges eine enorme Wirtschaftskrise durch. · Die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Ursachen
  2. 2. Langfristige Voraussetzungen
  3. 3. Krieg, Versorgungskrise und Autoritätsverlust
  4. 4. Vom Hungerprotest zum Sturz des Zaren
  5. 5. Doppelherrschaft und weitere Entwicklung

Bedeutung und Ursachen

Die Februarrevolution von 1917 beendete die Zarenherrschaft in Russland. Ihr Name bezieht sich auf den damals in Russland geltenden Julianischen Kalender: Sie begann am 23. Februar 1917, nach dem Gregorianischen Kalender am 8. März 1917. Aus zunächst vor allem durch Hunger und Versorgungsnot ausgelösten Streiks und Demonstrationen entstand innerhalb weniger Tage eine politische Revolution.

Die unmittelbaren Ursachen waren die wirtschaftlichen und militärischen Belastungen des Ersten Weltkriegs, die mangelhafte Versorgung der Bevölkerung – besonders mit Lebensmitteln – sowie ungelöste politische, soziale und organisatorische Probleme, die bereits zur Revolution von 1905 geführt hatten. Entscheidend war schließlich, dass große Teile der Petrograder Garnison zu den Aufständischen übergingen. Nach dem Sturz des Zaren entstand eine Doppelherrschaft: Neben der von der Duma eingesetzten Provisorischen Regierung standen die Arbeiter- und Soldatenräte, die Sowjets. Diese instabile Ordnung bestand nur bis zur Machtübernahme der Bolschewiki in der Oktoberrevolution 1917.

Langfristige Voraussetzungen

Die Niederlage im Krimkrieg 1856 hatte den Modernisierungsbedarf des Zarenreiches offengelegt. Die Großen Reformen umfassten die Aufhebung der Leibeigenschaft 1861, die Justizreform 1864 und die Einrichtung regionaler Selbstverwaltungsorgane, der Semstwos, ebenfalls 1864. Zugleich sollte eine eigene Schwerindustrie entstehen. Mit ausländischem Kapital und staatlichen Subventionen wurden große Fabriken aufgebaut, die zahlreiche Menschen vom Land in die Industriezentren zogen.

Die schnelle Verstädterung brachte jedoch Massenelend in den Arbeitersiedlungen hervor. Die neue Arbeiterschaft passte nicht in die weiterhin von Autokratie und Adel bestimmte Gesellschaftsordnung. Gleichzeitig verbesserten Semstwos, Universitäten und andere Einrichtungen Bildung und Gesundheitsversorgung. Es entstand eine gebildete Intelligenzija aus Lehrern, Ärzten, Juristen und Ingenieuren, die für Reformen offen war und staatliche Einschränkungen öffentlichen Handelns ablehnte, aber nicht vollständig mit einer politischen Opposition gleichgesetzt werden kann.

Zar Nikolaus II. ließ Gegner mit Polizeigewalt, Verhaftungen und Deportationen unterdrücken. Am Petersburger Blutsonntag 1905 wurde auf Demonstranten geschossen. Nach einem Generalstreik musste der Zar im Oktobermanifest eine Duma als parlamentarische Kammer zulassen, beschränkte ihre Rechte jedoch stark. Die Verfassung von 1906 bestätigte ausdrücklich seine autokratische Herrschaft. Die Duma konnte die Regierung weder kontrollieren noch zur Verantwortung ziehen und wurde 1906, 1907 und 1912 aufgelöst. Empfehlungen des früheren Finanzministers Sergei Witte zu schnellen, umfassenden Reformen beachtete Nikolaus weitgehend nicht.

Krieg, Versorgungskrise und Autoritätsverlust

Nach anfänglichem nationalem Hochgefühl erlitt Russland im Ersten Weltkrieg schwere Niederlagen. Beim Großen Rückzug von 1915 verlor die schlecht ausgerüstete Armee Polen, Litauen, Kurland und große Teile des westrussischen Gebietes. Gegen den einstimmigen Rat seiner Minister setzte Nikolaus II. den Oberbefehlshaber Nikolai Nikolajewitsch ab und übernahm am 23. August jul. beziehungsweise 5. September 1915 greg. selbst den Oberbefehl. Dadurch wurde er persönlich für weitere Niederlagen verantwortlich. Die Front konnte im September 1915 stabilisiert werden, und die Brussilow-Offensive 1916 bestärkte den Zaren. Dennoch desertierten allein 1916 eineinhalb Millionen russische Soldaten.

Im Herbst 1916 nahmen Streiks in Petrograd wieder zu. Versorgungsprobleme, Brennstoffmangel und der ungewöhnlich kalte Winter 1916/17 verschärften die Lage. In der Duma verlangte ein Progressiver Block aus liberalen Parteien und gemäßigten Monarchisten eine Liberalisierung. Zugleich schadete der Einfluss des Wanderpredigers Rasputin auf Zarin Alexandra dem Ansehen des Hofes. Nach Rasputins Ermordung am 30. Dezember 1916 und der ausbleibenden Bestrafung der Täter sank die Autorität des Zaren weiter.

Der Krieg löste eine schwere Wirtschaftskrise aus. Nach dem Scheitern von Kriegsanleihen druckte der Staat mehr Geld; bis Ende 1916 waren Arbeit und Güter durchschnittlich um 400 % teurer geworden. Die Heeresverwaltung kaufte Lebensmittel in den westlichen Provinzen auf, während die Versorgung der Zivilbevölkerung einbrach. Obwohl Kleinbauern noch genügend Nahrung produzierten, lohnte sich der Verkauf wegen der Inflation und der hohen Preise industrieller Güter kaum. Der Austausch zwischen Stadt und Land stockte.

85 % der Bevölkerung lebten um 1916 auf dem Land. Frühere Bauernaufstände hatten häufig Gutshöfe, Vorratsspeicher und umstrittene Landstücke zum Ziel. Während des Krieges verbanden Wanderarbeit und Militärdienst die bäuerliche Bevölkerung stärker mit den Städten und mit überregionalen sozialen und politischen Fragen. Dadurch erhielten neue Proteste eine revolutionäre Wirkung.

Vom Hungerprotest zum Sturz des Zaren

Im Winter 1916/17 verschärften Zwangseintreibungen und ein gescheitertes Ablieferungssystem die Not. Hungerrevolten, Streiks und Demonstrationen breiteten sich aus. In Petrograd standen Menschen nachts für Brot an; es kam zu Plünderungen. Nach einem Streik in den Putilow-Werken am 19. Februar jul. beziehungsweise 4. März greg. sperrte die Direktion 30.000 Arbeiter aus. Die Proteste erfassten weitere Betriebe und entwickelten sich zu einem Generalstreik.

Am 23. Februar jul. beziehungsweise 8. März greg. begann die eigentliche Revolution. Arbeiterinnen und Arbeiter verlangten vor allem Brot; weitere Forderungen waren das Ende des Krieges und die Abdankung des Zaren. Fast alle Industrieunternehmen wurden vom Streik erfasst. In den Betrieben entstanden Arbeiterräte, aus denen Arbeiter- und Soldatenräte im ganzen Land hervorgingen. Rund 170.000 Soldaten im Raum Petrograd sollen sich auf die Seite der Streikenden gestellt haben.

Der Zar befahl General Sergei Chabalow, die Unruhen zu beseitigen. Angehörige des Wolhynischen Garderegiments erschossen zunächst sechzig Demonstranten, doch andernorts gingen Soldaten gegen die Polizei vor; Kosaken verweigerten Befehle. Am 26. Februar jul. beziehungsweise 11. März greg. ordnete Nikolaus erneut die Auflösung der Duma an. Der Ältestenrat und die Abgeordneten widersetzten sich. Am folgenden Tag bildeten sie unter Dumapräsident Michail Rodsjanko ein Provisorisches Komitee, öffneten das Parlament wieder und übernahmen die Regierungsgeschäfte. Staatsrechtlich war dies eine Usurpation, also die eigenmächtige Aneignung staatlicher Gewalt, und zugleich ein entscheidender revolutionärer Schritt.

Am 27. Februar jul. beziehungsweise 12. März greg. wechselten das Wolhynische, das Preobrashenskij- und das Litowskij-Garderegiment zur Revolution. Soldaten und Arbeiter stürmten Waffenlager, Polizeistellen, Gerichte und das Kresty-Gefängnis. Noch am Abend trat im Gebäude der Duma der erste Arbeiter- und Soldatenrat zusammen. Am nächsten Tag griff der Aufstand auf Moskau über. Revolutionäre kontrollierten in Petrograd Bahnhöfe, Telefonamt, Peter-Pauls-Festung und Admiralität. Der Zug des Zaren konnte Zarskoje Selo nicht erreichen und fuhr nach Pskow. Dort erklärte General Nikolai Russki, eine Niederschlagung sei kaum noch möglich, und riet zur Abdankung.

Am 1. März jul. beziehungsweise 14. März greg. forderten Rodsjanko und Generalstabschef Michail Alexejew den Zaren zum Rücktritt auf; alle Armeebefehlshaber schlossen sich an. Am 2. März jul. beziehungsweise 15. März greg. einigten sich Duma und Sowjet auf seine Absetzung und die Bildung einer Provisorischen Regierung. Nikolaus wollte zunächst zugunsten seines Sohnes Alexei abdanken, entschied sich wegen dessen Krankheit aber für seinen Bruder, Großfürst Michail. Er übergab das Manifest um 23:40 Uhr; die Urkunde wurde auf 15 Uhr vordatiert. Michail verzichtete am 3. März jul. beziehungsweise 16. März greg. ebenfalls auf den Thron, erklärte sich aber zur Annahme bereit, falls das Volk dies später in geheimer Wahl beschließen sollte. Damit endete die 300-jährige Herrschaft der Romanow-Dynastie.

Doppelherrschaft und weitere Entwicklung

Das Machtvakuum füllten die Duma und der Petrograder Sowjet. Die im Sowjet mehrheitlich vertretenen Menschewiki gingen davon aus, dass auf die feudale Monarchie zunächst eine bürgerlich-kapitalistische Demokratie folgen müsse. Deshalb akzeptierten sie eine Provisorische Regierung des liberalen Bürgertums unter Fürst Georgi Lwow. Pawel Miljukow stellte das neue Kabinett am 2. März im Taurischen Palais vor. Später übernahm Alexander Kerenski die Regierung.

Der Petrograder Sowjet erließ den Befehl Nr. 1. Dieser ordnete Regimentskomitees, Soldatenräte in jeder militärischen Einheit und die Unterstellung der Regimenter unter die Sowjets an. Eine zunächst vorgesehene Wahl aller Offiziere durch die Mannschaften wurde nach Kritik zurückgenommen. Der Befehl verstärkte dennoch die Unruhe in der Armee. Die Generäle billigten den Machtwechsel vor allem, weil sie die Verteidigungsfähigkeit und die Fortsetzung des Krieges sichern wollten. Die Soldaten, überwiegend Landlose oder Kleinbauern, wurden im Verlauf des Jahres 1917 zum wichtigsten Rückhalt der Revolution.

Die Doppelherrschaft blieb von grundlegenden Gegensätzen geprägt. Die Provisorische Regierung wollte demokratische Grundsätze durchsetzen und für den Herbst 1917 eine Verfassunggebende Versammlung wählen lassen. Der Sowjet wollte Ordnung und Versorgung herstellen, die Zarenherrschaft endgültig beseitigen und Soldaten zu gleichberechtigten Bürgern machen. Außenminister Miljukow hielt am Krieg und am Bündnis mit Frankreich und England fest. Dagegen forderte Wladimir Iljitsch Lenin nach seiner Rückkehr aus dem Schweizer Exil im April in den Aprilthesen eine Landreform, die Übertragung der Staatsmacht an die Räte und ein sofortiges Kriegsende. Eine Zusammenarbeit mit der Provisorischen Regierung lehnte er ab.

Die Regierung beseitigte zwar Reste des alten Regimes und festigte demokratische Grundsätze in ländlichen Gebieten, konnte aber weder Versorgung und Wirtschaft stabilisieren noch Inflation und Krieg beenden. Auch Kerenskis militärische Offensive zur Verbesserung der Verhandlungsposition scheiterte. Im Herbst 1917 übernahmen die Bolschewiki in der Oktoberrevolution gewaltsam die Macht. Der anschließende Russische Bürgerkrieg dauerte bis 1920, endete mit dem Sieg der Bolschewiki und führte 1922 zur Gründung der UdSSR. Nikolaus II. war am 8. März jul. beziehungsweise 21. März greg. festgenommen und mit seiner Familie verbannt worden; Michail wurde in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1918, Nikolaus und seine Familie am 16./17. Juli 1918 ermordet.

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