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Kongresspolen
Kongresspolen bezeichnet das konstitutionelle Königreich Polen, das 1815 auf dem Wiener Kongress (daher der Name) als Nachfolger des von Napoleon 1807 …
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Entstehung und Stellung im Russischen Reich
Kongresspolen bezeichnet das konstitutionelle Königreich Polen, das am 9. Juni 1815 auf dem Wiener Kongress als Nachfolger des 1807 von Napoleon gegründeten Herzogtums Warschau geschaffen wurde. Es bestand aus dem früheren Herzogtum Warschau, jedoch ohne das an Preußen abgetretene Großherzogtum Posen sowie die Gebiete Lubawa, Toruń und Chełmno und ohne die Freie Stadt Krakau. Hauptstadt war Warschau; die Fläche betrug 127.000 km².
Staatsoberhaupt war in Personalunion der Kaiser von Russland als König von Polen. Damit waren beide Staaten durch dieselbe Person als Herrscher verbunden. Nach den Verträgen von 1815 sollte Polen weitgehend autonom sein: Es sollte die Verfassung von 1791, einen Sejm als Parlament, eine eigene Armee, Währung, einen Staatshaushalt und ein Strafgesetzbuch behalten sowie durch eine Zollgrenze vom Russischen Kaiserreich getrennt bleiben. Polnisch und Russisch waren Amtssprachen; bis 1850 galt der Złoty, danach der Russische Rubel.
Tatsächlich stand das Land unter russischer Kontrolle. Der Kaiser regierte mit dem russischen Vizekönig, der zugleich Oberbefehl über die Armee hatte, sowie dem kaiserlichen Kommissar Nikolai Nikolajewitsch Nowossilzew und dessen Geheimdiensten. Dennoch war Kongresspolen zunächst der liberalste Teil des Russischen Reiches: Es besaß ein eigenes Parlament, Verwaltungs- und Schulsystem; die katholische Kirche wurde respektiert und erhielt Dotationen und gewisse Vorrechte. Beamte waren Polen und sprachen Polnisch.
Vorgeschichte
Polen-Litauen war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch Kriege und innere Konflikte geschwächt. In den Teilungen Polens von 1772, 1793 und 1795 teilten Russland, Preußen und Österreich das Land schrittweise unter sich auf. Danach existierte über 120 Jahre kein eigenständiger polnischer Nationalstaat mehr; das Gebiet um Warschau wurde Teil des neu geschaffenen Südpreußen.
Napoleon Bonaparte gründete 1807 auf den von Preußen 1793 und 1795 annektierten Gebieten das Herzogtum Warschau. 1809 wurde es um den österreichischen Teilungsanteil von 1795 erweitert. Das Herzogtum war ein polnischer Rumpf- und Satellitenstaat; auf seinem Thron stand König Friedrich August I. von Sachsen.
Aufstände und Abbau der Autonomie
Die Beschlüsse des Wiener Kongresses wurden zunehmend missachtet. 1819 wurden Pressefreiheit aufgehoben und Zensur eingeführt, 1821 die Freimaurerei verboten. Seit 1825 tagte das Parlament nicht mehr öffentlich, und ein Verwaltungsrat übte Kontrolle aus. Großfürst Konstantin Pawlowitsch Romanow besaß von 1815 bis 1830 als Militärgouverneur von Warschau faktisch eine vizekönigliche Machtstellung.
Am 28. November 1830 begann in Warschau der Novemberaufstand. Auslöser waren unter anderem Revolutionen in Paris und Belgien; besonders Kadetten der Warschauer Fähnrichschule beteiligten sich. Das Parlament setzte Kaiser Nikolaus I. als König ab. Nach etwa zehn Monaten stellte Nikolaus mit Truppen unter Iwan Paskewitsch seine Herrschaft wieder her. 1832 ersetzte das Organische Statut die bisherige Verfassung: Polnische Armee und Sejm wurden abgeschafft, und nur eine Restautonomie blieb. Es folgten Russifizierung, Todesurteile gegen 286 Emigranten, Enteignungen, Schließungen von Universität und Unterrichtsinstituten, Vereinsverbote, Pflicht zum Russischen für Beamte und strenge Zensur.
Nach der russischen Niederlage im Krimkrieg 1855 und dem Amtsantritt Alexanders II. entstand kurzzeitig wieder Zusammenarbeit. 1862 wurde unter dem gemäßigten Aleksander Wielopolski eine Zivilregierung aus polnischen Politikern eingesetzt. Im Januar 1863 begann jedoch der Januaraufstand. Er scheiterte wegen des militärischen Übergewichts Russlands, der erfolglosen Mobilisierung großer Bauernmassen, Uneinigkeit der Emigration und fehlender Unterstützung europäischer Staaten. Russische Vergeltungsmaßnahmen, Enteignungen und Deportationen nach Sibirien schwächten den Adel in der polnischen Gesellschaft.
Weichselland und Bevölkerung
1867 wurden das Amt des Vizekönigs und das Wappen Kongresspolens abgeschafft. Das Gebiet wurde direkt in das Russische Kaiserreich integriert und bis 1916 in zehn Gouvernements eingeteilt. Rechts der Weichsel lagen Suwalki, Lomscha, Plozk, Sjedlez und Ljublin; links der Weichsel Kalisch, Warschau, Petrokow, Radom und Kjelze. 1912 entstand aus Teilen der Gouvernements Lublin und Siedlce das Gouvernement Cholm mit Sitz in Chełm; es wurde dem Generalgouvernement Kiew unterstellt und aus dem Weichselland ausgegliedert.
Der Name Kongresspolen wurde nie offiziell geändert. Seit den 1880er Jahren verwendeten Verwaltungsakten aber zunehmend Weichselland (russisch Привислинский Край, Priwislinskij Kraj; polnisch Kraj Nadwiślański); die russische Seite mied sogar „Polen“ als geografischen Begriff. 1915 folgte die deutsche und österreichisch-ungarische Besatzung. Am 5. November 1916 wurde offiziell das Regentschaftskönigreich Polen geschaffen.
Die russische Volkszählung von 1897 zählte 9.402.253 Einwohner: 4.712.090 Männer und 4.690.163 Frauen. Als Muttersprache gaben 6.755.503 Menschen Polnisch (71,8 %), 1.267.194 Jiddisch (13,5 %), 407.274 Deutsch (4,3 %), 335.337 Ukrainisch (3,6 %), 305.322 Litauisch (3,2 %), 267.160 Russisch (2,8 %), 29.347 Belarussisch (0,3 %) und 35.116 andere Sprachen (0,4 %) an.