Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Religionsethnologie

Forschungsgegenstand der Religionsethnologie sind beispielsweise Mythen, Riten und Rituale, Opfer, Denkweisen, Zusammenhänge zwischen Wirtschaftsform, …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand, Ziele und Teilgebiete
  2. 2. Entwicklung der Forschungsansätze
  3. 3. Verstehen, Deuten und kritische Selbstprüfung
  4. 4. Symbole, Mythen und Rituale

Gegenstand, Ziele und Teilgebiete

Die Religionsethnologie ist ein Fachgebiet der Ethnologie und zugleich ein Teilbereich der Religionswissenschaft. Sie untersucht traditionelle Religionen ethnischer Gruppen und indigener Völker weltweit, besonders in gegenwärtigen oder ehemals schriftlosen Kulturen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Religion in den Gesamtzusammenhang einer Kultur eingebettet ist und mit welchen Methoden sie untersucht werden kann.

Dabei geht es gewöhnlich nicht um theologische oder philosophische Wahrheitsfragen. Untersucht werden vielmehr die gesellschaftliche und individuelle Bedeutung religiöser Vorstellungen, Handlungen und Erzeugnisse. Die Forschung betrachtet daher vor allem gelebte Religion, also tatsächlich ausgeübte Praktiken, und weniger die Auslegung offiziell gelehrter Religion. Sie versucht, religiöse Erscheinungen aus der Perspektive der jeweiligen Kultur zu verstehen, und enthält sich bewusst einer Wertung.

Zu den Forschungsgegenständen gehören Mythen, Riten und Rituale, Opfer, Denkweisen, sakrale Gegenstände, der Umgang mit Ahnen und Gottesvorstellungen. Außerdem untersucht das Fach die Beziehungen zwischen Religion, Wirtschaftsform und Sozialorganisation. Spezialisierte Teilgebiete sind die Religionsethnographie, die religiöse Praktiken und Vorstellungen beschreibt, sowie die Religionsethnohistorik, die deren historische Entwicklung erforscht.

Entwicklung der Forschungsansätze

Als Begründer der Religionsethnologie gelten Edward B. Tylor (1832–1917), James George Frazer (1854–1941) und Émile Durkheim (1858–1917). Sie bezogen als Erste auch bewusstseinspsychologische Aspekte in die Forschung ein. Das erste ausdrücklich so bezeichnete Standardwerk, „Religions-Ethnologie“, veröffentlichte Carl August Schmitz (1920–1966) im Jahr 1964. Eine internationale Forschergruppe zum Thema „Ethnology of Religion“ wurde 1933 von Nils-Arvid Bringéus in Stockholm eingerichtet, um religiöse Praktiken im Alltag zu untersuchen. Der Begriff Religionsethnologie setzte sich hauptsächlich im deutschen Sprachraum durch; im angelsächsischen Raum spricht man seit etwa 1940 überwiegend von „anthropology of religion“ oder kulturanthropologischen Studien.

Frühe Ethnologen suchten vor allem nach dem Ursprung der Religion. Sie betrachteten sogenannte „primitive“ Gesellschaften als frühe Entwicklungsstufen der Menschheit und entwarfen daraus evolutionistische Modelle. Bis in die 1930er Jahre war die Vorstellung verbreitet, Magie beziehungsweise Animismus gehe stufenlos in Religion über. Paul Radin widersprach dem Hinweis, dass auch in ursprünglichen Stammesgesellschaften Monotheismus verbreitet sei. Als Beispiel nannte er die Muttergottheit Gauteovan der Kagaba in Kolumbien. Sie werde weder unmittelbar im Gebet angesprochen noch durch Kulte verehrt. Gegen dieses Beispiel wurde eingewandt, eine dauerhafte religiöse Hingabe könne bei vielen Gruppen erst durch Missionare entstanden sein.

Bronisław Malinowski kritisierte die evolutionistischen Theorien ebenfalls. Bereits in den 1920er Jahren entwickelte er einen funktionalistischen Ansatz und leitete damit einen Paradigmenwechsel ein. Außerdem etablierte er die teilnehmende Beobachtung als wichtigste Methode der Religionsethnologie: Forschende nehmen am Alltag einer Gruppe teil und beobachten religiöse Praktiken in ihrem kulturellen Zusammenhang. Der an Durkheim orientierte Strukturfunktionalismus Alfred R. Radcliffe-Browns fragte vor allem danach, wie Religion die Gesellschaft stabilisiert und Gruppenstrukturen erhält.

Verstehen, Deuten und kritische Selbstprüfung

E. E. Evans-Pritchard wandte sich in „Theories of Primitive Religion“ (1965) gegen die Einordnung afrikanischer Religionen als „primitiv“. Statt nur ihre gesellschaftlichen Funktionen zu untersuchen, wollte er religiöse Systeme anhand ihrer eigenen Voraussetzungen und ihrer inneren Logik rekonstruieren und verstehen. Bei den Nuer und anderen afrikanischen Gruppen werden beispielsweise Hochgötter als Schöpfer der Welt und Beweger aller Dinge anerkannt. Im religiösen Alltag ruft man sie jedoch nur in äußersten Krisen an, weil sie als zu weit entfernt oder zu gut gelten. Geister und Naturerscheinungen werden als Manifestationen verstanden, die nur in Bezug auf Gott erklärbar sind.

Seit den 1960er Jahren rückten die Inhalte der Religionen und ihre symbolischen Formen stärker in den Mittelpunkt. Mary Douglas, Victor W. Turner und besonders Clifford Geertz leiteten eine interpretative Wende ein. Douglas untersuchte, wie die Ordnung der Dinge, etwa die Einteilung in „rein“ und „unrein“, religiös bestätigt wird. Geertz verstand Religionen als weltweit verbreitete, aber gesellschaftlich jeweils besondere Symbolsysteme. Sie erzeugen einen Ordnungsrahmen für die Welt, verleihen ihm eine Aura des Faktischen und leiten und motivieren dadurch menschliches Handeln.

Seit den 1980er Jahren wurde auch dieser Ansatz kritisiert, weil es in außereuropäischen Kulturen nicht immer eine Entsprechung zum westlichen Religionsbegriff gibt. Die Forschung hinterfragte nun die Rolle von Ethnologen als westlich und universalistisch geprägten Autoren. Sie untersuchte auch, wie ihre Darstellungen sowie Missionare und Kolonialbeamte religiöse Erscheinungen ignoriert, verändert, geschaffen oder zerstört haben könnten. So wurde die Unterscheidung zwischen der „großen Tradition“ des brahmanischen Hinduismus und einer abgewerteten „primitiven“ Volksreligion als Ergebnis eines missionarisch-orientalistischen Diskurses gedeutet.

In jüngerer Zeit richtet sich das Fach nicht mehr hauptsächlich auf vermeintlich „fremde“ ethnische Glaubensvorstellungen. Es untersucht religiöse Praktiken auch im Zusammenhang mit Migration, Transnationalität und Diaspora. Dabei betrachtet es die Entstehung und Auflösung ethnisch-religiöser Gruppen sowie synkretistische Volksreligionen, die Elemente verschiedener Religionen verbinden, und Erweckungsbewegungen. Eine entsprechende Fragestellung hatte Max Weber bereits in seinem um 1914 verfassten Text über Typen religiöser Vergemeinschaftung skizziert.

Symbole, Mythen und Rituale

Ein wichtiger Beitrag der Religionsethnologie zur Religionswissenschaft ist die Erforschung von Symbolsystemen. Symbole sind wahrnehmbare Zeichen, Gegenstände oder Handlungen, die innerhalb einer Kultur weiterführende Bedeutungen tragen. Claude Lévi-Strauss sah die Hauptaufgabe der Ethnologie darin, die Grundstrukturen symbolischen Denkens zu erforschen, und erweiterte das Fach dadurch zu einer Anthropologie der Kommunikation. Edmund Leach arbeitete anschließend komplexe Klassifikationen und Benennungssysteme von Symbolen heraus. Im Zentrum der Symbolforschung stehen vor allem Mythos und Ritual.

Mary Douglas verband Rituale mit Gesellschaftsordnungen. Sie erforschte beispielsweise die Symbolik körperlicher Erfahrungen wie „Reinheit“. Nach ihrem Ansatz vermitteln solche Vorstellungen soziale Ordnung und rituelle Inszenierung symbolisch.

Victor W. Turner, ein Vertreter der Manchester School of Anthropology, entwickelte eine Theorie religiöser Symbolik. Für ihn bestehen Rituale aus Verbindungen vieler Symbole. Durch die Untersuchung ihrer elementaren Zusammenstellungen soll sich das Ritual entschlüsseln lassen. Ein Symbol kann mehrere Bedeutungen besitzen. Im Ritual macht es gesellschaftliche und individuelle Zusammenhänge wie Konflikte, Werte, Hoffnungen und Widersprüche sinnlich erfahrbar und erzeugt dadurch Sicherheit. Während eines Rituals können sich die Beteiligten zeitweilig von der bestehenden Sozialordnung entfernen. Diesen Schwellenzustand bezeichnet Turner als Liminalität; in ihm kann beispielsweise gesellschaftliche Ungleichheit vorübergehend aufgehoben sein.

Clifford Geertz gilt als bedeutendster Vertreter der symbolischen Richtung der Kulturanthropologie. Er untersuchte die kulturellen Symbolsysteme einer Gesellschaft einschließlich religiöser Symbole und Rituale. Seine Methode der dichten Beschreibung soll nicht nur einzelne Beobachtungsdaten wiedergeben, sondern die gesamte Komplexität der damit verbundenen kulturellen Bedeutungen erfassen.

Weiterlesen

Latein Verben ; Perfekt- stamm · 2. Person Singular Perfekt Konjunktiv Aktiv, du habest geliebt, amāv-, -eri- ; Perfekt- stamm · 3. Person Plural Plusquamperfekt Indikativ … Altgriechische Sprache ... weil die Person im Normalfall schon durch das Verb angegeben ist. In den übrigen Kasus wird zwischen den enklitischen unbetonten Formen (etwa με me) und … Ethnische Religionen Ethnische Religionen (auch traditionelle Religionen, populär aber veraltet auch Naturreligionen) werden alle mündlich oder durch Rituale überlieferten … Indigene Völker Land- und Ressourcenkonflikte. Bearbeiten. Häufig umstrittene Fragen sind die Rechte an Landbesitz, teils umfassender an ganzen Landflächen. Viele indigene … Religionssoziologie Sie befasst sich mit den sozialen Voraussetzungen von Religion, mit den sozialen Formen, die Religion annimmt, und dem Einfluss von Religion auf Gesellschaften … Religionswissenschaft Die Religionswissenschaft ist eine Geisteswissenschaft oder auch Kulturwissenschaft, die Religion empirisch, historisch und systematisch erforscht. Religion Geschichte konkreter Religionen · Afrikanische Religionen · Bahaitum · Buddhismus · Christentum · Daoismus · Hinduismus · Islam · Jainismus … Kultur Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alle Erscheinungsformen menschlichen Daseins, die auf bestimmten Wertvorstellungen und erlernten Verhaltensweisen … Theologie Theologie in anderen Religionen · Judentum · Islam · Hinduismus · Wicca und Neopaganismus. Ethnographie Geschichte. Bearbeiten. Seit der Antike sind Aufzeichnungen über fremde Kulturen, im heutigen Sprachgebrauch Ethnographien (Völkerbeschreibungen) bekannt … Émile Durkheim Die Selbsttötungsrate bei Männern ist höher als bei Frauen. · Alleinstehende haben eine höhere Rate als Verheiratete. · Kinderlose Ehepaare zeigen eine höhere … Monotheismus Der Monotheismus ist eine Form des Theismus. Damit werden diese in der Religionswissenschaft vom Polytheismus unterschieden, der viele Götter kennt und verehrt.