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Rote Kuh
Die rote Kuh oder rote Färse (hebräisch פָּרָה אֲדֻמָּה pārâ ʾādummâ) ist in der jüdischen Kultur eine Färse, die nie unter einem Joch lief.
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Bedeutung und religiöser Hintergrund
Die rote Kuh oder rote Färse (hebräisch pārâ ʾādummâ) ist in der jüdischen Kultur ein Rind, das nie unter einem Joch lief und höchstens zwei andersfarbige Haare im Fell haben darf. Ihr Kadaver dient zur Herstellung eines Wassers, das zur rituellen Reinigung von Totenunreinheit verwendet wird.
Grundlegend ist die im Tanach angelegte Unterscheidung zwischen „rein“ (ṭhr) und „unrein“ (ṭmʾ). Unreinheit kann durch bestimmte Handlungen, Gegenstände oder Zustände entstehen und die Teilnahme am Kult sowie am Leben der Gemeinschaft verhindern. Reinheit gilt außerdem als Voraussetzung für die individuelle Kommunikation mit Gott, etwa im Gebet. Für jüdische Priester ist sie eine unabdingbare Voraussetzung für die Gottesbegegnung.
Der Leichnam gilt in der hebräischen Bibel als stärkstes Symbol der Unreinheit, weil er als Gegensatz zum Leben und zur Heiligkeit Gottes verstanden wird. Das Ritual macht die Bedeutung der Trennung zwischen Heiligem und Unreinem sichtbar, insbesondere im Umgang mit dem Tod. Es vermittelt die theologische Aussage, dass Reinigung notwendig ist, um in die Gegenwart Gottes, die Schechina, treten zu können.
Biblisches Reinigungsritual
Die rituelle Verwendung der roten Kuh wird in Numeri 19,1–22 beschrieben. Eine fehlerfreie rote Kuh, im biblischen Bericht eine Färse, auf der noch kein Joch lag, wurde während der Wüstenwanderung außerhalb des Lagers vor dem Priester Eleasar geschlachtet. Ihr Blut wurde siebenmal gegen die Bundeslade gesprengt.
Danach verbrannte der Priester den Kadaver zusammen mit Zedernholz, Karmesin und Ysop. Die Asche wurde in einem irdenen Gefäß gesammelt und mit Quell- oder Flusswasser, dem „lebendigen, fließenden Wasser“ (majim chajim), vermischt. So entstand das Reinigungswasser.
Dieses Wasser wurde außerhalb des Lagers an Personen und Gegenstände gesprengt, die durch den Tod verunreinigt worden waren. Die Reinigung erfolgte am dritten und am siebten Tag einer insgesamt siebentägigen Zeitspanne. Wer das Reinigungswasser berührte, wurde seinerseits bis zum Abend unrein. Deshalb mussten Körper und Kleidung nach dem Kontakt gewaschen werden.
Der biblische Bericht gliedert sich in drei Abschnitte: Num 19,1–10a beschreibt die Herstellung der Reinigungsasche; Num 19,10b–13 erläutert das Ritual; Num 19,14–22 formuliert die rechtlichen Bestimmungen. Die Abschnitte beginnen mit den Formeln „Und der Herr sprach“, „Und es soll den Söhnen Israels sein“ und „Dies ist die Weisung“. Obwohl das Ritual anderen alttestamentlichen Opferbestimmungen ähnelt, nimmt es eine Sonderstellung ein. Nach Dubrau ist mit Einflüssen nicht-israelitischer Opferbräuche zu rechnen, ohne dass er konkrete Einflüsse nennt; Quellen fehlen.
Mischna und rabbinische Auslegung
Die Mischna bildet zusammen mit Tosefta und Talmud die zentrale Zusammenstellung der mündlichen Tora im rabbinischen Judentum. Im Seder Tohorot enthält sie das Traktat Parah („Kuh“), das die Verfahren rund um die rote Färse erläutert. Der roten Kuh ist darin ein ganzes Kapitel gewidmet. Für dieses Traktat gibt es keine Gemara, obwohl Gemara-Abschnitte zu anderen Talmudtraktaten Kommentare zum Verfahren enthalten.
Im babylonischen Talmud behandeln ungefähr 80 Textstellen die rote Kuh. Die Tannaiten konzentrierten sich zunächst auf die religionsgesetzliche Auslegung des Rituals. Diese Auslegung geht über die biblischen Bestimmungen hinaus und kann in Einzelheiten von ihnen abweichen. Das Traktat Hilchot Para Aduma im Seder Tohorot berichtet außerdem über Kontroversen zwischen Pharisäern und Sadduzäern bei der Herstellung der Asche.
In der amoräischen Zeit verlagerte sich der Schwerpunkt auf die rationale Begründung des Rituals. Die rote Kuh wurde zu einem besonders deutlichen Beispiel für ein chuqqim, also für ein Gesetz, das nicht rational begründbar ist. Entscheidend ist dabei die Unveränderlichkeit solcher Anordnungen unabhängig vom menschlichen Verhalten. Als choq gilt nach dieser Auslegung nicht die Herstellung des Reinigungswassers, sondern die Bestimmung der Totenunreinheit. Der Talmud behandelt außerdem den Vorwurf des Götzendienstes, der wegen der nichtrationalen Bestimmungen gegen die Juden erhoben wurde, sowie die Weisheit, die sich in der Schwierigkeit der Deutung zeigt.
Nachbiblische Überlieferungen und Tempelzerstörung
Nach rabbinischer Überlieferung wurden nach Esra nur sieben rote Kühe verbrannt. Eine andere Überlieferung berichtet, dass die Reinigungsasche mit ins babylonische Exil genommen und später wieder nach Israel zurückgebracht wurde. Diese voneinander abweichenden Überlieferungen werden nicht zu einer einzigen Angabe zusammengeführt.
Raschi deutet die rote Kuh als Korrektur der Sünde vom goldenen Kalb. Josephus erwähnt das Ritual, weist aber nicht auf die Verunreinigung durch die Asche hin, vermutlich mit Rücksicht auf das Unverständnis einer nichtjüdischen Leserschaft. Er verbindet das Thema mit der Trauerzeit der jüdischen Bestattung um Mirjam. Philon von Alexandria versteht die Zeremonie als Mittel zur Erlangung der rechten Gesinnung gegenüber Gott. Die Qumran-Texte enthalten mehrere Überlieferungen; Hinweise deuten darauf, dass das Ritual in der Gemeinschaft tatsächlich angewendet wurde.
Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n. Chr. endete der Tempel- und damit der Opferkult. Ein sofortiges Ende der Zeremonie der roten Kuh lässt sich daraus jedoch nicht notwendig ableiten: Mischna Para 7,6 und Tosefta Para 7,4 wenden sich mit einer Frage zum Verfahren an den Gerichtshof in Jabne. Rabbinische Strömungen beschäftigten sich auch nach der Tempelzerstörung weiter mit dem Thema. Eine Gruppe der Kohanim müsste sich mit der Asche einer roten Kuh einem Purifikationsritual unterziehen, um eine priesterliche Funktion auf dem Tempelberg ausüben zu können.
Schabbat Para und aktuelle Diskussion
Der „Schabbat der roten Kuh“ (Schabbat Para) ist der Schabbat nach dem Purimfest. Er soll auf Pessach vorbereiten. In der Synagoge wird Numeri 19,1–22 als Toralesung gelesen, als Haftara Ezechiel 36,16–38. Zusätzlich werden besondere Pijjutim, also liturgische Gedichte, gebetet. Der Schabbat erinnert an die Reinigung zur Zeit des Tempels.
Die Mehrheit der Juden betrachtet den Opferkult heute als überholt und versteht das rabbinische Judentum vor allem als spirituell und nicht an ein physisches Heiligtum gebunden. Einige orthodoxe und nationalistische Gruppen setzen sich dagegen für den Wiederaufbau des Tempels und die Wiederaufnahme von Opferzeremonien ein. Dazu zählen insbesondere das Temple Mount and Israel Faithful Movement und das von Rabbi Yisrael Ariel gegründete Tempel-Institut.
Das Tempel-Institut plant die Aufzucht eines Rindes, das den Anforderungen an eine rote Kuh entspricht, um daraus Reinigungsasche herzustellen. Dadurch könnte eine Gruppe der Kohanim ihre priesterliche Funktion auf dem Tempelberg ausüben. Eine Wiederaufnahme des Tempelbetriebs könnte jedoch politische und religiöse Konflikte auslösen.