Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Ruhrpolen
Der Begriff Ruhrpolen bezeichnet Polen sowie Masuren und Kaschuben und deren Nachfahren, die seit etwa 1870 teils mit ihren Familien aus den Ostprovinzen …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Bedeutung
Als „Ruhrpolen“ werden Polen sowie Masuren und Kaschuben und deren Nachfahren bezeichnet, die seit etwa 1870 aus den Ostprovinzen Preußens in das ebenfalls preußische Ruhrgebiet übersiedelten. Viele kamen mit ihren Familien und arbeiteten als Bergleute. Der Begriff umfasst damit verschiedene Bevölkerungsgruppen: Viele Zuwanderer sprachen Polnisch und verstanden sich als Polen, andere sprachen Regionalsprachen wie Masurisch, Kaschubisch oder Schlesisch.
Die Zuwanderung war ein wichtiger Bestandteil des starken Bevölkerungs- und Industriewachstums im Ruhrgebiet. Zugleich prägten die Einwanderer mit eigenen Zeitungen, Gewerkschaften, Banken und politischen Organisationen die Gesellschaft und industrielle Kultur der Region.
Ursachen der Zuwanderung
Die Herkunftsgebiete waren durch die politische Entwicklung Ostmitteleuropas geprägt. Bei den Teilungen Polens von 1772, 1793 und 1795 fielen unter anderem Westpreußen und Posen an Preußen. In Westpreußen lebten eine kaschubische und eine starke polnischsprachige Minderheit, während Posen, also Großpolen, überwiegend polnischsprachig war. Auch in anderen preußischen Gebieten wurden slawische Sprachen gesprochen: in Oberschlesien vor allem Schlesisch, im südlichen Ostpreußen Masurisch und Polnisch.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ die Industrialisierung den Arbeitskräftebedarf in den deutschen Industriezentren stark wachsen, besonders im Ruhrgebiet. Die neuen Arbeitsplätze wirkten als Pull-Faktoren, also als anziehende Bedingungen am Zielort. Push-Faktoren waren dagegen die Armut und die oft quasifeudale Abhängigkeit von Gutsherren in den östlichen Herkunftsgebieten. Die wenig attraktive Existenz als Bauer oder Landarbeiter führte neben der Wanderung in Industriegebiete auch zur Auswanderung nach Übersee.
Arbeitsmigration und eigene Organisationen
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg zogen ab 1871 Bergarbeiter aus Oberschlesien sowie polnischsprachige Landarbeiter aus Ost- und Westpreußen und aus der Provinz Posen in das Ruhrgebiet. Ab 1880 verstärkte sich diese Ost-West-Wanderung. Die Zechenunternehmen konnten damit den stark gestiegenen Arbeitskräftebedarf im Bergbau decken. Polnischsprachige Arbeitskräfte waren außerdem im Hüttenwesen, im Baugewerbe, in der Ziegelherstellung und in der ostdeutschen Landwirtschaft tätig.
In der Landwirtschaft arbeiteten rund 400.000 Billiglohnkräfte auf ostelbischen Gütern. Viele waren ungelernte Saisonarbeiter, hatten längere Arbeitszeiten und erhielten niedrigere Löhne als deutsche Arbeitskräfte. 1890 führte die preußische Verwaltung die „Karenzzeit“ ein: Die Einwanderer mussten das Land nach Ablauf der Saison verlassen. Polnische Saisonarbeiter wurden häufig als Lohndrücker und Streikbrecher eingesetzt.
Die deutsche Arbeiterschaft nahm die Zugewanderten wegen ihrer ungewohnten Sprache und ihrer teilweise streng katholischen Konfession oft als fremd wahr. Daher entstand besonders in Essen, Dortmund und Bochum ein eigenständiges polnisches Arbeitermilieu. Gelsenkirchen wurde dagegen ein Zentrum der evangelischen Masuren, die sich bewusst von den Polen abgrenzten.
Die Zuwanderer gründeten eigene Einrichtungen. Dazu gehörten ab 1890 die Arbeiterzeitung „Wiarus Polski“, ab 1902 die einflussreiche polnische Gewerkschaft „Zjednoczenie Zawodowe Polskie“ und die Polnische Arbeiterbank. Seit 1917 bestand mit der Nationalen Partei der Arbeiter auch eine politische Organisation. Eine wichtige Rolle spielte der Gewerkschaftler und Politiker Jan Brejski.
Bevölkerung, Abwanderung und Eingliederung
Die Gesamtbevölkerung des Ruhrgebiets stieg von etwa 375.000 Menschen um 1852 auf etwa 536.000 um 1871. Bis 1910 wuchs sie besonders stark auf etwa 3 Millionen und bis ungefähr 1925 auf 3,7 Millionen. Innerhalb von etwa 70 Jahren hatte sie sich damit verzehnfacht. Die Zahl der aus dem polnischen Volks- und Kulturkreis stammenden Einwanderer preußischer beziehungsweise deutscher und polnischer Nationalität erreichte 1910 mit einer halben Million sowohl ihren höchsten absoluten Wert als auch ihren höchsten Anteil an der Gesamtbevölkerung des Ruhrgebiets.
Bottrop zeigt die Geschwindigkeit dieses Wandels. Die Stadt hatte 1875 insgesamt 6600 Einwohner; bis 1900 vervierfachte sich diese Zahl. Damals waren 40 Prozent der Bevölkerung polnischer, oberschlesischer, kaschubischer oder masurischer Abstammung. 1915 lebten 69.000 Menschen in Bottrop, und die einheimische Wohnbevölkerung war zur Minderheit geworden. 1911 machten Migranten 36 Prozent der Belegschaften der Zechen aus.
Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte etwa ein Drittel der Ruhrpolen in den wiederhergestellten polnischen Staat zurück. Ein weiteres Drittel wanderte in den 1920er Jahren in die nordfranzösischen Kohlereviere von Lille und Lens weiter. Das verbleibende Drittel assimilierte sich, also passte sich weitgehend an die deutsche Mehrheitsgesellschaft an. Dies wurde durch die gegen polnische Eigenheiten gerichtete deutsche Politik verstärkt. Weil Polnisch nicht dauerhaft als Zweitsprache erhalten blieb, unterscheiden sich die Nachkommen heute – abgesehen von einigen kulturellen Bräuchen und polnischen Familiennamen – kaum von der ethnisch deutschen Mehrheitsbevölkerung.
Streit um Schalke 04
Der Gelsenkirchener FC Schalke 04 wurde bereits vor dem Ersten Weltkrieg abwertend als „Polackenverein“ bezeichnet. Viele Spieler der erfolgreichen Mannschaft der 1930er Jahre trugen polnisch klingende Familiennamen. Nach Schalkes erster deutscher Meisterschaft 1934 erklärte die Warschauer Sportzeitung „Przegląd Sportowy“, die Meisterschaft liege „in den Händen von Polen“, und bezeichnete Spieler wie Ernst Kuzorra, Fritz Szepan und Adolf Urban als Söhne polnischer Bergleute. Andere polnische Zeitungen stellten die Mannschaft ebenfalls als Erfolg polnischer Landsleute dar.
Die Vereinsführung widersprach in einem Offenen Brief. Nach ihren Angaben waren die elf Meisterschaftsspieler und zwei Reservisten im Ruhrgebiet geboren. Acht Elternpaare stammten aus Masuren, zwei waren einheimisch und jeweils eines kam aus Oberschlesien, der Provinz Posen und Ostfriesland. Unter den Vorfahren habe es keine Bergleute gegeben; einige hätten allerdings nach ihrer Ankunft im Ruhrgebiet im Bergbau gearbeitet.
Die Einordnung war umstritten, weil die einheimische Bevölkerung häufig nicht zwischen evangelischen Masuren, katholischen Oberschlesiern und katholischen Polen unterschied. Fast alle Leistungsträger Schalkes waren evangelisch. Die seit dem 16. Jahrhundert lutherischen Masuren orientierten sich eher an Preußen als am katholischen Polen und wurden als „altpreußische Bevölkerung“ bezeichnet. Viele grenzten sich deutlich von polnischen Einwanderern ab. Kuzorra und Szepan traten der NSDAP bei und ließen sich von der nationalsozialistischen Propaganda instrumentalisieren.
Zahlreiche masurische Einwanderer germanisierten ihre polnisch klingenden Nachnamen. Bei Schalke wurde beispielsweise Zurawski zu Zurner, Regelski zu Reckmann und Zembrzycki zu Zeidler. Emil Czerwinski, Linksaußen der Meistermannschaft von 1934, änderte seinen Namen in Rothardt; dies war eine sinngemäße Übersetzung, da „czerwony“ auf Deutsch „rot“ bedeutet. Katholische polnische Einwanderer organisierten sich dagegen bevorzugt in nationalpatriotischen Sokol-Vereinen; „sokół“ bedeutet „Falke“.