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Gebet (Judentum)
Als zentrales Medium jüdischer Religion verbindet Gebet das Bewusstsein von Gottes Gegenwart, das Verständnis der Bundesbeziehungen und die Orientierung im …
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Grundverständnis und Bedeutung
Das jüdische Gebet, hebräisch tefillah, umfasst festgelegte Gebete, persönliche Gebetsformen und traditionelle Meditation. Im Talmud bezeichnet tefillah besonders das Achtzehnbittengebet, auch Amida oder Schemoneh Esreh genannt. Gebet gilt als auf der Tora beruhendes Gebot und als „Avodah shebalev“, der „Dienst des Herzens“. Das biblische „Herz“ umfasst dabei Gefühl, Verstand und Willen.
Gebet wird nicht als menschliche Technik verstanden, mit der Gott beeinflusst werden kann. Es ist eine Antwort auf Gottes vorausgehende Zuwendung und auf die Bünde Gottes mit Israel. Auch ein persönliches Gebet steht deshalb im Zusammenhang mit der Gemeinschaft und ihrer Geschichte. Angst, Klage, Dank, Bitte, Lob und Hoffnung erhalten in den überlieferten Formen eine Sprache, ohne dass persönliche Erfahrungen aufgehoben werden.
Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels trat das Gebet an die Stelle des Opferdienstes und wurde zu einem zentralen Vollzug des rabbinischen Judentums. Es verbindet das Bewusstsein von Gottes Gegenwart, die Bundesbeziehung und die Orientierung im Leben. Im Unterschied zu Darstellungen des christlichen Gebets als Weg zur individuellen Erlösung und des islamischen Salāt als regelmäßiger Ausdruck von Hingabe, Gottesfurcht und Gehorsam ist jüdisches Gebet besonders auf die Fortsetzung des Bundes, die Geschichte Israels und die kollektive Hoffnung auf Erlösung bezogen. Das Judentum beansprucht dabei keine „Heilsexklusivität“ und kennt keinen Missionsauftrag.
Ursprung, Gebetbuch und Sprache
Dtn 11,13 wird im Babylonischen Talmud als Grundlage des Gebetsgebots verstanden: Der Dienst Gottes „mit ganzem Herzen“ sei das Gebet. Nach Maimonides ist das Gebet selbst ein biblisches Gebot; Zahl und Zeiten der täglichen Gebete seien dagegen rabbinisch festgelegt worden. Der Talmud nennt zwei Begründungen für drei tägliche Gebete: Abraham habe das Morgengebet, Isaak das Mittagsgebet und Jakob das Abendgebet begründet; außerdem entsprechen die Gebete den täglichen Opferhandlungen im Jerusalemer Tempel. Ps 55,18 und Dan 6,11 wurden ebenfalls als Hinweise auf dreimaliges tägliches Beten gelesen.
Nach Maimonides verfassten Juden bis zur Babylonischen Gefangenschaft 586 v. Chr. ihre Gebete selbst. Später hätten die Männer der Großen Versammlung die Hauptgebete geordnet. Die Forschung nimmt liturgische Festlegungen seit der Zeit des Zweiten Tempels, 516 v. Chr. bis 70 n. Chr., an. Die Generation der Tannaim um die Tempelzerstörung 70 n. Chr. gab dem Gebet wesentliche Form und Inhalte. Während der Geonim in Babylonien, vom 6. bis 11. Jahrhundert, entstanden weitere Gebetbücher. Rav Amram Gaon stellte um 850 n. Chr. eine frühe verbindliche Sammlung zusammen; Rav Saadia Gaon verfasste etwa ein halbes Jahrhundert später einen weiteren Siddur.
Der Siddur ist das jüdische Gebetbuch. Zu seinen ältesten Bestandteilen gehören das Schma Jisrael aus Dtn 6,4 und der Aaronitische Priestersegen aus Num 6,24–26. Die Amida umfasst heute 19 Segenssprüche, obwohl Schemoneh Esreh wörtlich „achtzehn“ bedeutet. Gegen Ende der Zeit des Zweiten Tempels wurde die werktägliche Amida vereinheitlicht; Wortlaut und Reihenfolge waren zunächst noch örtlich verschieden und wurden erst Jahrhunderte später festgelegt. Die jüdischen Gebetbücher besitzen schließlich dieselbe Grundordnung, obwohl unterschiedliche Nusachim, also liturgische Bräuche, entstanden.
Nach der Halacha, dem jüdischen Religionsrecht, können fast alle individuellen und gemeinschaftlichen Gebete in jeder Sprache gesprochen werden. Traditionelle Gebetssprache ist jedoch Hebräisch; das Kaddisch wird auf Aramäisch gesprochen. Sephardische Gemeinden verwenden teilweise Ladino oder Portugiesisch, konservative und besonders Reformgemeinden in unterschiedlichem Umfang die jeweilige Alltagssprache. Die Liturgie wird häufig zu überlieferten Melodien gesungen oder rezitiert und kann von einem Hazzan, einem Kantor, geleitet werden.
Tägliche Gebete und Ablauf
Seit der Zeit des Zweiten Tempels gibt es drei tägliche Hauptgebete. Schacharit ist das Morgengebet, Mincha das Mittags- oder Nachmittagsgebet und Ma’ariv beziehungsweise Arvit das Abendgebet. Orthodoxe Männer sind verpflichtet, dreimal täglich die Amida zu beten und die Zmanim, die vorgeschriebenen Zeiträume, einzuhalten. Musaf ist ein zusätzliches Gebet am Schabbat, an größeren Feiertagen einschließlich Chol HaMoed und an Rosch Chodesch. Ne’ila ist ein fünftes Gebet, das ausschließlich an Jom Kippur gesprochen wird.
Schacharit ist teilweise auf die ersten drei halachischen Stunden für das Schma beziehungsweise vier Stunden für die Amida begrenzt. Eine halachische Stunde entspricht 1/12 der Tageslichtzeit und ist daher je nach Jahreszeit unterschiedlich lang. Der Gottesdienst umfasst Morgensegnungen und Torasegnungen, in orthodoxen Gemeinden Lesungen über die Tempelopfer, Pesukei D’Zimrah („Verse der Lobpreisung“) mit Psalmen, Barchu als öffentlichen Gebetsruf, das von Segenssprüchen umrahmte Schma und als Zentrum die Amida mit 19 Segenssprüchen. Es folgen Tachanun-Bittgebete, Schlussgebete, Alenu und Kaddisch. Montags und donnerstags wird aus der Tora gelesen.
Mincha kann ab einer halben Stunde nach der halachischen Mittagszeit gebetet werden; dieser Zeitpunkt heißt mincha gedola. Mincha ketana beginnt 2,5 halachische Stunden vor der Abenddämmerung. Das Gebet sollte möglichst vor Sonnenuntergang enden, doch einige Autoritäten erlauben es bis zum Einbruch der Nacht. Zum Kern gehören Aschre, Halb-Kaddisch, Amida, Tachanun, Kaddisch und Alenu; Einzelheiten unterscheiden sich zwischen aschkenasischen, sephardischen und italienischen Bräuchen.
Ma’ariv beginnt mit Barchu und dem Schma, das von zwei Segnungen davor und danach umrahmt wird. Danach folgen Halb-Kaddisch, Amida, Kaddisch und Alenu; weitere Bestandteile unterscheiden sich nach Gemeinde und Region. Manche Gemeinden beten Mincha und Ma’ariv unmittelbar nacheinander. Der Gaon von Vilna lehnte dies ab und empfahl, mit Ma’ariv bis zum Einbruch der Nacht zu warten. Wurde ein Pflichtgebet unabsichtlich versäumt, wird beim folgenden Gebet die Amida zweimal gesprochen; dies heißt tefillat tashlumin.
Gemeinschaft, Kleidung und Beteiligung
Individuelles Gebet ist gültig, doch das Gemeinschaftsgebet gilt als besonders wertvoll. Ein Minjan ist ein Quorum von mindestens zehn Erwachsenen und wird unter anderem für die öffentliche Toralesung, die Keduscha und das gemeinsame Kaddisch benötigt. Religiöse Volljährigkeit beginnt mit Bat oder Bar Mitzvah im Alter von 12 beziehungsweise 13 Jahren. Orthodoxe Gemeinden zählen grundsätzlich nur Männer zum Minjan. Seit 1973 sind die meisten konservativen Gemeinden zur Gleichberechtigung übergegangen; Reform- und rekonstruktionistische Gemeinden zählen Frauen ausnahmslos mit.
In Synagogen tragen Männer gewöhnlich aus Respekt eine Kopfbedeckung, meist eine Kippa. Der Tallit, der Gebetsschal, wird besonders beim Morgengebet, bei der Toralesung und an Jom Kippur getragen. In orthodoxen Synagogen tragen ihn Männer, bei aschkenasischen Orthodoxen gewöhnlich nur verheiratete Männer; in anderen Richtungen tragen ihn auch Frauen. Tefillin sind schwarze, kubische Lederschachteln mit Pergamentrollen, auf denen Toraverse stehen. Sie werden beim werktäglichen Morgengebet mit Lederriemen an Kopf und Arm befestigt. In orthodoxen Gemeinden tragen sie nur Männer, in konservativen auch Frauen; karaitische Juden kennen sie nicht. Tzeniut bezeichnet Regeln der Bescheidenheit bei der Kleidung.
Frauen sind grundsätzlich zum Gebet verpflichtet, nach talmudischer Auffassung aber von zeitgebundenen Pflichten ausgenommen. Orthodoxe Lehrmeinungen unterscheiden sich über den Mindestumfang: Einige verlangen ein tägliches Gebet mit Lob, Bitte und Dank, andere Schacharit und Mincha, soweit möglich; vom Abendgebet gelten Frauen allgemein als ausgenommen. Orthodoxe Gemeinden trennen meist die Sitzbereiche durch eine Mechitza und schließen Frauen von der Leitung öffentlicher Pflichtgebete aus. Konservative, Reform- und rekonstruktionistische Gemeinden erlauben gemischtes Sitzen und weibliche Gebetsleitung. Ein kleiner liberaler Flügel der modernen Orthodoxie ermöglicht Frauen einzelne Aufgaben, etwa Kabbalat Schabbat, Pesukei D’Zimrah, Toralesung oder Predigt, ohne nach eigener Auffassung den Rahmen der Halacha zu verlassen.
Jungen vor der Bar Mitzvah dürfen gewöhnlich keinen Gottesdienst mit devarim sheb’kidusha, also heiligen öffentlichen Bestandteilen wie Kaddisch, Barchu und Amida, leiten. Da der Beginn des Freitagabendgottesdienstes nur aus Psalmen besteht, kann ein Junge ihn bis zum Anfang des Ma’ariv leiten. Einige östliche jüdische Traditionen erlauben Minderjährigen auch eine Aliyah oder eine Toralesung.
Schabbat und Festtage
Die Schabbatgebete folgen grundsätzlich dem Aufbau der Werktagsgebete, sind jedoch meist länger. Die Amida ist eine Ausnahme: Ihre mittleren 13 Segenssprüche werden durch einen einzigen Segen zur Heiligung des Tages ersetzt. Am Freitagabend folgt auf Mincha häufig Kabbalat Schabbat, ein im 16. Jahrhundert von Kabbalisten gestalteter Empfang des Schabbat. Er umfasst in vielen Traditionen sechs Psalmen für die sechs Wochentage, Lecha Dodi sowie Ps 92 und Ps 93. Danach folgen Ma’ariv und eine Schabbat-Amida. Weitere Bestandteile sind je nach Brauch Magen Avot, Kiddusch, Alenu sowie Yigdal oder Adon Olam.
Am Schabbatmorgen werden Pesukei D’Zimrah und die Segnungen vor dem Schma erweitert. Nach der Amida wird der Wochenabschnitt aus der Tora gelesen, anschließend die Haftara aus den Propheten. Es folgen Gebete für die Gemeinde und in manchen Gemeinden für die Regierung, den Frieden und den Staat Israel. Die Torarolle wird in einer Prozession zurückgebracht; häufig folgt eine Predigt zum gelesenen Abschnitt.
Musaf erinnert an die zusätzlichen Tempelopfer. Es enthält eine besondere Amida, eine erweiterte Keduscha, Kaddisch, Ein keloheinu und Alenu. Orthodoxe Gemeinden lesen außerdem häufig Texte über das Weihrauchopfer und die Tempelpsalmen; konservative Gemeinden lassen sie meist, Reformgemeinden immer aus. Im Schabbat-Mincha wird bereits der Anfang des nächsten Wochenabschnitts gelesen. Nach Ende des Schabbat folgen im Ma’ariv unter anderem Vihi No’am, Ve-Yitten lekha und Hawdalah.
Von Rosch ha-Schana bis Jom Kippur nehmen die Gebete einen besonders feierlichen Ton an. Der Musaf von Rosch ha-Schana besitzt neun Segenssprüche; seine drei mittleren behandeln Herrschaft, Erinnerung und den Schofar, der hundertmal ertönt. Jom Kippur hat fünf Gebete: das abendliche Ma’ariv mit der Eröffnungserklärung Kol Nidrei, Schacharit, Musaf, Mincha und nach der Abenddämmerung Ne’ila.
Die Gottesdienste an Pessach, Schawuot und Sukkot ähneln dem Schabbatgottesdienst, enthalten aber wechselnde Festbezüge. Die Amida hat sieben Segnungen; anschließend wird Hallel mit den Psalmen 113–118 gesprochen. Im Musaf wird auf Fest und Tempelopfer Bezug genommen. Der Aaronitische Segen wird in Israel und den meisten sephardischen Gemeinden täglich gesprochen, in aschkenasischen Diasporagemeinden dagegen nur an Pessach, Schawuot, Sukkot, Rosch ha-Schana und Jom Kippur.
Deutungen und konfessionelle Vielfalt
Eine verbreitete Deutung versteht Beten als Selbstprüfung und Verwandlung: Nicht Gott wird durch das Gebet verändert, sondern der betende Mensch. Im rationalistischen Ansatz, den unter anderem Maimonides vertrat, ist Gebet philosophische und intellektuelle Konzentration auf Gott. Der erzieherische Ansatz sieht darin ein Mittel, bestimmte Haltungen im Menschen zu stärken oder hervorzubringen. Die kabbalistische Sicht arbeitet mit Kavanot, genau bestimmten Absichten. Ihr zufolge haben Wörter und Buchstaben besondere Wirkungen; Gebet kann die Wirklichkeit und die verborgenen Kräfte des Universums ordnen und heilen.
Die verschiedenen jüdischen Liturgien besitzen trotz kleiner Abweichungen eine gemeinsame Grundordnung. Orthodoxe Gottesdienste verwenden überwiegend Hebräisch und Aramäisch und bewahren traditionelle Bezüge, etwa auf Tempelopfer. Konservative Gottesdienste reichen von fast vollständig traditionellen Formen bis zu stärker gekürzten, teilweise englischsprachigen und geschlechtsneutral formulierten Varianten. Reformjudentum und Rekonstruktionismus verändern oder streichen unter anderem Bezüge auf körperliche Auferstehung, einen persönlichen Messias, die göttliche Offenbarung der Tora am Sinai, Engel, Wunder sowie Belohnung und Bestrafung; 40 bis 90 Prozent des Gottesdienstes werden dort in der Volkssprache gehalten. Das Reformjudentum erlaubt zudem Musikinstrumente am Schabbat und stellt Männer und Frauen gleich.
Zu den begleitenden Praktiken gehört das Shoklen, das Vor- und Zurückschwingen beim Gebet. Es ist nicht verpflichtend und wurde in der Tradition Isaak Lurias sogar abgelehnt, von anderen Autoritäten jedoch mit talmudischen Vorbildern begründet. Viele Gläubige spenden vor, während oder nach dem Gebet in der Hoffnung, dass es eher erhört werde.
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