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Hochindustrialisierung in Deutschland
Als Hochindustrialisierung in Deutschland wird die Phase der industriellen Entwicklung bezeichnet, während der sich Deutschland zwischen 1871 (Gründung des …
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Bedeutung und zeitliche Einordnung
Als Hochindustrialisierung in Deutschland wird die Phase bezeichnet, in der sich Deutschland zwischen 1871, dem Jahr der Gründung des Deutschen Kaiserreichs, und 1914 von einem noch stark agrarisch geprägten Land zu einem modernen Industriestaat wandelte. Die Entwicklung veränderte nicht nur die Wirtschaftsstruktur, sondern auch die Gesellschaft: Binnenwanderung, Urbanisierung sowie die Entstehung sozialer und vorwiegend marktbedingter Klassen nahmen zu. Indirekt beeinflusste die Hochindustrialisierung außerdem die politische Kultur, etwa durch die Entstehung politischer Volksparteien und Interessenverbände, sowie das kulturelle Leben.
Die Hochindustrialisierung folgte auf die Frühindustrialisierung vom Beginn bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und auf den industriellen Durchbruch von etwa den 1850er Jahren bis zu den frühen 1870er Jahren. Ihr Beginn wird daher ungefähr mit dem Anfang des Kaiserreichs gleichgesetzt. 1914 war sie mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs und der Umstellung auf eine Kriegsökonomie praktisch abgeschlossen. Teilweise wird die Phase auch als Zweite industrielle Revolution bezeichnet; andere verwenden diesen Begriff nur für die Automatisierung der Produktion, insbesondere die Fließbandfertigung.
Wirtschaftlicher Wandel und Konjunktur
Die Wirtschaft des Kaiserreichs erlebte in dieser Zeit ihr „erstes Wirtschaftswunder“ (Hans-Ulrich Wehler). Deutschland holte gegenüber Großbritannien stark auf. Der Deutsche Bund hatte Anfang der 1860er Jahre nur einen Anteil von 4,9 % an der Weltindustrieproduktion, gegenüber annähernd 20 % Großbritanniens. Zwischen 1880 und 1900 lag das Kaiserreich bereits an dritter Stelle der Industrieländer. 1913 entfielen auf Deutschland 14,8 % der Weltindustrieproduktion, auf Großbritannien 13,6 % und auf die USA 32 %. Deutschland lag damit hinter den USA auf dem zweiten Platz. Im Handel lag es 1913 etwas hinter Großbritannien und vor den USA.
Die Entwicklung verlief trotz des langfristigen Aufschwungs in deutlichen Konjunkturzyklen. Auf den Gründerboom von 1867 bis 1873 folgte die bis 1879 dauernde Gründerkrise, die teilweise auch als Weltwirtschaftskrise bezeichnet wird. Das Wachstum halbierte sich, teilweise ging die Produktion zurück; der Eisenverbrauch und die Bergarbeiterlöhne sanken jeweils um die Hälfte. Nach einer Erholung von 1879 bis 1882 folgte bis 1886 eine weitere, etwas schwächere Depression. Diese Krisen verstärkten in vielen gesellschaftlichen Gruppen die Skepsis gegenüber der industriellen Entwicklung.
Von 1886 bis 1890 setzte wieder stärkeres Wachstum ein, besonders 1889. Bis 1895 folgte erneut schwächeres Wachstum, danach begann eine Hochkonjunktur. Kurze Depressionen gab es 1900 bis 1902 und 1907 bis 1908; sie waren jedoch weniger folgenreich als die früheren Krisen. Zwischen 1895 und 1913 stiegen die Nettoinvestitionen jährlich durchschnittlich um 15 %. Seit 1914 deutete sich eine neue Depression an, die durch die Kriegswirtschaft überlagert wurde.
Auch die Landwirtschaft war von den Krisen betroffen. Deutschland, bis zur Gründung des Kaiserreichs Getreideausfuhrland, musste seit 1876 fast ständig Getreide importieren. Die Einbindung in den Weltmarkt und die Konkurrenz der USA und Russlands verringerten die möglichen Gewinne.
Verschiebung der Wirtschaftssektoren und neue Leitindustrien
Zu Beginn des Kaiserreichs war die Landwirtschaft noch der stärkste Wirtschaftssektor. 1873 entfielen 37,9 % des Nettoinlandsprodukts auf den primären Sektor und 31,7 % auf die Industrie. 1889 waren beide Sektoren etwa gleich stark; 1895 lag die Landwirtschaft bei 32 %, der sekundäre Sektor bei 36 %. Auch die Beschäftigung verlagerte sich: 1871 standen 8,5 Millionen landwirtschaftlich Berufstätigen 5,3 Millionen Beschäftigte in Industrie, Verkehr und Dienstleistungssektor gegenüber. 1890 waren es 9,6 Millionen gegenüber 10 Millionen, 1910 schließlich 10,5 Millionen gegenüber 13 Millionen.
Nach der Statistik für 1882, 1895 und 1907 sank der Anteil von Landwirtschaft an Erwerbstätigen und Angehörigen von 41,6 % über 35,0 % auf 28,4 %. Industrie und Handwerk stiegen von 34,8 % auf 42,2 %, Handel und Verkehr von 9,4 % auf 12,9 %. Die Gruppe der Berufslosen, Pensionäre und Rentner wuchs von 4,7 % auf 8,1 %, unter anderem wegen der Sozialpolitik und der gestiegenen Lebenserwartung. In der Landwirtschaft verbreiteten sich Kunstdünger, bessere Verkehrswege und ein besserer Marktzugang. Um 1900 stiegen die Preise für Agrarland; die Agrarpolitik von 1902 zielte stärker auf den Erhalt bäuerlicher Familienbetriebe.
Die traditionellen Leitbranchen Textilindustrie, Eisenindustrie, Bergbau und Eisenbahnbau verloren teilweise relativ an Bedeutung. Im Eisenbahnbau sank der Anteil an den Nettoinvestitionen von 25 % bis 1879 auf knapp 6 % zwischen 1885 und 1889. Die Montanindustrie blieb jedoch zentral. Die Steinkohleförderung stieg von 143 Millionen Tonnen 1907 auf 191 Millionen Tonnen 1913. Im Ruhrgebiet verzehnfachte sich die Förderung zwischen 1875 und 1913; die Beschäftigtenzahl stieg von etwas mehr als 50.000 im Jahr 1870 auf über 440.000 im Jahr 1913. Große, vertikal integrierte Konzerne wie Thyssen, Krupp, Phoenix, Hoesch und die Gutehoffnungshütte verbanden Bergbau und Rohstoffverarbeitung.
Neue Verfahren wie das Thomasverfahren und Siemens-Martin-Öfen steigerten die Produktivität in der Eisen- und Stahlindustrie um das Zehnfache, in der Stahlindustrie sogar um das 25-Fache. Die Beschäftigtenzahl der Metallerzeugung stieg von 43.000 im Jahr 1849 auf 443.000 im Jahr 1913. Seit den 1890er Jahren wurden Elektrotechnik, Maschinenbau und Großchemie neue Leitsektoren. 1912 wurden in Deutschland über 16.000 Personenwagen hergestellt; Opel war mit etwa 3000 Fahrzeugen der größte Produzent. Die deutsche Chemieindustrie erreichte 1913 einen Anteil von 28 % am Weltchemieexport. Die Elektroindustrie wuchs nach 1871 am schnellsten. Siemens und AEG wurden führend auf dem Weltmarkt; Siemens beschäftigte 1913 in Deutschland 57.000 und im Ausland 24.000 Arbeitnehmer. Etwa 60 % der Beschäftigten dieser Branche arbeiteten in Berlin.
Betriebe, Handel und öffentliche Dienstleistungen
Die zentralisierte Fabrik wurde zur dominierenden Betriebsform. 1873 arbeitete etwa ein Drittel der gewerblich Beschäftigten in dieser Unternehmensform, um 1900 bereits 66 %. Der Anteil der Arbeitnehmer in Betrieben mit weniger als fünf Beschäftigten sank von 64 % im Jahr 1875 auf 32 % im Jahr 1907. 1907 arbeiteten 26 % in Betrieben mit 5 bis 50 Beschäftigten, 37 % in Großbetrieben mit 50 bis 1000 Beschäftigten und 5 % in Betrieben mit mehr als 1000 Beschäftigten. Krupp beschäftigte bereits 1887 21.000 Menschen. Vier Fünftel der 100 größten Industrieunternehmen waren Aktiengesellschaften.
Es entstanden Konzerne durch Zusammenschlüsse oder durch den Erwerb vor- und nachgelagerter Betriebe. Kartelle regelten Märkte durch Preisabsprachen und Produktionsmengen. Beispiele waren das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat, das Rheinisch-Westfälische Roheisensyndikat, der Stahlwerksverband und der „Dreiverband“ von BASF, Bayer und Agfa. Kartelle schränkten den Wettbewerb ein, beseitigten ihn aber nicht vollständig. In Großbetrieben wuchs die Zahl der Angestellten, und die Unternehmensführung ging teilweise von Gründerunternehmern auf angestellte Manager über. Heimgewerbe und Handwerk verschwanden jedoch nicht; etwa Zigarrenproduktion, Konfektions- und Reinigungsgewerbe sowie Reparaturhandwerk blieben bedeutend.
Der öffentliche Dienstleistungssektor wuchs ebenfalls. Seit den 1870er Jahren wurden die Eisenbahnen, besonders in Preußen, weitgehend verstaatlicht. Telegrafie, Post und zunehmend Telefon wurden von der öffentlichen Hand getragen. Millionen Postbedienstete und Eisenbahner kamen zu den Verwaltungsbeamten hinzu. In den Städten entstanden Kolonialwarenläden, Spezialgeschäfte und erste Warenhäuser. Für die Industriefinanzierung wurden große, als Aktiengesellschaften organisierte Kreditbanken wie Deutsche Bank, Dresdner Bank und Darmstädter Bank für Handel und Industrie wichtig.
Bevölkerung, Wanderung und Urbanisierung
Die Bevölkerung des Deutschen Kaiserreichs wuchs von 41.058.792 Einwohnern am 1. Dezember 1871 auf 64.925.993 am 1. Dezember 1910; die Einwohnerzahl je km² stieg von 76 auf 120. Ursachen waren unter anderem bessere Hygiene, medizinische Fortschritte, bessere Ernährung sowie stark sinkende Kinder- und Müttersterblichkeit. Bis 1913 erreichte die Bevölkerung etwa 67 Millionen. Regional bestanden große Unterschiede: Der industrialisierte Westen und Mitteldeutschland standen dem agrarischen Osten gegenüber; außerdem gab es ein ähnliches Gefälle zwischen Norden und Süden.
Die Auswanderung nach Übersee hielt zunächst an und erreichte in den 1880er und 1890er Jahren ihren Höhepunkt. Danach wurde sie zunehmend durch Binnenwanderung abgelöst. 1907 lebten 48 % der Einwohner außerhalb ihres Geburtsortes. Zunächst wanderten Menschen aus dem Umland und den benachbarten Agrargebieten in die Industrieorte, seit den 1880er und besonders den 1890er Jahren verstärkt über Provinz- und Landesgrenzen hinweg. Die Ost-West-Wanderung führte viele Menschen aus Ostpreußen, Westpreußen und Posen nach Berlin sowie in die rheinisch-westfälischen Industriegebiete. Bis 1907 hatten 1,94 Millionen Menschen diese ostelbischen Provinzen verlassen; bis 1914 wanderten etwa 450.000 meist polnisch oder masurisch sprechende preußische Staatsbürger ins Ruhrgebiet.
Die Mehrheit der Fernwanderer waren ledige jüngere Männer. Bei der Nahwanderung waren Frauen, die häufig als Dienstmädchen arbeiteten, überdurchschnittlich stark vertreten. Saisonarbeit, Rückwanderung und Pendelwanderung nahmen ebenfalls zu. Die Binnenwanderung förderte das Städtewachstum. Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet versiebenfachte sich die Bevölkerung zwischen 1850 und 1900. Von 1871 bis 1910 stieg die Zahl der Mittelstädte von 75 auf 223 und die der Großstädte von 8 auf 48. Berlin wuchs von 826.000 auf 2.071.000 Einwohner, Hamburg von 290.000 auf 931.000; Gelsenkirchen verzehnfachte sich auf etwa 170.000 Einwohner.
1871 lebten 63,9 % in Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern und 4,8 % in Gemeinden mit mehr als 100.000 Einwohnern. 1910 waren es nur noch 40,0 % beziehungsweise 21,3 %. In den Städten entstanden Citybereiche, bürgerliche Wohnviertel, Arbeiterquartiere und Industriegebiete. Wohnungsnot, Schlafgänger und Mietskasernen waren verbreitet; im Bergbau entstanden außerdem Zechensiedlungen und Werkswohnungen. Die räumliche Trennung der sozialen Gruppen nahm zu.
Soziale Gruppen, Verbände und Sozialstaat
Die Gesellschaft des Kaiserreichs verband marktbedingte Klassen mit fortbestehenden ständischen Strukturen. Für 1895 schätzte Gustav von Schmoller bei 12 Millionen Haushalten 250.000 Haushalte zur „aristokratischen und vermögenden“ Spitze, 2,75 Millionen zum oberen Mittelstand, 3,75 Millionen zum unteren Mittelstand und 5,25 Millionen zu den unteren Klassen. Diese Schätzung wird von einigen Forschern als mittelstandslastig beurteilt. Soziale Mobilität blieb meist auf die jeweilige Schicht begrenzt und vollzog sich, wenn überhaupt, über mehrere Generationen.
Der Adel behielt um 1900 trotz Industrialisierung seine soziale Exklusivität und wichtige Positionen in Staat, Verwaltung und Militär, während seine landwirtschaftlichen Grundlagen an Bedeutung verloren. Das Bürgertum war stark differenziert. Das Großbürgertum aus Industriellen, Bankiers und Großkaufleuten gewann an Bedeutung; zugleich wuchsen Bildungsbürgertum und ein „Neuer Mittelstand“ aus Angestellten und kleineren bis mittleren Beamten. Die Zahl der Arbeiter in Gewerbe und Industrie verdoppelte sich zwischen 1882 und 1907 auf 8,6 Millionen. Mit ihren Kindern stellten sie geschätzt rund 40 % der Bevölkerung. Arbeitszeiten sanken bis 1914 auf 55 Wochenstunden, blieben aber lang; die Arbeit war häufig körperlich anstrengend, kontrolliert und gesundheitsgefährdend. Die Reallöhne stiegen, ohne eine gesicherte Existenz zu garantieren. Es entstand eine eigenständige Arbeiterkultur.
Interessenverbände und Richtungsgewerkschaften gewannen an Bedeutung. Der Bund der Landwirte organisierte mit nationalen und antisemitischen Tendenzen Millionen von Mitgliedern und beeinflusste Abgeordnete. Industriellenverbände wie der Centralverband deutscher Industrieller betrieben erfolgreiche Lobbyarbeit, etwa für Schutzzölle. Arbeitgeberverbände richteten sich gegen die Mitsprache der Gewerkschaften. 1907 gab es in Industrie, Handwerk, Handel und Gewerbe 500 Verbände mit etwa 2000 angeschlossenen Organisationen. Freie Gewerkschaften im Umfeld der SPD waren mitgliederstark; daneben spielten christliche, Hirsch-Dunckersche und polnischsprachige Gewerkschaften eine wichtige Rolle.
Als Reaktion auf die sozialen Folgen der Industrialisierung entstand der moderne Interventions- und Sozialstaat. Staatliche und kommunale Bürokratien wuchsen, ebenso Aufgaben in Finanz-, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialpolitik. Städte übernahmen Armenfürsorge, Arbeitsnachweise, Notstandsarbeiten sowie Kinder-, Jugend- und Gesundheitsfürsorge. Auf Reichsebene wurden 1883 die Krankenversicherung, 1884 die Unfallversicherung und anschließend die Invaliditäts- und Altersversicherung eingeführt. Die Versicherungen galten für einen großen Teil der Arbeiterschaft, waren öffentlich-rechtlich organisiert und beruhten auf Selbstverwaltung. Leistungen richteten sich vor allem nach Beitragszahlungen, nicht nach Bedürftigkeit. 1911 wurden die Regelungen in der Reichsversicherungsordnung kodifiziert; im selben Jahr erhielt die Angestelltenschaft eine besondere Versicherung für Invalidität und Alter. Die Sozialversicherung linderte Not, beseitigte sie wegen niedriger Leistungen aber nicht. Eine Arbeitslosenversicherung fehlte, und die Hoffnung, Arbeiter dadurch von der Sozialdemokratie fernzuhalten, erfüllte sich kaum.