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Romain Gary

Im Zweiten Weltkrieg war er Pilot der Luftwaffe der Freien Französischen Streitkräfte (Forces françaises libres). Gary schrieb ganz überwiegend auf Französisch, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Leben und Bedeutung
  2. 2. Literarisches Werk
  3. 3. Pseudonyme und Prix Goncourt
  4. 4. Film und andere Produktionen
  5. 5. Aussagen und Ehrungen

Leben und Bedeutung

Romain Gary, geboren als Roman Kacew oder Katsev, in offiziellen französischen Dokumenten Romain Kacewgari, war ein französischer Schriftsteller, Regisseur, Übersetzer und Diplomat. Er wurde am 8. Mai 1914 nach julianischem beziehungsweise am 21. Mai 1914 nach gregorianischem Kalender in Vilnius im Russischen Kaiserreich geboren und starb am 2. Dezember 1980 in Paris. Außerdem war er im Zweiten Weltkrieg Pilot der Luftwaffe der Freien Französischen Streitkräfte. Er schrieb überwiegend auf Französisch, auch wenn einige englische Fassungen seiner Werke zuerst erschienen.

Gary wuchs in Vilnius und Warschau als Sohn einer jüdischen Familie auf. 1928 zog er mit seiner Mutter Nina Owczinski nach Nizza. Nach dem Gymnasium studierte er Rechtswissenschaft in Aix-en-Provence und Paris und schloss mit der Licence ab. 1935 erhielt er die französische Staatsangehörigkeit.

1938 trat Kacew in die französische Luftwaffe ein und wurde in Salon-de-Provence zum Piloten von Kampfflugzeugen ausgebildet. „Romain Gary“ war zunächst sein Kampfname, vermutlich nach dem Schauspieler Gary Cooper. Nach seinem Eintritt in den diplomatischen Dienst empfahl ihm das französische Außenministerium, einen französischen Namen anzunehmen. Die Legalisierung des Kampfnamens trat am 9. Oktober 1951 in Kraft.

Nach der deutschen Besetzung Frankreichs floh Gary 1940 nach Großbritannien und schloss sich den von Charles de Gaulle geführten Freien Französischen Streitkräften an. Er wurde Ausbilder, leitete Schießübungen und später Staffelkapitän der Bomberstaffel Lorraine. Er kämpfte in England, Äthiopien, Libyen und der Normandie. Für seine Leistungen wurde er Kommandeur der Ehrenlegion und erhielt den Ordre de la Libération.

Nach dem Krieg begann Gary 1946 den diplomatischen Dienst. Er arbeitete in Sofia (1946–1947), im französischen Außenministerium in Paris, in der Schweiz (1950–1951), bei der ständigen Vertretung Frankreichs bei den Vereinten Nationen in New York (1951–1954), in London (1955) und schließlich als Generalkonsul Frankreichs in Los Angeles (1956–1960). 1961 beendete er seine diplomatische Laufbahn.

1945 heiratete er die britische Schriftstellerin und Journalistin Lesley Blanch. Die Ehe wurde 1962 geschieden. Aus seiner Beziehung mit der US-amerikanischen Schauspielerin Jean Seberg ging Alexandre Diego Gary hervor; das Geburtsdatum des Sohnes ließ Gary auf einen Zeitpunkt nach seiner späteren Heirat mit Seberg umdatieren. Die Ehe mit Seberg, die 1970 geschieden wurde, war von persönlichen Krisen geprägt. Ihre Tochter starb nach der Geburt. Seberg wurde im September 1979 tot auf der Rückbank ihres Autos aufgefunden.

In den zehn Jahren nach dem Ende seiner diplomatischen Tätigkeit reiste Gary viel, schrieb unter anderem das Drehbuch zu Der längste Tag und führte bei zwei Filmen Regie. Am 2. Dezember 1980 erschoss er sich in Paris. In seinem Abschiedsbrief erklärte er, sein Tod stehe in keinem Zusammenhang mit Jean Seberg. Er verwies auf eine seit seinem Eintritt ins Mannesalter andauernde „nervöse Depression“, die ihm zugleich ermöglicht habe, sein literarisches Gesamtwerk zu vollenden. Als weitere Hinweise nannte er den Titel seines autobiografischen Werkes La nuit sera calme („Ruhig wird die Nacht sein“) und die letzten Worte seines letzten Romans: „Man könnte es nicht besser sagen.“

Literarisches Werk

Gary veröffentlichte bereits 1935 zwei Kurzgeschichten in der französischen Zeitschrift Gringoire: L’orage über eine gescheiterte Ehe und La petite femme, deren Handlung in Indochina spielt. Obwohl die antisemitische Ausrichtung der Zeitschrift bekannt war, wählte er sie vermutlich wegen ihrer hohen Auflage von bis zu einer Million Lesern.

Sein erster Roman Éducation européenne erschien 1945. Gary hatte ihn während des Krieges geschrieben. Das Werk erzählt von einem vierzehnjährigen polnischen Jungen, der sich während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg einer Widerstandsgruppe anschließt und zum Mann heranwächst. Der Roman wurde in 27 Sprachen übersetzt und mit dem Prix des Critiques ausgezeichnet. Die deutsche Fassung wurde aus der amerikanischen Ausgabe übersetzt, die Gary 1959 in Kalifornien selbst erstellt hatte.

Zu Garys wichtigen Romanen gehören neben Éducation européenne unter anderem Le Grand Vestiaire, Tulipe, Les Racines du ciel, Lady L., La Promesse de l’aube, Les Mangeurs d’étoiles, La Danse de Gengis Cohn, La Tête coupable, Adieu Gary Cooper, Chien blanc, Europa, Les Enchanteurs, Au-delà de cette limite, votre ticket n’est plus valable, Clair de femme, Charge d’âme und Les Cerfs-Volants. Zu seinen deutsch verlegten Titeln zählen etwa General Nachtigall, Kleider ohne Leute, Die Wurzeln des Himmels, Frühes Versprechen, Der Tanz des Dschingis Cohn, Engel ohne Himmel, Der weiße Hund von Beverly Hills, Ach, Liebster, das macht doch nichts, Die Liebe einer Frau, Atemkraftwerk und Gedächtnis mit Flügeln beziehungsweise Die Jagd nach dem Blau.

Neben Romanen schrieb Gary Erzählungen, Sachbücher, Essays, Gespräche und Theaterstücke. Pour Sganarelle ist ein Essay über das Schreiben und die Suche nach einem Roman und einer Figur. La nuit sera calme besteht aus Gesprächen mit François Bondy. Zu den Theaterarbeiten gehören Tulipe ou la Protestation, Johnnie Coeur, eine Dramatisierung von L’Homme à la colombe, und La bonne moitié, eine Dramatisierung von Le Grand Vestiaire. Posthum erschien Vie et mort d’Émile Ajar.

Ein zentrales Merkmal seines Werks ist die Verbindung verschiedener Perspektiven und Stimmen. In seiner Literaturtheorie lehnte Gary es ab, Lesern einen „Fertigbrei“ vorzusetzen. Ein Buch solle vielmehr die Gesamtheit menschlicher Erfahrungen darstellen und den Lesern ermöglichen, aus den verschiedenen Figuren selbst den für sie wichtigsten Aspekt und den Kern ihrer eigenen Vorstellungen zu bestimmen.

Pseudonyme und Prix Goncourt

Gary veröffentlichte unter mehreren Namen: Émile Ajar, Shatan Bogat, Lucien Brûlard und Fosco Sinibaldi. Das Spiel mit Identitäten war besonders bei Émile Ajar von Bedeutung.

Unter dem Namen Émile Ajar erschienen Gros câlin, auf Deutsch Monsieur Cousin und die Einsamkeit der Riesenschlangen, La Vie devant soi, auf Deutsch Du hast das Leben noch vor dir, Pseudo und L’Angoisse du roi Salomon, auf Deutsch König Salomons Ängste. In einem dieser Bücher wurde Émile Ajar mit „Paul Pawlowitsch“ als bürgerlichem Namen verbunden, einem angeblich 1940 in Nizza geborenen freien Schriftsteller. Pawlowitsch war ein Großcousin Garys. Der Verlag Werner Classen in Zürich unterstützte 1977 die Täuschung durch Angaben auf dem Waschzettel zu Monsieur Cousin und die Einsamkeit der Riesenschlangen. Gary enthüllte die Wahrheit erst nach seinem Tod in einem hinterlassenen Text.

Diese Identitätstäuschung hatte auch literaturgeschichtliche Folgen: Gary erhielt den Prix Goncourt 1956 für Les Racines du ciel und 1975 erneut für La Vie devant soi, das unter dem Pseudonym Émile Ajar erschienen war. Er gilt deshalb als einziger Schriftsteller, der diesen bedeutenden französischen Literaturpreis zweimal erhielt. Die zweite Auszeichnung war ausnahmsweise möglich, weil lange unbekannt blieb, dass Émile Ajar mit Gary identisch war.

Fosco Sinibaldi verwendete Gary für L’Homme à la colombe von 1958. Unter René Deville erschien Direct flight to Allah; unter Shatan Bogat veröffentlichte er die französische Fassung Les Têtes de Stéphanie. Lucien Brûlard, ein aus den Namen zweier Figuren Stendhals gebildetes Pseudonym, wurde bei unveröffentlichten Frühschriften verwendet.

Film und andere Produktionen

Gary war in verschiedenen Funktionen mit dem Film verbunden. Als Darsteller trat er 1967 in Die Straße von Korinth (La Route de Corinth) unter der Regie von Claude Chabrol auf.

Mehrere Filme beruhen auf literarischen Vorlagen Garys: 1959 Über den Gassen von Nizza (The man who understood women), 1965 Lady L, 1970 Versprechen in der Dämmerung (Promise at dawn), 1977 Madame Rosa nach La Vie devant soi, 1979 Die Liebe einer Frau (Clair de femme), 1979 Gros câlin, 1979 Lust auf Liebe (Au-delà de cette limite, votre ticket n’est plus valable), 1981 Der weiße Hund von Beverly Hills (White dog), 1983 Les Cerfs-Volants, 1993 Der Tanz des Dschinghis Cohn (Genghis Cohn), 1994 Les Faussaires nach La Tête coupable, 2007 Les Cerfs-Volants und 2011 L’Angoisse du roi Salomon.

Als Drehbuchautor arbeitete Gary 1958 an Die Wurzeln des Himmels (The roots of heaven), 1962 an Der längste Tag, 1968 an Vögel sterben in Peru (Les oiseaux vont mourir au Pérou) und 1971 an Kill!. Bei Vögel sterben in Peru und Kill! führte er selbst Regie.

Zu den sonstigen Produktionen gehören der offene Brief To mon Général. Farewell, with love and anger, der am 9. Mai 1969 in Life erschien und sich an Charles de Gaulle sowie an Fragen zu Israel und den Juden anlässlich des Sechstagekriegs richtete. Außerdem gibt es Theateraufführungen von Dschingis Cohn, ein ausführliches Interview mit André Bourin auf zwei CDs sowie ein Fernsehinterview in der Literatursendung Apostrophes im Frühjahr 1975 bei Antenne 2.

Aussagen und Ehrungen

Garys bekannte Aussagen behandeln Patriotismus, Nationalismus, Fortschritt, Natur, Toleranz und die Rolle von Literatur. Besonders prägnant ist der Satz: „Patriotismus ist Liebe zu den Seinen. Nationalismus ist Hass auf die anderen.“ Weitere Zitate lauten: „Avantgardisten sind Leute, die nicht genau wissen, wo sie hinwollen, aber als erste da sind“ und „Bei der nächsten Sintflut wird Gott nicht Wasser, sondern Papier verwenden.“ In einem anderen Zusammenhang fragt Gary, ob Menschen noch in der Lage seien, die Natur als „lebendige Freiheit“ zu respektieren, die weder gewinnbringend noch nützlich sein müsse, sondern einfach existiere. Der Elefant steht bei ihm sinngemäß für das, was durch Fortschritt, Nützlichkeitsdenken, Materialismus oder eine bestimmte Vorstellung von Vernunft bedroht ist.

Für Éducation européenne erhielt Gary 1945 den Prix des Critiques. 1956 wurde er für Les Racines du ciel mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, 1975 nochmals für La Vie devant soi unter dem Namen Émile Ajar. Für seine militärischen Verdienste erhielt er den Ordre de la Libération und wurde Kommandeur der Ehrenlegion. In Jerusalem wurde das Centre Culturel Français Romain Gary nach ihm benannt. 2008 entstand in seiner Geburtsstadt Vilnius ein Denkmal.

Die Forschung beschäftigt sich unter anderem mit Garys Identitäts- und Pseudonymenspiel, seiner jüdischen und europäischen Perspektive, autobiografischen Formen, Erinnerungen an Krieg und Shoah, seinen Romanen und seiner Rezeption im Literaturunterricht. Zu den genannten umfassenden Biografien und Studien gehören Arbeiten von Myriam Anissimov, David Bellos, Dominique Bona, Ralph Schoolcraft und weiteren Forschern.

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