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Religionsanthropologie
Sie befasst sich insbesondere mit religiösen Grundphänomenen wie das Heilige, Glaube, Mythos, Transzendenz, Riten oder Symbole sowie mit den damit …
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Gegenstand und Abgrenzung
Die Religionsanthropologie ist eine Ende der 1980er Jahre von Julien Ries und anderen begründete Unterabteilung der Religionswissenschaft. Sie untersucht religiöse Grundphänomene wie das Heilige, den Glauben, den Mythos, die Transzendenz, Riten und Symbole. Im Mittelpunkt stehen dabei der Mensch, seine geistige Entwicklung sowie kognitive und unbewusste Prozesse, durch die Religion unter verschiedenen kulturellen Bedingungen entsteht und sich ausprägt.
Das Fach verbindet Religionsgeschichte, Geschichte, Kulturgeschichte, Vorgeschichte, Paläoanthropologie, Ethnologie und Soziologie. Besonders wichtig sind das Phänomen des Heiligen, der Homo religiosus, also der religiös erfahrende Mensch, sowie der Homo symbolicus, der religiöse Bedeutungen durch Bilder und Symbole ausdrückt. Anders als die Religionsphänomenologie untersucht die Religionsanthropologie nicht hauptsächlich abstrakte Phänomene, sondern konkrete menschliche Vorgänge, etwa Befunde aus Paläoanthropologie und Archäologie sowie Ergebnisse der Bewusstseins- und Tiefenpsychologie.
Die Religionssoziologie betrachtet vor allem soziale Gruppen und Gesellschaften und fragt nach deren Beziehungen zur Religion. Ihre Richtung ist daher eher Gesellschaft → Individuum, während die Religionsanthropologie vom Individuum und seiner Entwicklung ausgeht. Die Kulturanthropologie untersucht den Menschen allgemein als kulturfähiges Wesen und geht damit über Religion hinaus. Religionspsychologie konzentriert sich stärker auf den gegenwärtigen Zustand der Psyche, Religionsgeschichte auf historische Entwicklungen und Rahmenbedingungen von Religion, Religionsethnologie auf religiöse Erscheinungsformen verschiedener Völker, besonders schriftloser Völker, und Religionsphilosophie auf die philosophische Deutung von Religion.
Nicht zu verwechseln ist die Religionsanthropologie mit der theologischen Anthropologie. Diese deutet den Menschen innerhalb der christlichen Glaubenslehre und seiner Gottebenbildlichkeit. Die Religionstheologie gehört zur christlichen beziehungsweise katholischen systematischen Theologie.
Definition und Forschungsfelder
Die Religionsanthropologie beschreibt die Bedingungen religiösen Erlebens im gläubigen Individuum und die Wechselwirkungen zwischen Individuum, Gesellschaft und Glaubensgemeinschaft. Julien Ries definiert sie so: „Die Religionsanthropologie untersucht den Menschen in seiner Eigenschaft als Schöpfer und Verwender der symbolischen Gesamtheit des Sakralen insofern, als damit religiöse Überzeugungen zum Ausdruck kommen, die sein Leben und sein Verhalten bestimmen.“ Neben einer speziellen Anthropologie einzelner Religionen entwickelt sich nach Ries eine allgemeine Anthropologie des Homo religiosus und seines Verhaltens während der Erfahrung des Sakralen.
Die von Ries mit herausgegebene zehn Bände umfassende „Abhandlung über die Anthropologie des Heiligen“ behandelt unter anderem die Ursprünge des Homo religiosus, verschiedene Kulturräume und Religionen, Krisen und Veränderungen sowie die Metamorphosen des Heiligen.
Ein wichtiger Forschungsbereich ist die Alltagsreligiosität. Sie umfasst die praktischen Formen täglicher religiöser Praxis, zum Beispiel Gebete, Opfer und Rituale, und steht in enger Beziehung zum Brauchtum. Ihre Grundlage bilden die Strukturen religiösen Verhaltens. Ries unterscheidet dabei drei Hauptaspekte:
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Bild, Symbol und Kreativität: Bilder von Himmel, Sonne, Sternen, Tieren, Pflanzen oder Bergen wirken auf das Bewusstsein und können Archetypen aktivieren. Archetypen sind nach C. G. Jung uranfängliche Muster im individuellen und kollektiven Unbewussten. In der im Artikel dargestellten religionsanthropologischen Deutung werden sie als offenbar angeborene, standardisierte neuronale Muster verstanden, die sich im Zusammenhang mit der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten evolutionär herausgebildet haben.
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Vorstellungswelt: Sie ist die Gesamtheit der Bilder und ihrer Beziehungen. Das menschliche Seelenleben nimmt äußere Objekte auf und deutet sie, während die objektive Umwelt wiederum das Seelenleben beeinflusst. Zwischen subjektiver Aneignung und äußeren Anregungen besteht ein dauernder Austausch.
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Initiation: Sie eröffnet den Zugang zum über Jahrtausende entstandenen religiösen und kulturellen Erbe. Dazu gehören Mythen, Symbole, Riten, Glaubensinhalte, heilige Schriften, Tempel und Heiligtümer. Initiationen sind weltweit verbreitet und erscheinen häufig als Übergangsriten, etwa bei Geburt, Beschneidung, Taufe, Mannbarkeit, Bestattung oder Heirat.
Symbolik, Mythen und Glaubenssysteme
Ein Symbol ist unter anderem „ein konkretes Zeichen, das durch eine natürliche Beziehung etwas Abwesendes oder etwas Anderes wachruft, das man nicht wahrnehmen kann“. Es kann außerdem als „sichtbare Darstellung von etwas Unsichtbarem“ verstanden werden. Symbolik bezeichnet den Sinnbildgehalt einer Darstellung oder einen durch Symbole ausgedrückten Sinngehalt.
Religionsanthropologisch haben Symbole drei zentrale Funktionen. Erstens verbinden sie Wahrnehmungen von Gegenständen und Handlungen zu einer schöpferischen Einheit; nach der dargestellten Auffassung beruhen auf dieser Fähigkeit alle Kulturleistungen. Zweitens verbinden sie Bewusstes und Unbewusstes und ermöglichen den Zugang zu Archetypen. Drittens stellen sie eine Verbindung zum „Überbewussten“ her und ermöglichen damit die Entdeckung der Transzendenz. Ein Symbol enthält dabei das Unsichtbare, ein vermittelndes Medium und das Sakrale. Durch einen sichtbaren Mittler, etwa einen Stein, Baum, ein Tier oder einen Menschen, kann sich das Unsichtbare und Heilige offenbaren.
Symbole lassen sich nur entschlüsseln, wenn sie eindeutig sind oder die religiösen Hintergründe bekannt sind. Der Versuch André Leroi-Gourhans, die Zeichen der frankokantabrischen Höhlenkunst in männliche und weibliche Symbole einzuteilen, wird im Artikel als spekulativ und umstritten bezeichnet. Auch wenn die genaue Bedeutung nicht mehr erkannt werden kann, belegt die Existenz solcher Symbole die grundsätzliche Leistungsfähigkeit des damaligen menschlichen Verstandes und Seelenlebens.
Ein Mythos ist „eine Geschichte, über Ereignisse, welche die Ursprünge betreffen und in der das Einbrechen des Sakralen in diese Welt beschrieben ist“. Er liefert Modelle für die Lebensführung und stellt Denk- und Handlungsmuster bereit, mit denen Menschen sich in der Welt orientieren. Mythen deuten das Verhältnis zwischen der gegenwärtigen Zeit und der Zeit der Anfänge, die häufig als Goldenes Zeitalter erscheint. Rituale versuchen, diese ursprüngliche Ordnung wiederherzustellen oder die Verbindung zu ihr zu erneuern. Außerdem bestimmen Mythen das alltägliche Verhalten durch die Nachahmung von Vorbildern, die auf Archetypen beruhen. Agrarmythen konnten beispielsweise beim Neujahrsfest Natur, Vegetation und Fruchtbarkeit symbolisch beleben.
Ein Mythogramm ist nach Ries ein „für das Jungpaläolithikum charakteristisches System der Darstellung, das ohne erzählenden Duktus eine Botschaft vermittelt“. Zum Verständnis benötigt es den Schlüssel einer mythischen Erzählung. Mythogramme weisen somit auf vorhandene Mythen und Glaubenssysteme hin. Als Beispiel nennt der Artikel die Lilie in der mittelalterlichen christlichen Bildsprache: Sie kann die Jungfräulichkeit Marias und damit die biblische Geschichte der Verkündigung Mariä enthalten. Die Systematisierung von Mythen zu umfassenden Glaubenssystemen ist besonders für entwickeltere Kulturen und Hochkulturen typisch und berührt die Religionssoziologie.
Rituale und religiöse Institutionen
Ritus und Ritual werden in der Religionswissenschaft weitgehend synonym verwendet. Ein Ritus steht im Schnittpunkt von Mensch, Kultur, Gesellschaft und Religion. Er ist eine Handlung, die der Geist erdacht, der Wille entschieden und der Körper mithilfe von Worten und Gesten ausgeführt hat. Rituale sind an eine Symbolstruktur gebunden und sollen eine Verbindung zu einer Realität herstellen, die über die unmittelbar erfahrbare Welt hinausreicht.
Rituale haben drei grundlegende Bedeutungen. Erstens drücken sie mithilfe einer Symbolsprache archetypische Urbilder oder „Urmodelle“ aus. Nach Eliade wird dabei eine irdische Gegebenheit durch ein himmlisches Modell sakralisiert; auch Bauwerke, Tempel, Maße, Ortsbezeichnungen und Handlungsabläufe können dadurch kosmische Bezüge erhalten. Zweitens erscheint die Symbolik des Zentrums, etwa als kosmischer Berg, Erdmitte, sakraler Raum, Weltenbaum oder Fluss der Unterwelt. Drittens ahmt der Mensch ein göttliches Vorbild nach. Fruchtbarkeitsriten sollen durch die Einhaltung sakraler Abläufe Wachstum und Gedeihen bewirken.
Ein religiöser Ritus besteht aus Technik und Symbolik. Zur Technik gehören Gesten, Handlungen und sprachliche Äußerungen. Sie sollen einen Weg zur ontologischen Realität öffnen, also vom Bedeutungsträger zum Bedeuteten und vom Zeichen zum Sein. Der Ritus sucht Kontakt mit einer transzendenten Realität. Davon unterscheidet der Artikel magische Rituale: Magie zielt auf Beherrschung mithilfe bestimmter kosmischer Kräfte, während Religion sich der Transzendenz zuwendet. Religiöse Riten stehen im Zusammenhang mit einer Hierophanie, magische Riten rufen Kräfte ohne Beziehung zum Sakralen zu Hilfe.
Die frühesten Riten sind möglicherweise bereits im Mittelpaläolithikum als Bestattungsriten in der Qafzeh-Höhle belegt. Im Jungpaläolithikum werden Trittspuren, Handnegative, Handpositive und seltene Mensch-Tier-Darstellungen der frankokantabrischen Höhlenkunst teilweise als Hinweise auf Initiations- oder schamanische Riten gedeutet. Im Neolithikum erscheinen unter anderem Adoranten mit zum Himmel erhobenen Armen. Seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. gibt es in den mesopotamischen und ägyptischen Hochkulturen zahlreiche Belege, etwa für Weiherituale. Mit den ersten Tempeln, Kultstätten und Altären werden geregelte Opferhandlungen nachweisbar.
Die Ritualisierung führte zur Entstehung religiöser Institutionen. Voraussetzung waren komplexere Abstraktionen und vor allem Lautsprache, die für den Homo erectus spätestens vor 400.000 Jahren mit Sicherheit nachgewiesen werden kann; die Entstehungsmechanismen der Sprache sind jedoch ungeklärt. Eigentliche religiöse Systeme und Institutionen lassen sich sicher erst aus jungneolithischer Höhlenkunst ableiten. Im Neolithikum weisen Göbekli Tepe, Çatalhöyük, Jericho und später die Megalithkultur auf zunehmende Professionalisierung und Institutionalisierung hin. Sesshaftigkeit, ein an Vegetationsrhythmen orientiertes Weltbild, feste Heiligtümer und religiöse Spezialisten verstärkten diese Entwicklung.
Transzendenz, Heiliges und Theophanie
Transzendenz bezeichnet hier nicht primär einen philosophischen Begriff, sondern die kognitive Fähigkeit, Seins- und Erfahrungsbereiche zu überschreiten. Sie entstand aus einer ontologischen Zweiteilung der Welt: Menschen unterschieden zwischen Verstandenem und Unverstandenem. So entstand ein Bereich, der nicht aus der sinnlichen Erfahrungswelt stammt, aber auf sie sinnstiftend bezogen bleibt und durch sie erkannt oder erfahren werden kann.
Schon die Herstellung von Werkzeugen durch Homo habilis und Homo erectus erforderte die Fähigkeit, ein abstraktes Ziel vorwegzunehmen und sich die spätere Funktion eines Gegenstands vorzustellen. Diese Symbolbildungsfähigkeit wurde nach Ries auch auf schwer verständliche Erscheinungen wie Himmel, Sterne, Mond, Sonne, Wetter, Wachsen und Sterben übertragen. Das Betrachten des Himmels konnte nach Eliade eine Erfahrung des Heiligen auslösen, weil die Höhe als unzugänglich, unerreichbar und zugleich mächtig erschien.
Für die Erforschung der Transzendenz nutzt die Religionsanthropologie vier Quellen: ethnologische Untersuchungen schriftloser Völker, neolithische Felsgravuren und -malereien, die zunehmenden neolithischen Riten sowie die Religionen Ägyptens, Mesopotamiens und später der indoeuropäischen Völker. Bestattungsriten, Feuerrituale und Astralsymbolik weisen dabei auf Vorstellungen von Transzendenz und teilweise auf ein Leben nach dem Tod hin.
Das Heilige oder Sakrale beziehungsweise Numinose ist die menschliche Fähigkeit, das Göttliche zu erfassen. Es manifestiert sich in Mythen, Tönen, Riten, Personen, natürlichen Dingen und Vorgängen, Orten und Bildern und kann alle Lebensbereiche umfassen. Nach Rudolf Otto verläuft die Erkenntnis des Heiligen in vier emotionalen Stufen: dem Gefühl, ein Geschöpf zu sein, dem Schrecken darüber (tremendum), dem Gefühl des Mysteriums und der Faszination der Entdeckung (fascinans).
Die Hierophanie ist nach Mircea Eliade das „Aufscheinen des Heiligen im Profanen“. Dabei wirken ein Gegenstand oder Wesen als Träger, eine unsichtbare transzendente Realität, das „ganz Andere“ beziehungsweise Göttliche und ein vermittelndes Element zusammen. Ob das Heilige als universelle Kategorie vorkommt, ist umstritten. Verschiedene Ansätze erklären es unterschiedlich: Durkheim betont den Gegensatz von heilig und profan, die empirische Religionswissenschaft die kultur- und zeitabhängige Einordnung, und Neurotheologie sowie Neurophilosophie untersuchen mögliche höhere Hirnregionen, ohne die Entstehung des Heiligen dadurch zu erklären.
Theophanie bezeichnet hier einen kulturhistorischen Vorgang der Erscheinung eines Gottes. Sie förderte die Institutionalisierung, weil aus der Wahrnehmung eines Gottes religiöse Spezialisten, feste Heiligtümer sowie soziale und ökonomische Privilegien hervorgehen konnten. Im Natufien und frühen Neolithikum wandelten sich Tiermythen möglicherweise zu Agrarmythen. Ab dem 8. Jahrtausend v. Chr. traten weibliche Figuren in Mesopotamien häufig auf; ihre Deutung als Große Göttin und als Hinweis auf matriarchalische Trägerkulturen ist eine umstrittene Interpretation. Um 7000 v. Chr. erschien eine männliche Figur, während in Çatalhöyük erst im 6. Jahrtausend v. Chr. eindeutige Zeichen einer männlichen, oft als Stier dargestellten Gottheit gefunden werden.
Entwicklung des religiösen Bewusstseins und Forschungsgeschichte
Julien Ries beschreibt sechs Etappen der Entstehung des Homo religiosus:
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Zuerst entdeckte der frühe Mensch die Transzendenz. Grundsymbole waren das Himmelgewölbe bei Tag und Nacht, Sonne und Sonnenlauf, Mond und Sterne, Erde und Fruchtbarkeit sowie Umweltphänomene wie Wetter, Wasser, Berge und Bäume.
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Die zweite Etappe war das Nachdenken über den Tod. Grabbeigaben, der Schutz des Leichnams und andere Bestattungsformen zeigen Gefühle der Zuneigung und eine wachsende Fähigkeit zur Transzendenz. Sichere Aussagen über einen Glauben an ein Leben nach dem Tod sind daraus allein jedoch nicht möglich.
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Die dritte Etappe begann mit der frankokantabrischen Höhlenkunst, deren Kernbereich sich über 20.000 Jahre erstreckt. Mythogramme und Bildsymbole weisen auf Mythen sowie Jagd- und Initiationsriten hin. Vermutet werden außerdem überregionale Höhlenheiligtümer.
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Die vierte Etappe setzte mit dem frühen Neolithikum beziehungsweise der Übergangskultur des Natufien ein. Weibliche und später männliche Göttersymbole stellten das Göttliche erstmals sichtbar dar. Gleichzeitig erschienen Menschen in der Adorantenhaltung mit zum Himmel erhobenen Armen.
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In der fünften Etappe wurde das Göttliche durch Statuen personifiziert. Tempel und Heiligtümer entstanden, Priesterkasten bildeten sich, Opfer und Gebetstexte wurden organisiert und heilige Texte niedergeschrieben. Zugleich vergrößerte sich die Distanz zwischen menschlichem und heiligem Bereich.
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Die sechste Etappe ist nach Ries durch die großen monotheistischen Religionen gekennzeichnet. Im Zentrum steht ein einzelnes allmächtiges personales Wesen und ein Weltenschöpfer, der sich offenbart, Forderungen stellt und Boten aussendet. Der Artikel hebt dabei besonders den Absolutheitsanspruch der christlichen Theophanie hervor.
Anthropologische Ansätze gab es bereits im 19. Jahrhundert, blieben wegen begrenzter archäologischer und ethnologischer Befunde jedoch häufig spekulativ, philosophisch-phänomenologisch und evolutionistisch. Wichtige Vorbedingungen waren der Humanismus, die Entdeckung der Neuen Welt und die Aufklärung. Charles de Brosses begründete 1760 mit dem Fetischismuskonzept die Religionsethnologie; Vico entwickelte eine frühe Hermeneutik von Mythen, Kulturen und Zivilisationen. Die Entzifferung der Keilschrift durch Grotefend 1802 und der Hieroglyphen durch Champollion 1816 sowie Napoleons Ägyptenfeldzug 1798–1801 erweiterten die Quellenbasis.
Im 19. Jahrhundert prägten Friedrich Max Müller, Lévy-Bruhl, Durkheim, Mauss, Freud und Jung die Forschung. Evolutionistische Theorien von Spencer, Tylor und anderen deuteten Religion als Entwicklungsreihe, etwa vom Animismus zum Monotheismus, und schlossen Übernatürliches aus. Diese Ansätze waren teilweise eurozentrisch und ideologisch geprägt. Feldforschung, Archäologie und die Erforschung prähistorischer Kunst ermöglichten später sachlich besser gestützte Aussagen. Funktionalismus, die Untersuchung von Mythos und Ritual sowie strukturalistische Ansätze kamen hinzu. Mircea Eliade und schließlich Julien Ries führten diese unterschiedlichen Strömungen zu einer stärker am Menschen und seiner symbolischen Entwicklung orientierten Religionsanthropologie zusammen.