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Jom Kippur
Nach jüdischem Kalendersystem wird er am 10. Tag des Monats Tischri begangen – als strenger Ruhe- und Fastentag. Im Gregorianischen Kalender fällt Jom Kippur …
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Bedeutung und Datum
Jom Kippur, hebräisch „Tag der Sühne“, deutsch meist Versöhnungstag oder Versöhnungsfest, ist der höchste jüdische Feiertag. Er ist ein strenger Ruhe- und Fastentag und wird am 10. Tag des jüdischen Monats Tischri begangen. Zusammen mit dem zehn Tage vorher stattfindenden zweitägigen Neujahrsfest Rosch ha-Schana bildet er die Hohen Feiertage des Judentums. Jom Kippur ist zugleich Höhepunkt und Abschluss der zehn Tage der Reue und Umkehr.
Weil der jüdische Kalender nach dem Mond berechnet wird, fällt Jom Kippur im Gregorianischen Kalender jedes Jahr auf andere Daten im September oder Oktober. Jüdische Feiertage beginnen jeweils am Vorabend des angegebenen Tages und dauern von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang. Für die Jahre 5787 bis 5791 im jüdischen Kalender nennt der Artikel als gregorianische Daten den Abend des 21. September 2026, 11. Oktober 2027, 30. September 2028, 19. September 2029 und 7. Oktober 2030.
Da auch das islamische Opferfest am 10. Tag eines Monats in einem Mondkalender liegt, können beide Feiertage alle 32 bis 33 Jahre für 2 bis 3 aufeinanderfolgende Jahre auf denselben Kalendertag fallen.
Ursprung und Tempelritual
In der Tora wird Jom Kippur auch Jom ha-Kippurim und Schabbat Schabbaton, „Schabbat der Schabbate“, genannt. Nach moderner Exegese geht der Versöhnungstag vermutlich auf die Zeit nach dem Babylonischen Exil zurück, auch wenn Parallelen zu hethitischen Ritualen auf ein höheres Alter hinweisen. Bereits in der früheren Zeit des Zweiten Tempels war er der bedeutendste Feiertag der Israeliten.
Die wichtigste biblische Darstellung steht im Levitikus, dem 3. Buch Mose. Dort heißt es, dass am zehnten Tag des siebenten Monats gefastet und keine Arbeit getan werden soll, „weder ein Einheimischer noch ein Fremdling“. Der Grund ist die Entsühnung: Die Menschen sollen von ihren Sünden gereinigt werden.
Zur Zeit des Zweiten Tempels wurden am Versöhnungstag besondere Opfer im Jerusalemer Tempel dargebracht. Nur an diesem Tag durfte der Hohepriester allein und streng abgeschirmt das Allerheiligste betreten, um stellvertretend für das Volk Vergebung der Sünden zu empfangen. Dort besprengte er die Bundeslade mit dem Blut von zwei Opfertieren. Außerdem wurde über zwei Böcken das Los geworfen: Einer war „für Gott“ bestimmt und wurde zur Reinigung des Tempels geopfert. Über dem Bock „für Asasel“ bekannte der Hohepriester öffentlich alle Sünden des Volkes Israel; anschließend wurde das Tier in der Judäischen Wüste über den Rand von Bergklippen geschickt und getötet.
Sündenbock und Asasel
Der deutsche Begriff „Sündenbock“ entstand durch die Lutherübersetzung der christlichen Bibel. In der traditionellen christlichen Deutung von Levitikus 16 werden dem Bock in einer Symbolhandlung alle Sünden des Volkes aufgeladen. Der „Bock für Asasel“ wird dadurch als stellvertretender Sündenbock verstanden. Heute bezeichnet „Sündenbock“ allgemein jemanden, der von anderen fälschlich für deren Unheil, Fehler oder Sünden verantwortlich gemacht wird, obwohl das ursprüngliche Ritual ein Bekenntnis eigener Schuld und Reue der Gemeinschaft voraussetzte.
Die Bedeutung des Wortes Asasel wird unterschiedlich erklärt. Nach Gesenius, Hoffmann und dem Oxford Hebrew Dictionary ist Asasel ein seltenes hebräisches Nebenwort mit der Bedeutung „Entlassung“ oder „gänzliche Entfernung“. Es steht dann für die vollständige Beseitigung von Sünde und Schuld, symbolisiert durch das Fortsenden des Bockes in die Wildnis. Im Talmud wird Asasel mit „steiles Gebirge“ übersetzt und auf den Felsen bezogen, von dem das Tier später hinabgestürzt wurde.
Schon früh wurde Asasel aber auch personifiziert, ähnlich wie andere hebräische Begriffe etwa für Unterwelt oder Zerstörung. Im apokryphen Buch Henoch erscheint Asasel oder Asalsel als ein wichtiger gefallener Engel, der die Menschen zur Sünde führte. Moderne historisch-kritische Bibelforscher ordnen die entsprechenden Passagen dem Priesterkodex zu und datieren sie in die Zeit nach dem Exil; sie sehen darin die Aufnahme einer älteren Zeremonie. Einige konservative Bibelexegeten widersprechen der Deutung als Orts- oder Personenname und verstehen Asasel als „Bock der Entfernung“, der in die Freiheit entlassen wurde.
Religiöse Regeln und Sinn
Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jüdischen Krieg im Jahr 70 wurde Jom Kippur weiter begangen. Nach dem Midrasch Sifra bewirkt „auch ohne dargebrachte Opfer“ der Tag selbst Versöhnung. Zugleich betont die jüdische Lehre, dass der Tag ohne Reue nutzlos bleibt: Das reuevolle Eingeständnis von Sünden ist Voraussetzung für Sühne.
Eine wichtige Unterscheidung lautet: Jom Kippur befreit von Sünden gegen Gott, aber von Sünden gegen Mitmenschen erst, nachdem die geschädigte Person um Verzeihung gebeten wurde. Daher stammt der Brauch, am Vorabend des Fasttages Streitigkeiten beizulegen. Am Versöhnungstag wird in der Synagoge im Gebet Jiskor auch der Verstorbenen gedacht.
Nach talmudischer Überlieferung öffnet Gott am ersten Tag des Jahres drei Bücher: eines für die ganz Schlechten, eines für die ganz Frommen und eines für die Durchschnittsmenschen. Das Schicksal der ersten beiden Gruppen wird sofort entschieden; über die Durchschnittsmenschen wird bis Jom Kippur entschieden. Im Gebet Unetaneh tokef wird gesagt, dass am Neujahrstag eingeschrieben und am Versöhnungstag besiegelt wird, wer leben oder sterben soll und welches Schicksal Menschen erwartet. Zugleich heißt es: „Doch Umkehr, Gebet und Wohltun wenden das böse Verhängnis ab.“ Nach Maimonides hängt alles davon ab, ob die Verdienste eines Menschen seine Fehler überwiegen. Deshalb gelten gute Taten vor Jom Kippur als besonders angebracht.
Heutige Praxis
Jom Kippur gilt als der heiligste und feierlichste Tag des jüdischen Jahres. Für Frauen ab 12 Jahren und Männer ab 13 Jahren ist er ein Fastentag. Das Fasten dauert 25 Stunden: Von kurz vor Sonnenuntergang des Vortages bis zum nächsten Sonnenuntergang werden weder feste noch flüssige Nahrung aufgenommen. Auch Rauchen ist untersagt. Vor Beginn werden traditionell Kreplach, gefüllte Teigtaschen, gegessen; bei vielen marokkanischen Sephardim auch der Eintopf Alboronia.
Jom Kippur ist der einzige Fasttag, der auch dann begangen wird, wenn er auf einen Schabbat fällt. Andere Fasttage werden in diesem Fall verschoben. Zu den Verboten, die an Schabbaten und Feiertagen gelten, kommt an Jom Kippur das Verbot sexueller Betätigung. Streng religiöse Juden tragen keine Lederschuhe und kleiden sich in Weiß. Auch viele wenig oder gar nicht religiöse Juden halten Jom Kippur in mehr oder weniger strikter Form ein.
In Israel steht an diesem Tag das öffentliche Leben weitgehend still. Restaurants und Cafés sind geschlossen, mit Ausnahme arabischer Betriebe. Grenzübergänge und Flughäfen sind geschlossen. Obwohl es kein behördliches Fahrverbot gibt, sind die Straßen fast völlig autofrei; nur Krankenwagen, Feuerwehr und Polizei verkehren. Es gilt als unhöflich, öffentlich zu essen oder Musik zu hören. Radio- und Fernsehprogramme gibt es nicht. Weil Israel an Jom Kippur besonders verwundbar war, begannen Syrien und Ägypten im Oktober 1973 den Jom-Kippur-Krieg. Seitdem bleibt die militärische Einsatzfähigkeit an diesem Tag vollständig erhalten; außerdem gibt es „stilles“ Radio und Fernsehen, die nur im Notfall Mitteilungen senden.
Gebete, Bräuche und Abschluss
Der Gottesdienst an Jom Kippur dauert in den jüdischen Gemeinden fast aller Richtungen beinahe den ganzen Tag. Das Abendgebet beginnt vor Sonnenuntergang mit Kol Nidre. Im Mittelpunkt der Liturgie stehen das Sündenbekenntnis, hebräisch Widduj, und Bitten um Vergebung, hebräisch Slichot. Das Sündenbekenntnis wird in der jüdischen Tradition kollektiv in der Wir-Form gesprochen. Weitere wichtige Gebete sind Schehechejanu, Awinu Malkenu und der Aaronitische Segen durch die Kohanim, die Angehörigen des Priestergeschlechts.
Im Morgengebet wird als Haftara ein Abschnitt aus Jesaja 58 gelesen. Dort wird erklärt, dass echtes Fasten nicht nur Verzicht bedeutet, sondern auch das Lösen von Unrecht, Unterdrückung und Versklavung sowie Hilfe für Bedürftige. Eine besondere Rolle hat am Ende des Tages das Gebet Neïlah, das den Abschluss von Jom Kippur thematisiert. Währenddessen bleibt der Toraschrein geöffnet. Der endgültige Abschluss wird mit dem Schofar bekanntgegeben.
Viermal im Jahr, darunter an Jom Kippur, wird das Gedenkgebet Jiskor gesprochen. Es erinnert an verstorbene Eltern und enthält eine Bitte um Zedaka, also Wohltätigkeit, zu ihrem Wohl. Nur Menschen, deren Vater oder Mutter nicht mehr lebt, bleiben während dieses Gebets in der Synagoge; die anderen verlassen den Raum, damit ein privater Moment des Gedenkens möglich ist.
Nach den drei Schofartönen am Ende von Jom Kippur wird das Fasten gebrochen, meist zu Hause im Kreis der Familie. In einigen Synagogen gibt es auch einen kleinen Imbiss zum gemeinsamen Ausfasten. In der Zeit nach Rosch ha-Schana bis einschließlich Jom Kippur wünscht man sich „chatima towa“. Zwischen Jom Kippur und dem letzten Tag von Sukkot, Hoschana Rabba, lautet der Wunsch „gmar chatima tova“, also dass die Einschreibung in das Buch des Lebens gut abgeschlossen werde. Außerdem kann der Hochzeitstag als persönlicher Jom Kippur verstanden werden: Braut und Bräutigam fasten, legen ein Sündenbekenntnis ab und beginnen nach der Vergebung ihrer Sünden neu.
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