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Push-Pull-Modell der Migration
Das Push-Pull-Modell der Migration stellt den Kern der ökonomisch motivierten Migrationstheorie dar, die Everett S. Lee (1917–2007) in den 1960er Jahren …
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Grundidee des Modells
Das Push-Pull-Modell erklärt Migration als Ergebnis abstoßender Bedingungen im Ausgangsgebiet und anziehender Bedingungen im Zielgebiet. Push-Faktoren „drücken“ Menschen aus einem Gebiet weg, während Pull-Faktoren sie zu einem anderen Gebiet „ziehen“. Das Modell wurde auf nationale und internationale Wanderungen angewandt und bildet den Kern der ökonomisch motivierten Migrationstheorie, die Everett S. Lee (1917–2007) in den 1960er Jahren aufstellte.
Lees Arbeit von 1966 beruht auf dem Prinzip des „ökonomischen Rationalismus“: Menschen wägen begünstigende und hindernde Bedingungen ab. Migration folgt daraus jedoch nicht automatisch. Wegen natürlicher Trägheit und Risikoscheu reicht selbst ein Übergewicht begünstigender Faktoren nach Lee nicht zwangsläufig aus, damit Menschen tatsächlich wandern.
Die Push-Pull-Theorie gilt unter Migrationsexperten heute als überholt. Außerdem weist der Artikel darauf hin, dass die Definitionen der Pull-Faktoren offenbar widersprüchlich sind und grundsätzlich überarbeitet werden müssen.
Abstoßende Bedingungen
Push-Faktoren werden auch als Migrationsdruck oder „Fluchtursachen“ bezeichnet. Sie können eine freiwillige oder erzwungene Ausreise beziehungsweise Emigration bewirken. Dabei unterscheidet der Text zwischen Primärmigration aus dem Heimatland und Sekundärmigration aus einem späteren Aufenthaltsland. Meist ist nicht ein einzelner Grund entscheidend, sondern das Zusammenwirken mehrerer Faktoren.
Von „qualifizierter Emigration“ spricht der Artikel bei einem nicht bloß vorübergehenden Trend zur Auswanderung.
Zu den sozioökonomischen Gründen gehören Arbeitslosigkeit, geringes Einkommen, Perspektivlosigkeit, Armut und Hunger. Weitere mögliche Ursachen sind eine ungerechte Besitzverteilung und soziale Ungleichheit, hohe Steuern und Abgaben, fehlende Infrastruktur sowie demografische Probleme wie Landknappheit oder Überbevölkerung. Auch kriminelle Strukturen, die mit korrupten Führungseliten zusammenarbeiten, können Menschen zur Ausreise bewegen.
Politische Push-Faktoren sind Krieg, politische Unruhen, Diktatur, Folter, Bürgerkrieg und Völkermord. Hinzu kommen die Missachtung der Menschenrechte, etwa Einschränkungen der Meinungs- oder Religionsfreiheit, sowie Diskriminierung oder Verfolgung aufgrund von Religion, Hautfarbe, Ethnie, politischer Weltanschauung, Geschlecht oder sexueller Orientierung.
Ökologische Gründe umfassen Natur-, Klima- und Umweltkatastrophen wie Überschwemmungen, Erdrutsche, Erdbeben, Vulkanausbrüche, den Anstieg des Meeresspiegels und Dürren. Auch die Verknappung natürlicher Ressourcen kann Migration auslösen, beispielsweise durch Versalzung, Erosion, Überweidung oder Überfischung.
Anziehende Bedingungen
Pull-Faktoren sind Bedingungen, die ein mögliches Zielgebiet attraktiv erscheinen lassen. Im wirtschaftlichen Bereich nennt der Artikel Wirtschaftskraft und Wirtschaftswachstum, gute Verdienstmöglichkeiten, viele Arbeitsangebote, Wirtschaftsförderungsprogramme und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Informelle städtische Wirtschaftsbereiche können insbesondere illegalen Einwanderern einen leichteren Zugang zur Arbeit ermöglichen.
Auch hohe Sozialleistungen werden als möglicher Pull-Faktor genannt. Eine Studie dreier Wissenschaftler der Universität Princeton wies diesen Zusammenhang für Dänemark nach. Ein Migrationsexperte der OECD kritisierte jedoch, dass im untersuchten Zeitraum zugleich die Aufenthaltsregeln für Migranten verschärft wurden. Dadurch sei der festgestellte Effekt der Kürzung von Sozialleistungen „verwaschen“. Zwei österreichische Ökonomen wiesen 2020 ebenfalls einen positiven Effekt von Sozialleistungen auf die Wahl des Aufenthaltsortes bereits Geflüchteter nach. Die genaue Bedeutung dieses Faktors ist daher nicht ohne Vorbehalte zu beurteilen.
Gesellschaftlich können Sicherheit, gute Wohn- und Bildungsmöglichkeiten, religiöse oder sexuelle Toleranz, ein funktionierendes Gesundheitssystem sowie ein breites Dienstleistungs-, Kultur- und Freizeitangebot anziehend wirken.
Zu den demografischen Pull-Faktoren zählen ausreichende Flächen, eine strukturierte Raumplanung und Arbeitskräftemangel, etwa infolge des demografischen Wandels. Wichtig sind außerdem soziale Netzwerke: Migranten wählen häufig Länder, in denen sie bereits Kontakte und Anknüpfungspunkte besitzen oder erwarten. Auch Schlepper und Schleuser sowie Mundpropaganda während der Migration beeinflussen Entscheidungen.
Politische Anziehungskraft entsteht durch günstige Einwanderungsgesetze, die Möglichkeit des Familiennachzugs und andere legale Einwanderungswege. Weitere Faktoren sind die Anerkennung von Einwanderern als Innovationspotenzial, Rechtssicherheit, Frieden und persönliche Freiheit.
Wissenschaftliche Kritik
In der wissenschaftlichen Diskussion wird das Konzept der Push- und Pull-Faktoren teils genutzt und weiterentwickelt, teils abgelehnt. Nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages ist zumindest fraglich, ob sich der genaue Einfluss einzelner, isoliert betrachteter Faktoren auf Migration bestimmen lässt. Neuere Betrachtungen richten sich deshalb stärker auf das komplexe Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Gründe.
Christof Parnreiter kritisiert einen „rückschauenden Reduktionismus“: Erst nachdem eine Migration stattgefunden hat, werde nach plausibel wirkenden Push- oder Pull-Faktoren gesucht. Dadurch drohe ein Bestätigungsfehler, also die Bevorzugung von Erklärungen, welche die bereits angenommene Deutung stützen.
Kirsten Hoesch führt die politische Beliebtheit des Modells besonders auf seine Einfachheit und Suggestivität zurück. Der Direktor des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung, Frank Kalter, bezeichnete die Push-Pull-Theorie als „eine vage Idee, mehr nicht“. Insgesamt wird sie von Migrationsexperten als überholt bewertet.
Grenzen rationaler Erklärungsmodelle
Mit einem Modell der Subjective Expected Utility (SEU) wurde versucht, verschiedene theoretische Erklärungen von Migration zu verbinden. Dabei werden Entscheidungen anhand ihres subjektiv erwarteten Nutzens betrachtet.
Gegen dieses und andere Modelle wird eingewandt, dass sie eine egoistische Orientierung der Individuen voraussetzen und komplexe soziale Beziehungen nicht ausreichend berücksichtigen. Individuelle Entscheidungen maximieren nicht zwingend den Nutzen aller Beteiligten. Als Beispiel nennt der Artikel Wanderungsentscheidungen von Ehepaaren: Empirisch wurde bestätigt, dass solche Entscheidungen im Hinblick auf die berufliche Karriere der Ehefrau häufig suboptimal ausfallen.