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Euphemismus
Funktionen von Euphemismen · Aufwertung: Vielfach werden statt der eigentlichen Bezeichnungen für eine Person, Sache oder Angelegenheit beschönigende …
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Begriff und Grundprinzip
Ein Euphemismus ist ein sprachlicher Ausdruck, der eine Person, Gruppe, Sache oder einen Sachverhalt beschönigend, mildernd oder verschleiernd benennt. Er wird auch Beschönigung, Glimpfwort, Hehlwort, Hüllwort oder Verbrämung genannt. Das Gegenstück ist der Dysphemismus beziehungsweise Kakophemismus: Er wertet das Bezeichnete ab und verbindet es mit negativen Konnotationen.
Euphemismen können bewusst oder unbewusst verwendet werden. Sie sollen Tabus und soziale Normen wahren, Anstößiges vermeiden, Gefühle schonen oder aus Eigennutz täuschen, tarnen und Aufmerksamkeit lenken. Nur ein kleiner Teil der Euphemismen ist dauerhaft im Wortschatz festgelegt. Ob ein Ausdruck als Euphemismus gilt, hängt meist von der Situation ab: Redeanlass, Ort, soziale Gruppe und Absicht der sprechenden Person sind entscheidend.
Beschönigendes Sprechen gibt es in allen Sprachen und vielen Bereichen. Besonders häufig ist es in Politik und Wirtschaft sowie bei Tabuthemen wie Sexualität, Ausscheidungen, Krankheit und Tod. Auch Religion sowie gesellschaftliche und kulturelle Regeln spielen eine wichtige Rolle.
Funktionen und typische Themen
Euphemismen erfüllen vor allem drei eng verbundene Funktionen:
- Aufwertung: Ein Ersatzwort kann Personen, Tätigkeiten oder Sachverhalte besser erscheinen lassen und Höflichkeit oder Wertschätzung ausdrücken. Dies spielt etwa bei sprachlichen Normen der Political Correctness eine Rolle.
- Milderung und Schonung: Drastische, verletzende oder peinliche Aussagen werden abgeschwächt. Das dient Rücksicht, Ehrerbietung und Höflichkeit.
- Verhüllung, Tarnung und Vertuschung: Das Gemeinte wird nicht direkt genannt. Dies geschieht bei strengen Normen und Tabus, aber auch absichtlich, etwa um öffentliche Empörung zu vermeiden oder Menschen politisch zu beeinflussen.
Euphemismen betreffen unter anderem Politik, Wirtschaft, soziale Beziehungen, Religion, Tod, persönliche Eigenschaften und Gefühle, Sexualität, Schwangerschaft, Krankheit, Ausscheidungen und Rauschmittel. Ein Tabu führt jedoch nicht automatisch zu einem Euphemismus: Es kann auch Schweigen, Leugnen oder anderes Vermeidungsverhalten bewirken. Umgekehrt kann ein Euphemismus auch ohne Tabu verwendet werden.
Alltag, Religion und gesellschaftliche Normen
Religiöse und sittliche Regeln können eine mildernde oder verdeckende Ausdrucksweise verlangen. Welche Wörter als angemessen gelten, verändert sich mit der Zeit, etwa bei Sexualität, Hygiene, Schönheitsvorstellungen und Selbstdarstellung.
Religion und Aberglaube gehören zu den ursprünglichen Bereichen euphemistischen Sprechens. Dahinter steht der Glaube, Wort und Bezeichnetes seien eng verbunden. Deshalb werden beispielsweise „Gottseibeiuns“ oder „Leibhaftige“ für den Teufel und „Vater im Himmel“, „Herr“ oder „Allmächtiger“ für Gott verwendet. Solche Ausdrücke werden heute oft nicht mehr als Tarnwörter empfunden; im theologischen Bereich können sie außerdem verschiedene Bedeutungen unterscheiden.
Im sexuellen und körperlichen Bereich fehlen häufig alltagssprachliche, neutrale Begriffe für Geschlechtsteile, Anus, Gesäß und deren Funktionen. Medizinische Fachwörter können zu distanziert, andere Wörter zu vulgär wirken. Daher werden Fremdwörter, kindliche Bezeichnungen oder verdeckende Ortsangaben wie „unten“ und gegebenenfalls „Unterleib“ benutzt. Auch für Geschlechtsakt, Prostitution, Geschlechtskrankheiten, Menstruation, Schwangerschaft und Geburt gibt es zahlreiche regional und zeitlich unterschiedliche Ersatzbezeichnungen.
Soziale Rücksicht zeigt sich etwa bei Alkohol, Armut, Untreue, Alter, Aussehen, Krankheit und Tod. „Trinkt“ mildert gegenüber „ein Säufer ist“; „sozial schwach“ ersetzte im öffentlichen Gebrauch häufig „arm“. Eine „ältere Dame“ relativiert hohes Alter. Für dicke Personen werden etwa „rund“, „kräftig gebaut“, „vollschlank“ oder „Rubensfigur“ verwendet. In Todesanzeigen stehen Umschreibungen wie „sanft entschlafen“, „verschieden“ oder „heimgerufen“; „verstorben“ gilt als pietätvoller als „gestorben“.
Politik, Militär und Wirtschaft
In der Politik werden unbeliebte Maßnahmen oder belastende Tatsachen oft sprachlich gemildert. Spin-Doctors helfen dabei. „Sparpaket“ hatte ursprünglich wegen der Vorstellung eines Geschenkpäckchens eine euphemistische Wirkung, gilt inzwischen aber als konventionalisierte Metapher.
Im militärischen Bereich wurden im 20. Jahrhundert Begriffe wie Krieg und Kriegspolitik zunehmend durch „Wehr-“, „Verteidigungs-“ oder „Sicherheitspolitik“ ersetzt. Für „Waffe“ erscheint im 21. Jahrhundert unter anderem „Wirkmittel“. „Kollateralschaden“ bezeichnet Zerstörung ziviler Einrichtungen und die Tötung von Zivilpersonen bei einem militärischen Angriff; der Ausdruck wurde 1999 in Deutschland zum Unwort des Jahres erklärt. Weitere Beispiele sind „Militärschlag“ für Angriffskriege, „ethnische Säuberung“ für Völkermord oder Vertreibung und „Anti-IS-Einsatz“.
Im Nationalsozialismus dienten Euphemismen besonders der Tarnung. „Umsiedlung“ oder „Evakuierung“ verschleierten Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung. „Euthanasie“ stand euphemistisch für die Tötung geistig, psychisch und körperlich behinderter Menschen, später auch gesunder Unangepasster und arbeitsunfähiger KZ-Häftlinge. „Endlösung“, kurz für „Endlösung der Judenfrage“, meinte die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung.
In der Wirtschaft werden kritische Vorgänge ebenfalls verhüllt: „Freisetzung“ steht für Entlassung, „Preisanpassung“ oder „Preiskorrektur“ für Preiserhöhung, „Gewinnwarnung“ für nicht erreichte Ziele oder Verluste und „Minuswachstum“ für negative Entwicklung. „Preisgünstig“ und „preiswert“ vermeiden die mögliche Nebenbedeutung von „billig“, während „etwas Besseres“ die Kosten eines teuren Produkts ausblendet. In Verkaufsgesprächen werden „Preis“, „Kosten“ und „kaufen“ häufig durch Formeln wie „in ein Produkt investieren“ ersetzt.
Gruppen und sprachliche Formen
Berufsbezeichnungen werden oft aufgewertet, um Arbeit oder Status positiver darzustellen: „Raumpflegerin“ statt „Putzfrau“, „Kindergartenpädagogin“ statt „Kindergärtnerin“ oder „Fachkraft für Bürokommunikation“ statt „Bürogehilfin“. Daneben gibt es firmenspezifische Bezeichnungen wie den als Warenzeichen geschützten „Sandwich Artist“ von Subway.
In der Soldatensprache dienen derbe, zynische oder sarkastische Ausdrücke oft als psychische Kompensation angesichts von Verwundung und Tod. Nicht jeder scherzhafte Jargonausdruck ist ein Euphemismus, etwa „knitterfreier Zylinder“ für Stahlhelm oder „Argumentationsverstärker“ für Waffe. Tatsächliche Euphemismen können die Gefahr des Krieges verdecken: „Dauerregen“ für Trommelfeuer, „Grill“ oder „Handofen“ für Flammenwerfer, „Schneeballschlacht“ für Handgranatenkampf und „den Gegner neutralisieren“ für töten oder kampfunfähig machen. „Fallen“ für „im Krieg getötet werden“ ging in die Allgemeinsprache über.
Euphemismen entstehen durch Umschreibungen, Metaphern, Über- oder Untertreibungen, Fremd- und Fachwörter, Abkürzungen, Akronyme, Wortspiele und Ironie. Medizinische Wörter wie „Koitus“, „Penis“, „Vagina“ und „Hymen“ können Sexualität distanziert benennen. Englische Bezeichnungen wie „Facility Manager“, „Chief Executive Officer“, „Sales Manager“, „Event“, „Flyer“ oder „City“ können modern, international oder bedeutender wirken.
Auch Schreibweisen und Wortveränderungen können beschönigen: etwa „Clo“ statt „Klo“ oder „Erotic“ statt „Erotik“. Auslassungen zeigen sich bei „00“ oder Piktogrammen für Toiletten. „Wir“ und unpersönliches „es“ können ein direktes „ich“ oder einen Angriff mildern. Abkürzungen wie „WC“ und „BH“, Verkleinerungen wie „Popo“ oder „Popscherl“ sowie Veränderungen wie „Sapperment“ für „Sakrament“ vermeiden direkte Benennungen.
Folgen und universelle Verbreitung
Die sogenannte Euphemismus-Tretmühle beschreibt, dass ein Euphemismus mit der Zeit die negativen Konnotationen seines Vorgängers übernehmen kann. Seine aufwertende, beschönigende oder tarnende Wirkung nutzt sich ab; der Ausdruck kann ironisch oder zynisch wirken. Diese Bedeutungsverschlechterung heißt Pejoration. „Erotik“ bezeichnet einerseits weiterhin feinfühlige Sinnesfreude, wird andererseits aber zunehmend als Synonym für Sex und Pornografie verwendet. Auch „Abenteuer“ und „Erlebnis“ verlieren durch Ausdrücke wie „Abenteuerurlaub“ und „Erlebnispark“ an Intensität.
Manche früheren Euphemismen werden dagegen neutral. „Bär“ bedeutete im Althochdeutschen ursprünglich „Brauner“ und war eine verhüllende Bezeichnung für das wilde Tier. „Aufklärung“ wurde im politisch-militärischen Bereich als Tarnwort für Spionage verwendet, gilt heute jedoch weitgehend als neutral. Andere Ausdrücke werden zu Schimpfwörtern: „Krüppel“ und „Idiot“ bezeichneten ursprünglich körperlich beziehungsweise geistig behinderte Menschen, dienen heute aber fast ausschließlich als abwertende Wörter. Ständiger Ersatz kann auch ältere Wörter verdrängen, etwa „Privet“ für Toilette, „Valant“ für Teufel und weitgehend auch „Abort“ für Klo.
Euphemismen sind ein universelles Phänomen, weil ähnliche außersprachliche Bedingungen in vielen menschlichen Gemeinschaften bestehen: religiöser Glaube, Tabus und Empathie; Lebensanfang, Lebensbedrohung und Lebensende; Anstand, Würde und gesellschaftliches Ansehen; Verhalten zu Konsum, Partnerschaft und anderen Gruppen; sowie Haltungen wie Pietät, Prüderie, Toleranz oder die Absicht, andere zu beeinflussen.