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Remigration

Rückwanderung und Ruhestand · Transnationale Mobilität: Der aktuelle Wohnort wird als Hauptwohnsitz beibehalten und der Migrant pendelt zwischen den Ländern.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundverständnis
  2. 2. Formen, Typologien und Beweggründe
  3. 3. Erklärungen, Ruhestand und Reintegration
  4. 4. Remigration in der deutschen Geschichte
  5. 5. Politischer Kampfbegriff der Neuen Rechten

Begriff und Grundverständnis

Remigration, auch Rückwanderung oder Rückkehrmigration, bezeichnet den Teil eines Migrationsprozesses, bei dem Menschen nach einer beträchtlichen Zeitspanne in einem anderen Land oder einer anderen Region in ihr Herkunftsland oder ihre Herkunftsregion zurückkehren. Sie verläuft in umgekehrter Richtung zur vorausgegangenen Migration und steht meist am Ende einer Wanderungskette. Der Herkunftsort kann ein Haus, ein Dorf, eine Region, ein Nationalstaat oder ein Kontinent sein.

Üblicherweise bezieht sich Remigration auf die Biografie einer einzelnen Person. Die Rückwanderung von Kindern und Enkeln von Migranten wird in der Migrationssoziologie als „Remigration der 2. Generation“ behandelt. Bei diesen Personen kann die sogenannte Rückkehr tatsächlich eine Auswanderung vom Geburtsort und eine Einwanderung in ein fremdes Land sein.

Formen, Typologien und Beweggründe

Grundsätzlich wird zwischen freiwilliger und erzwungener Rückkehr unterschieden. Bei staatlichem Zwang sind Begriffe wie Rückführung, Abschiebung, Ausweisung oder Deportation üblich. Auch freiwillige Rückkehr kann durch staatliche Institutionen oder Nichtregierungsorganisationen organisatorisch und finanziell unterstützt werden.

Die verbreitete Typologie von Francesco P. Cerase aus dem Jahr 1974 unterscheidet vier Formen:

  • Nach weniger als 5 Jahren: „Fehlschlag der Migration“, etwa wegen Anpassungsschwierigkeiten oder fehlender Erwerbsmöglichkeiten; Orientierung am Herkunftsort.
  • Nach 5–10 Jahren: Rückkehr zur „Bewahrung der Identität“, auch Rückkehr aus Konservatismus genannt. Die Person möchte die Heimatkultur erhalten und im Herkunftsort pflegen.
  • Nach 10–20 Jahren: „Rückkehr zur Innovation“, bei der neue Ideen im Herkunftsort verwirklicht werden sollen. Dieser Fall ist seltener; die Rückkehrer können auf Beharrungswiderstand der lokalen Gesellschaft stoßen.
  • Nach mehr als 20 Jahren: „Heimkehr zum Ruhestand“. Wegen der langen Abwesenheit und der Sozialisation am Auswanderungsort kann die Person dem Herkunftsort entfremdet sein. In dieser Kategorie ist in der Tabelle keine Rückkehrorientierung angegeben.

Jean-Pierre Cassarino ordnet Rückkehrer nach dem Grad ihrer Vorbereitung („preparedness“) ein. Dazu gehören die Fähigkeit, finanzielles Kapital, Qualifikationen und soziales Kapital zu aktivieren und zu nutzen. Gut vorbereitete Rückkehrer können Zeitpunkt und Art der Rückkehr selbst planen, verfügen über hohe Ressourcen und können Rückkehr und Verbleib vergleichen. Am schlechtesten gestellt sind beispielsweise Personen, die wegen einer Abschiebung ausreisen müssen.

Katie Kuschminder unterscheidet vier strategische Verhältnisse: die freiwillige Rückkehr nach langer, meist erfolgreicher Abwesenheit mit starker Eingliederung in beide Kulturkreise; die freiwillige Rückkehr mit dem Wunsch, die Werte des Gastlandes in einer Art Enklave zu bewahren; die freiwillige Rückkehr nach kürzerer, stabiler Abwesenheit mit traditionellen Vorstellungen des Ursprungsortes; sowie die unvorbereitete Rückkehr, etwa nach Abschiebung oder Deportation, unter wirtschaftlich unsicheren Bedingungen.

Rückkehr ist nicht zwingend das Ende eines Migrationsvorgangs. Sie kann Teil eines längeren Verlaufs oder bei Zirkularmigration Teil eines wiederkehrenden Zyklus sein. Je größer der räumliche Abstand zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsort ist, desto geringer ist bei Langzeitmigranten meist die Rückkehrneigung, weil wirtschaftliche, soziale und psychologische Trennungen stärker werden.

Erklärungen, Ruhestand und Reintegration

Als individuelle Gründe kommen grundsätzlich ähnliche Motive wie bei anderen Migrationen infrage. Zusätzliche Pushfaktoren am Aufenthaltsort können Rassismus, Diskriminierung, Heimweh und gesundheitliche Probleme sein. Pullfaktoren des Herkunftsortes sind familiäre und soziale Bindungen, soziale Sicherheit, Pflege durch oder für Verwandte, Kinderbetreuung und der Renteneintritt. Erwartungen werden jedoch häufig enttäuscht, weil sich sowohl die rückkehrende Person als auch die Herkunftsumgebung verändert haben. Daraus können Frustration und der Wunsch nach einer erneuten Ausreise entstehen.

Wirtschaftswissenschaftliche Erklärungen sehen die Rückkehrentscheidung als Nutzenoptimierung. Eine Rolle spielen die Präferenz für Konsum am Herkunftsort, eine höhere Kaufkraft dort, Zielsparen, erworbene Qualifikationen sowie wirtschaftliche Schocks wie Wechselkurs, Kaufkraftparität, Arbeitskraftnachfrage, Lohnniveau, Arbeitslosigkeit und persönliche Zukunftsaussichten. Die empirische Forschung dazu ist gering. Der neoklassische Ansatz erklärt Rückkehr mit einer als falsch erkannten Einschätzung von Aufenthaltskosten und Arbeitsertrag. Die Neue Ökonomie der Arbeitsmigration (NELM) versteht Rückkehr dagegen als Teil einer erfolgreichen Familienstrategie: Migration, Geldverdienen, Rücküberweisungen, Ansparen und anschließende Rückkehr zu einem sichereren und komfortableren Leben werden auf Haushaltsebene verbunden.

Frauen wollen im Geschlechtervergleich seltener zurückkehren als Männer. Ein Grund ist die persönliche und wirtschaftliche Unabhängigkeit, die sie am Aufenthaltsort gewonnen haben und durch die sie nicht zu traditionellen Geschlechterrollen zurückkehren möchten. Zugleich ist Pflege von Nichtfamilienmitgliedern für Migrantinnen häufig eine Einkommensmöglichkeit. Ihre Geldüberweisungen können den Erwartungsdruck mindern, im Herkunftsumfeld selbst Pflegeaufgaben zu übernehmen.

Nach dem Eintritt in das Rentenalter bestehen vier fließend ineinander übergehende Möglichkeiten: transnationale Mobilität mit Beibehaltung des Hauptwohnsitzes und Pendeln, Verbleib am bisherigen Aufenthaltsort, sesshafte Rückkehr an den Ursprungsort und transnationale Rückkehr mit Heimkehr und weiterem grenzüberschreitendem Pendeln. Entscheidend sind unter anderem Geschlecht, Gesundheit, Finanzen, der Wohnort von Kindern und Enkeln sowie bilaterale Abkommen zur sozialen Absicherung. Bei aus Spanien zurückgekehrten britischen Ruheständlern wurden insbesondere Gesundheits- und Pflegeprobleme, steigende Lebenshaltungs- und Gesundheitskosten, Wechselkursänderungen, der Tod des Partners, Familienbezug, Nostalgie, Einsamkeit, Isolation, Abgelegenheit und Sprachbarrieren genannt.

Reintegration bedeutet die Wiedereingliederung oder Wiederaufnahme in eine Gruppe oder einen Prozess. Voraussetzungen und Erwartungen unterscheiden sich bei Verfolgten, Kriegsflüchtlingen, Abgeschobenen, staatlich Unterstützten, Studierenden, Arbeits- und Lifestylemigranten. Seit den 1990er Jahren arbeiten UNHCR, IOM, Nichtregierungsorganisationen und Forschende an gemeinsamen Konzepten. Das Ziel nachhaltiger Reintegration wurde im Globalen Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration von 2018 vereinbart.

Die Forschung weist außerdem auf begriffliche Unschärfen hin: „Re-migration“ kann auch Weiterwanderung bedeuten; „illegal“ sollte nicht für Personen verwendet werden, da nur ein Migrationsvorgang rechtswidrig sein kann. Freiwillige und erzwungene Rückkehr bilden ein Kontinuum, und Kategorien wie Rückkehrer/Nicht-Rückkehrer, erwünscht/unerwünscht oder erfolgreich/missglückt treffen oft nur auf einzelne Aspekte zu. Remigration kann transnationale hybride Identitäten fördern, bei denen Zugehörigkeiten zu mehreren Staaten, Regionen oder Kulturen verbunden werden. Gesellschaftlich können Rückkehrer zur Modernisierung des Herkunftslandes beitragen. Bei dauerhafter Rückkehr können außerdem Rentenkürzungen oder die Erstattung gesetzlicher Rentenversicherungsbeiträge relevant werden.

Remigration in der deutschen Geschichte

Seit dem 19. Jahrhundert gab es wiederholt bedeutende Rückwanderungsbewegungen nach Deutschland. Von den deutschen Auswanderern in die USA kehrten im 19. Jahrhundert durchschnittlich 10 Prozent zurück. Die Remigrationsquote schwankte zwischen 4,7 Prozent im Jahr 1859 und 49,4 Prozent im Jahr 1875. Gründe konnten verschärfte amerikanische Einwanderungsgesetze von 1875 und 1882, eine gescheiterte Integration in die englischsprachige Gesellschaft sowie wirtschaftliche und politische Schwierigkeiten, darunter der amerikanische Bürgerkrieg, sein.

Von etwa 600.000 Deutschen und Österreichern, die während des Nationalsozialismus ins Exil gegangen waren, kehrte nur ein kleiner Teil zurück. Artikel 116 des Grundgesetzes garantierte die Rückerlangung der deutschen Staatsangehörigkeit für Ausgebürgerte. Viele dem Holocaust entronnene Juden wollten jedoch nach 1945 nicht nach Deutschland zurückkehren. Bis 1960 kehrten nur 12.000 Juden zurück; bei politisch Verfolgten war die Remigrationsquote deutlich höher.

Politische Remigranten wie Heinz Kühn, Wilhelm Hoegner, Max Brauer, Herbert Weichmann, Ernst Reuter und Willy Brandt übernahmen später hohe politische Ämter; Brandt wurde Bundeskanzler. Die Gruppe Ulbricht unterstützte aus der Sowjetunion den Aufbau neuer Strukturen in der Sowjetischen Besatzungszone. Viele zurückkehrende Kulturschaffende stießen auf Feindseligkeit und praktische Schwierigkeiten. Während des Zweiten Weltkriegs angeworbene oder verschleppte acht Millionen Zwangsarbeiter kehrten ab 1945 in ihre Heimatländer zurück.

Nach dem Wirtschaftswunder wurden zwischen 1955 und 1968 vor allem aus Südeuropa und der Türkei sogenannte Gastarbeiter angeworben. Von insgesamt 14 Millionen remigrierten 12 Millionen, häufig nach Ablauf zunächst auf ein oder zwei Jahre befristeter Beschäftigungen. Viele Jugoslawen und die meisten Türken blieben jedoch, unter anderem weil eine erneute Einreise nach der Rückkehr nicht erlaubt war und politische Instabilität, besonders die Jugoslawienkriege ab 1991, die Rückkehrneigung verringerte.

Ab 1982 stieg die Zahl türkischstämmiger Remigranten. Als Gründe werden die Kürzung des Kindergelds, ausländerfeindliche öffentliche Diskurse und das Rückkehrhilfegesetz vom 28. November 1983 genannt. Bis 1984 erhielten Berechtigte eine Rückkehrprämie von 10.500 D-Mark sowie die eingezahlten Sozialversicherungsbeiträge.

Politischer Kampfbegriff der Neuen Rechten

Im allgemeinen migrationswissenschaftlichen Sinn bezeichnet Remigration Rückkehr. Die Neue Rechte etablierte den Begriff jedoch als Kampfbegriff und Euphemismus für Vertreibung, Zwangsausweisungen und Deportationen. Das Institute for Strategic Dialogue definierte ihn 2019 im Zusammenhang mit der Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“ als „Zwangsabschiebung von Minderheiten“ und als „weiche Form der ethnischen Säuberung“.

In Frankreich verwendete Bruno Mégret den Begriff bereits in den 1990er Jahren. Renaud Camus propagierte ihn nach seinem Werk Le Grand Remplacement von 2011 als Mittel gegen „Masseneinwanderung“ und „Islamisierung“. Der Begriff wurde zu einem Schlüsselwort des französischen identitären Denkens; Marine Le Pen distanzierte sich später davon.

In Deutschland führten die Identitäre Bewegung, die Neue Rechte und die AfD den Begriff als politische Parole ein. Gemeint war die Rückführung „kulturfremder Menschen“ beziehungsweise nichteuropäischer Migranten in ihre Herkunftsländer. Björn Höcke sprach 2018 von einem „großangelegten Remigrationsprojekt“, das „wohltemperierte Grausamkeit“ erfordere. Am 11. April 2024 erklärte er dagegen, Remigration meine die Rückkehr von 1,5 Millionen Deutschen, die in den vergangenen 30 Jahren ausgewandert seien. Im AfD-Wahlprogramm zur Europawahl 2024 wurden ausdrücklich „Remigrationsprogramme auf nationaler und europäischer Ebene“ gefordert. 2025 verlangte Alice Weidel Rückführungen „im großen Stil“. Im Wahlprogramm der AfD zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 kam die „Rückholung ausgewanderter deutscher Fachkräfte“ hinzu, ohne die Abschiebung „ausreisepflichtiger Ausländer“ auszuschließen.

Die Jury der Sprachkritischen Aktion wählte „Remigration“ mit Gastjuror Ruprecht Polenz zum „Unwort des Jahres 2023“, weil der Ausdruck die Forderung nach Zwangsausweisungen bis hin zu Massendeportationen beschönige. Der Begriff war bereits vor der besonderen Medienaufmerksamkeit um das rechtsextreme Treffen in Potsdam 2023 vorgeschlagen worden, bei dem Martin Sellner einen „Masterplan zur Remigration“ vorgestellt haben soll.

In Österreich demonstrierten FPÖ-Jugendliche 2023 unter dem Schlagwort „Remigration“. Nach Einschätzung Bernhard Weidingers waren damit Massendeportationen von Geflüchteten gemeint. In seinem Buch Remigration: Ein Vorschlag vom 1. März 2024 bezog Sellner Asylbewerber, andere Ausländer und „nicht assimilierte deutsche Staatsbürger“ ein. Er nannte unter anderem „Anpassungsdruck“, eine „Politik der Leitkultur“ und „maßgeschneiderte Sozialgesetze“. Gerichte bewerteten das Konzept als mit Menschenwürdegarantie und Demokratieprinzip unvereinbar beziehungsweise als Hinweis auf eine rechtliche Schlechterstellung. Im Juni 2024 forderte die FPÖ eine „Remigrationskommissarin“; Herbert Kickl griff die Forderung im Wahlkampf zur Nationalratswahl 2024 auf.

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