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Vulgärlatein

Mit Vulgärlatein wird das gesprochene Latein im Unterschied zum literarischen Latein bezeichnet. Deshalb wird synonym auch der Begriff Sprechlatein …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Bedeutung und Entwicklung
  2. 2. Quellen und Rekonstruktion
  3. 3. Laute und Wortschatz
  4. 4. Umbau der Nominalgrammatik
  5. 5. Pronomen und Adverbien
  6. 6. Verben und begriffliche Grenzen

Begriff, Bedeutung und Entwicklung

Vulgärlatein bezeichnet das gesprochene Latein im Unterschied zum literarischen und normierten Schriftlatein; daher ist auch die Bezeichnung Sprechlatein üblich. Es war die Alltagssprache im Römischen Reich und der sprachliche Ausgangspunkt der romanischen Sprachen. Es gehörte wie Latein zu den italischen Sprachen innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie.

Vulgärlatein war weder sozial noch geographisch oder zeitlich einheitlich. Auch Gebildete sprachen es. Es darf nicht einfach mit „spätem Latein“ gleichgesetzt werden: Merkmale gesprochener Sprache sind bereits in den frühen Komödien von Plautus und Terenz aus altlateinischer Zeit bezeugt. Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. vergrößerte die Normierung des Schriftlateins unter griechischem Einfluss den Abstand zur gesprochenen Sprache. Die regionalen Unterschiede nahmen durch die Ausdehnung und ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. durch den Zerfall des Römischen Reiches sowie durch die Sprechgewohnheiten latinisierter Kelten und Germanen weiter zu.

Schließlich bestand eine Form der Zweisprachigkeit: Sprechlatein war Mutter- oder Erstsprache, während Schriftlatein als erlernte Verkehrs-, Amts-, Literatur- und Kultsprache diente. Aus dem regional gegliederten Sprechlatein entstanden im frühen Mittelalter selbstständige romanische Sprachen. Für Nordfrankreich ist die sprachliche Zweiteilung spätestens durch das Konzil von Tours (813) dokumentiert; die Eigenständigkeit des Romanischen zeigen die Straßburger Eide (842).

Quellen und Rekonstruktion

Da Vulgärlatein überwiegend gesprochen wurde und keine antiken Tonaufnahmen existieren, muss es aus indirekten Zeugnissen rekonstruiert werden. Besonders wichtig sind:

• frühe romanische Sprachformen, aus denen ältere Formen nach regelmäßigen Lautentwicklungen zurückerschlossen werden; • Bemerkungen antiker Autoren und Grammatiker, etwa Ciceros De oratore, Suetons Angaben zur Sprache der Kaiser sowie die Appendix Probi; • Schreibfehler und hyperkorrekte Formen in Inschriften, Graffiti und Papyri, etwa „Hec pvgnabet contra orsom …“ statt Hic pvgnabit contra vrsvm …; • Abweichungen in Privatbriefen und literarische Nachahmungen der Umgangssprache, unter anderem in Plautus’ und Terenz’ Komödien sowie im Satyricon des Petronius; • christliche Texte mit bewusst schlichtem „stilus humilis“, darunter die Vulgata des Hieronymus und die Itineratio Egeriae; • Entlehnungen und Umschriften in anderen Sprachen, beispielsweise Kaiser aus Caesar oder griechisch Κικέρων Kikérōn für Cicero; • Glossen, die unverständlich gewordene klassische Wörter erklären, und Erkenntnisse der Verslehre, etwa dass anlautendes h- und auslautendes -m kaum noch gesprochen wurden.

Auch Bedeutungswandel und Wortbildung liefern Hinweise: caballus bedeutete klassisch „Gaul“, wurde aber zur Grundlage von italienisch cavallo und französisch cheval „Pferd“; bucca „Maul“ führte zu bocca und bouche „Mund“. Umgangssprachliche Verkleinerungsformen konnten zur Normalform werden, etwa *genuculum zu italienisch ginocchio „Knie“. Die Rekonstruktion muss solche Einzelbefunde durch regelmäßige Lautgesetze verbinden und zugleich fremdsprachige, geschichtliche, soziale und geographische Einflüsse berücksichtigen.

Laute und Wortschatz

In der Phonologie, der Lehre vom Lautsystem, verschwand die klassische Unterscheidung zwischen langen und kurzen Vokalen; dieser Vorgang heißt Quantitätenkollaps. Statt der Vokallänge gewann die Betonung der Tonsilbe an Bedeutung. In betonten Silben entwickelten sich beispielsweise kurzes ĕ /e/ zu /ɛ/, langes ē /eː/ zu /e/, kurzes ŏ /o/ zu /ɔ/ und langes ō /oː/ zu /o/. Kurzes ĭ und ŭ ergaben betont /ɪ/ und /ʊ/, unbetont meist /e/ und /o/. Die Diphthonge AE, OE und AV entwickelten sich spät häufig zu /e/, /e/ und /o/. Danach verlief die Vokalentwicklung regional unterschiedlich.

Ein vom klassischen Latein abweichendes Konsonantensystem ist für die Zeit vor dem Untergang des Römischen Reiches nicht sicher belegt. Die romanischen Sprachen zeigen jedoch regionale Veränderungen. Nördlich des Isoglossenbündels Rimini–Spezia wurden intervokalische, also zwischen Vokalen stehende, stimmlose Verschlusslaute stimmhaft oder verschwanden: lateinisch amicus entspricht italienisch amico, spanisch amigo und französisch ami. Als mögliche Erklärung wird ein Substrateinfluss keltischer Sprachen genannt; germanischer Superstrateinfluss gilt wegen des geringen Bevölkerungsanteils der zugewanderten Gruppen als weniger wahrscheinlich.

Der Wortschatz wich vielfach vom klassischen Latein ab. Häufig setzten sich stēlla statt sīdus „Stern“, bellus oder formosus statt pulcher „schön“, portāre statt ferre „tragen“, mandūcāre oder comedere statt edere „essen“, fābulari oder parabolāre statt loqui „sprechen“, causa statt res „Sache“, grandis statt magnus „groß“ und caballus statt equus „Pferd“ durch. Griechische Entlehnungen waren ebenfalls wichtig, etwa petra „Stein“, spatha „Schwert“ und chorda „Schnur“.

Später neu aus dem Latein entlehnte Wörter konnten neben ererbten Formen stehen. So entwickelte sich lateinisch fungus im Spanischen lautgesetzlich zu hongo; daneben wurde fachsprachliches fungo neu entlehnt. Aus fabula gingen im Italienischen sogar fiaba „Fabel“, favella „Sprache“ und favola „Märchen, Erzählung“ hervor. Regionale Wortwahl weist auf frühe Unterschiede hin: „schön“ geht je nach romanischer Sprache auf formosus oder vermutlich *benellus beziehungsweise bellus zurück. Häufig entstanden Neuerungen in den Kerngebieten des Reiches, während Randgebiete ältere Formen bewahrten.

Umbau der Nominalgrammatik

Das klassische Latein besaß keine Artikel. Im Vulgärlatein wurde das Demonstrativpronomen ille „jener, der“ allmählich grammatikalisiert, also zu einem grammatischen Funktionswort abgeschwächt. Daraus entstanden in den meisten romanischen Sprachen bestimmte Artikel und teilweise Personalpronomen. Sardisch bewahrt dagegen einen Artikel aus ipse. Der unbestimmte Artikel entwickelte sich aus dem Zahlwort ūnus/ūna/ūnum „ein/eine/ein“, etwa italienisch uno/una, französisch un/une, spanisch un/una und portugiesisch um/uma. Der Wandel zeigt sich beispielhaft bei „Die Sonne ist ein Stern“: Klassisch hieß es ohne Artikel Sol est sidus; vulgärlateinisch konnte (Ille) Sol est ('una') stella stehen.

Lautwandel ließ zahlreiche Kasusendungen zusammenfallen; dies heißt Kasussynkretismus. Dazu trugen das Verstummen des auslautenden -m sowie die Zusammenfälle von kurzem a mit langem ā und kurzem u mit langem ō bei. Dadurch wurden Satzbeziehungen zunehmend mit Präpositionen statt mit Endungen ausgedrückt: Die Sprache entwickelte sich von einem synthetischen System mit vielen Flexionsformen zu einem analytischen System mit selbstständigen Funktionswörtern. Nach Wilhelm Meyer-Lübke starb der Genitiv im 3. Jahrhundert n. Chr. aus und wurde durch de „von“ ersetzt; den Dativ ersetzte später häufig ad „zu“. Personalpronomen bewahrten häufiger eigene Formen, etwa lateinisch mēcum „mit mir“ in spanisch conmigo. Das Rumänische erhielt komplexe Genitiv- und Dativflexionen.

Im Westen und auf den Inseln entstand später meist der Gegensatz „Singular ohne -s“ und „Plural auf -s“, etwa französisch la rose/les roses und le mur/les murs. Im Italoromanischen wurden dagegen Nominativformen für den Plural verallgemeinert: italienisch la rosa/le rose und il muro/i muri. Eine abweichende Erklärung nimmt auch dort zunächst den Akkusativplural auf -s an und führt muri über muros > *muroi > muri her. Im Balkanromanischen blieben sowohl Genitiv- und Dativendungen als auch Formen des lateinischen Nominativ Plural erhalten.

Das Neutrum wurde meist vom Maskulinum aufgenommen, weil es sich infolge des Lautwandels häufig nur noch im Nominativ und Akkusativ Plural davon unterschied. Reste bestehen fort: italienisch l’uovo fresco „das frische Ei“, aber le uova fresche „die frischen Eier“, wird entweder als Maskulinum mit unregelmäßigem Plural oder als fortbestehendes Neutrum gedeutet. Spanisch verwendet bei deadjektivischen Abstrakta den neutralen Artikel lo, etwa lo bueno „das Gute“. Außer im Rumänischen haben die großen romanischen Sprachen keine neutralen Substantive mehr, wohl aber neutrale Pronomen.

Pronomen und Adverbien

Im klassischen Latein waren Pronomen selbstständige und gewöhnlich betonte Wörter mit relativ freier Stellung. Im Vulgärlatein entstanden daneben klitische Objektpronomen: unbetonte Formen, die sich unmittelbar an ein anderes Wort anlehnen und direkt beim Verb stehen. Sie können proklitisch vor oder enklitisch nach dem Verb auftreten. Unbetonte Pronomen durften nicht am Satzanfang stehen, sondern benötigten ein betontes Wort vor sich. Diese für die entstehenden romanischen Sprachen wichtige Stellungsregel wurde 1875 von Adolf Tobler und 1886 von Adolf Mussafia beschrieben und heißt Tobler-Mussafia-Gesetz. In pàter me vídet „Der Vater sieht mich“ lehnt sich me an pàter an und steht zugleich vor vídet; ebenso folgt es in nùnc me vídet „Nun sieht er/sie mich“ dem betonten nùnc.

Auch die Adverbbildung änderte sich. Klassische Suffixformen wie care zu carus „lieb“, acriter zu acer „scharf“ oder crebro zu creber „oft“ verschwanden. Sie wurden durch eine Verbindung aus einem Adjektiv im Ablativ und mente, dem Ablativ von mens „Sinn“, ersetzt. Statt velociter entstand veloci mente „auf schnelle Art und Weise“. Diese bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. belegte Konstruktion liegt den romanischen Adverbformen auf -mente beziehungsweise -ment zugrunde.

Verben und begriffliche Grenzen

Das klassische Verb unterschied drei Personen, Singular und Plural, die finiten Modi Indikativ, Konjunktiv und Imperativ, fünf infinite Formen, Aktiv und (Medio-)Passiv, sechs Tempora, zwei Aspekte sowie vier regelmäßige Konjugationsklassen. Im Vulgärlatein wurden Passiv-, Modus- und Tempusformen zunehmend analytisch, also mithilfe mehrerer Wörter gebildet. Mehrere ältere Formen verschwanden oder gingen in anderen auf; zugleich entstanden aspektuelle Verbalperiphrasen.

Lautwandel konnte neue Unterschiede erzeugen. Aus lateinisch ámo „ich liebe“ und amámus „wir lieben“ entstanden im Altfranzösischen durch Diphthongierung des betonten a j’aime und nous amons; neufranzösisch heißt es nous aimons. Ähnliche Wechsel blieben etwa in je viens „ich komme“ und nous venons „wir kommen“ erhalten.

Das lateinische Futur wurde unklar, weil intervokalisches /b/ zu /v/ wurde und amabit „er/sie wird lieben“ dadurch nicht mehr deutlich von amavit „er/sie hat geliebt“ zu unterscheiden war. Als Ersatz entstand *amare habeo, wörtlich „ich habe zu lieben“. Das Hilfsverb habere wurde später zum Futursuffix, etwa französisch j’aimerai, portugiesisch amarei, spanisch amaré und italienisch amerò. Sardisch bildet das Futur weiterhin mit app’a, aus lateinisch habeo, und dem Infinitiv. Das Konditional hat einen ähnlichen Ursprung in *amare habui, also einer Verbindung mit dem Perfekt von habere. Auch zusammengesetzte Vergangenheitsformen entstanden, etwa vulgärlateinisch amatum habo, das in den Tochtersprachen Formen wie spanisch he amado, italienisch ho amato und französisch ai aimé vorbereitet. Die Tabellen zu amare „lieben“ und esse „sein“ zeigen zugleich, dass jede romanische Sprache Teile des Systems anders fortführte.

Der Ausdruck „Vulgärlatein“ ist wissenschaftlich nicht eindeutig. Er kann das gesamte gesprochene Latein des Römischen Reiches oder speziell das rekonstruierbare Proto-Romanische, also den gemeinsamen Vorgänger der romanischen Sprachen, meinen. Manche Philologen halten den Begriff für irreführend, weil „vulgär“ heute negativ klingt, eine vollständig getrennte Sprache nahelegt und mehr als 1000 Jahre großer sozialer und regionaler Vielfalt zusammenfasst. Paul M. Lloyd zeigte, dass Definitionen vom „Latein der unteren Klassen“ bis zum „wahren Latein“ gegenüber einer künstlichen Schriftsprache reichen, und forderte die Aufgabe des Ausdrucks. Aussagen über Vulgärlatein müssen daher immer angeben, welche Zeit, Region, soziale Gruppe und Bedeutung des Begriffs gemeint sind.

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