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Soziokulturelle Evolution

Die drei grundlegenden Mechanismen der biologischen Evolution – Variation, Selektion und Reproduktion –, die eine dauerhafte Anpassung und weitestgehende …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundidee
  2. 2. Von linearen zu offenen Modellen
  3. 3. Klassische Evolutionstheorien
  4. 4. Kritik und Neoevolutionismus
  5. 5. Weitere moderne Ansätze und Debatten

Begriff und Grundidee

Soziokulturelle Evolution bezeichnet die langfristige, schrittweise Entwicklung kultureller und sozialer Äußerungen menschlicher Gesellschaften sowie die Theorien, die diese Entwicklung erklären sollen. Sie ist wichtig, weil sie Beziehungen zwischen Technik, sozialer Struktur und Werten einer Gesellschaft und deren Wandel untersuchen will.

Als Vergleich dienen drei Mechanismen der biologischen Evolution: Variation, Selektion und Reproduktion. Beim Menschen wirken sie in veränderter Form. Entscheidend ist die Sprache: Sie bildet die Welt in Bezeichnungen und Begriffen ab, speichert und vervielfältigt Informationen ähnlich wie ein genetischer Code und ermöglicht die Weitergabe kultureller Eigenschaften über Generationen. Kulturelle Informationen verändern sich jedoch viel schneller als biochemische Prozesse. Menschen lernen vor allem im Austausch mit anderen; dabei werden auch Absichten, Meinungen, Wertungen und Deutungen vermittelt. Die Ergebnisse sind daher kulturelle Vielfalt von Symbolen, Ideen, Theorien und Produkten.

Menschen besitzen natürliche soziale Tendenzen, doch ihr Verhalten wird zu großen Teilen nicht genetisch, sondern durch soziale Umgebung und Interaktion gelernt. Gesellschaften stehen zugleich mit anderen Gesellschaften und mit natürlichen Ressourcen und Begrenzungen in Beziehung. Anpassungen und Veränderungen sind deshalb im Allgemeinen nötig. Theorien unterscheiden sich vor allem darin, ob sie Gesellschaften auf Entwicklungsstufen einordnen und wie sie Variation sowie sozialen und kulturellen Wandel erklären.

Von linearen zu offenen Modellen

Die Modelle lassen sich nach Entwicklungslinien, Komplexität und Bewertung grob in drei Typen einteilen. In der Forschungsgeschichte wechselten Phasen linearer Entwicklungsvorstellungen mit Gegenbewegungen, die Relativismus und die Besonderheit einzelner Kulturen betonten. Davor Löffler fasst die Abfolge so zusammen: unilinearer Evolutionismus (ca. 1840–1880), Historismus, Kulturrelativismus und historischer Partikularismus (1880–1940), Neoevolutionismus in den USA und ideeller Evolutionismus in der BRD (1940–1990), quantitativ-darwinistische Kulturevolutionsforschung und postmoderner Relativismus (1980–2020) sowie neosynthetische Kulturevolutionsforschung seit den 2010er Jahren.

Der unilineare Evolutionismus nimmt eine vorherbestimmte Entwicklung zu immer höheren, komplexeren Stadien an. Gegenwärtige Jäger-und-Sammler-Gesellschaften oder sogenannte „Naturreligionen“ wurden dabei oft mit frühen Stufen der Menschheitsgeschichte gleichgesetzt. Höhere Komplexität galt als Verbesserung, ältere Formen als primitiv und unterentwickelt.

Der multilineare Neoevolutionismus nimmt ebenfalls meist zunehmende Komplexität an, aber keine vorgegebene einheitliche Entwicklungsbahn. Gesellschaften können sich auf unterschiedlichen Wegen entwickeln und Stufen überspringen. Ina Wunn kritisiert, dass Wertungen von unterentwickelten und hochentwickelten Kulturen häufig weiter unreflektiert bleiben.

Kulturrelativistische Modelle gelten im Artikel als Stand der Wissenschaft. Sie beschreiben eine ungerichtete Entwicklung zu nicht vorherbestimmten Stadien bei wachsender Komplexität des Gesamtsystems. Technik oder Kulturformen sind nicht besser oder schlechter, sondern anders. Solche Modelle berücksichtigen Querverbindungen, Vermischungen und mögliche Rückentwicklungen; die Rekonstruktion eines ursprünglichen Zustands gilt meist als skeptisch oder hoch spekulativ.

Klassische Evolutionstheorien

Frühe Theorien der Aufklärung gingen davon aus, Gesellschaften entwickelten sich vom „primitiven“ Anfang zu einem höchsten Stadium. Adam Ferguson, John Millar und Adam Smith beschrieben vier Stufen: Jäger und Sammler, Viehzucht und Nomadentum, Landwirtschaft und Handel. Im 19. Jahrhundert verbanden soziokultureller Evolutionismus, soziale Zyklustheorien und historischer Materialismus nach Karl Marx und Friedrich Engels die Geschichte meist mit einer teleologischen, also auf ein Ziel gerichteten, Entwicklung zu Fortschritt und kultureller Höherentwicklung.

Auguste Comte formulierte das Gesetz der drei Stufen: Auf die theologische Erklärung der Natur durch Mythen folgt die metaphysische Erklärung durch immaterielle oder übernatürliche Wesen; im Positivismus werden Naturphänomene durch innerweltliche und empirisch prüfbare Beziehungen erklärt. Herbert Spencer verstand Gesellschaften als Organismen, die sich vom Einfachen zum Komplexen entwickeln. Er unterschied militärische, zentralisierte und auf Zwang ausgerichtete Gesellschaften von industriellen, dezentralen und durch freiwillige Kooperation geprägten Gesellschaften.

Lewis Henry Morgan unterschied in Ancient Societies (1877) Wildheit, Barbarei und Zivilisation. Technische Neuerungen trennten diese Zeitalter: Feuer, Bogen und Töpferei; dann Domestizierung, Landwirtschaft und Metallverarbeitung; schließlich Alphabet und Schrift. Émile Durkheim beschrieb sozialen Fortschritt als Übergang von mechanischer zu organischer Solidarität. Organische Solidarität bedeutet stärkere gegenseitige Abhängigkeit durch Spezialisierung und Arbeitsteilung.

Tylor und Morgan ordneten zeitgenössische Gesellschaften als „primitiv“ oder „zivilisiert“ ein, setzten feste Stufen und eine für alle gleiche Reihenfolge voraus. Fortschritt wurde etwa als größere soziale Komplexität, Arbeitsteilung oder intellektuelle Vollkommenheit verstanden. Weitere klassische Modelle waren unter anderem Ferdinand Tönnies’ Entwicklung zu einer formal-rationalen Gesellschaft sowie Max Webers Idealtypen charismatischer, traditioneller und legaler Herrschaft; bei Weber gilt legale Herrschaft mit Gesetz, Staat und Bürokratie als am weitesten entwickelt.

Kritik und Neoevolutionismus

Der klassische Evolutionismus wurde besonders wegen seines Ethnozentrismus kritisiert: Er machte westliche Zivilisation zum Maßstab, setzte materielle Kultur wie Technik und Städte mit Zivilisation gleich und verwechselte Evolution mit Fortschritt oder „survival of the fittest“. Außerdem wird seine Annahme zurückgewiesen, alle Kulturen durchliefen dieselben Stufen und hätten dasselbe Ziel. Diffusionisten sahen Kulturkontakte als wichtige Ursache sozialen Wandels. Franz Boas sowie Ruth Benedict und Margaret Mead zeigten mit strengerer Ethnografie, dass viele frühere Stufenmodelle spekulativ waren und ethnografische Daten falsch deuteten. Sogenannte „primitive“ Gesellschaften haben ebenso Geschichte und Entwicklung wie sogenannte „zivilisierte“.

Die Theorien wurden zudem zur Rechtfertigung von Sozialdarwinismus, „wissenschaftlichem“ Rassismus, Kolonialismus, Sklaverei, Eugenik und ungleichen wirtschaftlichen Verhältnissen benutzt. Die Erfahrungen der Weltkriege von 1914 bis 1945 verstärkten die Zweifel an einer einfachen Fortschrittsidee.

Der Neoevolutionismus entstand in den 1930er Jahren, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ausgebaut und in den 1960ern in Anthropologie und Soziologie verankert. Er arbeitet mit archäologischem, paläontologischem und historischem Material, vermeidet moralische und kulturelle Werturteile und ersetzt Determinismus durch Wahrscheinlichkeit, Zufall und freien Willen. Kulturen können unterschiedliche Wege nehmen oder Stufen überspringen.

Leslie White maß Entwicklung an der genutzten Energie und unterschied fünf Stufen: menschliche Muskelkraft, domestizierte Tiere, Pflanzen beziehungsweise Landwirtschaft, natürliche Ressourcen wie Kohle, Öl und Gas sowie Atomenergie. Seine Formel lautet P = E · T; E ist die verbrauchte Energie, T die Effizienz der technischen Faktoren. Julian Steward erklärte mit multilinearer Evolution, dass Gesellschaften sich durch Technik, Ressourcennutzung und Arbeitsorganisation unterschiedlich an ihre Umgebung anpassen. Marshall Sahlins unterschied allgemeine Evolution zu mehr Komplexität und Anpassung von spezieller Evolution durch unterschiedliche Kombinationen und Zeitpunkte kultureller Einflüsse. Gerhard Lenski stellte Informationsmenge und Informationsnutzung in den Mittelpunkt.

Weitere moderne Ansätze und Debatten

In der Soziologie entwickelte Norbert Elias seit den 1930er Jahren eine Theorie langfristiger Zivilisierungsprozesse. Sie verbindet die Entwicklung von Sozialstruktur und Persönlichkeitsstruktur, ist empirisch orientiert und normativ zurückhaltend. Günter Dux betont die „prozessuale Logik im kulturellen Wandel“. Talcott Parsons nannte vier evolutionäre Subprozesse: Teilung in funktionale Subsysteme, Anpassung, Aufnahme neuer Elemente und Generalisation von Werten. Seine Einteilung in primitive, archaische und moderne Gesellschaften bleibt jedoch auf eine westliche Spitze der Entwicklung ausgerichtet.

Modernisierungstheorien der 1950er und 1960er Jahre beschreiben einen Weg von traditionellen zu entwickelten Gesellschaften und sahen westliche Staaten als am weitesten entwickelt an. Walt Whitman Rostow erläuterte wirtschaftliche Modernisierung mit einem Take-off-Modell. Die Theorie wurde wie der klassische Evolutionismus als ethnozentrisch und westlich einseitig kritisiert.

Theorien der postindustriellen Gesellschaft erwarten, dass Dienstleistungen und Information gegenüber Industrie und Güterproduktion wichtiger werden. Daniel Bell unterschied präindustrielle, industrielle und postindustrielle Gesellschaften. Kennzeichen der letzten Stufe seien unter anderem der Dienstleistungssektor, Informationstechnik, langfristige Planung, Technokratie, hochgebildete Spezialisten und veränderte soziale Schichten. Solche Zukunftsprognosen bleiben nach Kritikern unsicher.

Die Soziobiologie, von Edward O. Wilson in Sociobiology: The New Synthesis (1975) eingeführt, erklärt soziale Verhaltensmuster mit evolutionären Mechanismen und nimmt eine doppelte Vererbung an: biologische und soziokulturelle Evolution folgen eigenen Übertragungs- und Selektionsmechanismen. Sie ist umstritten, weil Gene als Faktor menschlichen Verhaltens gelten, dessen Zusammenspiel mit Kultur jedoch komplex und schwer vorhersehbar ist.

Aktuelle politische Debatten fragen, ob Entwicklung und Fortschritt Freiheit und Würde kosten können und wie Gesellschaft und Umwelt in Einklang zu bringen sind. Postmoderne Ansätze bezweifeln, ob Begriffe wie Evolution und Gesellschaft neutral oder überall gleich verständlich sind; Beobachtende könnten den beschriebenen Kulturen eigene Maßstäbe durch Eroberung oder Kolonisation aufzwingen.

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