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Richard Wagner und der Antisemitismus
Richard Wagners Antisemitismus ist ein Gegenstand der Wagner-Forschung. Mit seiner Schrift Das Judenthum in der Musik sowie weiteren Essays und Äußerungen …
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Gegenstand und historischer Hintergrund
Richard Wagners Antisemitismus ist ein zentraler und stark umstrittener Gegenstand der Wagner-Forschung. Mit dem Pamphlet Das Judenthum in der Musik, weiteren Essays, Briefen und privaten Äußerungen ging Wagner in die Geschichte des Antisemitismus ein. Unbestritten ist seine judenfeindliche Haltung; kontrovers bleiben vor allem drei Fragen: ob sie sich in seinen Musikdramen niederschlug, wie stark sie Adolf Hitler beeinflusste und ob Wagner damit den Nationalsozialismus vorwegnahm.
Wagners Denken entstand im Umfeld des 19. Jahrhunderts, als sich der religiös begründete Antijudaismus mit politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Formen des modernen Antisemitismus verband. Er übernahm verbreitete Stereotype, übertrug sie aber besonders ausführlich und systematisch auf Musik und Musikleben. Seine Äußerungen reichen von Beschimpfungen und Tiervergleichen über theoretische Konstruktionen bis zu widersprüchlichen, teilweise fast versöhnlichen Aussagen.
Religiös stellte Wagner einen Gegensatz zwischen dem Alten Testament beziehungsweise Tanach und dem christlichen Neuen Testament her. Jahwe erschien ihm als Gott des Gesetzes, Jesus Christus dagegen als liebender, vergebender und erlösender Gott. Jüdischem Einfluss schrieb er unter anderem die Vorstellung der Hölle, die Aufstachelung zu Kriegen und die Verdrängung eines angeblich von Jesus gepredigten Vegetarismus zu. Zugleich deutete er Zweifel am Judentum Jesu an.
Besonders wichtige Quellen sind Cosima Wagners Tagebücher aus den Jahren 1869 bis 1883. Sie dokumentieren private Äußerungen, in denen Wagner Juden etwa mit „Ratten und Mäuse(n)“, „Wanzen“ oder „Fliegen“ verglich. Wiederholt behauptete er, Juden hätten die deutsche Identitätsbildung behindert und den Niedergang deutscher Kultur beschleunigt. Er sympathisierte mit der antisemitischen Bewegung des Kaiserreichs und sprach sich hinter verschlossenen Türen mehrfach für eine Vertreibung der Juden aus. Daneben erklärte er aber auch, gegen Juden sei an sich nichts einzuwenden; sie seien lediglich „zu früh“ in eine noch ungefestigte deutsche Gesellschaft eingetreten. Diese wechselnden Aussagen zeigen den widersprüchlichen, jedoch dauerhaft von persönlicher Abneigung geprägten Charakter seiner Haltung.
Schriften, Theorien und persönliche Motive
Das Judenthum in der Musik erschien 1850 in zwei Teilen unter dem Pseudonym „K. Freigedank“ in der Neuen Zeitschrift für Musik. 1869 veröffentlichte Wagner den Text erneut unter eigenem Namen als Broschüre mit Einleitung und Nachwort. Er erklärte darin, die angeblich verbreitete Abneigung gegen jüdisches Wesen in Kunst und Musik verständlich machen zu wollen, sprach von einer „Verjüdung“ der modernen Kunst und forderte, einen vermeintlich instinktiven Widerwillen bewusst zu machen.
Nach seiner Sprachtheorie seien Juden zu echter Kunst unfähig, weil die deutsche Sprache für sie eine Fremdsprache bleibe. Sie könnten deshalb nur „nachsprechen, nachkünsteln“, aber „nicht wirklich redend dichten“. Weil ihnen nach Wagners Ansicht eine eigene Sprache, ein Territorium und ein Staat fehlten, blieben sie Außenseiter und seien von der geschichtlichen Sprachentwicklung eines Volkes ausgeschlossen. „Volk“ meinte bei Wagner eine angeblich ursprüngliche, noch nicht durch Zivilisation entfremdete Gemeinschaft und zugleich die Quelle schöpferischer Kunst.
Wagner verband diese Behauptungen mit antikapitalistischen Stereotypen. Er erklärte, Juden seien bereits „mehr als emanzipiert“ und herrschten, solange „das Gold die Macht bleibt“. Am Ende der Fassung von 1869 steht die Aufforderung: „Aber bedenkt, daß nur Eines eure Erlösung von dem auf euch lastenden Fluche sein kann: die Erlösung Ahasver’s – der Untergang!“ Mit „Untergang“ meinte Wagner nach Deutungen von Hermann Danuser und anderen keine physische Vernichtung, sondern Assimilation, Aufgabe jüdischer Identität und eine als „Selbstvernichtung“ bezeichnete Wiedergeburt. Die aggressive und mehrdeutige Wortwahl blieb dennoch folgenreich. Franz Liszt und der Dirigent Heinrich Esser sahen die Neuveröffentlichung nicht als Mäßigung, sondern als Verschlimmerung eines früheren Fehlers.
Antisemitische Aussagen finden sich auch in Über das Dirigieren von 1869, in Was ist deutsch?, Religion und Kunst und Modern. Wagner bezeichnete moderne Dirigenten mit antisemitischem Unterton als „Musikbankiers“, verglich Juden in einer zunächst unveröffentlichten Fassung von Was ist deutsch? mit Parasiten und Würmern und warf dem Judentum eine traditionslose Modernität vor. Zugleich grenzte sich seine religiös-musikalische Erlösungsideologie in manchen Punkten vom vulgärchristlichen Judenhass und vom zeitgenössischen Rassenantisemitismus ab.
Persönliche Konkurrenz verstärkte seine Vorurteile. Giacomo Meyerbeer hatte Wagner unterstützt, wurde von ihm später aber als künstlerisch unterlegener und wirtschaftlich erfolgreicher Rivale angegriffen. Auch Felix Mendelssohn Bartholdy betrachtete Wagner als Konkurrenten, obwohl dessen Musik ihn beeinflusste. Seine Haltung blieb widersprüchlich: Er polemisierte antisemitisch gegen Mendelssohn, lobte aber dessen Hebriden-Ouvertüre 1879 als „eines der schönsten Musikwerke […], die wir besitzen“. Gegenüber Heinrich Heine wandelte er sich ebenfalls. 1841 verteidigte er dessen großes Talent öffentlich; später verschwieg er Heines nachweisbaren Einfluss auf Werke vom Liebesverbot bis zum Parsifal und entfernte dessen Namen aus der Entstehungsgeschichte des Fliegenden Holländers.
Antisemitismus im künstlerischen Werk
Ob Wagners Antisemitismus auch in seinen Opern und Musikdramen enthalten ist, wird unterschiedlich beurteilt. Seine Libretti bezeichnen keine Figur ausdrücklich als jüdisch. Umstritten sind jedoch mögliche codierte Karikaturen, besonders Sixtus Beckmesser in Die Meistersinger von Nürnberg sowie Mime und Alberich im Ring des Nibelungen.
Beckmesser wurde als jüdische Karikatur gedeutet, unter anderem wegen seiner pedantischen Haltung und seiner Musik. Dieter Borchmeyer hält diese Annahme für unbelegt: Ein Jude hätte im historischen Nürnberg Beckmessers Ratsamt und gesellschaftliches Prestige nicht erreichen können; außerdem äußerte Wagner selbst nie, die Figur sei jüdisch gemeint. Barry Millington sah in Beckmessers Werbelied eine Parodie jüdischer Sakralmusik. Hermann Danuser widersprach: Die Melismen, also Tonfolgen auf einzelnen Silben, deuteten nicht auf Synagogengesang, sondern sollten eine vom Wort losgelöste und deshalb sinnlose Melodie vorführen.
Theodor W. Adorno deutete negativ gezeichnete Figuren wie den geldraffenden Alberich, den tückischen Mime und den geistig „impotente(n)“ Beckmesser als Judenkarikaturen. Marc A. Weiner und Paul L. Rose entwickelten diese These weiter. Jens Malte Fischer hält vor allem Mime wegen seiner Eigenschaften, seiner kreischenden Stimme und seiner Singweise für jüdisch codiert. Gustav Mahler bezeichnete Mime 1898 sogar als „die leibhaftige, von Wagner gewollte Persiflage eines Juden“. Danuser widerspricht auch hier: Hätte Wagner Mime und Alberich nach seiner eigenen Sprachtheorie aus der Kunstgemeinschaft ausschließen wollen, hätte er bei ihnen auf den Stabreim verzichten können. Tatsächlich verbindet die Alliterationsdichtung alle Figuren des Rings.
Auch die Kategorie der Erlösung ist umstritten. Wagner verband den Fliegenden Holländer und Kundry mit Ahasver, dem „ewigen Juden“. Beide werden im Werk jedoch erlöst: der Holländer durch Sentas Liebe, Kundry durch die von Parsifal vollzogene Taufe. Danuser deutet den Holländer in der späteren Fassung nicht als jüdische Figur, sondern als Selbstbild eines romantischen Künstlers.
Joachim Kaiser, Stefan Mickisch und Christian Thielemann halten antisemitische Aussagen im Werk für nicht nachweisbar. Fischer nimmt dagegen versteckte Anspielungen an, deren zeitgenössischer Code heute schwer verständlich sei. Die Forschung stimmt somit über Wagners persönliche Judenfeindschaft überein, nicht aber darüber, ob und wie sie musikalisch oder dramatisch gestaltet wurde.
Jüdische Anhänger und Konflikte um Aufführungen
Trotz Wagners offenem Antisemitismus bewunderten zahlreiche jüdische Musiker und Intellektuelle seine Werke und trugen zu ihrer Verbreitung bei. Dazu gehörten Angelo Neumann, Carl Tausig, Joseph Rubinstein, Hermann Levi, Gustav Mahler, Bruno Walter, Otto Klemperer, Leonard Bernstein und später Daniel Barenboim. Ihre Haltung zeigt ein Spannungsverhältnis zwischen ästhetischer Faszination und der Ablehnung oder Verdrängung von Wagners Judenfeindschaft. Es lässt sich nicht allgemein mit „jüdischem Selbsthass“ erklären.
Hermann Levi, Sohn eines Landesrabbiners, dirigierte die Uraufführung des Parsifal und gehörte später zu Wagners Sargträgern. Dennoch wurde er von Wagner, dessen Familie und deren Umfeld antisemitisch angefeindet und zur Taufe gedrängt. Joseph Rubinstein arbeitete als Assistent im Wagner-Kreis, wurde dort jedoch als „Hausisraelit“ bezeichnet. Gustav Mahler verehrte Wagner zeitlebens und dirigierte zahlreiche Werke; 1897 konvertierte er zum Katholizismus, weil er befürchtete, seine jüdische Herkunft könne seine Berufung an die Wiener Hofoper verhindern. Leonard Bernstein bezeichnete Wagner als „erstrangiges Genie mit drittklassigem Charakter“ und fasste seine Ambivalenz im Satz zusammen: „Richard Wagner, ich hasse dich, aber ich hasse dich auf meinen Knien!“
In Israel besteht seit 1938 ein gesellschaftliches Aufführungstabu, aber kein förmliches Verbot. Nach den Novemberpogromen weigerte sich das Symphonie-Orchester Palästinas am 12. November 1938, die Meistersinger-Ouvertüre zu spielen. Die Ablehnung verstärkte sich durch Überlebende des Holocaust und durch die Verbindung Wagners mit dem NS-Regime. 1981 führte Zubin Mehtas Versuch, Teile aus Tristan und Isolde zu spielen, zu Protesten. 2001 dirigierte Daniel Barenboim in Jerusalem als Zugabe das Tristanvorspiel und löste erneut heftige Reaktionen aus. Er vertritt die Position: „Wagner war antisemitisch, seine Musik nicht.“ Andere sehen Aufführungen als Verletzung der Opfer oder als problematische Trennung von Künstler und Ideologie. Die Debatte betrifft daher nicht nur Musik, sondern auch Israels Umgang mit dem Holocaust und den Beziehungen zu Deutschland.
Nationalsozialistische Vereinnahmung und Forschungsstreit
Der Bayreuther Kreis verband Wagners Kunst mit deutschnationalen, antisemitischen und rassistischen Vorstellungen. Besonders einflussreich war Houston Stewart Chamberlain, seit dem 26. Dezember 1908 mit Wagners Tochter Eva verheiratet. Seine Wagner-Biographie von 1895 verharmloste Wagners Antisemitismus; Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts verbreitete rassistische Ideen und machte Chamberlain zu einem Wegbereiter des Nationalsozialismus. 1923 unterstützte er Adolf Hitler öffentlich.
Unter Hitler wurden Wagners Werke zum Staatskult erhoben und zur Ästhetisierung und Überhöhung der Politik genutzt. Dabei gingen die Nationalsozialisten selektiv vor: Sie feierten Helden und nationale Motive, ignorierten aber Wagners anarchistische, sozialistische, antimilitaristische und staatskritische Seiten. Nicht alle führenden Nationalsozialisten teilten Hitlers Begeisterung; Alfred Rosenberg lehnte etwa den gebrochenen Wotan des Rings und den starken Individualismus der Figuren ab. Hitler selbst verehrte Wagner seit seiner Jugend, besonders Rienzi und Lohengrin, bezog sich in seinen Reden und in Mein Kampf jedoch nicht ausdrücklich auf Wagners antisemitische Theorien oder Das Judenthum in der Musik. Deshalb bleibt ein unmittelbarer ideologischer Einfluss schwer nachzuweisen.
Winifred Wagner, die von 1930 bis 1944 die Bayreuther Festspiele leitete, stellte Bayreuth in den Dienst des NS-Staates, unterstützte Hitler schon nach dem Putsch von 1923 und hielt auch nach 1945 an ihrer persönlichen Dankbarkeit ihm gegenüber fest. Während des Zweiten Weltkriegs kamen zwischen 1940 und 1944 etwa 100.000 „Gäste des Führers“, vielfach Soldaten, zu den Festspielen. 1943 und 1944 wurden nur Die Meistersinger gespielt. Berichte über Wagner-Musik in Konzentrationslagern widersprechen einander: Einzelne Überlebende erinnerten sich an Lohengrin oder „aggressiv-patriotische Wagnermusik“, die große Mehrheit dagegen an Schlager, Tanzmusik oder andere klassische Werke. Mitglieder von Lagerorchestern erklärten, Wagner sei für Amateurensembles meist zu schwierig gewesen.
Seit den 1970er Jahren rückte der Zusammenhang zwischen Wagner, Bayreuth und Nationalsozialismus stärker in den Mittelpunkt der Forschung. Saul Friedländer untersuchte den „Erlösungsantisemitismus“: eine Form des Judenhasses, bei der die Erlösung eines Volkes oder einer „Rasse“ mit der Vernichtung der Juden verbunden wird. Eine internationale Konferenz in Bayreuth untersuchte 1998 die kulturellen, politischen, historischen und psychologischen Hintergründe sowie Wagners widersprüchliche Beziehungen zu Juden.
Besonders umstritten ist die These einer direkten Linie von Wagner über den Bayreuther Kreis zu Hitler und dem Holocaust. Hartmut Zelinsky, Paul Lawrence Rose und Joachim Köhler sehen starke ideologische Kontinuitäten oder Vorwegnahmen. Kritiker wie Udo Bermbach, Dieter David Scholz, Dina Porat und Jens Malte Fischer wenden ein, solche Deutungen vermischten Metaphern mit späteren Verbrechen, ignorierten historische Zusammenhänge und glätteten Wagners Widersprüche. Hans Mayer betonte, neben antisemitisch-nationalistischen gebe es bei Wagner auch utopisch-sozialistische Ansätze; eine direkte Verbindung zum Nationalsozialismus sei daher „dialektisch falsch“. Thomas Mann urteilte dagegen, es sei „viel ›Hitler‹ in Wagner“, und sah im Werk eine geistige Vorform nationalsozialistischer Züge. Der Forschungsstand verlangt somit eine doppelte Unterscheidung: Wagners Antisemitismus ist eindeutig belegt, während sein Niederschlag im Werk und sein konkreter Anteil an Hitlers Weltbild und am Nationalsozialismus umstritten bleiben.