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Religionsgeschichte
So entsteht eine Basis, die für das glaubensunabhängige Vergleichen verschiedener Religionen (komparative Religionswissenschaft) essentiell ist. In der Praxis …
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Gegenstand und Vorgehen
Religionsgeschichte ist ein universitäres Fach und untersucht, wie sich Religionen und Religiosität historisch sowie in der Gegenwart entwickeln. Entscheidend ist dabei ihr jeweiliger historischer Kontext.
Zunächst erforscht sie einzelne Religionen in ihrer eigenen Geschichte und Tradition. Anschließend kann sie Glaubenssysteme nach funktionalen oder typologischen Kriterien ordnen, klassifizieren und systematisch erfassen. Damit schafft sie eine Grundlage, verschiedene Religionen glaubensunabhängig zu vergleichen; dies ist für die komparative Religionswissenschaft wesentlich.
Der Übergang zur eigenständigen Religionswissenschaft ist in der Praxis fließend. Eine phänomenologische Strömung lehnt jedoch Vergleiche und geschichtlich-chronologische Einordnungen ab: Sie versteht „Religion“ als Abstractum und betont die Einzigartigkeit einzelner religiöser Vorstellungen.
Zentrale Forschungsfrage
Eine grundlegende Frage lautet: „Unterliegt die Religionsentwicklung einer direkten soziokulturellen Evolution oder ist sie nur ein Nebenprodukt anderer kognitiver Entwicklungen?“
Ein evolutionärer Prozess setzt selektive Faktoren voraus. Die Frage kann deshalb nur beantwortet werden, wenn zweifelsfreie Faktoren festgestellt werden, durch die gläubige Menschen Überlebensvorteile erhalten.
Entwicklung der Disziplin
Im 19. Jahrhundert wurde Religionsgeschichte häufig evolutionistisch und teils kolonialistisch-darwinistisch gedeutet. Religionen wurden dabei oft als lineare Entwicklung von als „primitiv“ bewerteten Formen – etwa Animismus, Totemismus oder dem sogenannten Urmonotheismus Wilhelm Schmidts – über Polytheismus zum Monotheismus und zu „Hochreligionen“ dargestellt. James Frazer postulierte eine Entwicklung von Magie über Religion zur Wissenschaft.
Solche teleologischen Modelle, also Modelle mit einem vorgegebenen Ziel höherer Entwicklung, beruhten oft auf unzureichenden empirischen Grundlagen. Sie enthielten Wertungen und ließen sich vielfach nicht auf konkrete religionsgeschichtliche Ereignisse anwenden. Edward Burnett Tylor gehörte zu den wenigen Forschern, die schon damals betonten, dass religiöse Evolution kein stetiges Aufwärtsschreiten sei. Heute spielen evolutionistische Stufenmodelle vor allem als Teil der Fachgeschichte und als Materiallieferanten eine Rolle.
Als Gegenbewegung entstand eine egalitär beschreibende, phänomenologische Sichtweise. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass „Geschichte“ ihren Inhalt verlieren könne, wenn Entwicklungen und das Verhältnis des Späteren zum Vorausgehenden nicht mehr untersucht werden; genannt werden etwa Leslie White und weitere Vertreter des Neoevolutionismus. In neuerer Zeit tritt Religionsgeschichte als Universalgeschichte gegenüber der Geschichte einzelner Religionen oder Kulturräume zurück. Theorien wie Säkularisierung und Pluralisierung erhalten jedoch wieder mehr Aufmerksamkeit.
Entwicklung und Verhältnis zur Religionswissenschaft
In Deutschland wurde 1912 in Leipzig für den schwedischen Religionsphänomenologen Nathan Söderblom der erste Lehrstuhl für Religionsgeschichte eingerichtet. Dies war eine neue Entwicklung in der wissenschaftlichen Erforschung von Religionen, obwohl Kirchen eher an konfessionell gebundener Theologie interessiert waren. Da sich das Fach historisch aus christlichen Theologien entwickelte, ist es häufig an theologischen Fakultäten angesiedelt. Aus der Religionsgeschichte entwickelte sich später die Religionswissenschaft; die christliche Sichtweise wirkt laut Artikel weiterhin hemmend auf die Forschung.
Religionsgeschichte beziehungsweise Historische Religionswissenschaft erschließt wissenschaftlich Wesen, Geschichte und Erscheinungswesen der Religionen. Beide Fächer untersuchen regionale Traditionen, religionshistorische Dynamiken, religionsanaloge Formationen und theoretische Ansätze. Religionswissenschaft als Kulturwissenschaft an Philosophischen Fakultäten befasst sich besonders mit gegenwärtigen religiösen Transformationen, etwa postmoderner Spiritualität, Religion und Populärkultur, Religion und digitalen Spielen sowie Theorien zu Medialisierung von Religion, Religion, Politik und Identitätspolitik und Material Religion.
Die praktischen Unterschiede beider Fächer können gering sein. Eine vertretene Abgrenzung lautet: Religionsgeschichte untersucht Religionen „in der Tiefe“, Religionswissenschaft stellt sie „in der Breite“ gegenüber und vergleicht sie. Religionsgeschichte liefert damit Grundlagen für eine systematische Religionswissenschaft und ist enger mit ihr verbunden als etwa Religionssoziologie oder Religionspsychologie. Dies zeigt auch die Umbenennung der größten deutschen Vereinigung: Bis 2005 hieß sie „Deutsche Vereinigung für Religionsgeschichte e. V.“ (DVRG), heute „Deutsche Vereinigung für Religionswissenschaft e. V.“ (DVRW). An manchen Universitäten können beide Fächer studiert werden.