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Adoleszenz

Abgrenzung zur Pubertät. Bearbeiten. Der Pubertätsbegriff wird vor allem in der Biologie verwendet und bezeichnet körperliche Veränderungs- und Reifeprozesse …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Entwicklungsaufgaben
  2. 2. Abgrenzung von der Pubertät
  3. 3. Unterschiedliche Altersgrenzen
  4. 4. Soziale Stellung zwischen Kindheit und Erwachsensein
  5. 5. Halls Adoleszenztheorie

Bedeutung und Entwicklungsaufgaben

Adoleszenz bezeichnet den Zeitraum von der späten Kindheit über die Pubertät bis zum vollen Erwachsensein. In dieser Phase wird eine Person biologisch fortpflanzungsfähig; an ihrem Ende ist sie körperlich nahezu ausgewachsen sowie emotional und sozial weitgehend gereift. Adoleszenz unterscheidet sich damit qualitativ sowohl von Kindheit als auch von Erwachsenenalter.

Sie ist ein wichtiger Gegenstand der Entwicklungspsychologie. Wesentliche Veränderungen betreffen Körper und Psyche: Zu Beginn wird im Teilabschnitt der Pubertät die Geschlechtsreife erreicht. Darüber hinaus findet eine bedeutende Hirnentwicklung statt, bei der sich das Gehirn grundlegend reorganisiert. Psychische Entwicklungsaufgaben sind unter anderem, emotionale Unabhängigkeit von den Eltern zu entwickeln und die eigene Erscheinung zu akzeptieren, also Phänotyp, Aussehen und Autonomie.

In der Moderne sind Lebensläufe weniger eindeutig vorgegeben. Entscheidungen, etwa die Wahl des Bildungsweges, gewinnen an Bedeutung. Zugleich müssen junge Menschen Trennungs- und Neuorientierungsprozesse gegenüber der Elterngeneration und der Gleichaltrigengruppe bewältigen.

Abgrenzung von der Pubertät

Pubertät und Adoleszenz überschneiden sich teilweise, bedeuten aber nicht dasselbe. Der Begriff Pubertät wird vor allem in der Biologie verwendet. Er beschreibt körperliche Veränderungs- und Reifeprozesse, deren Ziel die Fortpflanzungsfähigkeit ist.

Die Pubertät beginnt besonders bei Mädchen bereits in einem Alter, in dem noch nicht von Jugend gesprochen werden kann. Deshalb setzt die Adoleszenz später an als die Pubertät. Die Begriffe unterscheiden sich sowohl durch die wissenschaftliche Perspektive als auch durch den jeweils gemeinten Lebensabschnitt: Pubertät meint vor allem biologische Reifung, Adoleszenz die umfassendere Entwicklung bis zum Erwachsensein.

Unterschiedliche Altersgrenzen

Welche Altersspanne als Adoleszenz gilt, unterscheidet sich zwischen Kulturen und Definitionen. In den USA wird ihr Beginn mit dem Beginn der Pubertät verbunden: Sie beginnt mit Vollendung des 13. Lebensjahrs und endet mit Vollendung des 19. Lebensjahrs. Der Begriff Teenager leitet sich von den Endungen der englischen Zahlwörter „thirteen“ bis „nineteen“ ab.

In Mitteleuropa wird, abhängig vom Entwicklungsstadium, meist die Zeit zwischen 16 und 24 Jahren als Adoleszenzphase verstanden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Adoleszenz dagegen als Lebensperiode zwischen 10 und 20 Jahren.

Das deutsche Strafrecht verwendet eigene Alterskategorien: Jugendlicher ist, wer zur Zeit der Tat 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist. Heranwachsender ist, wer zur Zeit der Tat 18, aber noch nicht 21 Jahre alt ist (§ 1 Abs. 2 Jugendgerichtsgesetz). Diese rechtlichen Begriffe sind daher nicht mit einer einheitlichen psychologischen Definition der Adoleszenz gleichzusetzen.

Soziale Stellung zwischen Kindheit und Erwachsensein

Soziologisch wird Adoleszenz als eigenständige, besonders anfällige Phase emotionaler, moralischer und intellektueller Entwicklung betrachtet. Nach Granville Stanley Hall sollte sie nur mithilfe der Führung Erwachsener erfolgreich durchlaufen werden. Die Vorstellung einer Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter prägte im 20. Jahrhundert neue institutionelle und räumliche Ordnungen des Jugendlebens.

Adoleszenz wird eher als Moratorium denn als Statuspassage verstanden. Ein Moratorium ist eine zeitlich aufgeschobene volle Übernahme des Erwachsenenstatus. Junge Menschen sind nicht mehr so stark in familiale Zusammenhänge eingebunden, nehmen aber noch nicht vollgültig gesellschaftliche Aufgaben als Erwachsene wahr. In dieser Zeit stehen individuelle und gesellschaftliche Wandlungs- und Transformationsprozesse im Mittelpunkt.

Die Person soll sich individuieren: Sie löst sich vom Kindsein, entwickelt etwas Eigenes und richtet sich gegenüber der Elternposition neu aus. Dabei werden sowohl Rechte und Möglichkeiten, etwa die Teilhabe am Konsumwarenmarkt, als auch Pflichten und Zwänge eröffnet. Die Individualisierung soll ermöglichen, der Elterngeneration auf einer neuen Ebene zu begegnen und handlungsfähig zu werden.

Die Ausweitung der Adoleszenz wird mit komplexeren und heterogeneren Anforderungen der modernen Gesellschaft erklärt: Für Orientierung wird mehr Zeit benötigt, wodurch die ökonomische Abhängigkeit von den Eltern länger bestehen bleibt. Eine zentrale Aufgabe besteht deshalb darin, eigene Unabhängigkeit innerhalb dieser Abhängigkeit zu entwickeln, sich zu erproben und nicht in einer kindlichen Bindung an die Eltern zu verbleiben.

Halls Adoleszenztheorie

Das erste theoretische Konzept der Jugend als Lebensphase stammt vom Psychologen und Pädagogen Granville Stanley Hall. Er entwickelte zentrale Aspekte seiner Theorie 1901 in einem Sommerferienkurs an der Clark University. Im Mittelpunkt standen Wachstum, körperliche Reifung, Geschlechtsreife, Menstruation und deren Wirkung auf Jugendliche; ein zweiter Schwerpunkt war die Erziehung von Mädchen und Jungen sowie die Psychologie der Liebe.

Halls Modell heißt „Biogenetische Rekapitulationstheorie“. Rekapitulation bedeutet Wiederholung: Der individuelle Reifeprozess solle die Entstehungsgeschichte der Menschheit wiederholen. Hall formulierte: „Die körperliche und psychische intrauterine und postpartale Kindheitsentwicklung wiederholt die Geschichte der Stammesentwicklung von Mensch und Tier“. Die Theorie beruht auf Charles Darwins Evolutionstheorie und der daraus abgeleiteten Biogenetischen Grundregel von Ernst Haeckel. Hall übertrug die Rekapitulationsidee jedoch systematisch auf die psychische Entwicklung. Für ihn entsprach jede Entwicklungsphase des Kindes und Jugendlichen einer früheren Stufe der Menschheitsentwicklung; die Adoleszenz galt ihm als „zweite Geburt“, die zur Vervollkommnung des Menschen führen solle.

Hall nahm an, Entwicklungsprozesse würden durch eine „biologische Uhr“ gesteuert. Sie seien universell und unvermeidbar; soziokulturelle Einflüsse hätten keinen Einfluss auf sie, und ihre Richtung sei determiniert, also festgelegt.

Er unterschied vier Stufen: Bis zum Alter von 4 Jahren entwickelt sich in der frühen Kindheit die sensomotorische Fähigkeit zur Selbsterhaltung. Von 4 bis 8 Jahren folgen Tätigkeiten wie Verstecken-Spielen, Fangspiele und Höhlenbau; diese Stufe ordnete Hall der Zeit der Jäger und Sammler zu. Die Jugend von 8 bis 12 Jahren korrespondiere mit beginnender Zivilisation, weil vorgelebte Strukturen übernommen würden. Die Adoleszenz beginne zwischen 11/13 Jahren und ende zwischen 22/25 Jahren; in ihr setze sich die Jugend bis zum Erwachsenenalter fort und der Entwicklungsprozess werde vollendet.

Hall wollte Entwicklungsstufen als Grundlage pädagogischen Handelns nutzen, um pädagogische Fehler zu vermeiden. Er betrachtete Sexualität in ihrer biologischen, psychologischen und physiologischen Seite als wesentlichen Bestandteil der „normalen“ jugendlichen Entwicklung und als einflussreich für die soziale und psychische Entwicklung. Für eine gute Entwicklung forderte er eine Umgebung, die der jeweiligen Stufe der Menschheitsgeschichte angepasst sei, und warnte vor einer zu frühen Beschäftigung mit nicht altersgemäßen Phänomenen.

Aus heutiger Sicht ist Halls Jugendtheorie weitgehend überholt, weil sie die Rekapitulationsthese fortlaufend auf psychische, physische, moralische, soziale und historische Entwicklung anwendet. Sie besitzt jedoch historischen Wert für das Verständnis jugendtheoretischer Überlegungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

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