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Rosch ha-Schana

Dieser Artikel beschreibt das jüdische Neujahrsfest. Zur gleichnamigen rabbinischen Schrift siehe Rosch ha-Schana (Mischna). Rosch ha-Schana (hebräisch …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und religiöse Einordnung
  2. 2. Zeitpunkt und Dauer im jüdischen Kalender
  3. 3. Geschichtliche Entwicklung
  4. 4. Vorbereitung und Gottesdienst am Vorabend
  5. 5. Festmahl, Schofar und Gottesdienste am Neujahrstag
  6. 6. Grüße und gesellschaftlicher Kontext

Bedeutung und religiöse Einordnung

Rosch ha-Schana, hebräisch רֹאֹשׁ הַשָּׁנָה („Haupt des Jahres“, „Anfang des Jahres“), ist der jüdische Neujahrstag. Nach der Mischna bestimmt er den Jahresbeginn und damit die Berechnung der Kalenderjahre. Laut Talmud gilt er als Beginn und Jahrestag der Weltschöpfung sowie als Jahrestag der Erschaffung Adams.

Das Fest ist zugleich ein Tag der Selbstprüfung und des Gerichts. Die Menschen sollen über ihr moralisches und religiöses Verhalten im vergangenen Jahr Bilanz ziehen und mit Gebeten für eine gute Zukunft vor Gott treten. Nach dem Talmud, Traktat Rosch Haschana 16b, werden drei Bücher geöffnet: In das erste werden die ganz Gerechten eingetragen und erhalten sofort das „Siegel des Lebens“, in das zweite die ganz Bösen und erhalten das „Siegel des Todes“. Das dritte ist für die „Mittelmäßigen“ bestimmt, bei denen sich Sünden und Verdienste ausgleichen. Das endgültige Urteil bleibt vom Neujahrstag bis Jom Kippur offen; durch Einkehr und Umkehr kann man das „Siegel des Lebens“ erhalten.

Rosch ha-Schana heißt auch Jom haDin, „Tag des Gerichts“, und ist der Beginn der Zehn ehrfurchtsvollen Tage (Jamim Noraim), die mit Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, enden. Ein zentrales Zeichen ist der Schofar, ein Widderhorn. Die Tora bezeichnet den Feiertag als „Tag des Schofars“ beziehungsweise „Tag des Lärmblasens“. Der Schofar wird beim Morgengebet geblasen, sofern Rosch ha-Schana nicht auf einen Schabbat fällt.

Zeitpunkt und Dauer im jüdischen Kalender

Rosch ha-Schana beginnt im Herbst am Tagesende nach dem 29. Elul und fällt auf den 1. Tischri. Nach dem gregorianischen Kalender liegt der Termin im September oder in der ersten Hälfte des Oktobers. Der jüdische Tag beginnt am Sonnenuntergang des Vorabends; deshalb beginnt das Fest am Abend vor dem in Kalendern angegebenen Tag.

Die Tora nennt neben dem Herbsttermin auch den 1. Nisan im Frühling als Jahresanfang. Die Einordnung ist historisch und religiös umstritten: Nach Horst Dietrich Preuß war der Herbsttermin nach dem Ende der Erntearbeiten der ältere Neujahrstermin in Judäa, während der Frühjahrstermin mesopotamische landwirtschaftliche Verhältnisse widerspiegle. Die Samaritaner feiern Rosch ha-Schana im Frühling, zum Beginn des Monats Abib beziehungsweise Nisan. Manche Forscher halten dies für den ursprünglichen gesamtisraelitischen Brauch. Die talmudische Literatur diskutiert beide Termine und entscheidet sich für den Herbsttermin.

Der jüdische Kalender rechnet mit zwölf Mondmonaten von 29 bis 30 Tagen; ein synodischer Monat dauert 29,53 Tage. Ein Jahr hat deshalb 354 oder 355 Tage. Um es an das Sonnenjahr anzupassen, wird etwa alle drei Jahre ein ganzer Schaltmonat eingefügt. Rosch ha-Schana findet 163 Tage nach dem ersten Tag des Pessachfestes statt. Nach dem derzeit gültigen gregorianischen Kalender kann es nicht vor dem 5. September und nicht später als am 5. Oktober liegen. Nach 2089 kann es wegen der Kalenderdifferenzen nicht mehr vor dem 6. September liegen. Der erste Tag fällt niemals auf einen Mittwoch, Freitag oder Sonntag.

Im orthodoxen und konservativen Judentum dauert das Fest zwei Tage, bis zum Tagesende des 2. Tischri, auch in Israel. Der zweite Tag wurde später hinzugefügt; Hinweise besagen, dass Rosch ha-Schana in Jerusalem bis ins 13. Jahrhundert nur einen Tag dauerte. Das Reformjudentum feiert grundsätzlich nur den ersten Tag. Für die Jahre 5787 bis 5791 nennt der Artikel folgende gregorianische Zeiträume: 12. bis zum Abend des 13. September 2026, 2. bis zum Abend des 3. Oktober 2027, 21. bis zum Abend des 22. September 2028, 10. bis zum Abend des 11. September 2029 sowie 28. bis zum Abend des 29. September 2030.

Geschichtliche Entwicklung

Im Pentateuch enthalten Levitikus 23,24–25 und Numeri 29,1–6 die wichtigsten Anweisungen für das Neujahrsfest. Genannt werden Opfer, Arbeitsruhe, eine Festversammlung und das Blasen des Widderhorns. Nach Horst Dietrich Preuß hatte Neujahr im Jerusalemer Kult zunächst keine große Bedeutung; im Festkalender des Deuteronomiums fehlt es. Es war vor allem auf Jom Kippur und das Pilgerfest Sukkot ausgerichtet. Erst die frühjüdische Literatur gab Rosch ha-Schana stärker eigene Festinhalte.

Zur Zeit des Zweiten Tempels gehörte das Schofarblasen zum Neujahrsgottesdienst im Jerusalemer Tempel. Philon bezeugt den Brauch auch für die Synagoge von Alexandria. Nach der Zerstörung des Tempels durch römische Truppen im Jahr 70 n. Chr. ordnete Jochanan ben Zakkai an, den Schofar statt in Jerusalem in Javne zu blasen. Der Brauch wurde an Orten mit einem rabbinischen Beth Din eingeführt, weil diese Institution symbolisch mit dem Tempel verbunden wurde.

Die drei zentralen Themen der Neujahrsliturgie – Malkujot, Zichronot und Schofrot – wurden wahrscheinlich im frühen 2. Jahrhundert n. Chr. in die Gebete aufgenommen. Malkujot behandelt die Königsherrschaft Gottes, Zichronot Gottes Gedenken an die Geschichte und Schofrot das Schofarblasen. Die Grundgedanken werden bereits Philon zugeschrieben und mit Psalm 81 verbunden. Das Gebet Unetaneh tokef wird zwar legendär Rabbi Amnon von Mainz aus dem 11. Jahrhundert zugeschrieben, ist wahrscheinlich aber älter; als Ursprung wird die frühbyzantinische Region des heutigen Israel vermutet.

Der Brauch Taschlich war in talmudischer Zeit noch unbekannt und ist erst seit dem Spätmittelalter belegt. Er wurde möglicherweise von nichtjüdischem Volksglauben beeinflusst und durch Kabbalisten in Osteuropa erweitert. Rabbinen missbilligten ihn, versuchten aber, seine magischen Deutungen durch symbolische, mit ihrer Theologie vereinbare Erklärungen zu ersetzen.

Vorbereitung und Gottesdienst am Vorabend

Rosch ha-Schana ist kein Trauertag, sondern ein Fest, an dem man sich wegen Gottes Erbarmen freuen soll. Dazu gehören festliche Kleidung, Waschen, Haareschneiden, innere Vorbereitung und Mahlzeiten. Anders als an vielen anderen Festen wird an Rosch ha-Schana jedoch kein Hallel gebetet.

Am Morgen vor dem Neujahrsfest findet nach dem Morgengebet das „Entbinden von Gelübden“ statt. Drei halachisch geeignete Juden bilden dafür ein Gericht. Die Teilnehmenden bitten nacheinander darum, von unerfüllten Versprechen entbunden zu werden, damit sie nicht mit dieser Belastung in den „Tag des Gerichts“ gehen. Manche Gruppen besuchen Gräber von Angehörigen und „Gerechten“, spenden für einen guten Zweck und beenden die alltäglichen Arbeiten bis zum Mittag.

Im aschkenasischen Ritus tragen Gottesdienstbesucher, Vorbeter, Parochet und Toramäntel häufig Weiß. Weiß symbolisiert Reinheit und wird mit Jesaja 1,18 erklärt: Die Sünden sollen „so weiß wie Schnee“ werden. Fällt Rosch ha-Schana auf einen Schabbat, wird Kabbalat Schabbat verkürzt. Das Achtzehnbittengebet hat dann sieben Segenssprüche; besonders erweitert ist der dritte. Der vierte Segensspruch erinnert an die Erschaffung des Menschen und preist Gott als König über die ganze Erde.

Nach dem Achtzehnbittengebet wird der Toraschrein geöffnet, und Kantor sowie Gemeinde beten im Wechsel Psalm 24. Ein traditioneller Gruß nach dem Gottesdienst lautet „Leschana towa tikatewu“ beziehungsweise aschkenasisch „Leschono tauwo tikossejwu“: „Ihr möget zu einem guten Jahr eingeschrieben werden.“

Festmahl, Schofar und Gottesdienste am Neujahrstag

Beim Festmahl am Neujahrsabend stehen süße Speisen für die Hoffnung auf ein gutes und süßes Jahr. Häufig werden Honigkuchen, Zimmes, Weintrauben, süßer Wein sowie Äpfel oder Challa in Honig gegessen. Lekach ist ein osteuropäischer Honigkuchen. In Süddeutschland und im Elsass wurde häufig Zwetschgenkuchen gebacken; jüdische Familien im Osmanischen Reich servierten Baklava oder ähnliche Süßigkeiten.

Die Challa wird in Honig statt in Salz getunkt. Danach wird eine Apfelscheibe in Honig gegessen, verbunden mit dem Wunsch nach einem glücklichen und angenehmen Jahr. Manchmal isst man ein Stück Fisch- oder Schafskopf mit dem Wunsch, „zum Kopf und nicht zum Schwanz“ zu werden. Granatäpfel stehen wegen ihrer vielen Kerne symbolisch für Fruchtbarkeit. In jiddischsprachigen Gemeinden werden außerdem Augenbohnen (rubiya) und Möhren gegessen, deren Bezeichnungen mit dem Wunsch nach Vermehrung verbunden werden. Auch Datteln können mit einem Gebet gegen Verleumder und Ankläger dazugehören.

Der Morgengottesdienst ähnelt dem Schabbatgottesdienst und wird um Psalm 130 erweitert. Der Kantor fügt bei der Wiederholung des Gebets liturgische Dichtungen ein. An Werktagen wird Awinu Malkenu gebetet. Die Toralesung am ersten Tag stammt aus Genesis, Kapitel 21, und behandelt Saras Zweifel an einer Schwangerschaft sowie Isaaks Geburt. Die Haftara aus 1. Samuel 1–2 erzählt von Hannas Gebet um ein Kind.

Obwohl Rosch ha-Schana „Tag des Schofarblasens“ heißt, wird am Schabbat kein Schofar geblasen. Nach Maimonides erinnert das Schofar an Gottes Thronbesteigung als König der Welt, an Abrahams Bereitschaft zur Opferung Isaaks und an die Gabe der Tora am Sinai. Vor dem Blasen wird Psalm 47 siebenmal rezitiert. Danach erklingt eine festgelegte Folge von Schofartönen, gefolgt von einer Zeit der Stille.

Das Musafgebet hat eine besondere Amida mit neun Segenssprüchen. Die drei mittleren lauten Malkujot, Zichronot und Schofrot und werden von Schofartönen begleitet. Malkujot preist Gott als König, Zichronot erinnert daran, dass Gott das Werk der Welt und den Bund bedenkt, und Schofrot bezieht sich auf Gottes Offenbarung und das Hören auf den Schofarton. Bei der Wiederholung des Musafgebets wird häufig Unetaneh tokef eingefügt; bei den Worten über das Niederknien verneigen sich viele aschkenasische Gemeinden.

Am Nachmittag findet Taschlich statt, bei Schabbat am Folgetag. Man geht zu einem Fluss, Strand oder einer Quelle, liest Verse aus Micha 7,18–20 und betet um Vergebung. Durch das Ausleeren der Taschen und das Ausbürsten der Kleidung werden Sünden des vergangenen Jahres symbolisch abgeschüttelt. Die Ordnung von Gebeten, Schofarblasen, Kiddusch und Mahlzeiten gilt auch am zweiten Tag. Beide Tage werden im Talmud als ein 48 Stunden dauernder Feiertag bezeichnet. Um Zweifel an wiederholten Segenssprüchen zu vermeiden, trägt man am zweiten Tag meist ein neues Kleidungsstück und stellt bisher in dieser Jahreszeit noch nicht gegessene Früchte auf den Tisch.

Grüße und gesellschaftlicher Kontext

Der Neujahrsgruß lautet „Schana towa“ beziehungsweise aschkenasisch „Schono tauwo“ („ein gutes Jahr“). Ebenfalls gebräuchlich ist „Schana towa u'metuka“ („ein gutes und süßes Jahr“). Ein traditioneller aschkenasischer Gruß lautet „Leschono tauwo tikossëiw“ („zu einem guten Jahr mögest du in das Buch des Lebens eingeschrieben sein“), oft ergänzt durch „wessechosëim“ („und besiegelt“).

Vom 3. Tischri bis einschließlich Jom Kippur wünscht man „Chatima towa“, eine gute Einschreibung in das Buch des Lebens. Zwischen Jom Kippur und dem letzten Tag von Sukkot, Hoschana Rabba, lautet der Wunsch „Gmar chatima tova“, eine endgültig gute Besiegelung. Nach dem Artikel besteht bis zum Ende von Sukkot eine letzte Möglichkeit, sich zum Positiven zu verändern.

In Deutschland werden Schülerinnen und Schüler jüdischen Glaubens auf Antrag an jüdischen Feiertagen vom Unterricht freigestellt. Abhängig Beschäftigte haben Anspruch auf Urlaubsgewährung für diese Feiertage.

In der Ukraine erklärte Präsident Wolodymyr Selenskyj Rosch ha-Schana 2020 zum nationalen Feiertag. Jedes Jahr reisen vor allem ultraorthodoxe Männer, Zehntausende, nach Uman, um am Grab von Rabbi Nachman (1772–1810) zu beten. Rabbi Nachman hatte seine Anhänger dazu aufgefordert. Im Jahr 2020 fiel die Reise wegen der COVID-19-Pandemie aus.

Lernvideos zu Rosch ha-Schana

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