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Rote Khmer
Die kommunistische Partei wollte die Gesellschaft mit Gewalt in eine Art Agrarkommunismus überführen. Dieser Prozess umfasste auch die fast vollständige …
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Begriff und Bedeutung
Als Rote Khmer wurde vor allem die Kommunistische Partei Kampucheas bezeichnet, eine maoistisch-nationalistisch-rassistische Guerillabewegung. Sie kam 1975 unter Pol Pot in Kambodscha an die Macht und regierte das Land bis 1979 totalitär als Staatspartei. Ihr Herrschaftssystem hieß Demokratisches Kampuchea. In Kambodscha selbst waren die Mitglieder nicht unter diesem Namen bekannt, sondern als Angka, also als „Organisation“; damit war die Frontorganisation der geheim gehaltenen kommunistischen Partei gemeint.
Der Begriff ist in der Forschung uneinheitlich. Er wird oft für verschiedene Parteien, Frontorganisationen, bewaffnete Kräfte und Sicherheitsorgane benutzt, etwa die Kommunistische Partei Kampucheas, Angka, die Kambodschanische Revolutionsarmee, Santebal oder die Nationalarmee des Demokratischen Kampuchea. Außerdem unterscheidet die Forschung unter anderem provietnamesische und prochinesische Gruppen sowie Anhänger und Gegner von Prinz Sihanouk. Der Ausdruck kann daher enger oder weiter gemeint sein.
Ursprünge und Aufstieg
Die Entstehung der Roten Khmer hing mit sozialen, kolonialen und politischen Konflikten zusammen. Kambodscha war historisch vom alten Khmer-Reich geprägt, später aber durch Siam, Vietnam und die französische Kolonialherrschaft geschwächt worden. Unter französischer Herrschaft entstanden Landkonflikte, besonders im Mekong-Delta und im Osten Kambodschas. Der Anteil der Landbevölkerung ohne Grundbesitz stieg von 1950 bis 1970 von 4 % auf 20 %. Gerade Jugendliche ohne festen Besitz oder Bindung an Dorfgemeinschaften wurden später wichtige Rekruten der Roten Khmer.
Eine wichtige ideologische Grundlage war Khieu Samphans Dissertation von 1959, Die Wirtschaft Kambodschas und die Probleme seiner Industrialisierung. Sie empfahl die Konzentration auf eigene Ressourcen, begrenztes ausländisches Kapital und den Einsatz der Arbeitskräfte in Landwirtschaft, Warenproduktion und Energieversorgung.
Parteigeschichtlich gingen Teile der Bewegung aus der 1951 entstandenen Kommunistischen Partei Kambodschas hervor. Später gewann ein Kreis ehemaliger Studenten aus Paris um Pol Pot in der Partei an Einfluss. 1966 wurde die Arbeiterpartei von Kampuchea in Kommunistische Partei Kampucheas umbenannt. Ab 1967 entstand eine kommunistische Guerillabewegung gegen Sihanouks Regime; 1969 zählte ihr bewaffneter Flügel knapp 800 Guerillas, 1972 bereits 40.000.
Nach dem Sturz Sihanouks durch Lon Nol am 18. März 1970 verbündete sich Sihanouk im Exil mit dem kommunistischen Widerstand. Viele Menschen auf dem Land folgten seinem Aufruf, sich dem Widerstand anzuschließen. Gleichzeitig trugen der Kambodschanische Bürgerkrieg, nordvietnamesische Unterstützung, chinesische Waffenhilfe und schwere US-Bombardierungen zum Aufstieg der Roten Khmer bei. Von 1970 bis 1973 flog die US-Luftwaffe schwere Angriffe; genannt werden 50.000 bis 150.000 Tote. Ben Kiernan verband in einer Aufstellung die zunehmenden Bombardements mit wachsender Unterstützung für die Roten Khmer. Am 17. April 1975 eroberten sie Phnom Penh.
Herrschaft und Ideologie
Nach der Einnahme Phnom Penhs am 17. April 1975 wurde das Demokratische Kampuchea ausgerufen. Prinz Norodom Sihanouk wurde zunächst Staatsoberhaupt, aber am 4. April 1976 abgesetzt und unter Hausarrest gestellt. Khieu Samphan wurde neues Staatsoberhaupt, Pol Pot Regierungschef.
Ein besonderes Merkmal der Herrschaft war die Geheimhaltung. Partei und Führung verbargen sich hinter Angka. Pol Pot trat erst rund ein Jahr nach der Machtübernahme öffentlich auf, und viele Kambodschaner erfuhren erst nach seinem Sturz, wer ihr Regierungschef gewesen war.
Die Roten Khmer wollten die Gesellschaft gewaltsam in einen Agrarkommunismus verwandeln. „Agrarkommunismus“ bedeutet hier eine Ordnung, in der Landwirtschaft und gemeinschaftliche Arbeit auf dem Land im Mittelpunkt stehen und städtisches Leben, Geldwirtschaft und alte Eliten zerstört werden sollten. Phnom Penh und andere Städte wurden fast vollständig geräumt; der „lange Marsch“ aufs Land dauerte teils bis zu einem Monat und kostete besonders Ältere und Kinder das Leben. Die Menschen mussten schwarze Einheitskleidung tragen, Geld wurde abgeschafft, Bücher wurden verbrannt, Schulen, Krankenhäuser, Banken und viele Betriebe geschlossen. Religion wurde verboten; buddhistische Klöster, christliche Kirchen und Moscheen wurden zerstört.
1976 stellte Pol Pot einen Vierjahresplan auf. Er sollte Klassenunterschiede beseitigen und die landwirtschaftliche Produktivität verdreifachen, um durch Nahrungsexporte Devisen zu gewinnen. Das Ziel wurde nicht erreicht, weil Infrastruktur zerstört war, Arbeitsgeräte fehlten, Ernteberichte gefälscht wurden und Nahrung dennoch abgeführt wurde. Zwangsarbeit, Hunger und fehlende medizinische Versorgung töteten Hunderttausende. Zugleich sah der Plan ab 1977 wieder Bildung vor, aber ohne Noten, Zeugnisse und Zertifikate und eng verbunden mit Arbeit.
Massenmord und Opferzahlen
Die Herrschaft der Roten Khmer mündete in den Genozid in Kambodscha. Als Feinde galten unter anderem tatsächliche oder angebliche Gegner, Anhänger des Lon-Nol-Regimes, Monarchisten, zurückgekehrte Kommunisten aus Vietnam, Intellektuelle, Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen und Angehörige von Minderheiten. Schon Lesen oder Französischsprechen konnte reichen, um als „Bourgeois“ verfolgt zu werden.
Besonders betroffen waren Vietnamesen, die muslimischen Cham, Bergvölker und auch viele ethnische Chinesen. Die Rechte von Minderheiten wurden grundsätzlich missachtet. Ein Regierungsdokument von 1977 behauptete, Minderheiten machten nur 1 % der Bevölkerung aus; tatsächlich lag ihr Anteil bei 20 %. Die Massenmorde an Vietnamesen und Cham wurden später im Strafprozess gegen Angehörige der Roten Khmer ausdrücklich als Völkermord bezeichnet.
Ein zentrales Terrorinstrument war das Sicherheitsgefängnis 21 in Phnom Penh, auch S-21 oder Tuol Sleng genannt. Es stand unter Kaing Guek Eav, bekannt als „Duch“. Von insgesamt 15.000 bis 30.000 Gefangenen überlebten sieben; wer dort nicht an Folter starb, wurde auf den Killing Fields vor der Stadt ermordet.
Die Opferzahlen sind umstritten. Bis heute wurden Massengräber mit etwa 1,39 Millionen Leichnamen entdeckt, ausgegraben und ausgewertet. Studien nennen Gesamtopferzahlen zwischen 740.000 und 3.000.000. Die meisten Schätzungen liegen zwischen 1,4 Millionen und 2,2 Millionen; verbreitet werden etwa 1,7 bis 2,2 Millionen Opfer genannt. Als Todesursachen gelten etwa zur Hälfte Hinrichtungen und zur Hälfte Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und fehlende medizinische Versorgung.
Sturz, Guerillakrieg und internationale Rolle
Am 25. Dezember 1978 marschierten vietnamesische Truppen nach Grenzzwischenfällen in Kambodscha ein. Im Januar 1979 wurde das Pol-Pot-Regime gestürzt, Heng Samrin als neuer Regierungschef eingesetzt und die Volksrepublik Kampuchea ausgerufen. Pol Pot und seine Anhänger zogen sich in den Dschungel an der thailändischen Grenze zurück.
Trotz des Sturzes erkannten viele westliche Staaten und die Vereinten Nationen die Roten Khmer weiterhin als legitime Vertretung Kambodschas an, weil sie die vietnamesische Besetzung ablehnten. 1979 stimmten 71 Staaten dafür, dass die Roten Khmer ihren UN-Sitz behielten; 35 wollten den Sitz der Volksrepublik Kampuchea geben, 34 enthielten sich. Dadurch konnten UN-Hilfen für das eigentliche Kambodscha blockiert oder erschwert werden.
Thailand, China und westliche Staaten unterstützten die Roten Khmer oder ihre Bündnisse direkt oder indirekt im Kampf gegen Vietnam und die von Vietnam gestützte Regierung. Thailand ließ Basen, Flüchtlingslager und Waffenlieferungen zu; internationale Hilfen kamen teils auch den Kämpfern zugute. Die Roten Khmer blieben bis in die 1990er-Jahre militärisch aktiv. Nach den Pariser Friedensverhandlungen 1991 verweigerten sie 1992 die Entwaffnung. 1993 nahmen sie nicht an den Wahlen teil, unterstützten aber deren Durchführung; 1994 wurden sie offiziell verboten.
Der Zerfall hatte mehrere Gründe: Hun Sens Win-Win-Politik, der Rückzug Vietnams, das Ende chinesischer und anderer Hilfen nach den Wahlen von 1993, wirtschaftliche Eigeninteressen lokaler Kommandeure, Überläufer ganzer Einheiten und interne Machtkämpfe. Pol Pot wurde 1997 von Ta Mok entmachtet und zu lebenslanger Haft verurteilt. Er starb am 15. April 1998 unter ungeklärten Umständen. Ende 1998 stellten sich Khieu Samphan und Nuon Chea; die letzten Kampfverbände kapitulierten nach offizieller Lesart am 6. Dezember 1998.
Aufarbeitung und heutige Bedeutung
Ehemalige Kämpfer und Kader der Kommunistischen Partei gelten nach Angaben von Beobachtern noch als im Untergrund aktiv, stellen aber keine unmittelbare Gefahr mehr für den bestehenden Staat dar. Viele frühere Rote-Khmer-Kader wurden in die kambodschanische Gesellschaft integriert; Hun Sen, bis Juli 2023 Premierminister, war selbst ein ehemaliger Rote-Khmer-Führer.
Die juristische Aufarbeitung begann spät. Die Vereinten Nationen drängten erst in den 1990er-Jahren stärker darauf. Das Rote-Khmer-Tribunal nahm am 31. Juli 2007 seine Arbeit auf; der erste Prozess begann am 17. Februar 2009. Es sollte vor allem Angehörige der obersten Führungsriege verfolgen. Die kambodschanische Nationalversammlung hatte am 4. Oktober 2004 ein Abkommen mit den Vereinten Nationen ratifiziert. Anders als beim Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien stellte Kambodscha die Mehrheit der Richter; ein Urteil sollte aber nur gültig sein, wenn mindestens ein ausländischer Richter zustimmt.
Am 26. Juli 2010 wurde Duch zunächst zu 35 Jahren Haft verurteilt; am 3. Februar 2012 wurde die Strafe in der Berufung auf lebenslange Haft erhöht. Am 7. August 2014 wurden Nuon Chea und Khieu Samphan wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. Als Beweismaterial dienten unter anderem etwa 500.000 Seiten Dokumente und die Lokalisierung von 8.000 Massengräbern.
Die Flagge des Demokratischen Kampuchea zeigte auf rotem Grund einen gelben dreitürmigen Tempel. Nach der Verfassung vom 5. Januar 1976 symbolisierte Rot die revolutionäre Bewegung und den Kampf des kampucheanischen Volkes; der gelbe Tempel stand für nationale Traditionen, Verteidigung und Aufbau des Landes.